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Sonntag, 17. Januar 2010

Dieter Schlesak, IN WELCHER ZUKUNFT LEBEN WIR? Die "ontologische Zensur".Über die Notwendigkeit einer zweiten Aufklärung

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„Ontologische Zensur“? Ja, so würde ich die Zensur in unserem „Lebenssystem“ nennen; sie ist viel subtiler und tiefer reichend als die platte politische Zensur, sie reicht tief in die Psyche, und gehört in den Bereich der „Seelenpolizei“ und der Alltagsintoleranz („Spinner“). Oder auch in die Angst der Medien, dass sich jemand an die Stirn tippen könnte bei einer Veröffentlichung.

Noch zu Kants Zeiten gab es eine Brücke zwischen Weltzeit und Lebenszeit durch die Selbstverständlichkeit, mit der von einer wirklich existierenden Transzendenz und einem Überleben des Todes ausgegangen wurde; es gab diese Selbstverständlichkeit in allen Geschichtsepochen. Erst seit dem Zeitalter der Moderne gibt es den radikalen Bruch zwischen Lebens- und Weltzeit. Gott ist tot, oder Gott ist der Tod (Hegel), und damit auch Kants „Höchstes Gut“ gestorben?
Nicht nur der französische Philosoph Louis Althusser, die besten Köpfe im Westen, wie Foucault oder Derrida, George Steiner, Paul Virilio oder am genauesten vielleicht Jürgen Habermas in seiner schon 1984 erschienenen Untersuchung „Die Krise des Wohlfahrtsstaates und die Erschöpfung der utopischen Energien“, haben auf das Scheitern der Moderne und ihres Fortschrittsgedankens seit 1789 hingewiesen; und diese Skepsis gab es schon in der „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno. Was neu ist und bei Althusser bis in den Wahnsinn hinein durchlebt wird, spricht auch Habermas aus, dass nämlich „die Erschöpfung utopischer Energien nicht nur eine der vorübergehenden kulturpessimistischen Stimmungslagen anzeigt, sondern tiefer greift. Sie könnte eine Veränderung des modernen Zeitbewusstseins überhaupt anzeigen.“ Dass sich nämlich die „Struktur des Zeitgeistes und der Aggregatzustand der Politik“ radikal verändern, dass wie vor 200 Jahren „die Paradieseshoffnungen mit der Verzeitlichung der Utopien ins Diesseits eingewandert sind“, so würden heute „die utopischen Erwartungen ihren säkularen Charakter verlieren“ und möglicherweise wieder transzendenten, grenzüberschreitenden Charakter annehmen, wie Habermas vermutet, um diese These dann sogleich zurückzunehmen, als habe er Selbstverrat geübt.

Wird hier ein Irrlauf wieder gut gemacht, dieses ruinöse postneoliberale Projekt wenigstens im Denken zurückgenommen? Inzwischen hat es sich sogar ökonomisch zurückgenommen, es ist eindeutig gescheitert! Aber mit welchen Kräften, die nicht nur vom Menschen gemacht sind, die er aber provoziert hat, müssen wir rechnen? Ein neues, sehr aufschlussreiches Buch dazu vom deutschen Soziologen Hartmut Rosa liefert dazu viel Material und tiefe Analysen, be-schreibt, wie die Irritation des ganz persönlichen Zeitempfindens in Stress und Zeitnot anzeigt, dass dieser Irrlauf sich umkehrt, die Unmöglichkeit, dass unser Biotop diese tödliche Beschleunigungsdynamik aushalten kann, macht eine radikale Veränderung notwendig.
Rosa zeigt, wie diese neue Chronokratie mit dem Tod zusammenhängt, da seit der Neuzeit, aus der der Überlebensglaube des Todes langsam und einmalig in der Geschichte total verschwand, Weltzeit und Lebenszeit enorm auseinanderklaffen, es angeblich nachgewiesener Weise, kein Überleben des Todes mehr gibt. Nur noch Ersatz dafür: Hetze, Zeitnot durch Zeitbeschleunigung eintritt, weil die kurze Lebenszeit „ausgefüllt“ werden muss, und als einzige Chance, tausend parallele, verdichtete, reisende, fernsehende, erotische, seinsbesitzende, geldgierige, genussintensive quantitative Leben geführt und bewältigt werden müssen, anstatt eines ruhigen, das seine angelegte Wachstumsmöglichkeit und Entelechie reifen lässt. Nein, gelebtes Leben wird verdeckt durch das Chaos der schnellen Angebote, in einem kollektiven Wahnsinnsdynamismus durch technische Möglichkeiten und kapitalistische hochrhythmisierte, weltzerstörerisch wach-sende und sich potenzierende Wirtschaft, die nicht die Ursache, sondern das Instrument des beschleunigten Glücksversprechens der Menschheit ist, technische Möglichkeiten, die die verlorene „Ewigkeit“ kompensieren und ersetzen sollen. Nun schon als Masseninfektion bis zu den Milliarden-Weltpopulationen von China und Indien. So wird das kurze Leben nicht genützt, sondern mit Oberflächen vertan! Denn Hyperbeschleunigung und angebliches „Auskosten“ der kurzen Lebenszeit überwinden den Tod nicht, sondern führen ihn eigentlich schon als ungelebtes Leben in jeden Augenblick als Hast und Hetze eines Sklaven- und Scheinlebens ein! Es ist der reine Betrug mit verheerenden seelischen und Lebens-Konsequenzen für den Einzelnen!

Und man könnte sich vorstellen, dass dieses hyperbeschleunigte Lebenssystem, das uns das Leben frisst, in dem Moment fallen müsste, wo klar wird, dass seine Basis, der Glaube ans totale Diesseitsparadies, vor allem, dass ein Überleben des Todes nicht zur Natur und zu unserer Natur gehört, zusammenbrechen müsste. Aber wie nach einem vertrackten Gesetz des Gegenteils wird genau durch diese Beschleunigung das Ende und der Sprung in eine neue (oder die alte) Qualität der Transzendenz wieder hervorgezaubert, durch natürliche Umkehr befördert. Rosa nennt dieses im Tempodrom ausgelöschte Leben ein „Sisyphusunternehmen“, das auch scheitern muss, weil durch Erfindungen, Techniken, Methoden, die die gesteigerten Lebens-Optionen und Weltmöglichkeiten erzeugen, auch deren Optionen ins Ungemessene, also durch menschliche Möglichkeiten ins Unerfüllbare wach-sen; wer kann sie noch „ausleben“ und „benützen“, schon die beschleunigende Konsumgewohnheit des TV-“Zappings“ zeigt´s im Banalen an, zeigt den Wahnsinn, überall im Schnellen dabei sein zu wollen. Die Brücke, also Lebenszeit und Weltzeit zu synchronisieren scheitert immer deutlicher, und der Wettlauf hat erst so richtig begonnen.
Doch damit nicht genug: Ein noch viel wichtigerer Aspekt der Beschleunigungs-Technik zwingt diesen nur fürs Kapital profitablen Versuch, den Tod mit irdischer Beschleunigung zu überwinden, dass mit dieser Supertechnik eine Welt hergestellt wird, die sich selber aufhebt und die Wahrheit an den Tag bringt, die Realität der Transzendenz immer näher bringt.
Wird also gerade mit diesen Instrumenten nun aufgedeckt, dass es zwischen Weltzeit und Lebenszeit doch eine Brücke gibt, ja, diese zusammengehören, wenn Welt Geist (Information) ist, der nicht als Geist erscheint, materielle Dinge, denen alle nachrennen, um angeblich ein „erfülltes Leben“ zu haben, diese Dinge wie schon längst in den traditionellen Gesellschaften bekannt, nur die Oberfläche sind!?
Denn es zeigt sich ja gerade durch diese Beschleunigung ins Unmessbare und Überlichtgeschwinde, des mit den erfundenen Techniken herbeigeführte An-eine-Grenze-Gekommen-Seins nun in anderen Tiefen und immer deutlicheren Gewissheiten, dass wir an einer Zeitgrenze angekommen sind, die Zeit auslöscht, wie es auch bei Steiner oder Virilio anklingt, und wie es vor allem die moderne Quantenphysik und ihre längst im Hintergrund der Geschichte wirkende im-materielle Licht-Realität anzeigt. Es lässt sich nicht mehr leugnen, dass jetzt schon dieses heute geführte Konsumdasein, aber auch alte Theorie, Alltagsdenken und Politik hinterherhinken, dass das Unsichtbare heute mehr denn je die neue Hirnsyntax der Geschichte ist. Nicht nur die Tatsache der Vernichtung ist da, sondern damit verbunden ein radikaler Bruch mit der Körperwelt. Der Kern der Welt kommt zum Vorschein, seine Immaterialisierung ist in vollem Gang. Wenn nicht alles täuscht, steht eben gerade durch die enorme Bescheunigung seit einiger Zeit schon ein Paradigmenwechsel an. Unser Weltentwurf scheint gerade durch enorme technische Möglichkeiten Zeit und Raum und das Sichtbare aufzuheben, an eine Grenze gekommen zu sein, wo es auf gewohnte begriffliche oder anschauliche und sinnliche Weise der Welt, die auch das Kapital reproduziert und Grundlage seiner Produktion ist, es so nicht mehr weiter geht. „Die Wissenschaft führt an eine Schwelle von Erfahrung, die sich der Meditation, aber nicht der Reflexion erschließt“, heißt es schon bei Carl Friedrich von Weizsäcker, „dies ist vernünftig. Das begriffliche Denken kann einsehen, dass es den Grund seiner Möglichkeit nicht begrifflich bezeichnen kann.“ Wenn hier also die Grenze unseres bisherigen Weltentwurfs ist, wie soll es dann weitergehen? Auf die gleiche Weise, wie Quantentheorie, Elementarteilchenphysik und Relativitätstheorie das vorherige, das Newtonsche Weltbild, damit das Kausalitätsgesetz, die bisherige Vorstellung von Raum und Zeit in Frage gestellt haben, müssten nun heute geltende „Naturkonstanten“, die wichtigsten sind die „Lichtgeschwindigkeit“ und die Heisenbergsche „Unschärferelation“, die die Möglichkeit des Forschers einschränken, überschritten werden. Dieses wäre - auch nach Ansicht von Experten der Ansatz für den nächsten Weltentwurf: „Die Verbote der Überlichtgeschwindigkeit und der überreinen Fälle (Heisenbergs Formeln) fordern aber... den Forscher geradezu auf, nach den verbotenen Vor-gängen zu suchen“. Tatsächlich ist schon jetzt der Wissenschaftsentwurf bei der Überlichtgeschwindigkeit angekommen, denn die Überschreitung der Lichtgeschwindigkeit ist in dem uns bekannten Bereich der Welt nur mentalen Prozessen möglich. Und diese Prozesse sind es heute, die mit einer durchschlagenden Evidenz Geschichte machen: Denken wird objektiv, lernt sich als mathematische Struktur selbst denken, erfährt sich als Ort, wo Naturgesetze offenbar werden, wird praktisch und beherrscht im Gerät die Natur und die Gesellschaft. Die Tatsache, dass es gelingt, durch mathematische Strukturen so weit vorzudringen, z.B. „Materie“ als „integrale Differentialrechnung in einem vierdimensionalen Raum“ zu fassen (nach Planck), in geistige Prozesse aufzulösen, zeigt deutlich, dass der Mensch und sein Wissen in eine andere, als in die Körperwelt gehören.
Doch diese Selbstverständlichkeit auch eines Überlebens und einer Rückkehr in jene im Denken schon von Platon entdeckte Geister- und Geisteswelt, aus der der Mensch gekommen ist, wie sich Geburt und Tod in einem Zirkel schließen, dass eben Zeit zyklisch, nicht linear ist, wie es alle traditionellen Gesellschaften wussten und auch lebten, konnte die Moderne und das Geldsystem aus dem Bewusstsein vieler Menschen nicht löschen; ähnlich wie auch in der roten oder der braunen Zeit hat das „Alte“ in besonderen Nischen überlebt.
Und seltsamerweise ist es der weniger „angekränkelte“ Teil der Menschheit, der durch Naturnähe und Nähe zu den Quellen des Lebens findet. Sogar bei Jünger finde ich: Es gehe um „jenen Glauben, dessen wir im Innersten bedürfen - nämlich mit der Welt verschworen zu sein.“ Dass wir der Unsicherheit und dem Chaos der „Zeit“ Herr werden, also uns bewusst sind, dass die „Zeit“ Verwirrung in der Täuschung ist, eine Falle. Wie Negativität und Misstrauen auch. Die zur Hetze und zum Nichtleben führt und uns zu Untoten macht, zu lebenden (vor allem männlichen) Leichen!

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Es ist schwierig, diesen Widerspruch in ein paar Worten zu beschreiben, nämlich den Abgrund zwischen dem, was das Denken und das Handeln - bis hin zu den Politikern, Managern und Universitäten - heute bestimmt, eine sichtbare, körperliche Welt, und den Dimensionen, auf die unsere gesamte Umwelt aufgebaut ist, nämlich eine Welt aus Geist, die nicht als Geist erscheint, zu analysieren, auch nur eine Sprache, Begriffe für etwas begrifflich letztlich nicht Fassbares zu finden; etwas, das etwa die Quanten-Logik vorgedacht hatte, etwas, das auch im historischen Bereich durch Gulag, KZ, Hiroshima und heute als ökologische, dann als Krankheits- und Hunger- Katastrophe, als Schock ins Leben der Menschheit getreten ist, zu begreifen schwierig, weil heute, im Gegensatz zu den Diktaturen, wo die Scheinwelt „klar“ und deutlich und einsehbar war, heute verhüllt und unerkennbar und völlig undeutlich verwischt in einem pseudodemokratischen Nebel liegt, wo Information vor allem Desinformation ist, und das Verschweigen und Verheimlichen von Tatsachen zum alltäglichen Grundgeschäft des Systems gehört!
Vielleicht gilt heute keine politische, sondern eine generelle, eine „ontologische Zensur“ und ein ganz anderer, kaum fassbarer Grenzgang, an dem freilich die Politik und die vielleicht schrecklich „naiven“ und unwissenden Machtstrukturen verheerend und tödlich schmarotzen. Möglicherweise ist es das erdvernichtende tödliche Nichtwissen von geistig-informativen (und bis zur Informatik und Genforschung reichenden Wissensmöglichkeiten, ja, das naive Arbeiten mit diesen Zaubermitteln der Zivilisation zu Sozial- und Kriegstechnik und Desinformation, die jedes Konzept von Politik und Widerstand auch auflöst und eine Lähmung im Wohlleben erzeugt, anstatt dass zumindest die Wissenden und Intellektuellen wie im Katze-Schlange-Verhältnis entsetzt in den Abgrund entsetzt in den Abgrund starren! Überlegen wir mal die Tatsachen: Das, was uns heute umgibt, ist ja eine völlig andere, immaterielle Welt an einer unvorstellbaren Grenze (wieder die „Grenze!“) zu einem neuen Weltmuster und Paradigma. Denken wir nur an unsere "elektronischen Haustiere“, Computer, Radio, Fernsehen usw. Sie beruhen auf Formeln, die einmal "Einfälle", Intuitionen von genialen Menschen waren, es sind ähnliche "Gedankenblitze" wie in der Kunst, aus einem großen kosmischen Informationssystem, das alles bestimmt. Das Nicht-Materielle, das "Geistige" bestimmt heute mehr denn je alles, was geschieht, mentale Prozesse machen mit einer durchschlagenden Evidenz Geschichte, Denken wird "objektiv", lernt sich als mathematische Struktur selbst denken, erfährt sich als Ort, wo Naturgesetze offenbar werden, wird praktisch, beherrscht im Gerät die Natur und Gesellschaft. Völlig im Gegensatz dazu beherrscht der krasseste Materialismus die Köpfe und das Handeln. Die Menschen der Gegenwart bewegen sich und handeln in dieser neuen immateriellen Umgebung weiter so, als wäre es immer noch die alte Körperwelt.
Schlimmer noch, wenn wir zum Thema zurückkehren, und also konkret werden: Im Historischen zeigte es sich als Katastrophe und Untergangsgefahr der alten Körperwelt: Und im Prinzip gehe ich davon aus, bin auch davon überzeugt, dass sich schon 1901 eine radikale Wende angekündigt hat, der Beginn der neuen Wissenschaft, die Quantentheorie, 1905 dann Einsteins grundlegende Theorie. Es war die Zeit als meine Grosseltern heirateten; dann kam bald Verdun -, ohne Technik, also Wissenschaft völlig ausgeschlossen! Alles weitere eben auch nur durch Technik möglich: Im Gefolge des Krieges und seiner Kombination mit Armut: Stalin, dann Hitler (der die Armut besser aufzuheben verstand durch Krieg! Und Rüstung! Also „besser“ als Stalin war!), schließlich die zweite große Katastrophe mit Stalingrad, und dem Höhepunkt der Zivilisations- und Geschichtszerstörung: Auschwitz, Hiroshima (Atombombe als der Höhepunkt des eben Geschilderten!), die im Historischen einen radikalen Bruch auch in die Geschichte brachten, das im Undenkbaren und Unvorstellbaren sichtbar gewordene Jahr 1901 und 1905, die auch im menschlichen Erfahrungsraum Grenzgang waren: jede bisherige Erfahrung bis hin zum Grundlegendsten: Zeit, Raum und Kausalität auflösten, nichts mehr konnte so sein, wie es einmal jahrtausendelang gewesen war!

Was bleibt? Nach der totalen Demontage des Aussen, des Sichtbaren, der Faktizität, nur noch die Instanz der Erkenntnis, des Gewissens und der Kunst, der einzelne integre Mensch? Schon Kafka wußte, in einer Umkehrung des schlechten Künstlergewissens, dass nach all dem, was an Grauen und Schrecken in der „Realität“ geschehen ist, sich die Realität vor der Kunst und dem Geist zu rechtfertigen habe, und nicht diese vor ihren gefährlichen Wahn-Oberflächen, dass der Einzelne eine "ungeheure Welt im Kopfe" habe, dass auch das "Nichts" der Literatur, ihr unmögliches Unternehmen, ein "Ansturm gegen die letzte irdische Grenze" sei.

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WER ABER VERTEIDIGT DIESE IRDISCHE GRENZE? WAS IST “NORMAL”, WAS IST “UNNORMAL”, gar geistig krank, wer bestimmt das, wer legt es fest? Die jeweilige Gesellschaft? Und steht dabei die Psychiatrie im Dienst als „Seelenpolizei“? Zu diesem Schluss musste ich nach dem Leben in einer Diktatur, der roten, ihrer „politischen Heilanstalten“, durch mein Wissen um die Psychiatrie der Nazis, der Ermordung „lebensunwerten Lebens“, die Ausgrenzung, Zwangseinweisungen, geschlossene Anstalten auch in der De-mokratie kommen. Grenzprobleme. Zensur, Ideologien, begleiteten mein Leben, im Osten die politische Zensur, im Westen die „ontologische Zensur“ und die Kunst und Literatur als „Narrenfreiheit“, die im kommerzialiserten Alltag, vor allem im Arbeitsleben nicht gilt. Ja, nicht einmal in der offiziellen Wissenschaft, wo Angst umgeht, vom Wissenschaftsbetrieb und der Universität als „Spinner“ oder auch nur als „Abweichler“ gebranntmarkt zu werden. Ja diese „Zensur“ gilt sogar in noch tieferen Bereichen, in Erkenntnis- und Seelenbereichen einer bestimmten historischen Zeit menschheitlicher Entwicklung, die der deutsche Physikerphilosoph Carl Friedrich von Weizsäcker als „kulturbedingte Blickbeschränkung“ benannte. Diese Zensur gilt zwar subtiler, doch wie eh und je auch heute. Zwar werden keine Ketzer mehr verbrannt, doch „Unnormale“ ausgegrenzt, zumindest diffamiert, notfalls in Heilanstalten „verwahrt“, auch wenn sie nicht wirklich krank sind.
Doch freilich, krank kann man in diesen Grenzbereichen schon werden, wenn Verdrängungen und durch Sozialisierung eingebaute „Filter“, die die Psyche auch schützen, durchbrochen werden. Und die jenem, der sie unter Schock überschreitet, unkontrolliert und unvorbereitet, tatsächlich gefährlich werden kann, Wie etwa in exzessiven meditativen Praktiken oder auch ihn großen Gefahrenmomenten und unter Leidensdruck wie es auch zwei der Gugginger Künstler der art brut-Patientenkunst in Stalingrad geschehen ist. Der sie aber gerade unter diesem öffnenden Schock krank und zugleich zu Künstlern gemacht hat, wie es ja bei sehr vielen auch „normalen“ oder sagen wir lieber: nicht psychiatrisierten Künstlern und Dichtern geschehen ist. Nennen wir nur Hölderlin, der freilich auch sein halbes Leben als Patient verbrachte.
Dass jetzt alle Beteiligten dieser Kriegsgeneration verstorben sind, dass auch die durch den Zweiten Weltkrieg (hier speziell: Stalingrad!) traumatisierte Generation nicht mehr da ist, stellt sich die Frage, ob diese mangelnde historische Schock-Erfahrung heute nicht dazu geführt hat, dass sich die Korrelation zwischen der Schwere des Traumas und der Stärke der Ausdruckskraft in den Gedichten / Bildern sehr verschoben hat. Nicht nur in der Patientenkunst! Und allgemein muss von einer Kunstabschaffung oder zu einer Kommerzialisierung der Kunst und Kultur und von einer Verarmung geredet werden.
Mich hat in jener anderen Zeit (es war 1974-1984) ein außerordentliches Buch in meinen kunstpsychiatrischen und auch parapsychologischen Recherchen, die die menschlichen Erfahrungs- und Erkenntnisgrenzen erforschten, begleitet. Das Buch „Psychiatrische Aspekte des Schöpferischen und schöpferische Aspekte der Psychiatrie“ (1975) stammt von Gaetano Benedetti, worin klar wird, dass jene „Blickbeschränkung“ überschritten werden muss, um durch Öffnung in gefähr-liche Berührungssphären des „Unnormalen“ „Utopischen“ „Abgründigen“ eben „gesundheitsgefährdend“ Kunst oder Dichtung entsteht. Schon Rilkes „Brief an einen jungen Dichter“ spricht vom Mut, sich diesen Sphären zu nähern: „Das ist im Grund genommen der einzige Mut, den man von uns verlangt: mutig zu sein zu dem Seltsamsten, Wunderlichsten und Unaufgeklärtesten, das uns begegnen kann. Dass die Menschen in diesem Sinne feige waren, hat dem Leben unendli-chen Schaden getan: die Erlebnisse, die man ´Erscheinungen` nennt, die ganze so genannte `Geisterwelt`, der Tod, alle diese uns so anverwandten Dinge, sind durch die tägliche Abwehr aus dem Leben so sehr hinausgedrängt worden, dass die Sinne, mit denen wir sie fassen können, verkümmert sind. Von Gott gar nicht zu reden“.
Für den Umgang mit dieser gefährlichen Grenze hat die Literaturwissenschaft, ähnlich wie die Psychiatrie, besondere Methoden und Techniken entwickelt, um etwa das „Übernatürliche“, das wesentlich für weite Teile der Weltliteratur ist, abzuschieben.
So gehört eigentlich meine Beschäftigung mit Künstler-Patienten zur Erforschung der eignen Schaffensbedingungen als Autor und Dichter, etwa die Frage: Welche Unfähigkeit machte heute die Ideologie der Gesundheit möglich? Und welches ist eigentlich die Krankheit der Gesunden? Und so auch die Begegnung mit schreibenden und malenden Patienten etwa im österreichischen Landeskrankenaus für Psychiatrie, die heute mit ihrer „zustandsbestimmten Kunst“ inzwischen zur „Art Brut“ gehört. Damals, es war das Jahr 1976, begegnete ich den Patientenkünstlern in offener und neugieriger Solidarität als Kollege. Und so wurde ich vom Dichter Alexander (Ernst Herbeck) auch gefragt:
R: Waren Sie schon einmal Patient?
D. Nein, noch nicht. Noch nicht…
R. Waren Sie schon einmal Patient?
D. Ja, eine Zeitlang, fürchtete ich, es zu sein…
In den Jahren 1974 und bis etwa 1984, zehn Jahre also, hatte ich mich Problemen des Grenzbewusstsein zugewandt. Am schmerzhaftesten und zu einer unerträglichen Nähe, die zu Albträumen führte, war die Beschäftigung mit der Seelenpolizei Psychiatrie, und mit den eingesperrten Patienten, den langen Besuchen in den Heilanstalten von Gugging/ Klosterneuburg, Lausanne, Florenz, Überlingen. Ich versuchte damals über das Radio, über Stunden und Anderthalbstunden-Sendungen mit meinen Recherchen zu wirken. Im Süddeutschen Rundfunk Stuttgart erschienen mehrere Sendungen, so „Reise zum Wahnsinn“ (1977), „Corboror Iscrix., Kunst der Wahnsinnigen und die Gesellschaft,“ SFB/WDR/ NDR, 1977, im Westdeutschen Rundfunk dann „Der Umstand selbst ist dieses Lied“ (1980), wo die Patienten selbst zu Wort kamen, vor allem aber in einem groß angelegten Hörspiel „Königin, die Welt ist narr“ im dreidimensionalen Hörraum, das von drei großen Sendeanstalten ausgestrahlt wurde und eine intensive Diskussion auslöste.
Und dann auch: „Weit zu gehen, nie mehr wiederzukehren. Zeit und Wahnsinn im Leben des italienischen Dichters Dino Campana (1885-1932)“, Hessischer Rundfunk 6.12.1983.
Doch die Grundlage für alle diese Untersuchungen hatte ich durch ein Buch gelegt, dem lange Aufenthalte in der geöffneten Heilanstalt von Arezzo vorangegangen waren („Sozialisation der Ausgeschlossenen. Praxis einer neuen Psychiatrie “ zusammen mit Agostino Pirella, Rowohlt 1975), das in Deutschland damals eine Pionierrolle gespielt hat, und zur Veränderung der Zustände in den Heilanstalten und bei der Entwicklung einer „Gemeindepsychiatrie“ mit beigetragen hat. Es war damals eine fruchtbare, bewusstseinsverändernde und hoffnungs-volle Zeit auch für Utopien, ein Nachlang von 1968, wo in Italien die „ Psichiatria Democratica“ , initiert von Franco Basaglia in Görz, zu einem Gesetz (dem berühmten „lege 180“) geführt hatte, die Heilanstalten geöffnet wurden. Die „Psichiatria Democratica“ gibt es heute noch, und sie hält jährlich Kongresse ab, gibt eine Zeitschrift heraus, wirkt durch ambulante Dienste, Patientenhäuser etc. Allerdings hat das Öffnen der Heilanstalten, die Tendenz, Patienten nicht mehr zu isolieren, sie auch in den Krankenhäusern und in den Familien mit den Gesunden zusammenleben zu lassen, sich nicht durchsetzen können.
Doch es ist nicht nur die Unmöglichkeit dieser Forderung oder das generelle Scheitern der Antipsychiatrie und jeder Achtundsechziger Initiative, es gibt generell eine Gegenbewegung seit 1991, seit dem Ende der der Weltteilung, und einer einzigen, ungehemmt wirkenden Kapitalwelt, die jede „Utopie“, jede Dissidenz gegen das Bestehende leugnet.
Und was unser Thema betrifft: ist eine Umkehr ins Reaktionäre einer statischen, rein biologieorientierten Psychiatrie heute eingetreten, die nicht weit von den finsteren Zeiten des Elektroschocks (er wird wieder angewandt!) und Lobotomie denken lässt. Wie in allen Kulturbereichen ist auch die Anstaltspsychiatrie einer gesellschaftlich und geistig entwicklungs- und substanzbestimmten, menschlicher Autonomie und Freiheit abgeneigt, betreibt Anpassungsstrategie. an eine angeblich „von Natur“ gegebene hirn- oder erbbedingte Krankheit. Auch in Gugging gibt es jetzt nur noch eine „Sozialhilfeeinrichtung „Haus der Künstler“, die soll ausschließlich „Therapiezwecken“ dienen. Und es wird betont, dass es heute kein "kunstpsychiatrischer" Ansatz mehr sei, sondern nur noch eine Form der Sozialtherapie. Soll nun etwa al-les rückgängig gemacht werden, was die Patienten eben durch Grenzüberschreitung des Gewohnten, auch im Verhalten, im Denken und der Phantasie an KUNST, der Art Brut, geleistet haben? Die Beschäf-tigung mit dem bildnerischen Ausdruck psychiatrisierter Patienten, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich mit Marcel Réja (L'Art chez les fous, 1907) begann, in der Schweiz von Walter Morgenthaler (Ein Geisteskranker als Künstler (Adolf Wölfli), 1921), dann von Hans Prinzhorn (Bildnerei der Geisteskranken, 1922) fortgeführt wurde, haben zur Anerkennung der „Zustandsgebundenen Kunst“ und ihrer Künstler beigetragen. Nach dem Zweiten Weltkrieg dann der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler und der österreichische Psychiater Leo Navratil. Navratil. Dieser hat mit den zur Art Brut zählenden Künstlern Alexander, Johann Hauser, Oswald Tschirtner, August Walla und anderen Künstler aus Gugging die Patientenkunst wieder bekannt gemacht, die die europäische Kunststile außerordentlich bereichert.
Diese Abwertung heute der Patientenkunst ist auch eine Zurücknahme der Antipsychitrie-Erfolge von 68 und bis in die achtziger Jahre.
Eines muss man freilich sehen: Es mag sein, dass auch die Psichiatria Democratica übers Ziel hinausgeschossen ist, indem sie nur auf „Rückführung“ aus der Isolation in die Familie und Gesellschaft setzte, Nosologie und Pharmakatherapie ganz negierte, so wie jetzt eine totale Gegenbewegung hinein in den von den Linken geläugneten Bereich passiert. Doch wir konnten mit eignen Augen sehen, wie eine große Zahl der bisher gefangen gehaltenen Patienten, frei in die Gesellschaft zurückgekommen, nach kurzer Zeit gesund wurde. Und be-eindruckend etwa war das Schicksal und die Heilung einer dreiund-neunzigjährigen Patientin, Adalgisa Conti, über die wir ein Buch herausgegeben haben („Im Irrenhaus“, Neue Kritik, 1979), die seit 1914 in der Heilanstalt dahinvegetiert hatte, alle Furchtbarkeiten mitmachen musste, zum Teil jahrelang an einen Tisch gefesselt, für „immer“ bei den sogenannten „Chronischen“ stumm im eignen Kot hockte, und dann wie Adalgisa durch ihre Freiheit wieder „nomal“ wurde. Ihr Ehemann hatte sie 1914 einweisen lassen, um ungestört mit seiner Geliebten zu leben. „Fünf Jahre Ehe – 65 Jahre Heilanstalt“ hieß meine Sendung über Adalgisa Conti im Süddeutschen Rundfunk 1979. Nicht nur die „Psichiatria Democratica“, sondern die gesamte Anti-psychiatrie“ (David Cooper ,Ronald D. Laing, Thomas Szasz ,Franco Basaglia, Erving Goffman Félix Guattari, Gilles Deleuze) hat darauf eingewirkt, dass heute das Bewusstsein für die Stigmatisierung psychisch kranker Menschen geschärft worden ist., es einen kritischeren Umgang mit Nosologie und Terminologie gibt, eine. starke Verkür-zung der Verweildauer und genauere Kontrolle der so genannten Zwangseinweisungen und Zwangsanhaltungen erreicht wurde. Die 1991 von der UN-Generalversammlung angenommenen Prinzipien für den Schutz von Patienten, ist ebenfalls ein Erfolg der radikalen Antipsychiatrie-Bewegung.

Kommentare:

  1. Zu Ernst Seler:
    im Internet zu finden:
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9206287.html Spiegel vom 14. 08.1995 "Das Kreuz ist der Nerv"
    "Da lief im oberpfälzischen Schwandorf die Schülerin Elina Seler, damals 6, weinend heim, weil sie Angst bekommen hatte."Meine Tochter", klagte Vater Ernst Seler, "mußte auf einen 80 cm großen, nackten, blutüberströmten, toten Mann schauen, der direkt vor ihrer Nase hing."
    Der Pfarrer hatte ein Einsehen. Das große Kruzifix wurde gegen ein schlichtes Kreuzchen ausgetauscht....Den Eltern, Anhänger der anthroposophischen Lehre von Rudolf Steiner ging´s ums Prinzip. Monatelang hielt der Vater seine drei Kinder von der Schule fern; erst als ihm der Entzug des Sorgerechtes drohte, schickte er sie wieder hin.
    Schließlich wurde der Mann in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Der Grund dafür war aber nicht etwa seine Unbotmäßigkeit gegenüber Zehetmairs Kulturpolitik, sondern eine krnakhafte Störung der Wahrnehmungsfähigkeit."
    Herr Seler ist ca. Jahrgang 1950, hat als Friedhofsgärtner gearbeitet und wurde mit 34 Jahren berentet. Ob er wohl seine eigenen Ängste auf die Tochter übertragen hat?

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  2. Als der Spiegel um ein persönliches Interview bat, war die Bedingung, eine Gegendarstellung zu den von Ihnen zitierten Worten veröffentlichen: "Da lief im oberpfälzischen Schwandorf die Schülerin Elina Seler, damals 6, weinend heim, weil sie Angst bekommen hatte."Meine Tochter", klagte Vater Ernst Seler, "mußte auf einen 80 cm großen, nackten, blutüberströmten, toten Mann schauen, der direkt vor ihrer Nase hing."

    Die Tocher kam nicht weinend nach Hause und das Kruzifix war nicht bemalt, also das "blutüberströmt" ist Phantasie des Spiegelredakteurs. Die Spiegelredakteurin, welche mich um ein Interview bat, leitete meine Bedingungen weiter. Der Spiegel meldete sich nicht mehr.

    Übrigens baten die Behörden, eine Rente zu beantragen und nach einem Gespräch mit einem direkten Schüler von Rudolf Steiner willigte ich ein. Hierzu hat die Süddeutsche Zeitung 1995 mehr veröffentlicht. Berentet wurde ich mit 30 Jahren, da sehen Sie wie fundiert Ihre Informationen sind. Zufällig erschien heute dieser Beitrag eines Staats- und Kirchenrechtlers:

    "Kreuze im Gericht?
    Der Staat darf sich einfach keiner religiösen Symbole bedienen"

    http://www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/Staat-Religion-Kreuz;art141,3044601

    Der Grund für die Zwangseinweisung erfolgte nachweislich im Zusammenhange der Schulkreuzangelegenheit und hatte lediglich zum Ziel, ein Gutachten zu erstellen, ob Herr Seler gemeingefährlich sei. Das Landgericht prüfte meine sofortige Beschwerde und ich wurde ohne jegliche psychiatrische Untersuchung entlassen.

    Übrigens hat 1994 ein staatlicher Psychiater in einem neu geheim erstellten Gutachten festgesstellt, Herr Seler erklärt seine Hellsichtigkeit im Sinne Rudolf Steiners. Es handelt sich gerade um eine erweiterte "Wahrnehmungsfähigkeit".

    Übrigens wäre Jesus Christus nach Maßgabe staatlicher Psychiatrie höchstgradig schizophren. Wer mit seinem "Vater" im Himmel redet, ist nicht normal. Wer Prophezeiungen tätigt, wie Christus, ist geisteskrank nach solchen staatlichen Maßgaben.

    Ich habe gelernt keiner Pressemitteilung so ohne weiteres zu trauen..... .

    Hier wird der rechtliche Ablauf der Kruzifixsache dargestellt:

    http://www.das-gibts-doch-nicht.info/pdf/hamer4.pdf

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