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Donnerstag, 3. Mai 2012

Dieter Schlesak, REISEFIEBER. II Meere und Berühmtheitenestalten


                                             MEERE







MALI LOSINJ. KROATIEN

Der Ältliche da liest, er liegt zwischen lauter verschlossenen Spalten, unter Schirmen und Illustrierten, verschmiert mit Nivea und Bronzol, geschlechtslos der Brusthof, die Warzen liegend. Und der Ältliche liest, der sonnengebräunte Schwanz – eine Seltenheit hier auf der paradiesischen Konsumwiese – reckt sich der untergehenden Sonne entgegen. Ich bin ziemlich erstaunt (denn mir war die Lust beim Lesen dieser Literatur vergangen), wie der Mann, Mensch selbstvergessen mit der linken Hand nachfasst am Glied, als nun der gefesselte spanische Pater von Simone, die den Rock abgelegt, den seidigen Schlüpfer, die Hose genüsslich abgestreift, traktiert wurde auf nacktem Hintern. Selbstschuss für den geilen Pfarrer, seine Pistole reckte sich, als sie ihm die Kehle anfing zu drücken, da soll er aus Sauerstoffmangel im halben Ersticken halluziniert haben wie Erhängte; das ganze Leben, ein Film überflutet vom pisernden stauchenden Krampf des Orgasmus. Der Autor, dieser Kryptofaschist, ich höre, er kam nachher doch in den Widerstand, erschrocken wohl, wie die Phantasie hemmungslos die Wirklichkeit zerstören kann.

FKK hingegen passend zur milchigen Mattscheibe, wie ein Kunstflug aseptisch über der schönsten Gegend. Fast lob ich mir da Bataille, Salò, den natürlichen Ekel. Hier wurde er überholt, hier hat man ihn integriert.
Ein Graukopf neben mir liest, ich schiele hinüber, er liest die Augengeschichte: Simone, die in Sevilla Fellatio treibt mit der glänzenden Eichel des lustbrüllenden Paters; wie sie in den Taufkelch pisst und der trinkt. Die schreckliche Sehnsucht nach den stärksten Gerüchen, dem fadesten Geschmack, sich der Existenz versichern durch Hinfassen, Lutschen an Worten, Lecken an der Nomina, Fressgier des tierischen Auges. Ekstase des Schweinischen, gröbstes Hiersein: in dieser versunkenen Umnachtung saugen zwischen den Beinen am Schamhaar, Eingang, wo wir diese Welt betreten, die Zunge an zarterer Lippe und springendem Saft, trinken das feine Stöhnen, das aus dem duftigen Atem des Mädchens von da oben herab kommt.

Weit überschwemmt, am Meer, am Meer –
die Freiheit siecht dahin im heißen Sand.
Die Kinder nur und jene kleine schwarze Katze,
sie sind noch hier.

Mein Blick geht außen um
und fängt die Gier sich ein,
das schwarze Dreieck,
dieser Ein- und Ausgang aller Menschenkinder,
den man als Ton und Sprung erfahren kann,
ruht hier nun träg als reine Spiegelung
im ausgedörrten Hirn
als wärs ein schweres Ding.

Nahm den Schwanz, nachdem ein Leben den nackten Paterkörper erschüttert, durchzuckt hatte, steckte die Rute in Simones nassen Spalt, die würgte weiter die Kehle, der Atem blieb weg, der Steife in der geilen Vulva, der dunklen Höhle, aus der er gekommen war, auch er, die Kreatur. Und Simone spürt nun den Samen des Sterbenden, einen Erguss in ihr, Erguss für die Lustmörderin. Und der Lesende auf der FKK-Wiese röchelt leise und schmatzt mit den dünnen Lippen, wackelt mit dem Graukopf, kann sich nicht halten. Jetzt kommt das mit dem Auge, dem toten Glaskörper, dem ehemals durstigen und im Turm (trink oh Auge, oh, und die Wimper, und die Tränen, was sie schön hält, die Wimper, Häute! herausgerissen nun im schweinischen Buch von Bataille natürlich, gelesen von diesem alten Arschloch, der den Pimmel kaum halten kann und ins Meer rennt, um sich zu kühlen. Und ich sagte noch: Darf ich? Er japst: bitte! Das Priesterauge wurde zwischen Simone und den Autor getan, das rollte auf ihrem nackten Bauch wie im Akt, und dann verstaute sie das blassblaue Auge tief in ihre behaarten Vulva, Same des Autors ergoss sich darüber; das üppige Schamhaar dampfte; mir scheint, hier riecht’s nach Fäulnis und Fisch.

Ein Braunschweiger war’s stellte sich heraus am gemeinsamen Tisch im großen Abspeiserestaurant von Val Alta, in der Nähe von Rovinj, Istrien, wo herangeführt wurden auf kleinen Servierwägen die von den Deutschen gewünschten Speisen. Kraut durfte nicht fehlen und Bier nicht. Brav saß man da bei Tuborg und Kaffee, Nudelsuppe und Hackbraten. Manchmal, nicht oft, serbische Gerichte. Nein, in den Ferien nichts anderes als zu Hause, familiär, die gleiche gewohnte Umgebung, wenn auch auf FKK-Weise.
Der kühle Norddeutsche ist gar nicht kühl, ein wenig förmlich. Kleine Verneigung, bevor er am Tisch Platz nimmt. Ich bin anfangs schockiert, als ich ihn angezogen wieder erkenne. Der Hängende fest in der hellen Sommerhose (mit Bügelfalten), der Kopf grau, aber mit sehr frischem Ausdruck, grünlichblau die Augen, der Mann da, immer noch sprühend vor Energie und von einschüchternder praktischer Helligkeit im Kopf, vollgestopft mit technischen Details, dass ich Komplexe bekomme und auch nicht mitreden kann bei so vielen praktischen Beispielen. Im Augenblick aufgehen, davon war dieser Mann ganz und gar ausgefüllt.
Der ehemalige Panzeroffizier ist, darauf ist er sehr stolz, aufgestiegen aus einer braven Tischlerfamilie zum Versicherungsrechtsberater. Er kennt sich aus. Er muss nicht in jedem Urlaub Orte aufsuchen, wo er im Krieg war, um zu sagen: Sieh, Mutti, hier bin ich damals Chef gewesen. Er weiß zu erzählen von Braunschweiger Originalen. Ich fühlte mich an Kaiseraschern erinnert und an Kaiserlautern, US Army, Dirnen im Jägerhof. Doch geht es nun um das verstorbene Braunschweiger Original, den Rechen-August, der einmal, so der Graukopf, als eine Art Computer bei der Braunschweiger Bank eingesetzt worden war. Er bekam alles raus, der Rechen-August, jeden Fehler, aber sonst, na ja, war er ein völliger Idiot, dumpf wie ein Tier. Doch lang hielt’s den Panzeroffizier nicht bei dem Thema. Jugenderinnerungen schlugen durch: Das waren noch Zeiten: Nulluhrdreißig ist die beste Zeit zum Abmarsch, auch für Autobahnreisen; auch wir sind aus der Kaiser Wilhelmstrasse zu Hause Richtung Süd zu dieser Stunde aufgebrochen. Unser Spaziergang nach Paris im Jahre vierzig begann ebenfalls um Nulluhrdreißig. Und Gleiwitz? Auch, ja. Nur der Angriff war selbstverständlich später: Vieruhrfünfundvierzig. Ich bin kein Nationalsozialist, das sollen Sie nun nicht glauben, war’s auch nie. Trotzdem: die Feinde haben die Kriegspropaganda über das Kriegsende hinaus und bis heute durchgehalten. Das Bild von Deutschland, von Führer und Reich, haben sie diktiert und diktieren es bis heute. Wer denn sonst als Hitler hat dem deutschen Arbeiter Brot und Arbeit gegeben, damals, als die Scheiß-Demokratie versagte, das Parlamentariergeschwätz, das sich bis heute wiederholt… aber lassen wir das. Den Krieg haben wir ja doch noch gewonnen, mein Herr, mit unserer starken Wirtschaft und harten D-Mark. Durch Kriegswirtschaft hatte Hitler das Reich gerettet…
L. verwies wütend auf die Fosse ardeatine in Rom, ereiferte sich über den Tisch, verschüttete vor Aufregung den Rotwein, pardon, der Nachbar hilfsbereit und höflich, winkt energisch den Kellner herbei, und im Spaß: Sofort, he, weg, dann ein paar russische Brocken, drohend im Spaß, immer mit zwei erhobenen Fingern, Tatatata…

Kriegsrecht, Haager Landrecht, sagt der quicke Graukopf aus Braunschweig in Val Alta, ist doch klar. Keine regulären Soldaten, die gefährden doch alle, diese Banden. Sie gefährden Zivilbevölkerung und Heer, sie dürfen deshalb abgeurteilt werden, auf höheren Befehl: 1:10 wars bei Kappler, gut – aber die Italiener in Albanien, 1:200, galt für die nicht das Recht?.

Der Feldwebel und fünf Soldaten legen die Bretter auf den zugefrorenen Strom, müssen mit der Axt ein großes Eisloch schlagen, dann erst werden die Verurteilten gebracht, zweiunddreißig Grad unter Null ist es in jenem Winter 1943. Die Frauen stehen da, blaugefroren. Die Schweine da machen sich noch einen Spaß mit den jungen Frauen, reißen ihnen auch noch das Hemd vom Leibe, so stehen sie wie nacktglänzende Madonnen in dem unendlichen Weiß und zittern und schluchzen. Manche wissen noch gar nicht, was sie erwartet. Der Feldwebel und zwei Männer greifen nach dem schmalen Brett, da schwebt ein Mädchen auf sie zu, sie fassen hart nach ihr, es ist ja das letzte Mal, die Schwarzuniformierten grinsen, tapsen den warmen Körper an, der letzte Mann legt Hand an: He, du Aas, du eisige Braut, und fassen zu, Partisanin oder Partisanenfrau, am Hintern, pressen die Brüste und Schenkel, ein letzter Schrei, langsam verschwindet der Frauenkopf im Eiswasser, taucht wieder auf, schöpft Atem, einer schlägt mit dem Gewehrkolben zu, und sie taucht unter die Eisdecke der Donau… die Nächste…


                                       
                                        Frasquita, das Boot

Unser Segelboot heisst „Frasquita“, ein altes englisches Holzboot, eine „vela storica“, auf der Insel Withe im Ärmelkanal für den Atlantik erbaut. 34 Fuss, 10m, 60, ein Sloop, ein Einmaster, wir segeln seit 25 Jahren im Mittelmer mit der geliebten „Frasquita“ Immer wieder werden wir gefragt, ob wir auch Sturm gehabt hätten? Ja, bis 56 Knoten in der „Rondinara“, einem kleinen Naturhafen im Süden Korsikas, ganz nahe von Bonifacio zwischen Sardinien und Korsika. Aber da kann man ruhig liegen, weil der Wind auflandig ist, keine Wellen entstehen. Und ich schwärmte von der Luft, von jenem jungfräulichen Moment, wenn der Tag anbricht, alles stehen bleibt, die Natur frisch und jung den Atem anhält, in der Ferne das Sonnenphänomen mit den ersten Strahlen in die Dämmerung einbricht, wie eine neue Weite und Offenheit, Leben bringt, als wäre alles noch möglich. Unsere Segler-Routen: Viareggio, Capraia, Macinaggio, Campoloro, Portovecchio, Maddalena, Campoloro, Montechristo, Elba, Giannutri. Korsika und Sardinien gehören also dazu. L. erzählt dann gerne von einer Rückfahrt ohne Motor, nur mit Wind, und der Gefahr, am Felsenufer zu zerschellen. Horrorfahrt von 30 Stunden, ohne Schlaf, ständig am Ruder. Daß man auch den Atantik überqueren könne, nur den Windpiloten einstellen müsse, und der Passat richte es schon.


NACHTGEDANKEN IN VIAREGGIO
Die Sonne verglüht in scharfen Konturen;
                                        am Rande des Meeres fahren
                                        die heimkehrenden Fischer
                                                               in immer kälteres Rot -
in meine Augen ein, vor ihnen
                                        sind die erleuchteten Fenster
                                        ganz nahe Sterne:

Warum reise ich? Weil ich unbeschwert nirgends sein will.
Das Ankommen ist beschwerlich, das sieht man vor allem
beim Einlaufen von Segelbooten hier im Hafen von Viareggio.
Nie ankommen müssen!
Reisen als Symbol: Ulysses, der schönste Name.
Flucht bei einer Reise, Flucht vor sich selbst, vor der Katastrophe,
unglücklichste Form künstlichen Daseins.
„Gute Reise!“ Du sagst es wie „Grüß Gott“: das Unbekannte
schleift sich ab! Edmond Jabès: Elargir les horizons du mot!

von Henry Lou » 18. Apr 2010, 12:35
„Vielleicht war Viareggio anders geworden in den sechs Jahren, vielleicht war es auch voll, vielleicht war es zu kalt, vielleicht ... die Vielleicht vermehrten

Rainer Maria Rilke - aus Viareggio







                         Shelleys Schiffbruch und Tod in Viareggio

Im Golf von La Spezia. Ich erinnere mich noch genau, unser Segelboot durchfuhr den Wolkenschatten,   windgejagt, den ich sah, meine Gedanken flogen mit. Der Mann aber, darunter, und den Blick auf dem Kompaß, übte wie angebunden an das Geschehen, dem ich folgen mußte, um es beherrschen zu können,  keine "SteuerManns Kunst", mitten im weißen Rauschen und melodischen Geräusch des Bootskörpers, der schwang vibrierend im Wasser; ich freute mich daran, daß wir nichts erzwingen wollten und von Wind und Wasser abhängig waren, und  spürte an der Pinne die Richtigkeit meiner eignen zarten Bewegung der Hand, um mitten in der Bewegung zu sein, alles stimmte, war wie ein Zusammenhang mit der  elementaren Bewegung des Gefühls, ein leises Zittern des Steuers.
Schon dort auf dem Boot versuchte ich, L: hielt das Steuer, "das Sehen schreibend zu einer Beschäftigung zu machen", wie Shelley auf seinem Segelboot. Und ihr fiel, als sie die Wolken sah, ein Vers von ihm ein.
     "Wie Wolken fliehen Hoffnung, Würde, Liebe,
     Sie bleiben nur auf ungewisse Zeit. -
     Der Mensch wär stark, besäße die Unsterblichkeit,
     wenn der erhabne Geist nur in ihm bliebe..."
     "Hymn to intellectual Beauty", - die Verse tauchen in mir jetzt auf, so schrieb er damals,  1816 in sein Notizbuch.
       La Spezia nordwestlich, voraus im Blick San Terenzo, des Dichters Ort, ein Felsennest im Golf, klein, der Hafen, steinig. Es hat sich nicht viel verändert, außer daß es jetzt natürlich die Asphaltstraße gibt, die die Orte verbindet, und der Golf, der blaue, gehört zum dreckigsten Golf Italiens. Mary, Shelleys Frau, sie hatten 1816 geheiratet, nach dem Selbstmord Harriets, der ersten Frau Shelley, dachte ich, hatte mit mehr Erfolg als ihr Mann geschrieben, vor allem ihr "Dr. Frankenstein" wurde weltberühmt, Mary schrieb in ihrem Tagebuch von einer "blauen Wasserfläche, der vom nahegelegenen Schloß Lerici von Osten und vom entfernten Portovenere von Westen fast geschlossenen Bucht" umgeben ist, schrieb damals, und ich konnte es auch heute beim Vorbeisegeln vor mir sehen:
"Von verschiedenen Formen der Felsen, die steil zum Ufer abfielen, über das sich nur ein rauher gewundener Fußpfad nach Lerici hinzog, aber keiner nach der andern Seite, das gezeitenlose Meer, das weder Sand noch Steine am Ufer zurückließ, dies alles gab ein Bild, wie man es nur auf Salvator Rosas Landschaften wiederfindet."
Mein Blick nahm San Terenzo  unter dem jagenden  Weiß wahr, die Brise nahm zu.
Eben als L: "Shelley", seinen Namen, aussprechen wollte, den sie zusammen mit San Terenzo bis jetzt nur gedacht hatte, tauchte  fünfzig Meter vor dem Boot ein schwärzliches Ungeheuer auf, das Wasser rann in Sturzbächen vom Be­obachtungs­­turm, rauschte, ein Atom-U-Boot  stellte sich quer, durchbrach das Klingen am Außenrand des Rumpfes, und der Steuermann warf das Ruder herum, die Segel flatterten , schlugen an den Mast ... 
Im Schrecken aber, und höre schon das Knirschen des Holzrumpfes auf dem Stahl, erscheint wie vorher die Wolke auf ihrer beweglichen Hirnwand ein kleineres Boot und die hohen  ... Wellen ... im Sturm ...   der Untergang Shelleys damals im Juni 1822 ... 
      Ich stelle ihn  mir vor, ich mache ein Gedankenexperiment: Shelley beobachtet uns, sieht zu, berichtet jetzt aus einer Zukunft, die er gekannt haben würde, gäbe es die Zeit nicht, mischte sich ein in meine Gedanken, nähme mir das Wort, Unmögliches geschieht, und das, was wirklich ist, wird aufgebrochen, vermischt mit Ideen ... 
        Es ist Poesie, es ist Fiktion, die die Zeit aufhebt. Und jetzt der vorgestellte Tod, der Tote und seine vergangene Phantasie, die immer noch lebt, in meiner Phantasie. Die wiedergibt, was er, was wir alle, als Kind gesucht haben?  Poesie ein Umweg? Lacht er? In mir klingt sein Gedicht.

     Im Hafen von Livorno unter englischen  Kuttern, amerikanischen Klippern, genuesischen Feluken, einer neapolitanischen Brigg und holländischen Galeoten begeisterte er sich für  Segelschiffe, dort war die  Idee entstanden, in den Golf von La Spezia zu übersiedeln, ein eignes Segelboot zu haben. Byron ließ sich anstecken. Käptn Trelawny gab den Auftrag an seinen Kollegen Roberts nach Genua weiter, einen kleinen zweimastigen Schoner ohne Deck für Shelley und einen großen Schoner für Byron zu bauen. Er selbst hatte das Querschnittmodell entworfen.
     Trelawny und Williams hatten auch die Villa Magni entdeckt, sie waren die Küste der Bucht von La Spezia entlangeritten, hatten zwischen San Terenzo und Lerici eine Villa, die Villa Magni für Shelley und Williams gefunden, für den anspruchsvollen Byron war aber kein entsprechender Palazzo aufzutreiben gewesen, so blieb er in Pisa.
     Ich stelle mir vor, wie sie damals dort in San Terenzo gelebt haben; alles war vom Meer bestimmt, Leben, Tod, der Zustand, die Gefühle. Und Shelleys letzte Dichtungen sind davon bestimmt. Erste Anzeichen von TBC machten sich bemerkbar, tiefe Melancholie und Depressionen überfielen ihn.
     "Manchmal, wenn der scirocco wütete - an diesen Küsten "ponente" genannt, verdüsterte sich die Sonne", schrieb Mary. "Die Stürme und Böen, welche uns bei unserer ersten Ankunft begrüßten, säumten die Bucht mit Schaum. Der Wind heulte um unser ungeschütztes Haus, daß wir fast auf einem Schiff zu sein glaubten. Die Menschen dort waren rauher als die Gegend. Unsere nächsten Nachbarn von San Terenzo waren den Wilden ähnlicher als alle Menschen, unter denen ich früher gelebt hatte. Viele Nächte verbrachten sie singend oder eher heulend am Strand, die Frauen tanzten in den Wellen, die sich an ihren Füßen brachen, während die Männer, an den Felsen gelehnt, in den wilden Chor einstimmten. Der nächste Ort, um Nahrungsmittel einzukaufen, war das dreieinhalb Meilen entfernte Sarzana jenseits des Wildbaches Magra, und auch dort waren die gebotenen Vorräte sehr mangelhaft."
     Sie lebten in einem einsamen und verlassenen Gebäude, das man Villa Magni nannte, obwohl es mehr einem Boots- und Badehaus ähnlich sah als einer Villa ... Das Haus hatte ein ungeplastertes Erdgeschoß, das zur Aufbewahrung von Bootszubehör und Angelgerät benutzt wurde, und darüber ein einziges Stockwerk, das in einen Saal oder Salon und vier kleine, einst weißgetünchte Räume aufgeteilt war; auch gab es einen Kamin zum Kochen ... das einzig Gute war eine Veranda zum Meer hin, die fast über das Wasser gebaut war.
     Mary, diese attraktive Frau mit dunkelblondem Haar, feinen regelmäßigen Zügen, einem sensiblen ovalen Gesicht, - diese hochbegabte und intelligente Mary war schon 1814, noch nicht siebzehn Jahre alt, schwanger, mit dem einundzwanzig­jährigen Percy Busshe Shelley von zu Hause durchgebrannt, gemeinsamer Selbstmord war geplant. Ihre Schwester Claire schloß sich der Flucht an, warf sich dem skandalumwitterten Lord Byron an den Hals, gebar ihm die Tochter Alba, die in einem venezianischen Kloster "abgelegt" wurde. Diese Vier also bildeten nun hier den unzertrennlichen Freundeskreis. Inzwischen hatte die Halbschwester Marys, Fanny Imlay Selbstmord begangen, ebenso die erste Frau Shelleys, Harriet Westbrook, die sich im schwangeren Zustand in einen  Teich stürzte, und Shelley zwei Kinder hinterließ. Schon drei Wochen später heirateten sie, Percy und Mary, auch sie hatte schon zwei Kinder, zwei weitere Geburten und eine Fehlgeburt folgten; zwischen 17 und 25 war Mary andauernd schwanger. Nur ein Sohn überlebte und wurde ein mittelmäßiger Mensch.
     Byron und Shelley waren zu Hause geächtet; wegen seines            Athe­ismus´ und seines Lebenswandels war Shelley von der Universität Oxford relegiert worden. Ihr Ruf war miserabel, Klatsch und Gerüchte umgaben sie, mit Mary und Claire lebten sie angeblich alle vier in einem Inzestverhältnis zusammen. Und sie wurden ständig von Alpträumen und von Halluzinationen geplagt. In Genf, aber auch in Italien verbrachte man die Abende gemeinsam. Und Gespenstergeschichten wurden gelesen; als eines Abends Byron aus Coleridges "Christabel" rezitierte, fing er plötzlich zu schreien an, lief mit einer Kerze in der Hand aus dem Zimmer; er habe Mary nackt gesehen, anstelle von Brustwarzen  weit aufgerissene Augen!
     Das Unheimliche ging um, Shelley aber sublimierte es zur Form, Gott und alle Phantome waren ihm reiner Geist. "Als Knabe suchte ich Gespenster", schrieb er: "lief / Voll Angst durch Kammern, Kirchen und Ruinen / Und Wälder, still im Sternenlicht, mit ihnen / Gespräche  führen  mit den Gräbern. Zu tief / Auf all die falschen Namen, die ich rief, / kam keine Antwort - ich sah keinen - ... / Da kam dein Schatten über mich ... / Uns gibst, was ich nicht fassen kann in Töne ... / Und jede Form, die dich enthält, / Den deine Wunder, Geist, gebannt."
     Das Leben des Ehepaares Shelley im Golf von La Spezia war eine Flucht, keine Idylle; die Spannung zwischen Mary und Percy, wie könnte es anders zwischen solchen  Eheleuten auch sein, war unerträglich; er, immer in den Wolken und sie ein Gesellschaftswesen, praktisch veranlagt, und auch noch vom "grünäugigen Ungeheuer" Eifersucht besessen, wenn er über Liebe auch nur schrieb. 1819 war ihr kleiner Knabe in Rom gestorben; zwei Selbstmorde lasteten auf beiden. Dazu kamen Shelleys Liebschaften mit der Contessina Emilia Viviani, Jane Williams, und wahrscheinlich auch mit Marys Schwester Claire; schließlich  gab es zu allem Übel auch noch große finanzielle Engpässe und Mißstände.
     Shelley predigte nicht nur die freie Liebe,  sondern praktizierte sie auch. Libertinage als Provokation.
      "Ich habe nie zur großen Sekte derer gehört", schrieb er, "die predigten, daß sich jeder eine Geliebte oder einen Freund  aus der Schar erwählt, und alle andern, schön  und klug, kalt der Vergessenheit anheimgibt ...   "
    Dieser Abenteurer, Libertin, streitsüchtige Ehemann, erwies sich als etwas ganz anders, als vermutet: nicht nur als ein Dichter, der in die Natur vernarrt, todessüchtig und lebensgierig ist, sondern tatsächlich so etwas wie ein gefallener Engel war. Ihm, der mit geistigem Absolutheits­anspruch angetreten war, setzte ihm die Realität auf furchtbare Weise zu.
     Eine merkwürdige Abenteuerergestalt, ein Freund, der diesen tragischen Sommer mit ihnen erlebt hat, der Schiffskapitän Edward John Trelawny, den Mary als einen Mann, begabt mit  Geist, Charakter - und Empfindungsstärke, kennengelernt hatte, war zerrüttet durch das Gefühl seiner Nichtigkeit, daher auch zerfressen von Neid und innerer Unzufriedenheit. Er  tauchte noch vor ihrer Übersiedlung in die Villa Magni am Golf von La Spezia  bei den Shelleys und dem Ehepaar Williams, mit denen er befreundet war, in Pisa  am Lungarno auf, um Shelley, den er als Dichter verehrte, kennenzulernen.
    Gekleidet war Shelley, so Trelawny, wie ein Knabe, schwarze Jacke und Hosen, doch alles zu eng, als hätte der Schneider beim Maßnehmen geknausert. Er trug, wie immer, ein Buch in der Hand; es war diesmal Calderons "Magico Prodigoso", sonst war es meist Platon; Jane Williams bat Shelley, daraus vorzulesen, und er legte ab "vom Strand des Alltäglichen, das ihn nicht interessieren konnte",  sprach über Poesie so, daß jeder glaubte, wie es manchmal im Traum geschieht, die Wahrheit, nach der man leben müßte, plötzlich zu wissen. Die Poesie ... so Shelley,  weckt und weitet den Geist selbst, indem sie ihn zum Gefäß Tausender nie gekannter Gedankenverbindungen macht ...   Wie eine "verglühende Kohle" sei der Geist, sagte Shelley, er könne  sich schwer hier halten in unserer so groben Sphäre, sagte Shelley, er bleibe nur Momente,  in unserer so groben Sphäre.
     Um ihn war es still, er hatte keine Gemeinde. Seine Leser konnte man an den Fingern abzählen. Seine Arbeiten wurden kaum verlegt, sie waren im Handel nicht erhältlich; von seinem Drama "Queen Mab" ließ er dreißig Exemplare auf eigene Kosten drucken und verteilte sie unter seinen Freunden. Dabei war er gesellig und fröhlich, locker in Gesellschaft, und ohne jeden Konkurrenzneid; zu Byron, der viel mehr auf Anerkennung und aufs Eitelkeitskarussel des Betriebes gab, sagte er einmal:  "Schreiben Sie nichts gegen Ihre Überzeugung, nichts, was Ihnen nicht die Wahrheit zu schreiben eingibt; Sie sollten selber den Weisen Ratschläge geben, anstatt sich von Narren beraten zu lassen. Die Zeit wird das Urteil des Pöbels verwerfen. Und die zeitgenössische Kritik stellt nur die Summe der Ignoranz dar, gegen die das Genie sich zur Wehr setzen muß."
    Er hatte den Autor in sich schon abgeschafft und sein Ich, er war völlig selbstlos, half uneigennützig, wie ein Kind, offen und natürlich. Als wäre er irgendwie schon posthum, als hätte er sich hinter sich, lebte an einer Grenze, die ihm gefährlich war, bis zur Todessucht, der Schwere zu entgehen, das "große Geheimnis" zu erfahren. Und Trelawny erzählt eine seltsame Begbenheit, die diesen Mangel an Selbsterhaltungstrieb drastisch belegt: Es sei an einer tiefen Stelle des Arno gewesen, da habe er, der Käptn, Wasserkunsttücke vorgeführt, in der Südsee gelernte, gefährlich wirkende Kapriolen, und der Nichtschwimmer und Versemacher habe beklagt, sich nicht über Wasser halten zu können; Blei, kein Vogel zu sein. Und da habe der Schwimmer ihm geraten, er müsse einfach glauben, er könne es. Und der Papiermensch habe seinen Rat befolgt,  sei jedoch nicht wieder aufgetaucht; er habe auf dem Grund bewegungslos wie ein Aal gelegen, und der Ratgeber mußte in den Fluß springen, den Todessüchtigen an die Wasseroberfläche und an Land zu holen, sonst wäre er ertrunken. Wieder etwas zu Atem gekommen, habe der ungerührt erklärt, er gehe ja immer allem auf den Grund, und nach einer Minute hätte Trelawny nur noch seine leere Hülse gefunden, so wäre er dem Körper entkommen.
     Ob er denn an die Unsterblichkeit glaube. Nein, wie könne er auch, es gäbe ja keine Beweise. Wir könnten unsere innersten Gedanken genausowenig wie jenes Geheimnis ausdrücken und wissen, wir selbst seien uns unverständlich. Und gegen die Religion, was ihm soviel Feindschaft eingetragen, sei er nur, weil die verhängnisvoll das Denken ins Unendliche einschränke, also das Gegenteil ihrer selbst sei.
     Und Byron sagte später: "Sie jagten ihn wie einen tollen Hund aus dem Land, nur weil er das Dogma in Frage stellte".
     Das große Instrument des sittlich Guten sei die Imagination; und die Poesie diene der Wirkung, indem sie auf die Ursache einwirke ... 
     Romantische Gründe sind nicht erlernbar, und Vorkommnisse dazu haben einen tödlichen Ausgang, weil sie über uns hinausreichen, den Mund stopfen im Fließen, Ersticken daran, daß alles vergeht, in Pisa floß der Fluß direkt unter Shelleys Fenster, der Poet gedieh nur in Wassernähe, suchte sie, Städte und Menschen beunruhigten ihn, und er floh zum nächsten See oder Tümpel.
     Daher war er auch hierher in diese Villa gezogen. Doch "der Dämon des Todes, der den Dichter zu Wasser stets begleitete", wie sein Freund Trelawny schrieb, war nicht nur ihm, sondern auch allen aus seiner Umgebung gefährlich. Der Käptn berichtet, wie Shelley mit seinem winzigen Dingi, einem Beiboot aus Flechtwerk und geteerter Leinwand, einem zerbrechlichen Spielzeug, mit dem der Dichter gern im Wasser spielte, und das bei der geringsten heftigen Bewegung kenterte, seine unglaubliche Ungeschicklichkeit kam hinzu, selbst bei schlechtem Wetter hinaus aufs offne Meer paddelte, sich dann vom Wind zurücktreiben ließ; ja, eines Tages bei Flaute und spiegelglatter See überredete er Jane Williams, sich mit ihren Kindern in seine Einmann-Nußschale zu kauern, so daß der Dollbord nur eine Handbreit über dem Wasser stand, ein leichter Wind, eine unvorsichtige Bewegung, eine kleine Welle mußte das Dingi kentern lassen, unter ihnen weggleiten lassen; und keiner konnte schwimmen. Er war traurig und niedergeschlagen, saß da, den Kopf auf die Brust gesenkt,  rief dann aber plötzlich erregt: Nun wollen wir gemeinsam dem großen Geheimnis auf den Grund gehen. Jane betrachtete zuerst gelähmt vor Entsetzen ihren schrecklichen Fährmann, war aber dann geistesgegenwärtig genug, ihn zu wecken, und sagte: Nein, danke nicht jetzt! Ich hätte gern erst mein Abendessen zu mir genommen und die Kinder sicher auch!
      Das brachte den Todesträumer wieder zu sich.
      Läßt sich diese verantwortungslose Kindlichkeit verteidigen? Zumindest erklären?
     "Der Abstand, der uns von allen Spuren der Zivilisation trennte, das Meer zu unseren Füßen, sein unaufhörliches Murmeln oder Tosen, all dies wirkte auf unser Gemüt ein und ließ uns über seltsamen Gedanken brüten, hob unser Denken über das alltägliche Leben hinaus in die Sphäre des Unwirklichen." So schrieb Mary in ihrem Tagebuch.
     Und es war ja kein Zufall, daß sie hier lebten: Shelley hasste die banale und unlogische bürgerliche Welt, die Obrigkeit, die ihn aus dem Land gejagt hatte. Und - sein Denken war vom Philosophen Berkley geprägt: " ... daß nichts existiert außerhalb dessen, wie es perzipiert wird." (Also nur wir erschaffen die Dinge, es ist der Schöpfungsakt des unerklärlichen abgründigen Moments. Das Gegenteil der täglichen Gefangenschaft in einer trivialen Dingwelt. Der Tod aber ist der Schock, der da hineinragt, sie aufbricht. Und die Schönheit sein Partner. Die Waffe der Ohnmächtigen. Romantische Gründe und Abgründe, die lebensgefährlich werden können.)
     In seinem großen Essay "Defence of Poetry", an dem er in jenen Tagen arbeitete, beschrieb er, ähnlich wie sein Freund, der Dichter Keats, die "negative Fähigkeit", sich selbst zu vergessen,  sich hinzugeben mit allen Sinnen, wie eine Harfe, ein Rohr im Wind, alles bewegt aufnehmend, sensibel wie eine Mimose, die völlig ausgeliefert ist. Es war seine  Schwäche und Stärke zugleich; eine Eigenschaft, die in der Krassheit und Stumpfheit der bürgerlichen Welt mit ihrem tierischen Egoismus völlig aus dem Rahmen fiel. Poesie aber  schien  die einzige Rettung, um nicht selbst vergiftet zu werden. Hier in der freien Natur meinte er sie zu finden. Denn die Mimose gedeiht nur in Gegenwart belebender Gefühle, Liebe, zusammenfassend gesagt. Denn "Sie essen, trinken und schlafen, und zwischen diesen Verrichtungen, die von den lächerlichsten Zeremenonien begleitet werden, kriechen und lügen sie. Ihre Hoffnungen und Ängste sind von der beschränktesten Art ...   Sie betrachten jeglichen Verkehr mit ihrer Gattung  nur als Mittel, niemals als Zweck, und zwar als ein Mittel zur Erlangung des niedrigsten persönlichen Vorteils. Dichtung kann erfüllen, was Religion nur vortäuscht."

     Der "Entfesselte Prometheus" - Shelleys bekanntestes  Drama, erlöst das  Prinzip Möglichkeit vom Wirklichen und der Fesselung durch die Dingwelt. So sagt nämlich die ERDE in diesem großen Lesedrama, und er rezitierte in den Wind:
" ...  Du bist unsterblich; diese Sprache kennen
Nur Tote, die mit keinem Zeichen wechseln.
Nur Klänge sind Boten
     Wohin, o wohin?
     Ins Dunkle, ins Vergangene, zu den Toten."

     Kann der Tod denn Erlösung sein? Der Tod, so glaubte es noch Shelley: erlöst aus dem Banalen. Durch eine Reihe sprachlicher Anordnungen führt Shelley das Aktuelle auf sich selbst zurück, es    entsteht eine reine Möglichkeitswelt, die Keime des Niedergangs werden gehemmt, und ein Umsturz des Aktuellen tritt am Ende ein, eine poetische Vorwegnahme der uns erwartenden wirklichen Weltkatastrophe jedes Ich, wenn es stirbt.
   "Ein Gott auf schwebendem Kometenthrone
     rief ihnen zu: Seid nicht!  ...  "
     Nur Augenblicke dauert die Inspiration, gereinigt in dieser Einsamkeit am  Meer, im Heulen des Windes, in jenem äolischen Klang ist der Mensch noch zur Berührung fähig; und die "glühende Kohle" Shelleys wird angefacht ...  Nur momentweise aus der andern Seite der Welt des Ungeschehenen taucht Geist im schöpferischen Akt auf, verglimmende Kohle, die eine unsichtbare Macht wie ein unbeständiger Wind zu vergänglicher Glut anfacht. So hatte er damals gedacht, Shelley, den eigentlich die Poesie getötet hatte, im Boot, im Sturm, weil sie ihn hinderte, sich gegen die Elemente zu wehren." 

     "Die Stürme und Böen, welche uns bei unserer ersten Ankunft begrüßten, säumten die Bucht mit Schaum", wie Mary in ihrem Tagebuch schrieb: "Der Wind heulte um unser ungeschütztes Haus, daß wir fast auf einem Schiff zu sein glaubten."
      Shelleys letzte Dichtungen sind davon bestimmt. Erste Anzeichen von TBC machten sich bemerkbar. Und niemand weiß, ob seine gefährliche Seglermanie nicht zu seinem Todestrieb gehörte. Wir wissen schon: Im Hafen von Livorno unter englischen  Kuttern, amerikanischen Klippern, genuesischen Feluken, einer neapolitanischen Brigg und holländischen Galeoten war die  Idee entstanden, ein eignes Segelboot zu kaufen. Wir wissen, Käptn Trelawny gab den Auftrag an seinen Kollegen Roberts nach Genua weiter, einen kleinen zweimastigen Schoner ohne Deck für Shelley und einen großen Schoner für Byron zu bauen.  Im Mai 1822 war die "Don Juan", wie das Boot nach einem Drama Byrons genannt wurde, da: Ein gewisser Herr Heslop und zwei englische Seeleute führten es ...   Shelley und Williams fuhren nach Lerici und machten in einigem Abstand von der Küste eine Probefahrt, Shelley fand, es entspreche allen Erwartungen.
     Doch Shelleys, etwa 9 Meter langes Boot, zwar festgefügt und mit Torbay-Takelage, war zu leicht, zwei Tonnen Eisenbalast mußten es auf die Ladelinie bringen, auch war es gefährlich unstabil und rank, und die zwei Vollmatrosen, die es überführten, rieten zur Vorsicht, erzählten Trelawy, sie hätten eine rauhe Nacht erlebt, die "Don Juan"  habe zwar gute Fahrt gemacht, aber nur zwei tüchtige Seeleute könnten mit ihr umgehn.
     Shelley und Williams, die es übernahmen, schickten in ihrer Naivität die Seeleute am gleichen Tage heim, behielten nur den Schiffsjungen Charles Vivian. Sie gingen kaum noch von Bord, redeten vom Mittelmeer wie von einem kleinen stillen Teich, auf dem ihr Boot leider seine Seetüchtigkeit nicht beweisen könnte, träumten davon, über den Atlantik zu segeln.
     Byrons "Bolivar", bemannt mit fünf Matrosen, war bedeutend sicherer; doch Byron betrat das Schiff kaum, ließ sich auch zu keiner Kreuzfahrt überreden.
     Dagegen waren Williams und Shelley wie Kinder. Trelawny ging mal mit ihnen an Bord, um ihr nautisches Können zu prüfen, Williams war flink und geschickt, kannte sich mit Segelbooten aus, aber er war übereilig, auch fehlte ihm  jede Übung und Praxis, die einen in einem Sturm instinktiv das Richtige tun läßt. Shelley dagegen war nicht nur unbedarft,  furchtbar ungeschickt, sondern  einzig darauf bedacht, vom ewigen Wechselspiel des Meeres und des Himmels Bilder einzufangen; um das Boot kümmerte er sich  nicht. Er war nur von den nautischen  Fachausdrücken angeregt, die seine Phantasie spielen ließen, glücklich, und kreischte manchmal lachend bei seinen neuen Wortfügungen, die ihn beflügelten. Die dilettantischen Manöver, die sogar Williams entsetzten, störten ihn nicht.  "Anluven", rief Williams, doch Shelley, der behauptet hatte, gleichzeitig lesen und steuern zu können, legte die Ruderpinne verkehrt herum. "Anluven", schrie Williams, als das Boot gierte: "Shelley, Sie können nicht steuern, Sie haben das Boot direkt vor dem Wind." Williams nahm das Steuer. "Kümmern Sie sich um die Großschot. Fertig zum Wenden! Ruder in Lee - fieren Sie die Fockschot. Fieren Sie die Großschot; Junge, zieh, die Klüverschot nach achtern!" Doch die Großschot saß fest, das Boot lag  fest im Wind, war nicht zu steuern. Shelleys Hut ging über Bord, er wollte wie ein Schlafwandler gleich nachspringen, daß er nicht schwimmen konnte, kümmerte ihn nicht. 
      Immer wieder regte sich Shelleys Todestrieb, an Trelawny schrieb er, nachdem er seine Begeisterung über die "Don Juan" geäußert hatte, seine Bitte, ihm Blausäure oder Bittermandel in Livorno zu besorgen, dies entspringe dem Verlangen, "unnötiges Leiden zu vermeiden."
     "Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß ich gegenwärtig nicht an Selbstmord denke, aber ich gestehe, daß es mir ein Trost wäre, diesen goldnen Schlüssel zur Kammer der ewigen Ruhe zu besitzen."
     Shelley nahm stets sein Schreibzeug mit an Bord; und er schaffte es, während der Fahrten zu schreiben, auch vor Anker, wenn das Boot im Golf schaukelte oder wenn sie bei unfreundlichem Wetter mit der Änderung der Takelung und mit dem Bau eines kleinen leichten Bootes aus Segeltuch und Rohr beschäftigt waren, das sie für Landungen in seichtem Wasser mit an Bord nehmen wollten, verlängerte sich die unmittelbare Tätigkeit seiner Hände an den Segeln, am Steuer, seine Blicke, die die Wellen kommen sahen, die Geräusche, das Schlagen der Wellen in innere Bilder, als wäre alles ein einziges Kraftfeld, erlösbar im Bewußtsein zum Wort.
      Er steht breitbeinig da am Mast,  in einer Hand das Schreibgerät, und sieht dies Kommen und Gehen der Wellen, Bewußtsein, denkt er, ist genau so oder wie verglühende Kohle,  "fading coal", unser Leben verglüht, kommt mit den Augen-Blicken, vergeht wasserfarbenhell. Dichtung ist Geist im Entstehungszustand, das sich selbst enthüllende Bild. Und er hält sich am Mast fest, um nicht zu kippen, oder an den Wanten, ein Bild, das sich so herausbildet, wie sein Bewußtsein, verknüpft den Zustand, der zerfällt, und hält so ein Ich aufrecht, instabil, sieh, die Welle am Boot, wie sie klingt, und die Luft singt äolisch am Segel. Die Klänge, die silberklar und scharf das Ohr durchdringen und dann in der Seele leben, so wie der Sterne klare Strahlen brechen durch die krystallne Winterluft und schauen dann auf sich selber in des Meeres Spiegel. Oh, "Ariel", Boot, als wärst du mein Ich, schirmst mich ab vom Meer, daß ich nicht ertrinke. Vehikel des Ich das BOOT, bringt auch das Gedicht in Bewegung, wohin? Einmal dachte er, es genüge, zu schreiben, es schirmt ab, um nicht vom umfassenden Geist überwältigt zu werden; im Schiffbruch und Untergang gehts darin auf, erlöst von jeder Tyrannei der Phänomene.
      Es war sein letzter Sommer, Juni 1822. Er hatte vor kurzem seinen "Entfesselten Prometheus" beendet und veröffentlicht. Freiheit war für ihn Revolution UND Metaphysik. Er hatte Byron, der aus Griechenland, wo er am Freiheitskampf teilgenommen hatte, zurückgekehrt war, in Ravenna besucht. Nahm Anteil an der italienischen Befreiungsbewegung der Carbonari, haßte das reaktionäre Europa Metternichs. Schrieb seit Byrons Rückkehr an einem revolutionären Stück "Hellas", ein britischer Hölderlin. Byron war ebenfalls nach Pisa übersiedelt, wo sie gemeinsam eine freiheitliche  literarische Gesellschaft gründen wollten, die einwirken sollte auf die Reform. "The Liberal" sollte die Zeitschrift heißen, geleitet von ihrem Freund, dem Verleger Leigh Hunts.

     "Mitte Juni setzte die Hitze ein", schrieb Mary Shelley in ihrem Tagebuch, "die Tage wurden übermäßig heiß. Zur Mittagszeit jedoch kühlte die Seebrise die Luft, und übermäßige Hitze versetzte Shelley immer in gehobene Stimmung. Der Hitze war eine lange Trockenheit vorausgegangen, in den Kirchen wurde um  Regen gebetet, und in jeder Stadt fanden Bittprozessionen mit Reliquien statt. Zu dieser Zeit bekamen wir Briefe, die uns die Ankunft Leigh Hunts in Genua anzeigten. Shelley konnte es kaum erwarten ihn zu treffen. Ich war durch ernstes Kranksein an mein Zimmer gefesselt und konnte mich nicht bewegen. Es wurde beschlosen, daß Shelley und Williams mit dem Boot nach Livorno fahren sollten."

       1. Juli 1822, gegen Mittag ein günstiger Wind; Landwind über seidenblau hüpfenden Miniaturwellen. Die Küste entlang von San Terenzo zur Punta Bianca, Magra.  Williams an der Pinne, Shelley auf dem Vorschiff am Mast, schrieb am "Triumph of live". Rauschen am Bug: Williams hat recht, dachte Shelley, die Welle bewegt sich nicht vorwärts, nur eine Energie geht weiter durchs Wasser. Die Welle ist ihr Vor-Schein.  Als wäre unser Auge daran gefesselt wie Prometheus an den Stein.                                     
     Nach einer Stunde  nordöstlich die Marmorbrüche von Carrara, auf grünen Hängen schneeweiße Wunden an Backbord.  Der Körper eine Last.  Jetzt die Berge wie Feenblicke, weißgraue Wolken. Fast wehmütig, Shelley, als wäre er ein anderer gewesen, als er sie besungen hatte, lachend sein feines Gesicht, sie nannten ihn "Ariel": "Poesie weckt und weitet den Geist selbst, indem sie ihn zum Gefäß Tausender nicht gekannter Gedankenverbindungen macht. Die Poesie hebt den Schleier von der verborgenen Schönheit der Welt und läßt vertraute Gegenstände so erscheinen, als ob sie fremd wären; und die in ihr elysisches Licht gekleideten Verkörperungen stehen im Geist jener, die sie erkennend geschaut haben, hinfort als Denksteine jenes edlen und erhabenen Wesens, das sich über alle Gedanken und Handlungen ausbreitet, mit denen zusammen es existiert. Das große Geheimnis der Moral ist die Liebe oder ein Heraustreten aus unserer eignen Natur und ein Einswerden unseres Ich mit dem Schönen in fremden Gedanken, Handlungen oder Menschen. Um in hohem Maß gut zu sein, muß ein Mensch tief und reich empfinden; die Leiden und Freuden seiner Gattung müssen zu seinen eignen werden. Das große Instrument des sittlich Guten ist die Imagination; und die Poesie dient der Wirkung, indem sie auf die Ursache einwirkt ..." Fast mußte er lachen, als wache er aus einem Traum auf ... Keine Harmonie, kein Schwingen ist auf die Dauer möglich, diabellein, der Teufel schlägt alles in Fetzen, nein, nur wie jetzt kurze "moments of delight" sind uns vergönnt, wie jetzt das Zischen, das Rauschen, der Klang am Boot, diese Musik. Ja. Wer sie übersetzen könnte ins Bild: Wind, Wasser, die Farben, das Blau jetzt, dies Weiß, das Singen in der Takelage, ARIEL, Sinnbilder für das unbenennbare Grenzenlose, das berührt! In seiner "Defence of poetry" hatte er es geschrieben. "Aber diese ungeheure Menge von Leid? ... Die Hülle der Geistesflamme zerfällt zu Asche, sobald man sie anblickt."
     Was war geschehen? Warum konnte der dreißigjährige Shelley nicht mehr naiv an sein Dichten glauben? War es der Mißerfolg seines "Prometheus"? Der Tod seines Kindes? Oder: Als wäre sie nun zu nah, Harriet, der  Selbstmord Harriets, seiner ersten Frau. Oder: daß die Gerichte ihm seine Kinder abgesprochen hatten? Rache der Lords? Das Blutbad von Manchester, ließ ihn nicht mehr los, Kavallerie hatte mit blankem Säbel blindwütig auf Frauen und Kinder eingehauen. In die Schreie hinein ... Kleine Köpfe platzten. "Prometheus unbound"? Haha "Mondboot"? Reise, die die feste Welt und Gewesenes auflöst? Nein, Dichtung ist keine  Rettung mehr!

     Sie liefen gegen halb acht in Livorno ein, legten im Hafen an. In der Nähe der "Bolivar", Byrons Boot, begrüßten sie Hunt und seine Frau. Sonnenuntergang;  wegen Pestgefahr Verbot des Landgangs, sie liehen sich Kissen und schliefen an Bord. Schiffslaternen leuchteten zu fahlem Mondlicht. Schwüle Nacht.  Möwengekreisch wie von Raubvögeln.
     Shelleys  strahlende Laune;  erst kürzlich hatte er zu Mary gesagt, das einzige, woran er noch glaube, sei das sichere Eintreten eines Unglücks, und das, wenn er sich besonders fröhlich fühle.
         Vorgefühle, Zeit ist gegenwärtig, nicht trennbar, das Kommende schon anwesend, wer sich hineingestimmt hat, lebt mitten im Sog; Öffnung wie bei ihm, einer "Sensitive Plant"; aber die Schönheit dieser Gegend war unirdisch in ihrem Übermaß, löste Schuldgefühle aus. 
     Williams blieb in Livorno, man veranstaltete zum Spaß eine Regatta, während Shelley mit den Hunts nach Pisa fuhr, sie in Byrons Palast einquartierte. Mit Byron, dem Dandy und Snob, stritt Shelley heftig wegen der Zeitschrift, der Anpasser und Angsthase Byron befürchtete mit dieser "Carbonari"- Publikation in England sein Gesicht zu verlieren, Ruhm  und Reichtum aufs Spiel setzend. Die Tage waren nicht günstig, alle nervös, Hunts Frau krank.
     In einem Brief schrieb Shelley von Pisa aus an Mary, er könne sich nicht freimachen, Williams käme allein mit dem Boot nach Lerici zurück. Doch am 7. Juli machte er sich dann frei. Wo saß er, in der Villa? Im Palazzo Lanfranchi? Oder ging er, wie er schrieb, zum Camposanto am Dom, sah die Sarkophage, etruskische und römische an, und vor allem jene Urne, die der griechischen seines toten Freundes Keats ähnelte. Pan war da zu sehn, der lüsterne Erdgott der Mittagsstunde, wenn alles sirrte und flimmerte, heiße Luft, wie eine Grenze des Lichts, das sich in Wohlgefallen aufzulösen schien ... Einsame Gedanken, die sich dem Begriff entziehn, Grenzen des Himmels, nackt bleibt dabei und öde das Hirn. Hier war das Meer Eins mit der Urne, die Form, Firmament, das sich in den Wellen spiegelt, dies ist das Element, das er mag, das dazwischenliegt. Er, ein unbekanntes Wesen, das hier erkennbar wird in der langsamsten Zeit, zögert dort am Dom in der Mittagsglut, daß es fast stehenbleibt.
     Von hier schrieb er an Mary einen Brief, den er aber nie  abgeschickt hat; denn er schrieb ihn an niemanden; und er wußte schon, daß noch nichts ist, bevor wir es nicht schreibend wirklich gesehen haben, denn Vorgänge werden erst zur Geschichte und erkennbar im sekundären Akt der Wahrnehmung. Und die Augenblicke lassen sich in den Ablauf der Gedanken nicht einbringen, entweder du lebst oder du schreibst. Eines aber, so sagte er oft, ist möglich: das Boot, als wäre es das Gefäß der individuellen Gedanken, in der Steuermannskunst aber bist du eins mit den Elementen, See und Wind, die Bewegung des Steuers steht im Zusammenhang mit den elementaren Bewegungen des Gefühls. Es sei die alte Steuermannskunst, von der schon Platon gesprochen hatte, höchste Form der Selbstbewegung. (Ich sehe einen Wagen gleich dem Boot / Das sichelschmal des Mondes Vater trägt.) Waren sie deshalb erst nachmittags aus Livorno abgesegelt, um nachts anzukommen. Die Pausen sind dann äolisch gefüllt mit Zwischentönen. Und so war es auch am 8. Juli: Berge und Wälder waren am Ufer zu sehen, durch jenen luftigen Schleier erschienen sie wie im Spiegel eines Zauberers. Wolken sind seine Räder, blau und golden, wie jene, die die Geister des Gewitters auf des erleuchteten Meeres Fläche türmten: Such as the genii of the thunderstorm, schrieb er: Wenn Sonne in sie fährt; sie rollen und bewegen sich, als wäre ein Wind in ihnen; darin sitzt ein geflügeltes Kind, das Antlitz wie die Weiße allerhellsten Schnees, die Federn wie sonnige Frost-Kristalle. Es ist wie das Unbetretene, die Reinheit, die sonst nur besudelt wird, herabgezogen in den Dreck von dem Mob und den Reichen. Im Gewitter aber geschieht die Transformation, der Grund wird erkennbar. Der Vorschein wird durchstoßen, und durch den Körper fließen Licht  und Musik - wie durch leeren Raum: Zehntausend Kreise wie Atome ineinander in sich selbst verschlungen, Sphäre in Sphäre; jeden ZWISCHENRAUM bevölkern unvorstellbare Gestalten, durchsichtig füreinander, wie sie Geister in dunklen Tiefen träumen; und sie wirbeln auf tausend unsichtbaren Achsen kreisend in tausenderlei Bewegung durcheinander; mit Gewalt mörderischer Schnelligkeit gemessen, langsam kraftvoll, drehn sie sich entzündend mit vielfach gemischten Tönen, wilde Musik und verständliche Worte ...   im Innern der Kreise ist einer, der sprüht, der spricht im Traum des rasenden innern Lichts von einer fernen Liebe, die erscheint, wenn alles, was nur Vorschein war, uns täuscht, gelöscht ist und verschwunden im Weiß der Schnelligkeit, du absinkst erst im Hirn bewußtlos, dann im Schlaf der Erde eine Lücke findest, um hinüber zu der Wirklichkeit des Potentiellen zu kommen, in einen Raum, wo du das bist, was kurz im Blitzen deines Gedankens glückt als "fading coal"; der Körper    aber trennt, grenzt nie an die Berührung der Imagination. Man spürt sie in dem weißen Kind des Sturmes, der Bogen seiner Bahn ist die Stirn, dort blitzen blaue Feuer, die den Abgrund füllen. Und dann der Gott, der rief: Seid nicht! Und sie so nicht mehr waren, wie meine Worte.
     Shelley kam aber in düsterer Stimmung zurück nach Livorno. Er behob noch einen Leinenbeutel voller toskanischer Kronenstücke bei seiner Bank.   Es war der 8. Juli 1822.  Ein Uhr Mittag. Trelawny wollte ihm mit der "Bolivar", Shelleys Boot begleiten, doch er hatte keine Auslaufgenehmigung, die Hafenwache enterte das Schiff, drohte mit Quarantäne. Die "Don Juan" fuhr allein. Es gab wenig Wind. Der Käptn beobachtete durch sein Fernglas, wie das Boot am Horizont verschwand; besorgt beobachtete er mit seinem Maat den aufkommenden Südwest, die schwarzen Striche am Himmel, aus denen Wolkenklumpen heraushingen. Drückende Schwüle, kein Hauch, und feiner Nebel wie Rauch über dem Wasser. Immer mehr heftige Böen.
     Eine schwarze kleine Wolke war in Richtung West-Südwest aufgetaucht, kam schnell näher, mit zwanzig Knoten Wind, und das Boot krängte stark, Schreiben war unmöglich im heftigen Wellengang, ein irreales unheimliches Licht lag wie eine düstere Haube über der Landschaft, nur der Altissimo, Michelangelos Berg, war, wie meist bei Sturm, in ein helles Licht getaucht, und wie herausgehoben; in der Ferne Wetterleuchten und um sie das Wasser  flaschengrün; der Wind  unregelmäßig, kam mehr und mehr in Böen aus West, sogar aus    Nordwest, dann aber sehr steif aus Südwest. Williams hatte längst das Großsegel gerefft, die kleine Fock gesetzt, das Steuer aber war schwer zu halten, dauernd mußte er den Kurs ändern, um den unbeständigen Wind in den Segeln zu halten ...  

     Nur noch die Toten als Zeuge, es kann  sein, so war er, Shelley, mitten in den Elementen, hätte er vor Entzücken schreien mögen; und schrie, Shelley, in den ich mich hineindenke, er, der meine Vorstellung besetzt, und sehe ins Meer, das ich hier beschreibe, auf dem Boot, das jagt vielleicht schon mit 7 Knoten  über die Gischt ... Wir Lebenden, vertreten die Toten, sie haben in unserer Phantasie eine Stimme ...  
     Halb sieben brach das Gewitter los, es herrschte fast völlige Dunkelheit. Das Meer wie Blei. Und keine Poesie, sondern alles zu wirklich. Das Boot, weit draußen, segelte mit den langen gleichmäßigen Seen um die Wette; feierlich donnernde Brecher kamen von  achtern auf, holten sie leewärts ein, Gischt kochte in  Schanzkleidhöhe wild auf, zog brüllend und brausend weiter. Schwindel und Angst, wenn du in die See siehst, wenn der Klüverbaum in den überstürzenden Schaum eintaucht, dann in einer gläsernen Höhlung weiter, das Boot im tiefen Tal zwischen zwei Wellenbergen,  nach vorn und    achtern die Sicht versperrt.
    Nach fünf Stunden Kampf war es finster.  Der Kurs  nicht mehr zu halten, die Sinne aufgeregt und müde im Gebrüll dieser schwarzweißen Welt. Wir wissen es, die "Don Juan" kenterte nicht; jener Augenblick, den nur die Toten wissen, blieb für sie stehn, und als wäre eingelöst, was bisher nur Dichtung war, mit dem Tode bezahlt, doch war: im Getöse die Stille ... In Schaum und Gischt die Blasen, wenn sie platzten waren Geister drin. Nun Schlucken wie im Ersticken. Die  Zwischenräume  bevölkert. Mit  seltsamen Gestalten, wie sie die Geister träumen in der Nacht der unerleuchteten, entsteigen sie in ihrer Transparenz ... selbstzerstörend, in Geschwindigkeiten, in der sich die Welt selbst verzehrt ... Im Wirbel dieses Sphärenknäuels ist alles in blaue Nebel aufgelöst - so dünn. Und leicht wie Licht und Luft ...   Gestalten wunderbar, die in das Grau nun der Vernichtung gehüllt sind.
      
    Drei Tage später wurden in Viareggio ein Stakkahn, ein Wasserfaß und etliche Flaschen an den Strand gespült. Erst zwei Wochen später zwei Leichen, die eine in Viareggio, die Hände, das Gesicht und andere ungeschützte Teile des Körpers ohne Fleisch, von Fischen angefressen. Eine hochgewachsene, schmächtige Gestalt trug in der Jackentasche einen Band Aischylos, in der andern Gedichte von Keats, beide Bücher über den Rücken aufgeschlagen, als wäre der Band hastig weggesteckt, der Mann beim Lesen ertappt worden. Von der dritten Leiche, dem Schiffsjungen, fand man drei Wochen später nur noch das Skelett. Alle wurden sofort am Strand begraben, in die Grube gegen Infektionen Ätzkalk geworfen.
    Dawkin, Gesandter in Florenz, verständigte Trelawny: wegen Infektionsgefahr und Quarantäne mußten die Körper eingeäschert werden; eine Korporalschaft Soldaten, Schmiedezangen mit langen Hebelgriffen, Kneif- und Beißzangen, Stangen mit eisernen Haken und Dornen, um die Berührung zu vermeiden, an der Grube, bezeichnet mit vier weißen Stäben, unweit der ins Meer hinausführenden Grenze  zwischen der Republik Lucca und dem Großfürstentum Toskana. Zahlreiche Zuschauer, unter ihnen prächtig gekleidete Damen. Draußen die Inseln: Capraia, Gorgona; klares Wetter.  Sand. Leere, damals badete hier niemand. Sie wollten alle das Loch sehn. Hatte er seine Uhr in der Tasche? Stehngeblieben, wer zog sie noch auf, ins Loch sehn, das Auge im Sand vergraben. Byron und Hunt waren dabei. Der Apennin, davor Wachtürme, zinnengeschmückt.  Byron in Schaftstiefeln, den Zylinder in der Hand, weiß flatterte sein Schal im Wind, unbeschriebener Hauch. Da, ein hohler Laut, Eisen stieß auf Etwas, der Bogen des Stirnbeins getroffen, bald nackt der Körper ans Licht gezerrt, noch einmal wirklich, nicht? Unheimlich die dunkle Indigofärbung, halb verwest. Byron wollte den Schädel als Trinkgefäß. Er bekam ihn nicht. Hell das Feuer, die letzten Funken, Wein auf den Toten, Öl, Salz war genug in ihm, ein Knistern, und Hitze, so öffnete sich der Leib, und bloß lag  ein Herz. Das getroffene Stirnbein fiel  ab, der Hinterkopf auf dem rotglühenden Rost, eine Schale, darin kochte das Hirn, warf Blasen. Asche dann. Nichts, nur Knochenreste, die Kinnlade, als hielte sie ein Satz. Byron ertrug es nicht mehr, warf die Kleider ab, schwamm hinaus zur "Bolivar", die ankerte vor diesem Ufer. Er sah nicht, was Trelawny staunend sah, das erhaltene Herz in der Weißglut; es hatte sich beim Ertrinken mit Blut gefüllt, brannte nun an der Luft nicht. Trelawny verbrannte sich die Finger, als er es mit bloßen Händen aus der Asche nehmen wollte.

Ich bin das Kind von Wasser und Wind
Ziehtochter von Himmel und Licht.
 ...  mich wandelnd sterbe ich nicht.

     Shelleys Boot wurde in nur 10 Faden Tiefe gefunden, gehoben, beauftragt waren zwei Kapitäne zweier Feluken, mit Ankern und Tauen wurde es gehoben, das gesamte Zubehör noch unversehrt, und daraus wäre zu schließen, daß es nicht gekentert, sondern durch schwere See vollgeschlagen war. Zwei Koffer mit Geld, mit Kleidern, Shelleys Koffer mit Büchern und Kleidern, der Rumpf aber voll mit blauem Ton des Grundes, sie fischten daraus das Fernrohr, Bücher, einen Korb Wein, der aber war verdorben, der Korken halb aus der Flsche gedrückt durch den Druck des kalten Meereswasser, so berichtet der Kapitän Dan Roberts aus Pisa. Die Masten kurz über dem Deck abgebrochen, der Bugsprit knapp am Bug, der Schandeckel war eingedrückt, und bei näherer Untersuchung ließ sich erkennen: Auf der Steuerbordseite war ein Großteil des Spantenwerks zerbrochen, anzunehmen ist, daß das Schiff während des Unwetters von einer Feluke in den Grund gebohrt worden war!
     Viel Papier wurde vom Grund gehoben, Shelleys zwei Notizbücher, darin seine Schrift wie verlassen, nun ziemlich allein, die Gedichte. Williams Tagebuch bis zum 4. Juli 1822 ... und nie mehr weiter. Die gedruckten Bücher zusammengeklebt, unlesbar wie Geheimnisse, die Seiten nicht mehr voneinander zu trennen, wer schneidet diese Rückseite des Schweigens denn auf, so verschlossen vom glitschigen Schlick, Roberts hat es ohne Erfolg versucht, die Seiten, bis in die Zeilen hinein zu waschen.

Und L. wollte mein Gedicht zu Shelleys Untergang  wiederlesen:


SHELLEYS  SINKENDES
Segelboot auf dem Weg nach Livorno;
das englische Fernweh jedoch dazu:
                            weit bis in die Kolonien,
kam hier schöner zu Wort (und das Meer war rein)
als der Dichter
                            ersoff in allzuviel
                            Ewigkeit (das waren noch Zeiten!)

(„Was ist die Lust der Welt?
Blitz, der die Nacht erhellt,
Zuckt und zerfällt.“
„What is this world´s delight?
Lightning that mocks the night,
Brief even as bright.“)
Nicht nur das Gras
                            auch die Gründe dieser Strandgut Landschaft
                            und dahinter
                                        du,
müssen auseinander geschrieben werden von Herztautologen
mit allen Differenzen.
Vorläufig (das Warten auf Revolution hat sich längst
                            überholt in der Endgültigkeit eines
                                        überholten Zustandes)
mach eine Querflöte aus meinem rechten Ellenbogen
(und die Finger der Faust spar dir auf: denn -
                            das neue Paradigma ist alt und noch immer
                                                    unsichtbar.)
Versuche durch Reisen Abstand zu gewinnen -
Arrangements der Reisebüros?
                            Nur noch Flug
                            über uns hinweg per TAROM, LUFTHANSA
                            ALITALIA - Vaterländer mit Hochgefühlen
                            und Schwindel der Entfernungsmesser?
Ich habe zurückgefragt. Der Rest ist Ironie.
Am Strand gab´s noch einen
                            der warf die Angst
bei tuckerndem Motor ins Wasser - und
auch mein Auge und Ohr standen beim
                                        Schlag ins Wasser ihm bei;
ich aber schwor mir, so zu leben, wie ich schreibend
Sein kann, mich dagegen zu wehren:

„Aber in den Zeiträumen zwischen den Inspirationen ... wird der Dichter zu einem Menschen und ist der plötzlichen Rückflut der Einflüsse preisgegeben, unter denen andere immer leben“ (Shelley, Verteidigung der Poesie): preisgegeben also - dem Downer­programm.
Kurz danach nämlich sind wir inaktiv
                            wieder allein,
die Sekunden vergehen  wie Lichtblitze
rasend schnell auch in den schmalen Fensterschlitzen
eines angeblich schützenden alten Hauses, -
der Kirche
                            SANTA FELICITÀ
So versuche ich hier
                            vermessen
                                        zu sein - Geschichten
                                                       einzurollen,
sonst dauert es zu lang -
                                        Millionen Jahre
                                        und ab jetzt ohne Liebe: immer länger!

Und ich, fragte L. Zurück.
Denk an Korsika, denk an unser Cucuruzzu, die heisse Steinzeit:





                      Die etruskische Küste

Die etruskische Küste hinab  bis Populonia. Hier sah  ich die ersten Münzen der Gegend im Golf von Baratti in der etruskischen Nekropole: Drachmen. Und im Bergnest Populonia das Museum mit dem Tränenkrüglein und dem phallischen Grabstein, das Ei dazu der Frau: Tod und Leben. Und der Totenkopf eines Zwölfjährigen. Langher. Langher? Beim Herabsteigen in den Golf, Rundblick bis nach Elba: da sehe ich Kinder, die mit Wildschweinen spielen! Und dann die Abfahrt.
 Das Reale ist hart/ fordernd, das Schiff unter dir, jede Sekunde Zeiteneinheit spürbar der Mühe, über deinen Kopf hinweg; das Meer schäumt, dazu etwas Fades, Langeweile,  Enge des Körpers, den du gegen die Elemente verteidigst. Die Gedanken wie festgebunden an Ankerketten, Tauwerk und manchmal ans Ruder. Hart war die Arbeit früher.  Es bleibt das Meer. Die starke Welle der Zukunft. Die kreist/ stark ist die See in uns. Und grausam. Der Geruch von Teer. Das Schlagen des Falls/ verdeutlicht die Sekunde der Angst. Keine Zeit bleibt zum Atemholen.

                                       Golf von Baratti. Etruskisch

Hinter dem Vorgebirge
Baratti/ der Golf der Etrusker
wo die Eisenzeit/ unsere begann.

Für sie war das Leben nicht hell
und eine dunkle Hur
Blut dort am Grund
mächtig im Körper eingesperrt
bis der Puls platzt die Ader das Herz.

Den Nekropolen ein Haus
unter dem Boden
der die Jenseitigen mit Wurzeln
ernährt
die Sphärenleiber wie Gummi
und Geist
Da wohnt man fein
und geht auch nicht unter

Der Genius:  Penis und Kopf
rot die Farbe die unbeschwert
blitzt/ und schöpft und geht
aufs Ganze/ ein Lachen

Hochzeiten Essen vor allem
ganz fröhlich sein/ da der Tod
auch den Tod überwindet.

Befreit der Funke
wenn die Schalen fallen
in Eisenwaffen Dolchen Speeren
in heiligen Bäumen am Grunde des Wassers
wer ein Auge hat erkennt ihn schon gut

Da sitzen sie und beten
etruskisch liber linteus
SEHEN wie Apulu der Inspirierte
jenseits der Linie des Himmels
vor Rot ist -

Zehn Grad von unendlich
Wandlung und Himmelsrichtung
die disciplina etrusca
heilige Fläche
zum Lesen der Schriften des Himmels
geeignet

Alles Leben ein Zeichen
der Stunde die einfällt
und uns kreuzt
mitten im Wirbel
Spirale der Zwei
am Grunde der Welten
Bilder/ Funktionen

Des Kosmos Mathematik
ist acht mal acht
wie beim Königsspiel Schach
64 Felder des Schicksals
bewegt ist dein Leben/ darauf
Orakel will sehen
Apulu/ Uni und Tin

In jeder Sekunde
die Kreuzung/ der Blitz
anwesend in dir ist das Umfeld
ein Götterkollegium
du mitten drin
im Urknall der Welt.






                                                         ELBA



                                               Rio Marina

Aethalia. Die tausend Feuer
Unter den Eisenbergen  von Elba
Rio Marina abwesend über der See
So sammle ich mich ein: rechts der Kompaß
vor mir/ im Westen aber der Stundturm
wie ein Schiff/ es schneidet mit dem Bug
in Richtung 12 Uhr/ auf mich zu
den Himmel durch


                             Capo d´Enfola. Marciana Marina

Bisher war viel Geduld an kleinen Dingen, am Detail, an der Nuance da gewesen, und ich wußte, daß auch meine meerige Sonne, dieses  Glitzern des Sonnennetzes im Wasser unerträglich ist, wenn es nicht durch die tiefe Spur eines Satzes gezogen wird; jetzt hat diese Unerträglichkeit so zugenommen, hat aber auch das Schreiben erreicht; die Droge scheint wie verbraucht. So bin ich mehr und mehr dem, was ohne Worte vor mir liegt, mich anfällt, ausgeliefert, und sogar der Tod verbindet sich manchmal damit, erscheint nur mineralisch und ohne jeden Sinn, nur brutal. Wie ich das auch bei Montaigne gespürt habe; doch sein heroisches Aufbäumen in natürlicher Gleichgültigkeit faszinierte mich.

Un ich musste mir ein Beispiel an seiner Tapferkeit nehmen.
     Gestern in Portoferraio und auch sonst im Streß des Bootes und des unmittelbaren Bewußtseins mit den Leuten und auch mit L. ist das Licht winzig, das mein Leben ausmacht und beleuhtet, eine Art Funzel der Alltagsverrichtung, und dann, wie gestern Abend solche tiefsinnigen Gedanken, als ich zu L. über die Leute, die an Hafen vorbeigingen, sagte: Sieh, lauter Skelette gehen da. Und sie: Aber sie haben noch Sex, Liebesfähigkeit und einige Jahre Leben...
    
     Ich müßte mir sagen, daß es doch eine Verpflichtung gibt, jene Mutlosigkeit, die mich lähmt, zu überwinden, und das ist ja dieses Buch, das auch eine Verpflichtung gegenüber jenen Lesern ist, die dabei die gleichen Glücksgefühle empfinden, wie ich sie früher noch empfunden habe; und vielleicht hatte ich in jenem Abgrund am meisten Fortschritte gemacht, der als Vorbereitung für einen neuen Zustand nötig wäre, um jenes täglich sich Einrichten in einem sogenannten "Leben" unmöglich macht.

Doch gab es hier nicht auch noch anderes?

MARCIANA
Der nach innen genommene Blick
führt ins Futur,  weg aus dem, was eben vergeht:
Damals wars Napoleon hier in Madonna del Monte, hier
bei Marciana, mit der  schönen Gräfin Maria Walewska:
Jetzt, hörst du die Sommerzikaden: da  Schein und nie
anders war als Jetzt im veränderten Blickwinkel,
Wir, unsere Erde am 20. August 1814. Oh, schnell
vergeht alles, und der Korse winkt mir jetzt unsichtbar
an einer Stein Eiche  finster zu: ein
Gescheiterter, der sich auf die Erde beschränken wollte: zu
bescheiden in seiner Wut, Flüsse von Blut, die wir
immer noch auszubaden haben:
Was falsch gedacht ist, Macht
in alle Länder getragen: Wahnsinn Revolution,
sich hier in diesem Augenblick,
Als wär es wahr:  schön einzurichten:
die Zukunft machbar schon
nach einem dummen Bild.
               

                                                    Portoazzuro

 Aber wir saßen an diesem Tag in winzigen plätschernden Wellen, es schien in ihrer Sanftheit so, als wollten sie aufhören. Vor dem Sturm ist es meist ungeheuer sanft das Wasser, kleine Seespinnen rennen dann über die glatte Fläche. Netz. Denk du an ...     Arachne vielleicht. Über uns ein altes Gefängnis. -   Ich las in einer gescheiten Untersuchung über den Tod, fand mich in der Beschreibung dieses Kreisens an den Rändern des Bewußtseins, das bald explodieren muß, wieder.

Liebe und Tod und die Revolte durchbrechen ein aufgezwungenes künstliches Ich, machen sprachlos. Widerstand gegen die Vatersprache, die abendländische. Und die Muttersprache der Gefühle, des Alltags? Und ihr mit offnen Sinnen wahrnehmbares Geheimnis? Dafür sind nicht einmal unsere Sprache, unsere Sinnkonstruktionen geeignet.Oder doch? Am Abend schrieb ich es so auf, und fand so meine Ruhe:

PORTO AZZURO

Die Hölle des Vergessens:
ein schöner Strand am Mittelmeer, Hotel
mit Bougainvillea und Oleander,
unter hohen Palmen ein fühllos Gestrandeter
erinnert sich plötzlich, daß es eine Sibylle war,
die ihre Orakel auf Palmblätter schrieb. Darauf war
zu lesen:

„Nur hier auf der Zeile kommt deine Palme zu sich
und es lebt ihre Zukunft wirklich
mit den Engeln auf.“

Die Engel sind  abgeflogen,
doch  hält sie der Gedanke hier -
schreibt sie ins Blatt, das ungelesen  weiß vergeht:
„Hüte dein Buch, es behütet dich.“


Was war das nur für ein Effekt? War es eine Flucht? Meine Reiselust, ja, Reisewut nahm nicht ab. In diesem Sommer waren wir ja noch in Sardinien gewesen, und dann in Korsika. Ich genoß, je weiter ich vom Zuhause war, die Landschaft, die Menschen, L. und mich selbst mit einer gesteigerten Intensität, die nur das Bewußtsein des Abschieds geben kann. Und alles schien ich manchmal wie zum erstenmal als Kind aufzunehmen, mit den alten Kinderfragen, die nie gelöst, immer nur übergangen und vergessen werden, zu stellen:. Wasser, was ist Wasser? das Meer rauscht, was rauscht? Wir sind von unheimlichen Dingen, die wir nicht sehen können, umgeben. Schon Newton hatte in seiner "Optik" von zwei Arten von Licht gesprochen, überlegte ich: vom "phänomenalen Licht" und vom "potentiellen Licht" des Numen in uns, das unser Bewußtsein trägt. Die Schwerkraft aller Dinge in unserem Herzen, und die Photonen sind die "Hände", die jedes Ding sichtbar formen? Der Geist hat Lichtsubstanz. Urlicht? In der Sixtina macht erst das Altarlicht die Gestalten an der Decke sichtbar.

Ich saß am morgenkühlen Strand, die Sonne war noch nicht aufgegangen, der Himmel erhellte sich allmählich. "Ich mag diese krude Frühe, Jungfrau des Tages", hatte ich zu L. beim Frühstück im Cockpit gesagt, die hatte im Halbschlaf gebrummelt, als ich versuchte, lautlos die Kabine zu verlassen. "Ich", ha.  "Ich“ seh die gewesene Höhle von gestern, die Höhle draußen, die Höhle unser Ort der noch Ungeborenen, die Höhle in der Stirnbahn, die alte Höhle Platons; jeder Tag ein Abenteuer, doch ich kann von meinem Körper am Tag nie weggehen, meine Vorstellung ist die des Körpers, mein Körper geht vor mir her wie eine Laterne, der Kopf oben, daß ich nicht falle, darf ich diesen Turm nicht denken, der von der Erde entfernt ist, seit ich dies weiß, blende ich euch alle. Gibst den Geist nicht auf beim Ablegen deines Körpers, der bleibt nur mehr und mehr liegen mit dem Älterwerden... Grenzlinie zum kommenden Zustand, weiß und rauschend. Sag nicht Seele, sag Äon: es löst sich etwas vom Körper, das innere Leben verselbständigt sich im Alter, die Wahrnehmungen werden schwächer, man lebt drinnen, und langsam verschwindet die Außenwelt. Dabei strahlt alles durch in alle Zeiten und ist transparent, jene, die sie die Toten nennen, leben doch immer und gleichzeitig mit den Lebenden, mit uns, und wir freilich auch schon mit ihnen. Du weißt, ich habe mehrere Schiffbrüche erlebt. Und die Ahnung von jener Welt ist da, wenn wir in Gefahr und dem Tode nahe sind, dann sind alle Zeiten zugleich da. Du versinkst, du ertrinkst, gehst wirklich auf Grund, und bist froh, ja, glücklich."
Viele Kollegen, Autoren haben daran geglaubt, nicht zuletzt Shelley, sagte ich zu L. Und gab ihr zu lesen, was ich geschrieben hatte, es betraf sie ja auch.


               Ein Seltsames Erlebnis bei Parma  

     Alles  hatte bei einer Mattioli-Ausstellung auf dem schönen Landgut Magnani-Rocco bei Parma begonnen, es ist das Landgut einer Stftung des bekannten italienischen Musikers und Kunstsammlers; auch er nun schon seit zehn Jahren tot. Ich der Erzähler habe gemeinsam mit dem Maler Mattioli, Magnani war ebenfalls musizierend dabei, von hier aus alles beobachten können; Mattioli wäre sehr gerne bei seiner Vernisage mit dabei gewesen, und wir haben es ihm auch ermöglich, freilich unsichtbar für die Besucher, in den Ausstellungsräumen des Landgutes als stiller Beobachter und nun fremder Gast anwesend zu sein;  und  ich  versuche mich nun, geschätzter Leser, Ihnen verständlich zu machen. Michael Templin, ein Freund der Familie, der ebenfalls jene Ausstellung am 23. Januar besucht hat,  steht nun seit einiger Zeit, ohne dass er weiß, mit uns in Verbindung:

     24. Januar 1997. Von Anfang an ist das Ende gegeben, das ist klar, das ist klar, und ich muß das jetzt aufschreiben: mich hatte diese Ausstellung sehr beeindruckt, und ich habe es auch L. erzählt, L., das ist meine Frau. Als wir nach Hause fuhren, auf der Cisa-Autobahn, da hab ich ihr diese unglaubliche Geschichte erzählt, L. hatte in Magniani-Rocci nur wenig davon mitbekommen, weil  sie an diesen Sachen nicht besonders interssiert ist:  Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr es dagegen mich erregt hat, es war der einzige Lichtblick, der einzige an diesem Samstag, denn sonst kamen mir diese Ausstellungräume, die geschönten Leute in ihren Sonntagskleidern, die Männer alle mit ihren ewigen Krawatten, und so, schrecklich hohl und leer vor, und kein Funke sprang von den Mattioli-Bildern über, keiner. Sonst war ich richtig geprickt  und angemacht gewesen, jaja,  von Mattiolis  Bíldern, hatte gerne darüber auch ge­schrieben, immer wieder, diese Reduktion der Welt auf Null mit farbigen An­wesen­heiten an allen möglichen Grenzen; und ich hatte plötzlich Angst, ausgebrannt zu sein, und dachte an meinen alten Freund Cioran in Paris und an diese Schrecklichkeit des Alterns, dass er jetzt gar nicht mehr spricht, sich nur durch Gesten und Gebärden mitteilen kann, falls der Stupor  es zuläßt, und dass er jetzt sein Lebensprogramm der "prunkvollen Ver­wüstung" erfüllt hatte, so dass jetzt der ausgebrannte Geist nun in seiner eigenen Nichtigkeit dahintrocknet; fast schlau hat der Verstummte dazu als letztes nun ein Jugendwerk "Gedankendämmerung" in Deutschland erscheinen lassen, das er in seiner Muttersprache noch 1940 in unserer gemeinsamen Heimat veröffentlich hat; damals war ich genau sechs Jahre alt gewesen. Gewesen? Nun gut, lasse aber mein Erinnerungen jetzt nicht durchbrechen. Ich sprach mit Michum, unserem Analytiker, der aus Florenz auch zu seinem Lieblings­maler  und Freund gekommen war,, doch der über meine Befürch­tungen, doch der winkte nur mit einem gequälten Lächeln ab und sagte,  die Räume hier seien auch für ihn furchtbar leer; der Maler fehlt mir sehr, sagte er, es ist hier alles wie tot. Der alte Maler war nämlich im Juli  vergangenen Jahres gestorben, und Michum, der auch noch eine krebskranke Freundin mitgebracht hatte, die nur noch einige Wochen zu leben hatte, war sehr traurig, sein Blick abwesend; wir irrten also zwischen Mattiolis Bildern umher, viele alte Bekannte darunter, und landeten schließlich in einem Vorraum, wo Mattioli wirklich da zu sein schien, was noch unerträglicher war, kaum auszuhalten: dies Viedeoaufnahmen in seinem Atelier, die Stimme, das Gesicht, alles fern, flach und leblos. Nur Anna, die Enkelin, und die Tochter Marcella, die plötzlich eintraten und uns stürmisch begrüßten, hier also, das war mir jetzt klar,  hier also war das Zentrum der Ausstellung, der Bilder, als wäre er genau an dieser besonderen und ausgezeichneten Stelle im Raum anwesend. Und von hier aus sah man auch das erste Bild der Ausstellung, vielleicht das tiefsinnigste Bild, das er je gemalt hatte, und das von hier aus auch die erste Ausstellung ohne ihn, zu beherrschen schien: sein Kopf, ein Selbstporträt, trat aus einem schwarzen Hintergrund hervor, und er hielt die kleine Enkelin, damals noch ein Kind, eng umschlungn, als klammere er sich an diese kleine weiße Gestalt. Im Katalog war dazu auch ein Gedicht von mir abgedruckt, das geht so: 

Auf einem Blick
Jenseits der Tür, davor
das Kreuz, das nach dem Tode
steht. Im Rahmen
stehst du schon
der Tür/ aus
ewiger Nacht

mit einem Fuß

Das Enkel
Kind, das dich umarmt
in Weiß steht
noch im Licht und
hält dich hier.

     Nun gut. Anna zeigte mir auch das zweite Gedicht, ein Gedicht auf eines seiner wunderbaren Kruzifixe geschrieben, das im Kloster von San Miniato in Florenz  aufbe­wahrt wird. Und  dann sagte sie: ich bin ein Stück von ihm, ich kann ohne ihn nicht leben. Und weißt du, was mir gestern Abend passiert ist, du glaubst es nicht, ich bin auch jetzt noch erschrocken; er hat sich gemeldet, er ist da, ich spüre ihn auch, und meine Mutter, auch meine Cousine Luci haben von ihm in dieser Nacht geträumt, und er hat ihnen gesagt, dass die Ausstellung gut und er einverstanden sei, und dass er auch nach Magnani-Rocco komme, hier also dabei sein wird. Geh, sagte Hanna, die mit zugehört hatte, das ist doch verständlich, ihr hab andauernd an ihn gedacht und natürlich auch an die Ausstellung. Nein, nein, sagte Anna, nein, wißt er, dass er beiden dasselbe gesagt hat, Luci und auch meiner Mutter: infine ho una casa! Endlich habe ich ein Haus. Michum stand auch dabei, und wagte nicht zu lachen Was aber mir passiert ist, du glaubst es nicht, sagte Anna: ich hab immer noch Angst, im Traum ist er ja fast jede Nacht da und zeigt mir dann die seltsamsten Landschaften, führt mich herum in einer ganz anderen Welt, die ich gar nicht verstehe, und er versucht es mir auch nicht zu erklären, wie er auch seine Bilder nie erklärt hat, das war eben so und nicht anders, auch wenn man es nicht begreifen konnte, man ahnte es, man fühlte es man war eben mittendrin - immer mit ihm, und wenn er dabei war, verstand ich es auch; doch gestern Abend, ja, da war ich sehr erschrocken, jaja, auch wenn ihr es nicht glaubt, ich hörte meinen Lieblings-Mahler, die Fünfte, und ausgerechnet bei Maler also, es war schon der zweite Satz, eine gute CD-Aufnahme, da hörte die Musik ganz plötzlich auf, ich dachte zuerst an Stromausfall, doch die Lampe brannte ja, und in diese Pause hinein konnte ich ganz deutlich  seine Stimme hören:  Sono arrivato! Sono  arrivato! Zweimal also Sono  arrivato!   Ich lief vor Schrecken hinaus. Und als ich mich wieder erklaubt  und die Angst überwunden hatte, wieder ins Zimmer kam, da lief weiter die Fünfte, so als wäre überhaupt nichts geschehen, und alles so wie bisher und gewohnt. Doch glaubt mir, das Zimmer hatte sich verändert. Und ich dachte auch das Bild, dieses Motiv, wo er mich in den Armen hält, war verändert, das Licht war anders, und auch  ich weiß nicht was ... Aber es ist ja nicht so, dass er nicht auch ein anders mal da gewesen wäre, doch im Traum  ist das ja ganz normal, nur hier so, in der Wirklichkeit? Da passte er gar nicht hierher, da war er eben ein Schrecken, obwohl es gar nicht so sein dürfte. In den Träumen kommt er, setzt sich an mein Bett, und nimmt mich an der Hand, dann fliegen wir fort. Und er zeigt mit diese Landschaften, auch Leute zeigt er mir, mt denen er nun zusammen sei, seine "Freunde". Und jetzt bin ich ja zu Hause, sagt er. Und es ist wie früher beim Malen, nur braucht man kein Malgerät, sagte er, man denkt es nur, stellt es sich vor und schon ist die Landschaft wirklich da, fabelhaft sei das, wie schön, und gemeinsam stellen sie nun diese Landschaften her, in denen sie leben, auch die Häuser , in denen sie wohnen. Und einmal zeigte er mir ein "Objekt", es schien zuerst aus Papier zu sein, doch wars dann doch ein ganz anderer, mir unbekannter Stoff, und in dieses Ding, das ganz merkwürdig gefaltet war, aussah wie ein Rettungsring, und mein Großvater, der hat ja immer so eine Schwäche für Geometrie und Topologie gehabt, wie er es nannte, wir haben ja beim Abbi auch sowas lernen  müssen, und er sagte, dies sei so etwas wie ein Hypertoroid, und es enthalte die drei normalen und zusätzlich die drei zeitlichen Dimensionen. Sei aber selbst zeitunabhängig, und es war ganz merkwürdig da drin, und  da konnte man malen und zeichnen, aber nur in Gedanken, und war sofort weit weg, vor und zurück, bis weit in die Zukunft hinein. Und er sagte, daher sei es ja auch so schwierig,  sich gegenseitig zu besuchen, weil so unterschiedliche   Welten etwa unseren Biorythmus stören könnten beim Eintauchen in zukünftige Zeit, und es käme alles durchein­ander. Nach dem Aufwachen war es mir ganz unheimlich, weil alles so wirklich gewesen war, echt! Und ich hörte immer noch seine liebe Stimme und fing auch an zu weinen, schluchzte in mein Kissen, das dann ganz nass geweint war.
     Anna sagte, sie habe schon viele Traumtagebücher geschrieben seit dem Tode ihres Großvaters, und das wichtigste, was er ihr erzählt habe, sei ewas ganz Verrücktes, nämlich dass alles zu gleicher Zeit geschehe
     Wie das, fragte ich.
     Nun, es gebe überhaupt eine ganze Reihe von Leben, in denen wir mit dabei sind, jetzt, in diesem Augenblick, du und ich auch. Viele andere Leben in ganz anderen Gegenden, als wir sie uns vorstellen können.
     Ja, sagte ich, da fällt mir ein schönes Gedicht von Friedrich Hölderlin dazu ein: Es ist unmöglich, und mein innerstes/ Leben empört sich, wenn ich/ denken will, als verloren wir uns./ Ich würde Jahrtausende lang die Sterne durchwandern, in allen Formen/ mich kleiden, in alle Sprachen des /Lebens, um dir einmal wiederzubegegnen./ Aber ich denke, was sich/ gleich ist, findet sich bald.
     Sehr schön und richtig, ja, genau so ist es, rief Anna.
     Unser kleiner Kreis hatte die Ausstellung und die vielen Leute völlig vergessen, die sich vor den Bildern drängten,.
     Und ich lachte, und sagte, zu Hause als Kind, da habe mein Bruder immer wieder rausbekommen  wollen, wie man sein eigener Großvater wird; und wir hatten ihn als kleinen dicken Witzbold immer ausgelacht.
     Und es ist gar nichts zu lachen dabei. Ja,  wenn die Leute sagen, in einem anderen Leben könnte ein Paar die Mutter-Tochter- Rolle spielen, in einem anderen aber die von Vater und Sohn, oder dass ich hier die Tochter meiner Mutter sei, ein andermal aber ihr Vater sein könnte, ist das gar nicht nacheinander, sondern überhaupt gleichzeitig, und wir könnten das keines­falls verstehen, einigermaßen mit übereinanderlaufenden  Filmen könne man das vergleichen, wobei mal der eine, dann der andere Film­streifen bewußt werde, wir aber die übrigen immer wieder vergessen, ja, vergessen müßten, um leben zu können. Und überhaupt sei  ja die Leinwand jener Ort (gar toplogisch zu nennen!), wo etwas erscheine und dann wieder spurlos ver­schwinde, wie  in Gespenster- und Gruselfilmen sei  das, diese  Er­schei­nungen seien da, redeten uns an, wir aber säßen ein wenig dumm  auf unseren schwarzen Sesseln, flögen, an unsere Augen gefesselt, über sie hinweg, so als wären sie gar nichts, und dann aber flögen auch sie selbst, diese Gespenster, kaum zu glauben, und doch sähen wirs ja wirklich und deutlich! Und nur weil das, was man im Film nicht sehe, über die Zeit hinwegspringe, naja, könne so etwas überhaupt sein. Aber das Zeitspringen  das, was in Wirklichkeit geschehe! Und dann bückten wir uns, sozusagen symbolisch, um nicht davon getroffen zu werden, Huuh, das wäre grauslig, entsetzt aufgerissene Augen, und werden dann doch berührt! Aber genau so sei  das ja in Wirklichkeit, was wir vergessen müßten, jeden Augenblick seien wir unser eigenes Gespenst. Sie dort aber, wo sie jetzt sind, sie hätten nun eine Art Brille, so dass sie dies Filme alle gleichzeitig sehen könnten. Vor- und rückwärtslaufend. Egal, das könnten sie.  Oder auch ein  Film, der sich aus dem andern entwickelt und so. Und dieses Auftauchen und plötzliche Verschwinden  bei uns von solchen Dingen sei völlig normal, und immer geh doch alles  mit rechten Dingen zu, nur seien wir zu blöd, es zu begreifen, sagte er auf seine grantelige Art, die ich so lieb habe: weil doch diese Dinge, auch er etwa, falls er bei uns auftauchen wolle, was er nicht tue, um niemanden zu erschrecken, sei doch nur deshalb möglich, weil er in einem Zeitbereich  lebe, in dem unsere Vergangenheit nur Teil des großen, uns entzogenen, dimensionalen Zeit-`Raumes` sei. Oder so ähnlich, so genau kann ich das nicht mehr auseinanderhalten! Jedenfalls gebe es keinen Tod. Aber eines erinnere ich noch, das war ein anderes Mal, als er sagte, das könne man bei Ufo-Landungen  auch bemerken, die bei uns  blöderweise immer noch geleugnet werden, da blieben an solch einem Ort Reste der Spuren künftiger oder vergangener Zeit, die etwa den Gang von quarzgesteuerten Uhren beeinflussen, Boden und Vegetationsveränderungen hinterlassen, diese Zeichen in Kornfeldern etwa. Und wir selbst projizierten  Filme, und alles was geschehe, sei  ein Netzwerk von solchen Bewusstseins­filmen. Und es gehe eigentlich nicht immer so weiter, denn es sei alles schon unendlich weit gegangen, eine große Verknüpfung, in dem die einzelnen Lichtpunkte andauern an anderen Orten aufleuchten, und so der Anschein von Weitergehen entstehe.
     Na siehst du, und mußt nicht traurig sein, sagte L. ein wenig spöttisch, wenn auch nachdenklich geworden, was du alles so einem Großvater zu verdanken hast. Meiner hat mir nur Geld hinterlassen. Dazu hat  dir deiner noch ein ganzes Museum von Bildern geschenkt, das sehr viel mit jenen Filmen zu tun haben, von denen du erzählt hast.
      
     Wir verließen schon   am späten Nachmittag Magnani-Rocca, blieben nicht  bis zum kalten Büffet. Ich war von den Träumen Annas so beeindruckt, dass ich auf der Heimfahrt von nichts anderem sprach. Wir fuhren von Traversetolo  in Richtung Apennin, man sah die schneebedeckten  Berge der Emilia, und ich sagte zu L., wir sehen uns ja nun hier im Auto, und zugleich  sehen wir dort auf die Schneeberge, mit den Gedanken sind wir jedoch immer noch in Magnani-Rocca  bei Annas Gruselgeschichten, wenn das, so oberflächlich gesehen, nicht auch drei-vier "Filme" sind. Ich muß die ganze Zeit daran denken, dass ich meinen Roman nicht mehr einfach so lassen kann, wie er bisher war, ich brauche einen neuen Anfang. Nämlich diesen. Und ich brauche solch ein wirkliches  Netzwerk , wie es Anna ge­schildert hat. Aber weißt du, ich freue mich jetzt sehr, auch wenn ich gestresst  bin, weil da von den Bildern Mattiolis diesmal zum erstenmal kein Funke zu mir übergesprngen  ist, und ich mach mir Sorgen, dass ich alt werde. die Wahr­neh­mungen  abbnehmen
     Nein, nein,  protestierte L., ich glaub das nicht, du bist eben in deiner Phantasie  sehr mit deinem Roman beschäftigt.
     Ja, L., ich freue mich in Tat, dass ich jetzt meinen Roman so mit dir erleben darf, und  weiß jetzt auch, warum ich solches Glück empfinden kann, wenn ich meine Collagen im Roman zusammenbringe, weil ich dann jenem Netzwerk  nahe komme. Eine Art Engelarbeit: Je mehr Einzelszenen oder auch Fragmente sich gegen­seitig anziehen, dichter werden, ein an­näherndes Ganzes ergeben, umso größer ist die Erregung dieser intuitiven, ganz persönlichen und doch sich selbst überschreitenden  "Sinnarbeit", die sich eben einem Unerreichbaren, ei­nem verborgenen Gan­zen annähert. Personen und Ereignisse ziehen sich auch so an, keiner weiß warum, der innere Sinn aber, der ist nur fühlbar; nie erklärbar, du wunderst dich ja auch, wenn das Telefon  läutet, du hast eben an Pia gedacht, und sie ist am Apparat;. und eigentlich müsste ich meine Personen, da sie ja zum Teil in der "Zukunft" leben, oder solche, wie mein Doppelgänger Nicco, in der Vergangenheit, aber auch jene, die "dort" sind, wie Mattioli, gleichzeitig hier jetzt "mitfühen", in  mehreren Spalten, dass sie sich aber dann ihre Bewusst­seinsströme verschränken, überschneiden: sie selbst dann plötzlich hier auftauchen wie Geister. Und ich oder du bei ihnen auch als Phantom erscheinen. Was allerdings gefährlich sein soll, Verstörungen  hinterlässt.
     Weißt du, was mich ein wenig stutzig macht? Du sagst, es vergehe eigentlich keine Zeit, es geschehe alles gleichzeitig. Dabei sehe ich doch, wie mein Vater altert, sich verändert,.. Und wir, du hast doch vorhin dein Lamento  angestimmt! Das Gesicht ist auch im Spiegel zu sehen.
     Es gibt wirklich nur diesen Augenblick. Sonst nichts. Das heißt, auch er ist schon vergangen. Und das Gedächtnis, die Fakten selbst sind  vergangen. Und auch dein Körper ist nicht der, den es vor einem halben Jahr gegeben hat. Es  sind ganz neue Zellen, die ihn möglich machen. Das Erscheinungsbild  aber ist da, nach einem bestimmten Wissen, das zu deinem Bild gehört, und dieses dann herstellt. In diesem Wissen ist nicht nur das, was gewesen ist, sondern auch das, was sein wird,  gespeichert.
     Das ist so schwierig, kaum zu verstehen, sagte L..
     Aber nur, weil wir so eng denken, nur faktisch, also in einer Illusion gefangen sind. Denn eigentlich ist jene andere Möglichkeit viel plausibler undunserer  Reife näher, sagte ich. Ist nicht auch die Zukunft andauernd da. Denk nur, du fährst doch jetzt genau diesem Gedanken nach: ich will jetzt nach Hause kommen. Alles andere ist dieser Zukunft untergeordnet, die doch herbeiführst, verwirklichen.

Aber ich kann nicht umhin, diese Gedanken auch konkret, im neuen Zeitbewusstsein weiter verfolgen:


Die besten Köpfe im Westen, wie Foucault oder Derrida, George Steiner, Paul Virilio oder am genausten vielleicht Jürgen Ha­bermas in seiner schon 1984 erschienenen Untersuchung "Die Krise des Wohl­fahrtsstaates und die Er­schöpfung der utopischen Energien", haben auf das Scheitern der Moderne und ihres Fortschrittsgedankens seit 1789 hingewiesen; und diese Skepsis gab es schon in der "Dialektik der Aufklärung" von Horkhei­mer und Adorno. Was neu ist und bei Althus­ser bis in den Wahnsinn hinein durchlebt wird, spricht auch Habermas aus, dass näm­lich "die Erschöpfung utopischer Energien nicht nur eine der vorübergehenden kultur­pessimistischen Stimmungslagen anzeigt, sondern tiefer greift. Sie könnte eine Verän­derung des modernen Zeitbewusstseins überhaupt anzeigen." Dass sich nämlich die "Struktur des Zeitgeistes und der Aggregatzustand der Politik" radikal verän­dern, dass wie vor 200 Jahren "die Paradieseshoffnungen mit der Verzeitlichung der Utopien ins Diesseits eingewandert sind," so würden heute "die utopischen Erwartungen ihren säkularen Charakter verlieren" und möglicherweise wieder transzendenten, grenzüber­schreitenden Charakter annehmen, wie Habermas vermutet, um diese These dann so­gleich zurückzunehmen, als habe er Selbstverrat geübt. (In: Die Moderne ein unvollen­detes Projekt, Leipzig 1992). Dass wir aber an einer Zeitgrenze angekommen sind, wie es auch bei Steiner oder Virilio anklingt, und wie es vor allem die moderne Quanten­physik und ihre längst im Hintergrund der Geschichte wirkende imma­terielle Licht-Rea­lität anzeigt, lässt sich nicht mehr leugnen, dass allerdings alte Theorie, Alltagsdenken und Politik hinter­herhinken, ist auch offensichtlich. Das Un­sichtbare nämlich ist heute mehr denn je die Hirnsyntax der Ge­schichte. Nicht nur die Tatsache der Vernichtung ist da, sondern damit verbun­den ein radikaler Bruch mit der Körperwelt. (Doch auch ihr Aufstand, Aufstand der Enge in den Ethnien und alten Machtkonstellationen). Wenn nicht alles täuscht, steht seit einiger Zeit schon ein Paradigmenwechsel an. Un­ser Weltentwurf scheint an eine Grenze gekommen zu sein, wo es auf gewohnte be­griffli­che oder anschauliche und sinnliche Weise nicht mehr weiter geht. "Die Wis­senschaft führt an eine Schwelle von Erfahrung, die sich der Meditation, aber nicht der Reflexion erschließt", heißt es bei Carl Fried­rich von Weizsäcker, "dies ist vernünf­tig. Das begriffliche Denken kann ein­se­hen, dass es den Grund seiner Möglich­keit nicht begrifflich bezeichnen kann." (Im Garten des Menschli­chen, 1977, S.166). Wenn hier also die Grenze unseres Weltentwurfs ist, wie soll es dann weiter gehen? Auf die gleiche Weise, wie Quantentheorie, Elemen­tar­teilchen­physik und Relativitäts­theorie das vor­herige, das newtonsche Weltbild, damit das Kausali­tätsgesetz, die bis­herige Vorstellung von Raum und Zeit in Frage gestellt haben, müssten nun heute gel­tende "Naturkonstanten", die wichtigsten sind die "Licht­ge­schwindigkeit" und die Hei­senbergsche "Un­schärfe­relation", die die Möglichkeit des Forschers ein­schränken, überschritten werden. Dieses wäre - auch nach Ansicht der Experten der Ansatz für den nächsten Welt­entwurf: "Die Verbote der Überlichtgeschwindig­keit und der überreinen Fälle (Heisenbergs Formeln) fordern aber... den Forscher geradezu auf, nach den verbotenen Vorgängen zu suchen". (K. Popper, Logik der For­schung,1971, S. 197.) Tat­sächlich ist schon jetzt der Wissen­schaftsentwurf bei der Über­lichtgeschwin­digkeit angekom­men, denn die Überschrei­tung der Licht­geschwindig­keit ist in dem uns be­kann­ten Bereich der Welt nur menta­len Prozessen möglich. Und diese Prozes­se sind es heute, die mit einer durch­schlagenden Evidenz Ge­schichte ma­chen: Denken wird objektiv, lernt sich als ma­thematische Struktur selbst denken, er­fährt sich als Ort, wo Naturgesetze offenbar werden, wird praktisch und be­herrscht im Gerät die Natur und die Gesellschaft. Die Tatsa­che, dass es gelingt, durch mathemati­sche Strukturen so weit vorzudringen, z.B. "Materie" als "integrale Differential­rech­nung in einem vierdimensionalen Raum" zu fassen (nach Planck), in geistige Prozesse aufzulösen, zeigt deutlich, dass der Mensch und sein Wissen in eine andere, als in die Körperwelt gehö­

Dann die Spirale der Reife in der Menschheitsentwicklung, aber auch beim Einzelnen, wenn er alt genug wird! Eine Art geistige Ontogeneze,  die ein  Spätwerk immer krön, und das späte Tagebuch oder die späte Tagebuchzusammensetzung früherer Tagebucher erst in der Wiederkehr zum Werk macht: und ich denke ans ontogenetische Grundgesetz:

Keine Ewige Wiederkehr des Gleichen also? Unvereinbar mit dem Übermenschen? Denn die Wiederkehr ist nichts als eine Spirale des Sichsteigerns in Reife, wie bei Hegel, das Reicherwerden mit dem Erinnern, das Nietzsche etwa ablegen will Ein andauerndes AUFHEBEN und Wandeln. Über den Tod hinaus. Triumph also: „Die Untergehenden liebe ich mit meiner ganzen Liebe: denn sie gehen hinüber… Denn ich liebe dich, oh, Ewigkeit.“ Na also. So spricht ein Kranker, Gescheiterter, am Leben, an sich, an den Frauen Gescheiterter?
Aber gegen das begriffliche Denken, das er verhöhnt und „das Leben“ setzt, den Antrieb, wie er in einem Brief an Lou schrieb „Geist? „Was ist mir Geist! Was ist mir Erkenntnis! Ich schätze nichts als Antrieb… Ich bin –„ ( Etwa 1882, 81 hatte er den Zarathustra begonnen).

Eben, die Entelechie, der Daimon! (Vgl . meinen Aufsatz für Anima!) Das Apriorische eben auch. Der KERN.

Am besten In „Jenseits von Gut und Böse“. Gegen das Begriffliche. Wie es Weizsäcker formuliert. Nämlich Wissen als nur „Stufen des Scheinbaren, auf diesem Grund des Falschen eigentlich erhebt sich Wissen und Wissenschaft, anstatt auf dem des Nichtwissens. Das ist genial. Und kommt zu Heisenberg und Weizsäcker.





                                                   


                                                       KORSIKA




                       Cucuruzzu an der westlichen Steilküste
So war es auch in Cucuruzzu, der Steinzeitsiedlung, gewesen; das Erlebnis nahm mich ganz ein, als wäre es ein Traum: schon auf dem Weg nach Cucuruzzu... Sinn fällt aus, ich vergesse, wo ich jetzt bin, alles ist zufällig, wenn wir uns selbst vergessen, denn wir sind das Tor zu ihnen. Wer? Wer verhilft uns dazu, die unsterbliche Geliebte in uns, um uns, Maria, Laura, Beatrice... zu entdecken? Das Leben eine große Vorläufigkeit - wir, die Ungeborenen, und die Toten träumen uns?
     Wie war das gestern gewesen, ich war mit L. in Richtung Aleria gefahren, kurz vor dem Städtchen kam uns ein weißer Peugeot in rasendem Tempo entgegen und schnitt eine Kurve; der wäre mit uns fast zusammengestoßen. Und noch zweimal schnitt mir der gleiche Wagen später die Kurve, einmal bei Bonifacio und dann an der steilen Westküste, wo die engen Kurven über der Steilküste sehr gefährlich sind, zu eng für zwei Autos. Jedesmal machte der schwarzbärtige Mann am Steuer die gleiche drohende Handbewegung, und die drei Frauen auf dem Rücksitz sahen böse durch das Heckfenster, so dass ich unwillkürlich schneller fuhr, und bei der nächsten, noch engeren Kurve, wäre ich fast mit einem anderen weißen Auto zusammengestoßen... Beim viertenmal fuhr der Peugeot aus einem Feldweg ungeniert auf die Landstraße, die nach Cucuruzzu, einer vorgeschichtlichen Burg mit Menhiren, führte, so dass ich ihn fast am Kotflügel gestreift hätte. Zufall, ja, nichts als Zufall. Was ist Zufall? Es gibt vielleicht Gegenden, wo es leichter fällt, etwas von all den Zeichen zu bemerken, die sonst spurlos an den meisten Leuten vorbeigehen, als sei ihre Seele eins mit der Illusion der Zeiger; hier in Cucuruzzu passierte andauernd Geheimnisvolles, weil wir uns Zeit genommen, der Zeit die Zeit genommen hatten, und so einiges sehen konnten: Ob diese Touristen hier im steinzeitlichen Kastell nicht auch erschrecken, wenn sie neben dem uralten moosbewachsenen Weg zur Burg der Steinzeitmenschen plötzlich ein Gesicht im Stein erscheinen sehen, es liegt da am Boden, sieht herüber, ein Gesicht mit tiefliegenden Augenhöhlen, einer gebogenen, sehr langen Nase, einem ekelhaften Mund mit dünnem Bart, ein Mund , der viel zu hoch liegt. Auffällig - die riesenhaften Ohren. Einfach so ein Gesicht aus Landschaft, Gras, Bäumen und Lichtflecken; erschreckend vor allem die Ähnlichkeit mit dem Mann im weißen Peugeot. War dieses nun eine Projektion, eine Art erregte Rückkopplung der Phantasie, Suggestion? Ein Rückkopplungsprozeß der dimensionalen Wahrscheinlichkeiten, der sich dann aufschaukeln könnte, wäre er nur einmal unter günstigen Bedingungen in Gang gesetzt worden, wie hier ja auch; äußerst schwierig ist aber der Start bei Vernünftlern, die nichts zulassen, und auch nichts sehen wollen, weil die unüberwindliche Barrieren zu überwinden haben, und weil uns hier in unserer Selbstbetrachtung alles, was um uns ist, realer erscheint, als alles andere und uns Fremde, natürlich auch sie, die Toten, da wir uns in unserem Bewußtsein selbst reflektieren, während Bewußtsein aus jenem anderen Land, aus dem bekanntlich niemand wieder-kehrt, nur sehr vorübergehend als Spiegelung in unserem eigenen Bewußtsein erscheint, wenn überhaupt und recht selten. Doch darf nicht vergessen werden, dass sie, wie sie es selbst sagen, aus uns und von uns geformt werden, und auch für bestimmte Verbindungen, die so erscheinen, als wären sie Gespräche mit Toten, nur scheinbar einen von uns unabhängigen Charakter annehmen. Nichts, nichts läßt sich sagen...
     Doch schon die normale Außenwelt war phantastisch: Es war heiß, die Luft flimmerte, die südliche Sonne brannte auf Schädel und Felsen; der Schatten unter den alten Ölbäumen war angenehm wie ein Zuhause, ein Ausruhen nachmittags um drei hinter geschlossenen Läden der Stadtwohnung. Doch jetzt standen wir unter der senkrechten Mittagssonne. Eine unsichtbare Stimme flüsterte; stechender Schmerz an den Schläfen. Vor dem Tod siehst du, wie in einem Film, Szenen aus deinem Leben vorbeiziehen. Wer war das gewesen? Der Alte? Ich fröstelte. Hatte ich vielleicht wieder Fieber? Auf den Steinblöcken und der Umfassungsmauer saßen überall kleine Jungen, jauchzten und sangen ganz unmotiviert fröhlich einzeln und im Chor. Ein kleiner Hund lief in der Gegend herum, winselte und jaulte erbärmlich. L. küßte mich, was selten geschieht, gab mir in der Höhle, in einem Kult- oder Grabraum, an dessen Eingang gespenstische Figuren mit Totengesichtern zu sehen waren, ein Raum, in den wir uns vor der Außenwelt und ihrer Hitze retten wollten, plötzlich einen ihrer heftigen und verzweifelten Küsse, so, als wäre es der letzte - und dann nie mehr wieder! Ich war überrascht, denn das tat sie sonst nie. Vom Eingang her sahen ein Alter mit einer Art Baskenmütze und schwarzen Augen, und gleich über ihm ein anderer Steinkopf, militärisch mit bärbeißigem Gesichtszug und weißem Nietzschebart, Schweinsohren und Schweinsäuglein schweigend zu. Ohne sich zu wundern, eher in totalem Einverständnis mit jener aufbäumenden Ruhe der Verzweiflung, die im Augenblick des Kusses alles in sich hatte, als würde genau jetzt ein neues Leben entfacht werden, das den Tod überlistete (oder von neuem auf die Welt brachte?). Irgendwoher flüsterte wieder jene Stimme des Alten, doch ich konnte nicht verstehen, was er sagte. Ich starrte in den Raum hinein, sah aber nichts, das blendende Mittagslicht hatte mich fast blind gemacht. Starrte da hinein, als wollte ich die Stimme sehen! Es war so, dass diese Stimme tatsächlich einem fremden Gedanken angehörte, der aber deutlicher in mir mitschwang und so zu einem eigenen Gedanken wurde. Ich kehrte mich wie unter einem inneren Zwang um, L. sah mein blasses Gesicht, sie hatte wohl hier meine Krankheit fast vergessen, und fing, wie jedesmal, wenn es mir schlecht ging,  an zu weinen. (Erst ein Jahr war seit meiner Krebsoperation vergangen!) Strich mir zärtlich übers Gesicht und über das Haar. Doch der, den sie erreichen wollte, war weit weg, weil er so ganz in der Nähe aufging. Es war eine Pinie neben dem Eingang, von der Wellen auszugehen schienen. Ich riß eine einzelne Nadel ab, als könnte ich das Geheimnis der Dinge auf mich nehmen, ganz weggehen, ohne mich zu entfernen, ohne mich von der Stelle zu rühren, und fühlte mich sehr, sehr weit entfernt, jener dort hatte die Piniennadel an die Nase gehalten, dieser krudgrüne harzige Geruch kroch in ihn, eine Spaltung zwischen mir und ihm entstand, und es schien mir dann plötzlich, als habe der Geruch eine Stimme, die Stimme der Piniennadel, wie im Märchen, als erzähle die Natur mir, nicht ihm ein Märchen, geschah etwas mit der Nadel, sie begann sich mit dem Licht zu vermischen, vibrierte langsam auf Grün, und löste sich in flackernde grüne, dann immer blendendere Lichtwellen in meiner Hand auf ... es war wie ein Wunder, die Lichtwellen bewegten sich ungeheuer schnell, und ineinandergeschobene Spiralen waren innen in der Nadel zu sehen, ihr wohlvertrauter Geruch flackerte plötzlich stark, die Luft selbst fing zu glühen an, und das so entstandene innere Feuer in den Dingen breitete sich immer weiter aus und erfaßte den ganzen Pinienbaum, der wie ein Feuerrad vor mir, dem in zwei Personen Gespaltenen  stand, Feueradern, Feuerarme die Äste ... sekundenlang durchfuhr ihn, nicht mich, ein lähmender Schrecken - war sein Gehirn in Unordnung geraten? Denn die ganze Umgebung verwandelte sich gleichfalls in ein Meer aus lebendigem, aber unwirklich fernem Licht, ja, es war fern, blendete, und war doch wie nicht da. Ähnliches, nur viel schwächer, hatte ich bei meinem ersten LSD-Rausch erfahren, das Moos wurde grün-durchsichtig, der Pinienbaum strahlte innen ebenfalls ganz hell; doch plötzlich wurden auch meine Hände blendend durchsichtig wie ein Strahlenkörper... Das ist der Tod, dachte ich, blieb aber ganz ruhig, kein Schrecken mehr, alles schien so wunderbar und schön ... wir waren mit der Landschaft jetzt eins, und völlig gesichtslos, die Hände, die Beine, auch Rut neben uns, gehörte unterschiedslos zu diesem blendenden Lichtmeer, Schattenkonturen waren noch auszumachen wie auf dem Negativ eines Films oder in einem Röntgenbild."
      Da erinnerte er sich, dass auch die drei Frauen im Peugeot wie gesichtslos gewesen waren.




                           Korsika. Die Bucht von St. Florent

Hier  in der Bucht / nahe am Landesteg –
hier hatte schon Nelson geankert –
heller Morgen blitzendes Feuer/ Atome der Sonne
an der Steilwand von Capraia gestern versteinte Gespenster
Gesichter, meines und das meines Vaters
Köpfe/ Stein-Kultur/ Hirne winden/ Spiralen bis hinab zur Naht
die reißt: sieh, hier wollte ich kurz sein und nun wars doch
ein ganzes Leben
als fremdes Gespenst!

Jetzt Eukalyptus am Ufer/ und hier kalt die Schwärze des Wassers
am Ufer aber greifen die Hände sind Blumen rot und weiß
wie die Schechinah der Oleander ins Auge getönt.

Alles scheint nun ein Topos/ Bücher greifen in mich ein
wie Zahnräder und  Technik dichte exakte Gegenwart
VHF bringt lebensnotwendige Wetternachrichten
unendlich soll es strömen durch mein Hirn/
der Golf aber ist eine Sackgasse/
stehend sumpfig das Ende.

In die Steine hinein will ich hoffen
daß mich die Atome noch mögen
und das Licht/ kreisend in meinen Neuronen
einsam  ist jeder der nach Osten sieht.

Sonst aber bin ich im Paradies
zart gezeichnet die korsischen Berge aus Dunst
weiß die Kontur/ und darunter Masten
kleine schwankende Finger die sich selbst
den Himmel anzeigen/ gestohlene Lust/ Zikaden
und Krähen zum Plätschern des Golfes
Sonnenglut blinkt/ und der Stift
schreibt ab/ was ich zu sehen meine/
mich.

Dort die Musik der Landschaft
endlich höre ich sie mit den Wolken
noch zwei Schiffe vor mir vom Mistral
in Streifen geschnitten über dem rötlichen Berg
in mir aber anstatt der Musik eine Null
die an mich grenzt / nur manchmal Erschrecken
daß ich noch da bin



   Liebe auf Reisen   
                                    Strassburg. Mont S. Odile


Und dann fuhrst du los in Richtung „Überraschung“. Gings jetzt schon los mit der topographischen Verwirrung und Verirrung… ich glaub nicht, du musstest ja nur Richtung Strassburg fahren,, über die Grenze, über die Rheinbrücke… ach, ja, ohne jede Kontrolle… ich hielt deine rechte Hand in meiner, den kleinen warmen Vogel, du mit der linken das Steuer, meine rechte streichelte dein Gesicht, auch die Linke deinen Nacken, deine Haare, deine dann freie Hand auf meinem Schenkel; und manchmal schien es mir, als hättest du gern auch den Delphin begrüsst, dachtest wohl, es sei zu früh;  ich wusste ja auch nicht, wie weit dein „Keuschheitsgelübbe“ ging, hatte mir vorgenommen, nie den ersten Schritt zu tun, nie zu irritieren, zu warten, was geschehen würde, alles sollte so sein WIE ES IST, wie es sich  aus unserem Zusammensein ERGAB. Ergeben, oh, NEIN. Ich weiss nicht mehr, was wir redeten. Dein feines Gesicht glühte; meines auch. „Oh, ich bin so glücklich, oh, ich bin so glücklich, dass du hier bist, dass es dich gibt“, sagtest du mehrfach. Und nein, nicht viel reden wolltest du; ich versuchte zu erzählen, von Schloss Horneck, meinen Werk-Archivsorgen, dem Leseabend, auch von deinem Freund Pierre, dem Doktoranden. Es interessierte dich nicht, du hörtest kaum zu, warst nach innen dir und mir zugewandt, unserer so stark spürbaren Präsenz; ich fühlte, wie deine Aura in meine tauchte, sie vergrösserte, stärkte, wie sie sich vermischten. „Ich möchte nichts, nur diesen Zustand, dieses Glücklichsein geniessen, dass du DA bist. Wirklich da bist; oh ich fühl dich so!“ Nur nah, nur das Jetzt, nichts anderes sollte sein. Und du strichst mir über das Haar, das  Gesicht, die Augen „Oh, deine Augen, ich hab hineingesehen, die meerigen gesprenkelten Augen…“ Und plötzlich sagtest du so Unerwartetes, dass ich noch mehr Fuss fassen konnte im Augenblick mit dir, das alles wegwischte, was mich bisher so unsicher gemacht hatte: „Du hast ein so schönes Gesicht, ich möchte immer nur in dein Gesicht sehn… Und du hast gute Falten, so gute Falten, Lebenszeichen sind das.“
Und nachdem du mir gestanden, dass du die Sonnenblume heute gestohlen hattest, nachdem du auf die Rheinauen zeigtest, als wir über die lange Rheinbrücke fuhren: „Sieh, da laufe ich jeden Tag, jogge ich jeden Tag, du weißt“ „Ja, ich weiss, immer kurz vor der Dunkelheit!“ „Ja“. Da sagtest wieder so Unerwartetes, fingst an über mich zu sprechen…

Und wir waren schon in der Nähe von Strassburg. „Sollen wir reinfahren. Die Cathédrale sehen, wo ich am liebsten bin? Oder weiterfahren?“ „Fahren wir doch zum Münster, Liebste, ich möchte dort sein, wo du am liebsten bist, jenes Zentrum deiner Stadt zusammen mit dir erleben, ja? Vielleicht stehen wir dann gemeinsam unter jener Strahlung, die es in jeder Kirche gibt, dort aber unvorstellbar stark sein muss!“
Diese wundervolle Gemeinsamkeit! Nur eines wolltest du nicht, dass ich dich filme. „Nein. Ich will keine Bilder, ich möchte, wir sollen diesmal alles nur innen mit nehmen, erinnern, dass es unendlich, dass es grenzenslos für uns bleibt!“
Wir parkten auf dem Vorplatz  des Münsters an einer Ecke, nahmen nur das Aufnahmegerät mit, „hier wird viel geklaut!“; Arm in Arm, du hattest mich am Arm genommen, und wir gingen zum erstenmal so als Paar über die Strasse, gleichgross… „Sieh, wie wir zusammenpassen, wir passen so wunderbar zusammen!“ sagtest du. Und so traten wir ins Münster  ein, gingen das ganze Mittelschiff in dem riesigen Dom dem Altar zu; und oh, Wunder, plötzlich Orgeltöne, als wären wir ein Hochzeitspaar, und so empfanden wir es auch, wie eine erste wundersame Einweihung, als hätte alles nur auf uns gewartet.  Ich werde diesen stillen, wortlosen, fast wie in uns hallenden Augenblick nicht vergessen; du schmiegtest dich fest an mich, und sagtest: „Ich fühl mich so geborgen mit dir!“  Und ich sagte: „Ach, es ist wie eine Trauung unserer geistigen Ehe!“ Und das Dämmerlicht, das durch die Glasmalereien  mit den heiligen Figuren fiel hatte unsere Gesichter so sehr ins Gleiche dunkel verändert,  dass sie heller und ineinander zu verschmelzen schienen, die Augen vor allem, diese gemeinsamen Blicke, die diese sanfte göttliche Ruhe aufgenommen hatten und wieder und wieder ineinandersahen, nein, satt wurden sie nie.
Vor dem Altar suchten wir den „Punkt“, dieses erlösende Schweben, und ich sagte, in Florenz ist er immer da, doch genau unter der Brunelleschi-Kuppel; Hier gab es die Kuppel nur über dem Altar und dorthin führte für uns kein Weg; als wären wir ausgeschlossen.
Du nahmst dann zwei Kerzen, wolltest 20 Centime, wir hatten sie nicht, ich blieb einen Augenblick allein, du gingst wechseln; und ich kam mir plötzlich ohne deinen Arm, deine Hand  einsam und wie amputiert vor, als wäre jetzt das Münster viel zu gross für mich. Ich suchte dich mit den Blicken, da endlich tauchtest du aus dem Dunkel auf! Und nahmst gleich wieder meine Hand. „Für meine Oma sind diese Kerzen, sie hatte mich darum gebeten, und jedes Mal zünde ich welche für sie an.“ „Vielleicht sieht sie uns jetzt, wird sie spüren, dass wir uns gern haben.“ Sagte ich vor dem Kerzenmeer vor mir. „Sicher wird sie es spüren. Ich bin ja so glücklich! “ Wir sahen uns noch die astronomische Uhr an, die wie ein zweiter Altar da stand. Und unter den Ziffern, dem Glockenwerk der Totenschädel… „Die Zeit ist der Tod“, sagte ich. „Aber auch das Leben“. „Ja, das Leben, das sich dem Tode zubewegt“. „Wir wollten nicht darüber sprechen!“ „Nein“.
Dann verliessen wir – schweren Herzens - denn wie schön war diese Geborgenheit zusammen hier, den Dom. Als wäre eben diese Zeitschlag ausgeschaltet in den Ton der Stille und der Orgel getaucht und aufgelöst. Und in unseren Herzen, die mitklangen. Ja, diese Stille, die uns schützte! Gegenüber vom Münster wollten wir noch das  Musee Notre Dame sehen. Doch es war nicht geöffnet. Daneben ein Plakat mit dem St. Odilienberg. Du zeígtetest es mir, sahst mich von der Seite an: „Kennst du es?“ „Ja, freilich kenne ich es“. Etwas wie Enttäuschung war auf deinem Gesicht zu erkennen.          „Jetzt fahren wir aber los, sonst wird es dunkel.“ „Ja“. Wir fuhren durch die Stadt. Du zeigest mir noch deinen Radweg zur Uni. Dann  verliessen wir Strassburg fuhren entlang an alten Fachwerkhäusern. „Ja, ich hatte mich in Strassburg vor Jahren schon verliebt, und wollte immer wieder kommen; es kam nie mehr dazu bis heute, und jetzt?...“ Mit Michi und Magdalena war ich vor vielen Jahren hier gewesen, und damals hatte es uns die astronomische Uhr angetan!“
„Wir wollen sie vergessen, den anderen Ort mitnehmen.“ „Altar UND Uhr, wir haben genau drei Tage!“.
Warst du so nach innen gekehrt, so verwirrt von all diesen Eindrücken,  dass du die Strasse dann zu deinem Ziel, dieser Überraschung, nicht fandest? Du fuhrst einfach irgendwohin. Und ich sagte, „schliesslich ist es ja egal, wohin wir fahren, wichtig ist, dass wir zusammen sind.“ Dann aber schien die Route doch richtig zu sein..

Nach Rosheim… zur Kirche zu den fickenden Ungeheuren. Da standen wir davor, und oben auf dem Dachfirst gings los, „ja, damit die Hölle weiter ihre Nachkommen hast“, sagtest du, siehst du sie dort? Ja. Wir gingen um die Kirche herum, überall diese minitotenmasken und köpfe, womöglich Patrizier.  Solche enorme Ausdruckskraft hatte jeder einzelne. Erstaunlich.
Und dann zum jüdischen Friedhof durch den Wald. Wo ja auch der Josel von Rosheim begraben sein muss.
Wir gingen hinein, in der Ferne ein unheimliches Licht, eine grosse Stille. „Warst du auf dem jüdischen Friedhof in Prag“. „Ja, beim Baalschem auch.“
„ Wenn du dir vorstellst, das unter jedem dieser vielen Steine, die uns jetzt so ansehen, schattenhaft zu leben scheinen, ein ganzes abgecshlossenes Leben liegt, dann kannst du gar nicht einfach so vorbeigehen, jeder Schritt ein ausgelöschter Lebenslauf. Eine merkwürdfiger Zeitstillstand. Im Rücken das Dunkle des Waldes, vor uns das Licht und die Offenheit der Ebene. Und des Himmels.
Zwischen den Grabsteinen gingen wir dann durch ein Gatter zum älteren Teil.  Da bekamst du plötzlich Angst vor den im ältesten Teil des Friedhofes grasenden Ziegen. „Die hatten mich das vorigemal umringt, als wollten sie mir was antun. Komm, wir gehen hinaus.“ “Aber ich bin ja bei dir, ich beschütze dich doch!“



                               Struthof

„Mein lieber Ich,  weißt du noch unser Ausflug ins Elsass? Und  unser Kloster S. Odile? Der Berg, unter uns die Ebene, und alles unvergesslich, alles ein Lebensereignis, jeder Augenblick erfüllt, das IST doch erfüllte Hoffnung, nicht, und ich weiß noch alles so gefühltgenau: Die Sonne schien schneidend vom Himmel, als ich aus dem Nebelfeld hinaustrat in die Höhe und unter mir das Weiß der Ebene. Die Haut wurde warm und ich spürte, wie die Pigmente sich veränderten unter den Strahlen und mein ganzer Körper nach Frühling roch.
Mein Herz erinnerte sich an den Spätnachmittag, als wir durch dieses Tor traten und uns die Zimmerschlüssel geben ließen. Mein Gott, wie sehr ich Dich liebte!
Ein Jahr ist vergangen, ein ganzes Jahr. Ist es Dir bewusst? Die Sonnenuhr wirft Schatten, der Sand rieselt und die Körner werden weniger.
Ich spürte noch einmal Deine Hand, die mich nicht loslassen wollte, Struthof, Le Champs du Feu. Der Himmel war so tiefblau und die Farbenpracht der Herbstwälder überwältigend. Der Blick bis zum Donon, oben, auf den chaumes des crêtes, und gegenüber, aus dem Nebelmeer hervorragend die feinen, dunklen Linien der Schwarzwaldgipfel.
Ich zog den Mantel aus und lief die Ärmel nach oben geschoben über die Hochebene, umarmte die Bäume und raschelte durchs Laub.
Ein Jahr ist es her. Es regnete und ein paar Verrückte liefen einen Marathon.
Ich fühlte Dich an diesem so fernen Tag vor 12 Monaten mehr als ich mit Worten sagen konnte, ich fühlte deinen Grund und Boden und Deine Hand war das Futteral, in das ich Dir mein Herz legte. Wie oft hast Du mir gefehlt und wie wenig ist doch real geschehen.
Dieses ist das Wirkliche und die Hoffnung, dass wir uns wiedersehn…
Noch einen schönen Abend,
Hel.“

Sie erwähnte eingebettet ins Wirkliche der Liebe das KZ Struthof nur wie nebenbei, als wollte sie es mir als zu starken Vordergrund in all meinen Argumenten vorwerfen! Ja, damals hatten wir es gemeinsam gesehen, und ich schrieb ihr:
Ja, weißt du noch Hel, bei Schirmeck kamen wir zum KZ Struthof. Ich hatte dir erzählt, dass ich in meinem Haus eine Zeichnung vom ehemaligen Buchenwald-Häfttling Muzic an der Esszimmerwand hängen hab. „Kennst du Music?“ „Ja. Aber mit so einem Bild könnte ich nicht in meinem Haus leben!“ „Für mich ist es ein Zentrum des Hauses, ein Symbol dafür, weshalb ich überhaupt da und nicht zu Hause lebe!  Es ist der letzte Atemzug eines Häftlings kurz vor dem Tod. Und solche Augenblicke hatte Music im Lager erlebt; erst 1971 kam es als spätes Trauma in ihm wieder hoch. Und er zeichnete diese letzten Lebensmomente der Armen; vielleicht waren es auch Augenblicke der Erlösung. Sicher waren sie das! Und du weißt ja, wie alles zurückreicht in meine Familie, wie viele meiner Leute da beteiligt waren…!“ „Ja.“
Wir hielten. Und das grausam-niedliche winzige Kz lag vor uns, das wie Hitlerhaarschnitt und Hitlerscheitel sauber aussehenden Areal, die farbigen Baracken, der elektrisch geladene Zaun. Der Galgen mit der Galgenschlinge, die im Wind baumelte, der Block. Und im Hintergrund diese Schönheit der Vogesen im Nebel feenhaft geschichtet, ringsum der  Wald.  Ich sagte, „dies will ich nicht aufnehmen, es wäre wie eine Blasphemie.“ Wir gingen nicht hinein. Wir blickten nur hinab ins Areal, umarmten uns. Ein langer Kuss, als müssten wir auch hier etwas reinigen, wir, mit dieser Sprache, mit diesen Lippen, mit diesen Mündern.
Dann fuhren wir an der Gaskammer vorbei. Und du erzähltest entrüstet, dass es hier, gleich neben der Gaskammer, ein Restaurant für Touristen gäbe. „Willst du es sehen?“ Nein. Jetzt reicht es.

    Sie selbst aber hat es viel eindringlicher beschrieben, vielleicht weil sie ohne Vorhergedachtes nach Innen schrieb, und das kann ich von ihr lernen, und hab es immer schon versucht, die „leichte Hand“:
Dann ging’s los mit dem Autschgerl in Richtung Hohwald und rüber nach Schirmeck zum Donon. Ich war mein Kartenleser und ich konnte kaum glauben, dass er das als Seefahrer ja so gut kann und ich ihm da voll vertrauen darf. Ja, das ist etwas, was mir auffällt. Ich kann ihm vertrauen und muss nicht alles selbst machen. Ich kann auch aufhören, „anzukämpfen“. Er übernimmt Initiativen und das ist unheimlich entspannend. Er macht einfach und fragt nicht lang rum. Und was er macht, ist gut. Ob es jetzt das gestrige Herrichten des Zimmers war, oder das Kaufen der Broschüren, oder seine Art am Frühstückstisch nach Nachschub an Brotreserve zu greifen, die Natürlichkeit, neben mir im Auto zu sitzen, den Weg zu finden, er macht das einfach so und ich fühle mich sehr wohl in seiner Anwesenheit, seiner Aura, seinen Bewegungen. Wenn ich ihn ansehe, geht’s mir gut. So einfach ist das. Und so fuhren wir los und lachten über die paar Steinderln von der Heidenmauer „Ist sie das?!“ „Ja…“ und dann ging es durch den Herbstwald. Der Weg ging an Struthof vorbei. Dem kommt Ich nicht mehr aus.
Und ich kann das Thema nicht mehr hören, weil ich es in der Schule bis zum Erbrechen eingebläut bekam, dass ich bis an mein Lebensende eine Erblast auf den Schultern tragen werde, Erbsünde, das Holocaust-Gen steckt mir seit Geburt in den Knochen, obwohl weder Omi noch Opa in der Partei waren, Mami erst 1943 und Papi 1941 geboren wurden und den Krieg nur noch aus Erzählungen kannten. Obwohl Mami ja noch besonders eine starke Erinnerung hat. Die des Kleidchens. Bei jedem Bombenangriff auf Landshut durfte Mami, bevor es in den Luftschutzkeller ging, das weiße Kleidchen mit den Rüschen und der Schleife anziehen. Es war ein Jauchzen, wenn die Sirenen heulten. Und Papi erzählte immer von der Orange, die ihm sein Vater beim letzten Besuch mitgebracht hat, bevor er drei Wochen später in Russland auf dem Feld fiel, d.h. an einem Waldrain erschossen wurde. Und als der Brief daheim eintraf, mit dem Kreuz und dem Adler und den paar Habseligkeiten, die er bei seinem Tod am Leibe trug, da wusste Papi nicht, was es bedeutete, keinen Vater mehr zu haben. Ob dieser Opa, den ich nie gekannt habe, im Augenblick seines Todes irgendwo in der russischen Fremde an seine zwei kleinen Buben und seine Frau gedacht hat? Was denkt ein Mensch, wenn sich die Kugel in seinen Körper bohrt? Wie ist es, so zu sterben? Tut das noch weh? Wie ist es, in ein paar Sekunden Abschied nehmen zu müssen vom Leben, obwohl der Körper noch gesund ist? Opas Erbgut lebt auch in mir weiter. Papi sah aus wie er. Werde ich Kinder haben? Wer wird der Vater meiner Kinder sein? Werde ich Krieg erleben müssen? Werde ich das erleben, wovon ich nicht glauben kann, dass es existiert? Was hat Ich erlebt? Was steht hinter der Narbe über dem Schambein geschrieben? Sehe ich ihn? Warum habe ich das Gefühl, ihn zu kennen? Warum treffen wir uns jetzt, Ich und ich? Wer hat uns zusammengebracht? Gibt es einen Sinn? Sind das die deutschen Fragen? Wir kamen nach Struthof und stiegen aus. Wie gut es war, sich zu umarmen und zu halten gegenseitig. Wie mir das oft fehlt. Wie allein man durchs Leben wankt, trotz aller Arme. Wie mir dieser Arm fehlt. Und wie viele Arme man einfach wegschiebt.
Ich erzählte Ich von Roger Dale, dem ich vor seinem Berlin-Aufenthalt Einzelunterricht gegeben hatte und seinen Struthof-Bildern, dass er als Häftling verkleidet 50 Tage lang mit geschorenem Haupt die Aussicht vom Lager aus malte. Wir regten uns ein bisschen auf, wobei die Bilder von ihm ja wirklich nicht schlecht sind. Und Ich erzählte, dass er selbst ein Bild mit Todesmotiv in zentraler Lage in seinem Haus hätte. Das lässt ihn nicht los. Verfolgt ihn. Verfolgt uns alle. Aber ihn besonders, weil er es erlebt hat durch die KZ-tüchtige Verwandtschaft und dem Terror, der kommunistischen Diktatur, die sich schwupsdiwups anschloß. Und sich diese Fragen stellt, ein paar Jahre früher geboren, was wäre er geworden? Ein Turmwächter? Ein Appelltreiber? Ein gestiefelter Aufseher mit Knarre im Revers? Ein Menschenschinder und folgsames, ausführendes Element der Todesmaschinerie?
Er wird es nie wissen und deshalb braucht er meiner Meinung nach auch nicht herumzuspekulieren. Er ist es nicht geworden, weil er eben nicht dafür bestimmt war. Somit erübrigt sich die Frage. Das Samenfädchen seines Vaters bohrte sich in eben diese Eizelle seiner Mutter Ende 1933 und nicht 1913. Da gibt’s nicht mehr zu hinterfragen.
Er ist da. Jetzt. Er lebt mit mir am Anfang des dritten Jahrtausends. Sein Blick streift keine in Ketten gelegte Arbeiter-Kolonnen, sondern die Seele der Welt, der Menschen und meine, die ich an seine schmiege, wo sie daheim ist. Als wir oben am Zaun über das Areal blickten, sah alles beinah putzig und ökonomisch so perfekt aus, wo der organisierte Tod am längeren Hebel saß. Die Baracken wie Streichholzschachteln. Da meinte er:
„Schau, dieser Galgen, Anja. Denk’ an den, der da hing. Denk’ an ihn. Siehst du ihn?“
Zuerst sträubte sich etwas in mir. Es ist ja so ein Schmerz! Und dann dachte ich doch an ihn und an alle, die dort gehangen haben und ihr Leben aushauchten vor dieser schönen, friedlichen Kulisse der sanfthügligen Vogesen. Die so sterben mussten, weil sie zum falschen Zeitpunkt geboren worden waren. Den Wäldern ist es egal, der Erde ist es egal. Sie liegt da und lebt beständig, bis sie eines Tages von der Sonne verschlungen wird und es werden andere Planeten geboren werden und leben schon da draußen im unbekannten Raum. Wir sind ja nur ein Teilchen, ein winziges Rädchen und selbst noch um so viel winziger. Was ist schon ein Menschenleben? Es ist nichts. Und alles. Wie leicht werden Menschen abgeknallt, in die Luft gesprengt. Und wie schrecklich, wenn der geliebte Mensch Fieber hat.
Ich dachte an diesen Menschen, an die Sekunde vor dem Sprung ins Leere. Der Tod ging durch mich hindurch und prallte an unserem Kuss ab. Wir küssten uns sanft und lang, ein schöner Kuss war das, ein Schutzschild gegen alles Schlimme, was da jemals kommen mag.
Wir fuhren weiter talwärts, an den Öfen und Verbrennungsanlagen des Konzentrationslagers vorbei, wo sich, man mag es glauben oder nicht, ein Restaurant befand! Bon appétit! Ich konnte nur noch sagen, dass ich das nett fände, ein Restaurant „Aux chambres de gaz“ dort hinzustellen, damit sich die Touristenbusse neben den Gaskammern bei Sauerkraut und Riesling stärken könnten. Es hieß natürlich nicht „Aux chambres de gaz“. Aber was will man da noch sagen? Wie kann ein Typ ein Restaurant neben den Türmen aufbauen, aus denen geschundene Leiber pulverisiert in die Luft verpufften, samt ihren Schmerzen und Verzweiflungen, ganz zu schweigen von den Hinterlassenen? Dass so alles möglich ist im Tun und Handeln eines Individuums, das ist nicht nur erschreckend.
Auf der anderen Seite ging es rauf zum Donon. Und alles war wieder heiter. Wir reinigen den Weg. Und plötzlich ging die Heizung!
„Schalt’ doch mal die Heizung runter, es ist doch viel zu heiß!“
Automatisch schob ich den Regler nach links. Und dann erst riss es mich:
„Ich kann die Heizung ausschalten! Ich! Das heißt: sie geht!!“
„Gleich wird auch noch das Radio angehen, wirst sehen!“.
Mann hab’ ich gelacht! Ich hab’ doch nur ein Kabelloch da, wo einst das Radio steckte. Ha, ein Luftradio mit Äther-Musik. Ich trau’ ihm alles zu, dem Romanot! Seine Hände können zaubern.
Er fing dann noch weitausholend mit mystischen Themen an, das wurde mir dann zu viel, ich konnte da nicht mehr zuhören, ich war noch randvoll mit den Eindrücken vom KZ. Dass ich nicht immer zuhören würde, meinte er. Nun, kein Wunder! Mir klingen schon die Ohren! Wir müssten ja tausend Jahre nur reden und uns zuhören. Und dass ich manchmal abwesend sei. Ja, also da muss ich ihm schon Recht geben. Aber ändern kann ich’s nicht. Ich klinke mich manchmal einfach aus. Dann bin ich weg. Weg in meiner Welt. Weg in der Innenstille, wo niemand hinkommt. Wo eine Sekunde ein Jahr ist. Im Vakuum meines Herzschlags ist der Weltraum.

                      Colmar. Der Isenheimer Altar

Wir fuhren los Richtung Colmar. In Dambach sahen wir uns noch die Kirche an. Vor allem die offene Gruft mit dem Berg von Knochen ein ganzes Durcheinander von Köpfen und Gliedern, nicht so schön ornamentiert und mit barocken Mustern  wie in der Kapuzinergruft von Wien oder in Rom via Veneto, sondern so unordentlich und chaotisch wie der Tod wirklich ist, darüber die Inschrift, du lasest sie mir vor, gedankenverloren und du packtest fest meine Hand, dein kleiner Vogel lag fast die ganze Zeit in meiner:
„Was  ihr seid sind wir gewesen, was wir sind, werdet ihr sein!“ Grässlich, und Struthof kam wieder hoch.
„Die sind nur umgebettet worden, der Friedhof wurde aufgelöst, zerstört im Dreissigjährigen Krieg.“ So lang her. Knochen haben Dauer, als müssten sie die Ewigkeit messen. Mein Gott auch Schädel aus der Altsteinzeit und vorher gibt es noch. Denk an das Jüngste Gericht und die Auferstehung.

Dann Colmar, so hatten wirs ausgemacht, von hier über Breisach nach Todtnauberg. Und hattest  schon gestern Trauer in der Stimme, „es wird heute unsere letzte Nacht sein… Ich mag nicht daran denken.“
Wir sprachen im Auto, wieder die Hand in deiner Hand, über den Isenheimer Altar; dass der Name von Neithardt oder Gothardt in Grünewald verfälscht und so geblieben war. Du wusstest es. Und dass das ehemalige Dominikannerinnenkloster im 13. Jhdt. ein Zentrum des Mystizismus gewesen  und die frühgotische Kirche von Albertus Magnus geweiht worden war. Es gibt sie nicht mehr. Und überhaupt diese starke mystische Compassion, das Mitleiden und dieser surreale Ausdruck auf dem leidenden Gesicht. Wir werden es gleich wirklich sehen.
Ich sagte, „diese Auflösung des schrecklichsten Schmerzes bei Christus am Kreuz  auf dem Wandelaltar in Auferstehung, das erinnert mich an Bruckners Achte, an unsre, und an Mahlers Auferstehungssymphonie, die Zweite. Erinnerst du dich noch.“
Ich hätte damals gerne unsere frühere Interlineare bei mir gehabt, und das wunderbare Klopstockgedicht. Ja, Lichtsieg hinauf, wenn man sich mit allem annimmt, DAS annimmt, “erlöst“ werden zu können, wie im Auferstehungsgedicht! Und auch bei Mahlers Zweiter ist es da, schon im Aufbau. Im ersten Satz der Tod. Im zweiten dann Traum und Leben: glückselig-wehmütiger Gegensatz, ja, den ich ja täglich lebe und auch im Schreiben immer empfinde, dieses erschreckende Aufwachen auch, der Schock des Ernstes!! Der jetzt in allem so schön in Liebe und im Zusammensein aufgelöst, aber doch immer mittendrin war; deshalb auch nach aussen kam? Struthof. Dambach. Als gäbe es in diesen Tagen nur unser Ineins von innen und aussen. Und so auch die ernsten Stunde so heiter fast, weil wir uns miteiander, Hand in Hand, vor nichts mehr fürchteten?! Und wieder dachte ich an Mahlers Zweite, die Auferstehungssymphonie: War da im Scherzo nicht auch eine Lebensfluchtsynthese, fast  derb, die dann aber schroff hinweggefegt wird, Phantastik und dann alles zerflatternd ins Endgültige kommt, und fast noch schöner als bei Bruckner, das angenommene, die eigne Tiefe und Liebe? als Auferstehungsmotiv, dieses Weltvertrauen, deines, das du mir vermittelst, SCHENKST! Oh, DU, mein Liebeswesen, meine Liebesfrau, Du, Lieblingchen und Ernst. Wie ich dich darin liebe: „Dein ist, was du gesehnt,  dein, was du geliebt, gelitten.“ Und das hattest du mir gecshickt, mich daran erinnert! Immer wieder! Oh, du tolle Frau, wie sehr ich dich verehre!
Wie oft hab ich dich von der Seite angesehen, und gedacht, immer wieder, wie selbstbewusst und doch weich, wie sanft und lieblich, die Wangen von einer unendlich weichen Zeinung, die man wie Flaumfedern mit denm Blick, der sich darin auflöste, mit den Händen, die immer wieder darüber streicheln, zu spüren meint, und mit der Gedankenbahn der hohen Stirn, so vergeistigt zugleich.. Madonna hatte ich gesagt, gedacht, gemurmelt?
       Oder noch mehr dieses Vertrauen, Welt- und Lebensvertrauen, das deine Ausstrahlung auf mich übertrug, diese Geborgenheit, die von dir ausging, geführt zu sein, nicht allein der nächsten, vielleicht verheerenden Unglückssekunde  ausgesetzt, sondern GELEITET und geliebt, angenommen über dich von allem, was GUT und uns, mir, dir wohlgesonnenen ist,  alles, was da ist, ein Ja, und nur so stark da, weil es ausserhalb jedes kleinen Gedankens und jeder zweifelnden  Deutung, einfach so sein musste, auch du  in deiner ganzen schönen Erscheinung im  dunklen Mantel und mit meiner Mütze auf dem Kopf - kein Zufall, sondern mit allem so wie es sein musste, und aus diesem Sinn kann niemand und nichts herausfallen oder willkürlich im Tun sich entziehen, vielleicht im einzelnen, aber nicht in der ganzen Lebensbahn, von der, das spürte ich deutliche, diese Augenblicke entscheidend waren:
„O glaube
Du warst nicht umsonst geboren!
Hast nicht umsonst gelebt,
gelitten.“

Wo waren wir nur gewesen, was hatten wir gemacht, getrödelt, ja, morgens beim Aufstehn. Die Lust. Und der Schmerz, wie sie zusammengekommen waren. Die Liebe und die, ahc ja… süsse Marter. Später, werde ich sie ganz anders erleben müssen, und war diese kleine Prozedur, die fühlen wollte, nur ein winziger Vorgeschmack. Später dann Schmerz ganz ohne jede Liebe ohne jede Lust. Ich wagte nicht mehr daran zu denken. Doch die Angst hatte mich plötzlich, als wäre das Vertrauen einen Moment in Verlassenheit umgeschlagen… Der Riemen? Ach, was, ists nicht nur ein Spiel, ein Kinderspiel? Dagegen das kleine Sterben der Trennung, des Abschieds, der Tod als letzte Furchtbarkeit. Liebesende nur ein Vorgeschmack?  Nein, ich konnte mir nicht vorstellen, dass es einmal ein Ende haben könnte mit uns. Dass du mich verlassen würdest. Einfach weg, so, von einem Tag auf den Andern. Trennung… heiss stieg die Verzweiflung in mir hoch… Doch hattest du nicht immer wieder gesagt: Versprichst du es mir, dass wir zusammenbleiben, solange das Leben hier auf der Erde dauert?! Ich spürte deinen fragenden Blick.  „Woran denkst du?“ „Ja, an all die Abschiede, an alle… „ „Nein., Liebster denk nicht daran…“ „War da eine Träne auf deiner schönen Wange…“ Ich weiss, du dachtest an den kleinen Abschied, dass wir uns morgen trennen werden… Wenn auch nur für kurze Zeit. Und es wird dann andauernd weh tun, Tag für Tag. Und blitzartig fiel mir die Geisselung,   die Marter  am Isenheimer ein, die aber dann direkt mit dem Himmel verbunden war; ist das ein Abglanz, ist das ein Widerschein des Körperauflösens, ihn mitnehmend? Und auch wir, werden wir uns einmal wiederbegegnen, später… wann ist das? Was ist da außerhalb des Lebens für ein Leben, für eine Liebe… gibt es sie? Ist Liebe wirklich Leben für immer? Ja, so will es der Altar, so klingt es bei Mahler, bei Bruckner…
Und dann mit dieser großen Erwartung, ja, auch dem Vertrauen, dass…
Ich stieß, als wirs sahen, vor dem Museum standen, hervor: „Natürlich, das Museum Unterlinden geschlossen.“  Es war 12,10h.  „Um zwei öffnet es doch wieder, warten wir?“ Sagtest du.  Ja, genau. Wieder und wie selbstverständlich, erwartetest du das Beste. Und ich freilich, wie gewöhnlich, das Schlimmste auch im Kleinen.  Ach, ich muss noch viel lernen von dir, hohe Frau. Ich zögerte.  Und sagte: „Aber heute ist ja Feiertag…  Das öffnet nie mehr heut!„
„Aber ich möchte unbedingt mit dir zusammen den Isenheimer sehen!“ Du hattest ja schon vorher beim Einfahren in die Stadt erstaunt gefragt, was ist heute, ein Feiertag? Alle Geschäfte geschlossen. Nun ja, es war der 11.11. Versailles 1918, Spiegelsaal, der Sieg übers Deutsche Reich wurde gefeiert.
Ich zögerte, aber dann entschlossen wir uns doch zu bleiben. Und wir gingen zuerst zum Dom. Er war weniger gewaltig als das Straßburger Münster. Als wir eintraten wieder die Orgel. Seltsam, in vielen Kirchen wurden wir so „begrüßt“. Und ich wurde wieder heiterer. Und es wurde ja auch wie durch Magie immer alles fröhlich und gut mit dir! Und du holtest aus mir immer nur das Glücklichsein und Fröhlichsein raus, ja, so war ich ja, als Kind war ich so gewesen, auch als junger Mensch, und war es eigentlich im Grunde meines Wesens. Oh, du, so viel weiß ich von mir nur, wenn ich mit dir zusammen bin, zusammen  mit dir die Welt erlebe, indem ich deine Hand halte, dein Gesicht sehe, dich fühle. Und so begann es wieder fröhlich, fröhlich zu werden, wie ich es eigentlich die ganze Zeit mit dir gewesen war, es sein konnte!!
Und schon ging es wieder los: Am Eingang zeigtest du mir eine der Figuren, die deine Freundin Colombe entdeckt hatte. Nur wenn man genau hinsieht, unter die Figur sieht, erkennt man, dass die einen gewaltigen stehenden Schwanz hat. Ich filmte ihn mit Zoom von unten. Und du standest dabei und lachtest. Und wir lachten beide ganz laut und herzlich.
Gingen dann wieder zurück, in einer Seitengasse wusstest du ein schönes Café, das dir auch Colombe gezeigt hatte. Und wir fanden es, traten ein. Ganz wie eine alte Café-Apotheke wirkte es, dachte ich und freute mich, weil ich das so sehr mag, wie du ja auch, wie viel mögen wir doch     gemeinsam, unser Geschmack ist sehr ähnlich, ja, ganz schön altertümlich wars hier Ach, ich erinnere mich, wie wir schon im April uns gleich zu gleich im Geschmack fanden, und es ganz „antik“ haben wollten, alles!
Wir hatten in der  elsässischen „Apotheke“ mit der entsprechenden Besitzermadame sogar einen Platz am Fenster, sahen auf die alte Gasse. Überhaupt dies alte Colmar. Das Elsass war nie zerstört worden. Seltsam als strittiges Grenzland.
Ich trank einen Tee, du Kaffee. 
Und warum lachten wir so viel? Vielleicht weil wir so voll waren voneinander, jede Sekunde war gefüllt, nichts war sinnlos, nie leer, und dann schwangen wir zusammen, sahen alles fast gleich, erlebten so ähnlich, weil wir so ähnlich sind, und Gottseidank auch ganz verschieden…
Und schriebst mir: „ …ich ich sehe das alles auch noch vor mir. Manchmal meine ich sogar DEIN Sehen zu sehen, also durch Deine Augen alles gesehen zu haben.“
Oh, ist das schön, wie du das sagst, ist das möglich? Ich versuchs mir vorzustellen… Wahnsinn, ja … hab ich auch mit DEINEN Augen gesehen? Dein SEHEN gesehen? Das ist eine tiefe metaphsyische liebes-handlung … du mit meinen, ich mit deinem sehen, sehn?! Ja, aber es war wirklich! Ein Herz und eine Seele – und ein gemeinsames Doppelaugenpaar! Und das geht dann ganz direkt ins Gemüt, was WIR gesehen, oft lachend gesehen hatten! So viele Szenen tauchen immer wieder auf.. bei dir nicht? Und auch dein Gesicht sehe ich doch, du meines nicht? haben die Fotos es überdeckt? Mir ging es auch so mit dir, dann wischte ich die Fotos weg in mir und dein in mir lebendes Liebes Gesicht tauchte wieder auf!

Naja, was geschah aber dann wirklich dort in der Caféapotheke von Colmar? Wir zahlten, die Cafébesitzerin in ihrem halbelsässischen Look, bebrillt, freundlich, als wären wir bei ihr zu Hause zu Gast gewesen zum Tee, brachte die Rechnung. Klingeln der Kasse oder der Eingangstür, ich hielt dir den Mantel, ich fühl ihn an meiner Hand, weich, sanft, deine Hülle.  Es ist Zeit, wir gehen zu Unterlinden und zum Isenheimer Hand in Hand wie immer, nun in Colmar, wirklich über die Strasse.

Ja, Unterlinden ist offen. Wir fast allein da. Eintritt, du mit deiner Bibliothekskarte, ich mit dem Ver.di Journalistenausweis. Angenommen.  Dann am Eingang, der dunkle Mann, Inder?, und die helle, blonde(?) Frau, zwischen ihnen die Liebesblicke? Was sagte er? Du hast es beobachtet, wie dir nichts, was von außen nach innen blitzt, entgeht. Du beobachtest alles mit wissendem Auge (der Poesie oft!), die Welt für dich eine Himmelsverbindung mit Tiefenschärfe musikalischer Poesie, wenn man die Alltagsdecke hebt, wie einen Nebel durchdringt!

Kaiser und Könige. Steinfiguren. Kleine gotische Altäre. Unmengen an  vibrierender Kunst da auf dem Weg zum Eigentlichen, dem Grünewald. Und hatten ja schon darüber gesprochen. Verband uns dieses Bruckner- und Mahlergefühl auch nun damals in Colmar neu? Das Klopstockgedicht? Und wir sagten uns, was wir jeweils dachten, dachten es fast wieder gleichgestimmt eins. „Für jedes Bild da  müsste man Lebenszeit opfern, lange davor meditieren.  Hier aber in dieser Häufung erschlägt eines das andere. Ich hab das eigentlich sonst in Bildergalerien und Museen nie, dies Gefühl. Aber vielleicht, weil’s sakrale Bilder sind,…“ Sagte ich.

Dann saßen wir Hand in Hand vor dem Gekreuzigten. Still, kaum redend, aber mit einem Auge sehend, fühlend, was in uns vorging, zusammen, ja, sprachlos. Der Schmerz, des durch Geisselhiebe verwundeten, grünlich totenblassen Corpus Christi, hängend, der Kopf in den Tod geneigt, zum Schreien verkrampfte Finger ins Grausige, Gespenstische, Überweltliche übersteigert, war nur als „Schönheit“ zu ertragen! Der Himmel musste sich bald öffnen…unten die Mutter im Weinen, fast fallend, zurückgeblieben im Hier. Liebe und Schmerz? Und Tod, Liebe, Abschied und Ewigkeit? Fühlten wir es gemeinsam erschauernd, dass auch wir dazugehören, jetzt im Glück, wie alles was auch hier vorher war?  Oder dass Schmerz zur Liebe gehört, Schmerzliebeschmerz öffnet.  Spürten wir sogar die Lust der Liebespeitsche? Ja, einen Moment dachten wir es beide. Dann aber auch den furchtbaren    Lebensernst, der uns auch noch erwartet: der Abschied? Die Wandlung vom hellen Jubel, Verkündigung und Himmelfahrt – auf der anderen Seite?  Fleischgewordener Logos, die Taube. Der Engel. Mutterglück. Und die gotische Kapelle mit den musizierenden Engeln. Die Säulen mit den Geisterpropheten, die schon vom Ende und dem Schmerz wissen? Wandlung zum Ende,  Qual und Leid?
Wir in Absence, verloren im Farb- und Gefühlsrausch zusammen?

Und die Enttäuschung auch an der „Himmelfahrt“, nein, du protestiertest zuerst, als ich sagte, dass Grünewald das Schöne, das Erlösende gar nicht darstellen könne, es werde zum Kitsch, „ja, schlecht gemalt ist diese Lichtflut mit dem so satten, fast feisten Christusgesicht, das da himmelt! Nein, er kann nur die Qual, den Schmerz malen. Das kann er wie kein anderer.“ Sagte ich.

Wir gingen wieder, schweren Herzens, denn es war schon halb vier, und um fünf wurde es dunkel. An einer Apotheke vorbei … und du, ja, du dachtest an mich, drängtest, dass ich nochmals den Magensirup kaufe. Ich sprach zuerst deutsch, der Apotheker antwortete französisch, als habe er nicht verstanden. Auch das hattest du mit dem Herzen gesehen:
          „Ach, der Apotheker, der erst auf dem Weg von der Kasse zum Gitter Deutsch gelernt hat“.

Und Sie: Wir näherten uns der Plaine d’Alsace und die Wolkendecke riss auf. Sonnenstrahlen fluteten den Piemont. Feenlandschaft in Graublau-Schattierungen, von Ruinen bewachter Eingang ins Seelenreich. Am Horizont löste es sich im Himmel auf. Kitschig schön! Nein, eigentlich gar nicht kitschig. Der Blick in das V war ein Rufen nach uns. Das Tal ein weit geöffneter Mund, aquarellierter Gesang der Sirenen, ich wollte da hinein und mit Ich ganz verschlungen werden. Nur wir hätten Zugang gehabt, aber wir verpassten die Ausfahrt und fuhren weiter zu meiner Lieblingskapelle nach Dambach. Beim Durchqueren des Dorfs fiel uns auf, dass alle Geschäfte zu waren. Bis uns klar wurde, dass die Frenchies ja was zum Feiern hatten! 11.11.1918! Stacheldraht, Verdun, Versailles und das Beschließen neuer Wegbereiter zum zweiten Jahrhundertgemetzel. Tröstlich: Die Kapelle stand da wie immer. Man steigt die paar Stufen hinauf und wenn man sich umdreht, hat man einen wunderschönen Blick über das Dorf mit seinem mittelalterlichen Kern, den windschiefen Fachwerkhäusern und der dahinter beginnenden Rheinebene. Wie ich es genossen habe, mit Ich die Kirchen zu besichtigen. Alle. Und dass er Kirchen so gern hat wie ich, das ist schon ein Glück. Die « Armleuchter » ragten aus der Wand und der Barockaltar in dunklem Kirschholz hätte überladener nicht sein können! Ich fielen wieder witzige Bemerkungen ein und bei allen Szenarios, die er so erfindet, tauche ich gleich ein und bin dann dort, war selbst am Schnitzen und der Meister hielt uns noch einen Holzklotz zum Ornamentieren hin. Hinter der Kirche liegt ein verborgenes Ossarium. Eine Art Erdkeller, die Toten aus dem Stadtfriedhof wurden nach den Schwedenkriegen dort hineingeworfen, hat mir mal der Pfarrer erzählt. In der bescheidenen Krypta häufen sich Knochen und Schädel in einem wirren Durcheinander. Da ist nichts geordnet oder feinsäuberlich nach Unterschenkel und Schädel aufgeschichtet. Man blickt in schwarze Augenhöhlen und verschobene Unterkiefer, auf schadhafte Gebisse und bleiche Gebeine, da mögen der Metzger und Tuchhändler, Geliebte und Betrogene, Gefangene und Wächter nebeneinander bis aufs Jüngste Gericht beisammen sein. Über der schmiedeeisernen Tür wurde eine Tafel angebracht mit der Inschrift:
„Ce que vous êtes, nous l‘étions. Ce que nous sommes, vous le serez.“
„Das was ihr seid, sind wir gewesen. Das was wir sind, werdet ihr sein.“
Ich schüttelte es. Wir liefen Hand in Hand zum Auto und nach einem kurzen Stop und Kartencheck vor einer Winstub ging’s weiter nach Colmar. Unsere Hände ließen sich nicht los. Eigentlich gab es selten nur Momente, in denen wir uns nicht an der Hand hielten. Unsere Hände passen ineinander und ich spüre noch die Wärme, die von Romans Hand ausgeht und den Unterarm hinaufkriecht bis zum Brustkorb. Wie verschmolzen wir manchmal waren. Wie unwirklich beinah, jetzt, wo meine Hand alleine ist. In Colmar dann zum Parkplatz, wo ist der Autoschlüssel? Schlüssel gesucht, gefunden („Gib mir doch dann den Schlüssel!“) und losgezogen zum Musée d’Unterlinden. Nomen est omen. 10 Minuten früher, und wir hätten noch Einlass vor der Mittagspause erhalten. So waren wir zu spät und hatten die Wahl zwischen sofortigem Aufbruch nach Todtnauberg oder der Kreuzigungsszene. Ich wollte zum Celan und ich verstand ihn. Andererseits wäre es zu schade gewesen, das hier nicht „mitzunehmen“ und wir rechneten uns die Wegstrecke und Anfahrtszeit aus. Ich wollte den Altar unbedingt mit Ich sehen und überredete ihn, doch noch bis 14Uhr zu warten. Wir schlenderten an einem kleinen Kanal („Was ist denn das für ein trübes Wasser?!“) zum Münster, wo ich Ich in die versteckte Bildhauerkunst mittelalterlicher Gesellen einweihte: den Münsterständer.

Colombe hatte mir einmal den kleinen Colmarer Bürger am Seitenportal des Münsters gezeigt, der in Hockstellung unter seinem Wams und Beinkleid einen erigierten Penis verbirgt, wobei man sich selbst bücken muss, um ihn zu sehen. Der Steinmetz hatte beim Meißeln sicherlich die nachfolgenden Generationen von Voyeuren vor Augen und muss sich wochenlang auf seinen Arbeitsplatz am Seitenportal gefreut haben.
Ich filmte begeistert das Fries, überall ist etwas zu entdecken gewesen, eine lange Reise in ein paar Minuten. Wir betraten die Kirche, Touristengruppierungen ließen sich den Bau und seine Geschichte erzählen, Sankt Martin stand mit Römerrüstung und Kreuz vor dem Altar, eine neo-klassizistische Figur aus bemaltem Holz, heroisch, so, wie ich’s nicht mag. „Wieso hat der ein Kreuz? Ist das nicht anachronistisch?“ Zum Glück weiß Romanle auch nicht alles und wir näherten uns den Insidern im Mittelschiff. Vorne, wo die christliche Gemeinde einen Tisch mit gesegnetem Wein, Grapefruitsaft, Gugelhupf und Brezeln vorbereitet hatte, und wo jeder sich nehmen durfte, was er mochte, fragte ich gleich die Dame hinter der Behilfstheke. Martin war im 4.Jhd n. Chr. römischer Soldat gewesen, bis er zum Christentum übergetreten ist. Martin von Tours hieß er („Ich Herr Lehrer, ich ich ich!!!“) und hat als Mönch bei Portiers das erste Kloster im damaligen Gallien gegründet. Zum Heiligen aufgestiegen ist er, weil er als Soldat vor den Toren Amiens seinen Mantel mit einem frierenden Bettler geteilt hat- so die Sage. Und eigentlich muss ich es ja wissen, hab ich doch als kleines Mädchen auf meinem Pony den Sankt Martin- Festzug durch Landshut angeführt, einen viel zu großen, goldgefärbten Plastikhelm auf dem Kopf und einen schweren, grünen und rotausgeschlagenen Umhang um die Schultern, der bis über den Pony-Hintern reichte. Hinter mir die laternenbewaffnete Kinderschar der Landshuter Kindergärten, was in komischen Fotos festgehalten irgendwo in Mutzendorf modert. Ich weiß nur noch, dass ich dann bei der Sankt Martinskirche den Mantel ausziehen musste, obwohl es arschkalt war, und mit meinem Plastikschwert so tat, als würde ich den Mantel in der Hälfte durchhauen. Die Kindergärtnerin zog in der Zwischenzeit an einem Reißverschluss und weg war der wärmende Stoff. Das war vor 25 Jahren. Tja. O tempo vai.
Ein bisschen erleuchteter mampften wir versalzene Brezeln und sahen uns um. Ich aß auch ein bisschen und trank ein Schlückchen Wein. Der Magen. Ich denke, es war nicht so einfach für ihn, dass er nirgends mit Freuden hinfassen konnte, um sich zu stärken. Verwunderlich schon beinah: Wo immer wir hinkamen, die Leute waren unglaublich freundlich, schon fast so, als hätten sie auf uns gewartet. In den Kirchen ertönte nicht selten Orgelmusik, sobald wir sie betraten und eigentlich baute sich die ganze Welt um uns herum nach unseren Wünschen auf. Wir gingen durch unsere eigene Feenlandschaft über die AnjaRomanerde. So ist es. So ist die Liebe, nicht wahr? So ist es, wenn zwei Menschen zusammenpassen und sich gut sind. Da brauchen wir keine Philosophen mehr.

verließen wir das Café und gingen zum sog. Grünewald. Alles musste schnell gehen, wirklich Zeit hatten wir nicht, H+C riefen. Die Frau an der Kasse zickte zuerst wegen Romans Journalistenausweis, auf dem kein Datum stand, was Ich ärgerte. Die blonde Garderobiere flirtete mit einem indischen Kollegen, ansonsten war es relativ ruhig im Museum. Die beschauliche Stimmung, die ich sonst vor dem Altar bekomme, stellte sich mit Ich aber nicht ein. Er war nervös und unzufrieden, hatte sich wohl etwas erwartet, das nun nicht zutraf, die Kreuzigung, das Leid, meinte er, hätte er ja gut darstellen können, der Grünewald, aber die Glorifizierungsszenen sind reinster Kitsch, das hätte er besser bleiben lassen sollen. Ich fand das so nicht, im Gegenteil, ich liebe diese Spannung zwischen dem tiefsten Leid und der verklärtesten, hellsten Glückseeligkeit. Dass Maria dabei ein bisschen schief guckt und Jesus verhalten aus einer Licht-Wolke heraus die Male zeigt, hat eher was Traumhaftes, die Albgestalten samt Paulus im Gegensatz zum heiteren Engelskonzert. Golgatha und Himmel. Dass aber auch noch Alltagselemente in der Verklärung vordergründig sind, macht die Lebhaftigkeit des Ganzen aus. Ich wäre gerne länger geblieben, ich mag das Museum so gern. Aber wir zockelten nach einem Clogang wieder zum Auto und gaben Gas. Bei Breisach über den Rhein: „Das ist nicht das Schlechteste…“ und dann am Regenbogen vorbei hinein in die dunklen Wolken. Eine irre Stimmung, blauster Himmel, dunkelste Wolken, Regen irgendwo, weiße Wölkchen am Horizont, goldene Lichtfetzen auf schattigen Bergrücken, dazwischen das Grün der Ebene, ach, und die Sonne tat gut! Eigentlich ist diese Reise eingebettet in Kitsch und Romantik gewesen. Ich frohlocke hier ja auch schon in höchsten Tönen und finde mich klebrig wie rosarote Zuckerwatte. Ist das die Verliebtheit? Schrecklich.


                                        Die Normandie                                            

23. August über Elsaß-Lothringen, Metz, dann Verdun nach  Caen und Riva Bella in der Normandie. Auffällt  in dieser deutschlandzugewandten Gegend Frankreichs, dass viele Kämpfe hier stattgefunden haben; es gibt so viele Militärfriedhöfe. Wir fahren auch durch Valmy. Oder jetzt Verdun. Zuerst zur Gedenkstätte, zum Ossaire Douaumont, mit dem Turm, der wie eine Granate gen Himmel ragt. Und ein unübersehbares Feld von Kreuzen. Nur Franzosen. Das Schlachtfeld von 1914, damals die aufgewühlte Erde und die zerstückelten Menschenleiber. Im Wäldchen bei der Tranchée des Baionettes noch Grabenreste. Und ich wage nicht zu pinkeln, als entweihe ich etwas. Dabei denke ich, wie lächerlich, hier spritzte Blut, wirbelten Glieder in der Luft, wurden Köpfe abgeschossen; Schweiß, Eiter, Brand, Schreie. Und ich wage nicht meinen winzigen Strahl Urin nach 80 Jahren hineinzumischen? Welch Heuchelei jedes verstummende Gedenken an solchen Orten. Hier müßte man weiter schreien, sich wie wahnsinnig gebärden, verrückt werden beim Gedanken,  immer noch auf dieser Erde zu leben.
Die Maas, jaja. Die Marne, ja. Immer haben die Deutschen angegriffen. Oder die Preußen. Schon die Reklame für Neugierige: "Village Gavlois", 2 -Sterne-Hotel. Eierpfannkuchen und Apfelwein. 10 Minuten bis Verdun.  Cộte 304 und Mort-Homme,  macht zornig.

24. August. Riva Bella, Normandie.  Zuerst das Meer hier, diese wunderbar frische Atmosphäre erinnert an Ost- und Nordsee. Nach Cabourg, Houlgate, Deauville, vor allem Honfleur und Le Havre. Sehr schöner Tag, am Schluß Käseeinkauf in Pont L`Evêque.

25. August Caen,  Bayeux, Arromanches. Auch hier wieder Militärfriedhöfe. Die Landung der Allierten am 6. Juni 1944. Riesige Pontons, die einen künstlichen Hafen bilden, Monster jetzt im Wasser unter Ebbe und Flut. Geschmack von Tod und Blut überall. Eisen, Schießen, Panzer stehen als "Denkmal" da. Geschütze. In Bayeux der Teppich der Schlacht von Hastings 1066. Ein Tapisserien-Epos über Verrat und Strafe und Tod Harolds, des Vertrauten Wilhelm des Eroberers, den Harold verriet, sich zum König der Angelsachsen machte, von den Normannen dann geschlagen wurde.

     In Caen auf der Festung. Die Stadt wurde im Krieg fast völlig zerstört. Doch auch frühere Kriege sind spürbar: Hier in der Kathedrale St. Etienne  die Gebeine Wilhelms.  Es ist gerade Messe, das mehrfach ausgeraubte Grab, auch von den Hugenotten ausgeraubt, nur ein Teil der Gebeine ist noch da, konnten wir nicht sehen.                                                                  
 Kriegslisten. Fort Douaumont von den Deutschen genommen, von nur 19 Mann   als Zuaven verkleidet. Oder auch in Rouen, Johanna, die Verurteilte, aber nur zu lebenslänglich, weil sie widerrufen hatte. Doch die Engländer waren entsetzt, sie wollten den Tod. So wurden ihr eines Morgens nur Männerkleider hingelegt, Hauptanklagepunkt war ja gewesen, dass sie gewagt hatte, Männerkleider zu tragen. Das war ihr Tod.

                                          Mont St. Michel.

27. August  Der gute alte Michael, so auch wieder nicht, wie er da auf der Spitze steht: gepanzert, mit Schwert, und eisernem Strahlenring. Wie idiotisch menschennah der Herrschaft. Dabei willst du doch wirklich prüfen, Michael, wie es um unsere Seele steht, schlecht. Und die Kräfte, mich dagegen zu wehren, nehmen ab. Kaum kann ich erwarten, dass Er mich von den niedrigen Seelen, die dumm dahinleben, trennt, und mitnimmt in den postmortalen schönen Zustand. Mich gar vor den mich anfallenden Dämonen, also jenen, die entkörpert weiter so tun, als wären sie noch im Fleisch,  beim Himmeln schützt. Auch eine Reise zum Mont Gargan in Süditalien wird nicht helfen.
Was bleibt vom Besuch. Vielleicht soll man sich hier eine Messe aus dem 10. Jhdt. vorstellen. Gregorianischen Gesang, aber auch in dieser Stimmung ist das Gift des Abendlandes voll da. Und  vergeistigte Innenwesen sollten wir nicht Engel nennen, auch der Poesie wegen nicht. Wie nehme ich die Hülle weg, um auch mein verseuchtes Ich anders zu lenken, als in dieser Tradition. Waffengeklirr, Bekehrungseifer. Zwang. Ja, eine Zwingburg, so erscheint der Mont und ganz nah, Grausen der Gemäuer. Nur von ferne ist er feenhaft, schön. Und als Mirakel der Natur inmitten des Meeres und des Watts zeigt er, was er eigentlich hätte sein müssen: Einsamkeit, Weltabgeschiedenheit.
Was kann ich erinnert von ihm wiederholen, Stimmung im Wissen vom Geschehen steigern? Hundertjähriger Krieg, verbrämt mit dem Wort "Rosen"? Die Schlachtfelder hier eine verspätete Rache?
Nun ja, der Kreuzgang, der Innenhof. Gestickter Stein. Oder die Merveille: Gästesaal. Die Spitzbögen, der Wald von Bögen und Durchbrochenem. Und dass ein bestimmtes Bauprinzip, dass die Gewölbe auf einem diagonal verlaufenden Bogengerippe ruhen, so war Gotik erst möglich - ist das alles? So waren dickleibige romanische Gewölbe unnötig, und schlanke, geistige Gewölbestrukturen      eben mit dem ziselierten Licht entstanden. Dem Architekten fiel das ein. Woher fiel es ein? Das Apriorische beherrscht auch die Baugeschichte!
Schon 708 brach jener durch, der den "Drachen" besiegt hatte, woher kam er, dieser Heilige Michael, wer war er? Was ist diese postmortale Schicht des Himmels überhaupt, und weshalb konnte der Bischof Aubert von Avranches an die Tatsächlichkeit des Anrufes im Traum nicht glauben, ähnlich wie einst der Apostel Thomas nicht? Als sich der Glaube ans Sichtbare, an Reliquien und Mauern, Waffen und Güter noch nicht verfestigt hatte, dieser Umgang mit verfestigten Illusionen, die als Machtschutz und Machtschutt angehäuft wurden? Dreimal wurde er aufgefordert, ein Kloster auf dem Mont-Tombe zu gründen, und erst als er nach-drücklich von einer unsichtbaren Geister-Hand berührt wurde, glaubte er es. Die Delle im Totenkopf  - der schmückt den Kirchenschatz von St. Gervais in Avranches - ist noch  als Reliquie zu bestaunen. Mit Mühe gerettet von der Furie der "Revolutionäre" von 1789, die auch den Mont beglückten, daraus ein Staatsgefängnis machten, gleich daneben in der Merveille eine Schneiderei, die Kirche eine Fabrik für Strohhüte, Theater und Kornspeicher dazu. Schon 1791 verließen die letzten Mönche das Areal. War das nun eine Lösung, war nun der Geist endlich befreit, die Grenze nicht mehr vermauert? Mitnichten. Nun kam die Wut des Praktischen erst recht bis in jedes Detail zum Zuge. Totenkopf und kostbare Handschriften wenigstens wurden gerettet. Doch auch in Avranches wütete der Plebs, zerstörte die Kathedrale, jene, wo Heinrich II im Büßergewand Abbitte geleistet hatte wegen der Ermordung des Thomas Beckett im Dom von Canterbury. Und da denke ich jetzt nicht nur an Eliots Stück, sondern auch an die beeindruckende Schrift Becketts heute, der sich  aus dem Totenreich  über Computer "gemeldet hatte" in einer Cottage des  irischen Lehrers  Ken Webster... Verrückt.

     Auch in Coutances, wo mir ein Optiker die Brille reparierte, ist wichtiges Herkunftsland literarischer Themen, aber auch des Mordes. Von hier stammt die Familie Hauteville, Tancred, Roger, Manfred, Robert Guiscard - die Normannen, die die Königreiche in Sizilien begründeten.

                                        St. Vaast und Rouen

29./30. 8.  Jeder Schritt körperliches Leben ist eigentlich eine Katastrophe, nur Tücke der Objekte in ihrer Kleinheit, beschäftigen nicht sie mich andauernd, auch jetzt, obwohl ich St. Vaast von vorgstern, Rouen von gestern beschreiben müßte, "Größe". Ha.  Nicht nur die Abnützung der Furie rast, sondern auch ihre Erniedrigung auf Schritt und Tritt.  Cioran hat Recht, wenn er behauptet, das Glück könne nur einer Selbstpreisgabe gleichkommen, also Demut? Dann erst steigern wir uns. Früher habe es Götter gegeben, denen man sich hingab, und jetzt, sind wir freier, da es sie nicht mehr gibt!? Das Nichts aber? Und unsere Sehnsucht frei zu sein? Mitnichten. Die wird durch solche "Götter", wie die Klomuschel und das Strichmännchen und das zerkrümmelte Brot, der Papierkorb, der alltägliche Dreck blockiert! Tage und Nächte andauernd voller zermürbender Gedanken leben. Wir sind potentielle Mörder jener, die in unserem Umkreis leben; dass wir es nicht tatsächlich sein können, frißt an uns, und wir versauern als willensschwache blutlose Versager." Allein und in Freiheit zu leben, ohne das tägliche Geseiere, die Erniedrigungen, das andauernde streitende Geschrei.

Alles, auch St. Vaast ist von ihm, dem „Teufel“- eher dem „Mephistopheles-Gift“ - überschattet. Groll. Mit diesem Gefühl umgingen wir das große Fort am Meer. Der Festungsturm mit dieser Kappe, man denkt an Don Quijote. Unsinnige Militärzone. Wofür heute. Schöner Rundspaziergang am Wattenmer. L. hat Angst, Schwindel, kann auf der Mauer nicht gehen. Der gleiche Turm auf der Insel von St. Vaast. Von hier ist Jakob II, Sohn der Maria Stuart mit Unterstützung des Sonnenkönigs 1692 gegen England und Holland aufgebrochen. Die Katastrophe dann vom Kap Hougue. Am Leuchtturm von Bartfleur, vorher der Hafen, gefährliche Strömungen, furchtbare Brandung, Klippen, Felsen. Der Turm  sehr hoch.
Hier also die Schlacht. Dann Flucht nach Hague.
Überall diese Spuren von wahnsinnigen Machtkämpfen. "Geschichte", Tod. Doch als wäre ich da der "Wahrheit" näher, am schlmmsten ist die "Normalität" und Banalität. Sowohl der Schrecken, als auch die Schönheit - sind außerhalb. Jeder Engel ist schrecklich.  Dies also ist es, was mich wieder atmen läßt, der Abgrund, den wir andauernd vergessen im banalen Getue.

Zurückgeblättert:  Besuch des Seine-Tals mit den Klöstern Jumièges und Wandrill. Wandrill vor allem, weil Maeterlinck hier war, das Kloster sogar  wieder  von Mönchen bewohnbar gemacht hat? Heute kennt niemand seinen Namen, ich frage nach ihm im "Magazin", wo nur lauter katholische Bücher und Kitsch verkauft werden.
     War hier einmal ein Geisterort. Wie in Rouen mit Jeanne.  Ihre Stimmen machten sie so stark und handlungsfest. Doch die Stimmen brachten ihr auch den Tod durch die Inquisition. Jetzt ist das Kloster intakt, die Aura des Pförtners strahlt viel aus, eine subtile Geistigkeit. Und ich lese von der Hauptbeschäftigung der Mönche: "lecteur divin" lectio divina.  Qui parle ainsi et l`ahme qui écoute et répond. Un sorte de "rumination" ce mot qui fait image est lui aussi traditionnel, dass der Geist langsam das Herz ergreift. Doch selten läßt sich in der Landschaft lesen, auch wenn diese sonst zur absoluten Präsenz zwingt, ist es heute schwer, solch eine "Lektüre" zu finden! Eine, die ich nicht vergessen kann, ist das Val di Csesne mit Kühen und vielen normannischen Strohdächen, abgeschieden, dass es war, als berühre tatsächlich der Geist der Landschaft hier, die Aura das Herz.  Hier würde ich gerne leben. Weniger in Jumièges direkt an der sanft-gewaltätigen Seine, wo wir am Ufer Mittagessen, darüber nachdenken, dass die Selbstmörder von Paris hier vorüberschwimmen müssen. Und Jumièges, die Ruine mit dem schönen Park, ein anderes Schandmal der Revolution, es wurde einem Holzhändler überlassen, der das Kloster sprengte.

                                                    Rouen, Jeane d´Arc

Vor allem aber in Rouen ist der Bauzirkus anhand der Kathedrale  an ihr abzulesen. Der Macht- und Glaubenszirkus. Jede Stadt ist eine Mühle der Vernichung, heute besonders, schon damals aber war es so. Thron und Altar, man kann die Revolution sogar verstehen. Natürlich gehts um Geld und Macht:  1190 beschließt das Kapitel, die Kirche mit einer hohen Mauer abzuschließen, Handwerker siedeln sich an, machen den Bürgern Konkurrenz, denn sie müssen keine Steuern zahlen. So reißen sie die Mauer nieder. Das Kapitel exkommuniziert die ganze Stadt, 6 Monate keine Taufen, keine Begräbnisse, Hochzeiten etc. Bürger stürmen die "Immunität", schneiden den Priestern die Genitalien ab. Genau so ist es mit Jeanne, zuerst lebenslänglich, dann Tod, nach einigen Jahren rehabilitiert, im gleichen Gebäude des Erzbischhofs, wir gingen daran vorbei, und die "Verräterin" wird dann 1920 heiliggesprochen.  Verwüstungen der Glaubenskriege.
Auch die Gräber zeigen die Eitelkeit, den Grund, warum darüber Kirchen angelegt werden, um Protzentum, Macht und Reichtum zu zelebrieren, nicht etwa Gott, den Konkurrenten. Etwa Louis de Brézé und Diane de Poitiers, die wurde Frau Heinrich II. Früher schon seine Mätresse. Sich für die Ewigkeit präparieren lassen in diesem Gräberzirkus, so etwa: Richard Löwenherz hat hier eine Tumba  mit seinem Herzen, der Körper kam nach Fontevrault, die Eingeweide bestattet in Poitiers. Ekelhaft. Diese Reliquien, als wäre der Körper, das alte Kleid zu diesem Spektakel am besten geignet! Lächerlich alles. Auch etwa, dass der Butterturm  des Doms finanziert wurde  mit Spenden für die Erlaubnis, während der Fastenzeit Milchprodukte essen zu dürfen. Bei der Qualität von Käse und Butter hier - der Reichtum des Butterturmes wird so verständlich!
Und weiter geht die "Geschichte", die ja sowieso eine Geschichte der Narrheit und Verworrenheit ist! "Macht" und Gloire. Neuer Zirkus 1562 - Hugenotten  besetzen Rouen, plündern das Gotteshaus der andern, zerschlagen Gräber und Skulpturen, schmelzen den Schatz ein. 1683 spendet Ludwig XIV zum Wiederaufbau, natürlich, auch geraubtes Geld! Und dann die Große Revolution: die Zerstörung geht weiter, alle Metalle, Kupfer, Blei, Gold, Silber, ebenso die Glocken werden eingeschmolzen. Die Achskapelle für ein Getreidelager vermietet, das Ganze wird zum "Tempel der Vernunft", hölzerne Tribünen, die Kirche wird zum Konzertsaal. 1822 ein Blitzschlag, der Turm wird beschädigt. langwierige und eitle Diskussionen. Schließlich wirds ein gußeiserner Turm. Und natürlich muß nun zur Ehre der Bürger der höchste bekannte Turm dieser Erde entstehen: 151 Meter. Man merkt die Absicht ...
Schließlich kommen die zivilisierten Allierten, Bombardements am 19. April 44, das südliche Seitenschiff wird völlig zerstört. Der Luftdruck zerstört weiteres. Wie wird der Zirkus weitergehen. Halt, auch schon 1787 wird der wunderbare Mittelpfeiler des Hauptportals beseitigt,  um Platz zu schaffen für eitle und protzige Prozessionen des Klerus, für seine Selbstdarsteillung.

Wahr ist schon, dass nur sterbende Gottheiten Freiheit geben. Wie jetzt nach dem Tod der Welterlösungsidee auf rot.  Verbrauchte Gottheit.  Doch die Psychologie des Irdischen beherrscht alles, der Haß, weniger die Sehnsucht. Sklaven, Fremde, die Rom erledigen wollten. Doch es stimmt: das reichte nicht. Selbsthaß wars. Der Plebejer, der Nichtse. Und der Sohn war selbst einer, ein Niemand, der zur angenagelten Leiche wurde. Schimpflichen Tod starb. Aber Erniedrigung -  ist sie nicht eine sublime Erhöhung?
Bald aber bemächtigten sich die Reichen und Mächtigen des Amen und machten daraus ihr eitles Spiel. Ihre Verbrechen in Seinem Namen, der das genaue Gegenteil wollte.

Caen/Rouen.  Rilkes Gedichte zu den Domen meinen etwas anders. Und doch sind sie peinlich. Es ist jene Sehnsucht, ja. Die in uns eingepflanzt, trinken will, alles ergreift, es trinkbar macht. Trunken sein will an allem, dann erst schwingen kann. Und dann sagt, ohne dass es weiß, was es sagt: Gottseidank, weil die Namen besessen machen, wirr ertrunken. Die Tiefe, ja, Cioran hat recht, die Tiefsinnigkeit, das einzige christliche Geschenk, das kannten die Alten nicht, erschöpften ihre Götter nie. Das Unsichtbare, das Bild gewann, nicht umgekehrt, das Bild, wie es vor dem Unsichtbaren steht, es den Sinnen schenkt, was Leben träumend nennt, ein Stein, ein Baum, ein Hain, dass mir die Sonne überfließen könne, ich eingestanden bin, was außen ist, vernichtet sich, und brennt in mir was ein: es ist dabei und schwingt im Zentrum, und sei es noch so oft aus Stein. Ein Bild, ein Saum, und klein geht ab, so unverwüstet wie ich mich noch nie gehabt, gesund und hell, was niemals mehr so ist.
Die Gefühle, die Rilke ins Wort bringt, sind durch Inspiration eingegeben. Hier aber im Bild entzündet, aus der Metapher wachsend, also literarisch und fein gemacht, was ganz wirklich ist, und keiner Festrede bedarf. Und doch ist die Festrede hier steigernd, dass wir das Unten ablegen, klettern, und alles, was für sie normal ist, auch wenn sie was anderes sind, als Kirchenräume.

Die erste Elegie: die der Toten! Und die Deutung? Holthusen (rororo) sieht sie, die übersinnliche, mediale Begabung Rilkes. Etwa die Geschichte von Schloß Berg am Irchel. (S. 136). Wie  Duino. 1920  sind Rilke  Gedichte von einer fremden geisterhaften Erscheinung diktiert worden: Ich müßte eine Novelle dazu montieren! Mit inneren Monologen aus den Elegien. Die neue Struktur: Rilkes  Geistergedicht. Orpheus als Stellvertreter, Schreiben als Brücke! "Ist er ein Hiesiger? Nein, aus beiden/ Reichen erwuchs seine weite Natur."

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