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Montag, 24. Mai 2010

Nochmals zu den zwei Epochen der Securitate. Sogar Gedichte zur Geschichtsfälschung. Samt ZEIT-KOMMENTAREN

SECU-GEDICHTE UND ZEITKOMMENTARE AM ENDE


MILDERNDE UMSTÄNDE IM PROZESS
ein riesiges Kollektiv von Toten Vergangenen
vernetzt das Außen:
Ämter Strassen Fluglinien Nachrichten
Systeme sogar das Netz der Banken wo die Masse
anrollt / und Menschen auf rotierendem Erdball
und meine Akte im Schrank
Polizeigewahrsam fürs Hirn und im Geschehen Befragung
Interesse kalt doch mit scharfer Kontur Securitate
tat weh / fahl der Tag / ein Zittern
Ausnahmezustand stob ins Bild das wir sahen.
Doch wehe meine Ewigkeit wird vernachlässigt
und ich werde gnadenlos jenem Summen übergeben
zur Ruhe im Patientenpark oder schreibend am Tisch
ganz allein ausgesetzt auf den Bergen einwärts
im Grünen zu frei.
Die Krankheit leben zu müssen
erreichte mich / erst im Westen
erbsündennah wie ein Totschlag
im Alleinsein wund und ganz da.


Securitate. Betrug mit Macht oder Macht mit Betrug. Vorläufig im Essay Gedicht



1
Was nicht sagbar ist unter der Sonne/was Macht bringt auch unter dem Mond
Und gegen alle Sterne/ die zerschellen würden/ aus ihrer Bahn geworfen
Wider die Natur von ihrem Sein abgewichen: der Begriff durfte die Lüge/ nicht fassen.

Das Gedicht aber braucht den Beweis nicht/ es ist wie ein Kind
Beweis.

Ihr aber ihr früheren Freunde ( hab ihr es in der Hölle gelernt?) ihr „arbeitet“ mit ihr
Nun groß geworden im Fernseh Licht/ Mit aufgerissenen Mäulern (Schweigen wäre besser
gewesen … menschennah und geerdet), schreit ihr Erfindungen in eine/ nach glaubbarer Lüge
Gierende/ Welt.

Sie aber klatschen euch zu/ völlig verblendet. Beklatschen in stinkenden Sälen das Kunst Licht.
In den Himmel gehoben, der leer ist ohne Gott : für euch ist er längst gestorben/ zeigt ihr euc h schamlos als Gottersatz vor/ dem Publikum , das euch braucht/ die selbstgemachten Helden Puppen.

Ein X für ein U/ wenn Gefühle Zähne hätten wärt ihr längst tot / ihr aber
Glaubt daran / Oh wenn ihr nur daran glauben müsstet, das laute Wort
Im Halse/ stecken geblieben /im tieferen Sein wärt ihr aber gerettet.

Und sogar die Engel habt ihr zur Lüge bekehrt. Nicht wissend, was wirklich geschehen war
In der Hölle / singen sie halbmündig ahnend / was sie da tun /verführt und betrogen
Flüstern sie manchem Zuhörer zu: Vorsicht, die Hölle färbt ab! Worüber ihr spracht.

In einer höllischen Zeit habt ihr die größten Chancen /Chancen wie noch Nie / das wisst ihr, das nützt ihr Aus/ steigend auf immer höheren Trampolinen, die man euch baut und baut und baut
Bis ihr den falschen Himmel erreicht. Sag, Herr der Welt, wann fallen sie herab und zurück

In die Hölle? Nie? Sie arbeiten doch damit/ glaubst du sie sind blöde/ Dialektiker von Beruf
Sie haben es dort gelernt/arbeiten sie doch genau mit ihrem Fall: der vorgespielten Hölle
Wie sollen sie dann fallen, mein Freund?

2
Irre ich mich/habt ihr Nichts getan/ nur euer Machtwissen eingesetzt
Intelligent wie der Teufel/ sprühend, genial sag ich/ Aber. Aber sage ich/ wir alle
Die durch die Hölle gingen/ haben ein vollklingendes Instrument/ gereift

In schmerzender Enttäuschung/ mächtig klingend einsetzbar/ für Wahrheit oderLüge.
Die Zuhörer sind/ naiv und offen. Sie wollen das Lied vom Schmerz und vom Standhalten hören.
Wie leicht ist es doch Leichtgläubige zu betrügen /und größer als groß zu werden durch sie.

Größer als groß über Leichen zu gehen/ auf ihnen steigt man doch gut, höher und höher hinauf.

Geht das gut und ewig/ wenn man mal oben ist/kann man nicht fallen? Wer merkt es
Heute schon, dass Lügen doch sonst kurze Beine haben? Aber keiner will es wissen wenn alle jubeln.
Wer stört/ der ist doch der Betrüger/ er bringt die Leute um ihr Buchglück/ das sichtbar geworden War.

Wieder Helden zu haben. Echte, die wirklich gelitten und im Kampf nicht gefallen
Aufgestanden immer wieder mit lauter leicht erzählten Geschichten
Helden gibt’s doch heute so selten/ lass sie uns doch/ wir möchten sie nah ganz nahe haben.

So nah fassbar und lesbarer noch mit wirklichen Märchen. Lass sie uns doch: verschwinde!
Vom Neid/ nicht von des Gedankens Blässe/ angekränkelt: grün und gelb bist du auch im Vers?
Grünzahn, du, sagt einer / er muss es ja wissen/ er kennt doch die Leiter zum Aufstieg zu gut!

Sie wollen nun auch mich als Leiche haben, höher zu steigen, aber wohin noch? Ach, Heilig
Gesprochen zu werden/ heilig, heilig/ die nächste Lesereise geht zum Papst.
Sich anpassen nun/ wie früher an den Zauber der Ideen: damals

Im guten Grund der Securitate.

Aber was wärt ihr, Freunde/ heute: ohne SIE?
Ihr wärt wie vor ihr ein Nichts und ein Niemand vom Rande.

3
Ich sage jetzt alles/ was sonst/ doch aus Takt/ aus geklammert werden muss.
Was unsagbar ist. Unsäglich bleibt. Und Wirklichkeit wurde.
Habe ich alles falsch gemacht? So ohne kurze Beine und Connection.

Mit der Wahrheit auf dem Papier/ geduldig. Die kurzen Beine
Gekappt und so auf dem Bauch/ gelandet: auf einem einsamen
Papier Berg in dieser Zeit der Macht als Betrug/ und dem Betrug als Macht?

Oh, Freunde ich bewundere euch: die Poetik des Marktes Mal war es die
der Securitate. Der Trommler geht um/ die Ware lacht und glitzert schwarz
begehrlicher Blick in die Hölle. Freunde, das zahlt sich/ ehrlich nun/
AUS.




Leser-Kommentare DIE ZEIT
1.
• 10.09.2009 um 11:17 Uhr
• Gafra
1. Ja, gerade nach Naumanns Rezension
war ich auf das Buch gespannt, auch darauf, wie man Literatur über ein solches Thema schreibt, wenn man selbst nicht zur Erlebnisgeneration gehört.
Ich bin, wie Iris Radisch, enttäuscht, ja unangenehm berührt.
Vielleicht, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass jemand, der solches erlebte, sich in diesen Bildern wieder finden kann.
Verstehen, ansatzweise verstehen kann ich nach der Lektüre von Kertész, Levi, Borovski.
Hier habe ich irgendwann entnervt aufgegeben vor der Überzahl der süßlichen Bilder, die das Elend zukleistern, das ich begreifen möchte.
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2.
• 08.10.2009 um 15:16 Uhr
• revm
2. Es ist ein simples
Es ist ein simples Mißverständnis, dass Herta Müller da spreche. Dann ist es vielleicht ein Hinweis, dass da ein Ich-Erzähler spricht, ein Ich also nur. Völlig unerheblich übrigens, was Herta Müller da gewollt hat, lässt sich sowieso nicht feststellen. Und selbst wenn, wäre das nur das geringste. Dann schreibt die Autorin, dass sich die Wortwelt, Verfremdungsverfahren kaum verändert hätten. Ja, was heißt denn hier das "kaum"? Da hat man schonmal genug zum Nachdenken für eine Weile...
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3.
• 09.10.2009 um 16:46 Uhr
• hagego
3. Kein "Entweder oder"!
Die obige Headline-Frage verstellt geradezu den Blick auf das OEuvre Herta Müllers. Die Entfernung zwischen "Kitsch" und "Weltliteratur" ist riesig. Hier findet nicht nur die "Oder" ihren Platz. Sondern Flüsse von ganz anderen Ausmaßen!
Natürlich soll die Frage ("Kitsch oder Weltliteratur") ein wenig provozieren - weil man von einer Großen der Zunft immer und ständig Größeres und Spektakuläreres erwartet.
Herta Müller aber, so scheint es, wollte gar nichts "Spektakuläres" schreiben. Sie wollte über etwas schreiben, was zu ihrer eigenen Sozialisation gehörte. Was sie erfahren hatte. Was man ihr erzählt hatte. Was mit ihr und ihrem damaligen Heimatland Rumänien zu tun hatte. Und - was sie irritierte und sogar abstieß.
Bleiben wir auch in der sachlichen Auseinandersetzung und der Kritik maßvoll. Es müssen und können sich nicht immer alle Zeilen von bekannten oder unbekannten Schriftstellern zur Weltliteratur gerieren. Aber wenn sie es denn nicht werden, so müssen diese Zeilen nicht zwangsläufig kitschig sein!
Manchmal muss man vielleicht auch seine eigene Enttäuschung überwinden, weil man lieber eine andere Literaturnobelpreisträgerin oder einen anderen Literaturnobelpreisträger gehabt hätte. Mir, ich gebe es zu, ist das ebenso gegangen.
Frau Müller, ich gratuliere Ihnen!
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4.
• 13.10.2009 um 8:24 Uhr
• matisse1
4. seit jahren überschätzte literatur
die kritik von iris radisch beruhigt mich und bestätigt meinen
eindruck, den ich - nicht nur - nach der lektüre "atemschaukel" habe.
zu viele stilistisch-antiquierte fassaden und eine verstaubte sprache.
herta müllers romane...werden seit jahren überschätzt - leider kein einzelfall -, somit darf man sich über z.t. fragwürdige preisüberschüttungen nicht weiter verwundern.
iris radisch eine persönliche enttäuschung vorzuwerfen, halte ich für kontruiert und absurd, sie ist seit jahren für ihre objektiv-fundierten kritiken und einschätzungen bekannt.
im übrigen existieren seit längerem in diversen internetforen, z.b. der siebenbürger zeitung oder dem banatblog u.a., heftige vorwürfe gegen herta müllers vergangenheit, der sie sich bis dato nicht
überzeugend stellte.
auch für mich stellen sich hier noch ungeklärte fragen.
einer der kritiker ist hr. carl gibson, der sie zu einem offenem leserbrief aufforderte. sein text selbst wurde von mehreren redaktionen
mit der brgündung der redundanz abgelehnt.
sehr fadenscheinig, das alles.
matisse1
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5.
• 13.10.2009 um 16:23 Uhr
• taunusberge
5. Oberpeinlich
finde ich, dass dieser Schrott auch noch den "großen" Bücherpreis bekommt. Unglaublich. Unfassbar. Parfümierter Kisch ist ja noch gelinde gesprochen, neuerdings gönnt uns der Hässliche Rundfunk jetzt täglich eine Lesung zum Geniessen. Na dann prost.
[Anm.: Bitte bemuehen Sie sich, Kritik sachlich und konstruktiv zu formulieren. Danke. /Die Redaktion pt.]
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6.
• 02.11.2009 um 10:45 Uhr
• Christiane Bärmann
6. Unverstehen aus der selbstzufriedenen Behaglichkeit des Lesesess
Möglicherweise begründet sich "das Parfümierte" oder auch "der Kitsch" den Frau Radisch und ihre Anhänger der "Atemschaukel" von Herta Müller andichten, darin, das sowohl die Rezensentin als auch ihre Befürworter über keinerlei Erfahrung mit ähnlichen: despotischen, tyrannischen, gewaltätigen demütigenden Lebenssituationen verfügen. Damit haben sie diese Perspektive aus dem behaglichen Lesesessel eingenommen: das schockiert / berührt mich mich nicht (genug)..das sind alles "Um-Schreibungen" mit Wörtern aus einem "vergangen Jahrhundert". Diese Argumentationsschiene tut so, als ob es irgendwelche spezifischen Wörter, Sätze, Be-Schreibungen für diese Art von Erfahrungen gäbe. Das Perfide an Müllers "Thema" ist ja eigentlich das Unbeschreibliche, das Unbeschreibbare und damit im wahrsten Sinne Unsagbare solcher Erfahrungen. Herta Müller hat aber gerade das Unsaggbare in Worte gefaßt....die sich der reinen intellektuellen / literarisch-wissenschaftlichen Aufnahme und Verwertung des Themas und des Textes verschließen. Ihre Wörter und Sätze sind "absurd" und teilweise eher dadaistisch. Sie gehen am rein geistigen Verstehen "vorbei" und damit machen sie auch nicht "betroffen". Sie dringen direkt in die Kern-Zone vor..wo das sitzt..was man die menschliche kultiviertheit nennen kann. Deren Abhandenkommen ist das Thema der Atemschaukel und das was einem geschieht...der diese eintauschen muß für 800 gr. Brot.
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7.
• 13.12.2009 um 14:01 Uhr
• klauszeit
7. So oder so …
Was sollen diese abschätzigen Kommentare …
Herta Müller hat sich vermutlich nicht um den Literatur-Nobelpreis gerissen. Was kann sie dafür, wenn andere ihr Werk hierfür ausgewählt haben?
Außerdem, meist sind bezeichnender Weise die am härtesten im Urteil, die selbst ihr ganzes Leben lang niemals ein Buch in diese Welt setzen werden (können). Und denen fehlt es dazu nicht nur am Thema.
Klaus R.
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8.
• 22.12.2009 um 22:02 Uhr
• lokaote
8. Iris Radisch in der ZEIT zu Herta Müllers "Atemschaukel" – eine
Das Buch kommt aus einer anderen Welt als derjenigen, aus der Iris Radisch und wohl die meisten von uns kommen. Das Buch schreibt von Deportation, von Zwangsarbeit, von Hunger, von Kälte, von Qual, von Tod, von der "Banalität des Bösen", um Hannah Arendt zu zitieren. Und es erzählt vom Überleben in der Hölle und den Nachwirkungen dieser Traumatisierung.
In unserer Welt fragt man sich, wenn man nachts raus muß, ob es warm genug ist oder ob man den Bademantel braucht. In der Welt des Buches kann es einem passieren, daß man auf dem nächtlichen Gang über den Lagerhof zur Latrine erschossen wird, weil der Wachposten schlechte Laune hat.
Dieses Buch, das von einer unendlichen Qual erzählt, irritiert zunächst durch seine Sprache. Diese Sprache ist überraschend poetisch. Fortlaufend und wiederkehrend werden Bilder, poetische Verdichtungen gebraucht: die Atemschaukel, der Hungerengel, die Herzschaufel, um nur einige zu nennen. Das Geschehen selbst, die Außenwelt, da hat Radisch recht, wird in eine menschengestaltige Sprache (Anthropomorphismen) gebracht, alles wird lebendig, verliert die Grenze von Innen zu Außen, verliert auch das Maß an Zeit und Raum.
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MILDERNDE UMSTÄNDE IM PROZESS
ein riesiges Kollektiv von Toten Vergangenen
vernetzt das Außen:
Ämter Strassen Fluglinien Nachrichten
Systeme sogar das Netz der Banken wo die Masse
anrollt / und Menschen auf rotierendem Erdball
und meine Akte im Schrank
Polizeigewahrsam fürs Hirn und im Geschehen Befragung
Interesse kalt doch mit scharfer Kontur Securitate
tat weh / fahl der Tag / ein Zittern
Ausnahmezustand stob ins Bild das wir sahen.
Doch wehe meine Ewigkeit wird vernachlässigt
und ich werde gnadenlos jenem Summen übergeben
zur Ruhe im Patientenpark oder schreibend am Tisch
ganz allein ausgesetzt auf den Bergen einwärts
im Grünen zu frei.
Die Krankheit leben zu müssen
erreichte mich / erst im Westen
erbsündennah wie ein Totschlag
im Alleinsein wund und ganz da.




Für Nicolas Damian.
(Damian Necula)
1937- 6. September 2009

Sie sausen vorbei / die Sekunden
Auch jetzt. Wir wollten
Die Zeit aufhalten / mit
Einer Poesieakademie.
Dachten / wir seien besser
In einer vergehenden U-Topie
Als jene /die nicht daran glauben
Dass es in uns den alten Gott
Immer noch gibt.

So hatten wir auch dem
Teufel der Securitate
Widerstanden / Stolz bis
Vor zehn Jahren. Aufgerieben
Unser Mut und die Stärke des Herzens
Langsam / denn das Alter schlug zu.

Und sterben müssen wir alle.

Wir wurden leiser und leiser
Wir wurden weniger und weniger und
Verloren den
Größeren Mut im Exil.

Und jetzt bin ich allein / hier mit der
Vorgestellteren Zukunft
Du bist nun
Asche.

Und deine Bücher gehen
In ihren Schlaf ein
Im Bleiben.




 

Samstag, 1. Mai 2010

Die zwei Epochen der Securitate. Neueinstellung:Wider Geschichstfälschungen

Dieter Schlesak

DIE ZWEI EPOCHEN DER SECURITATE

VORBEMERKUNGEN

Nein, es geht hier nicht nur um Literatur, es geht um eine falsche Heldenlegende und um eine Verwechslung und Vermischung von Literatur und Widerstand. Ja, mehr noch, um eine Trennung von Literatur und Widerstand. Ein angeblicher Widerstand gegen das rote Regime, ein Widerstand, den es nicht gegeben hat, der nichts als Literatur ist, wird weltweit als aktive politische Widerstandsleistung vorgeführt, ins Politische stilisiert. Anstatt die wirklichen, die literarischen Werte zu preisen, wird er als politische Tat peinlicherweise mit höchsten Ehren bedacht– und der jungen Generation als Beispiel vorgeführt.

Da ich mit meinem Werk und meinem ganzen Leben als Autor diesen Themen eng verbunden bin, aber nicht nur die eine Epoche der Securitate, die der Tauwetterzeit des Ceauşescuregime, sondern auch die harte Gulag-Periode miterlebt habe, sowie die Nazizeit, dann den Heimatverlust und das Exil, diesen Themen mein Leben als Autor gewidmet habe, ich also in der Lage bin, diese Heldenlegende - peinlich berührt - zu durchschauen, erscheint auch mir (und noch vielen anderen meiner Generation!) diese angemaßte Widerstandslegende wie eine moralische Beeinträchtigung auch des eignen Lebenswerkes. So dass ich (wie andere auch!) nicht schweigen kann!!

Ich sehe mich, gemeinsam mit meinen noch lebenden Altersgenossen, als letzte Augenzeugen und auch als Augenzeugen der Augenzeugen, die der Wahrheit und niemals der Karriere und dem taktischen Machtspiel verpflichtet waren. Was seinen Preis hat und Machtverlust bedeutet. Ich glaube deshalb kaum, dass wir etwas an dem durch geschickte jahrelange Taktik gewonnen Machtspiel und an der verhärteten Öffentlichkeitsmeinung etwas ändern können. Und jetzt nach dem durch Öffentlichkeitsmacht gewonnenen antikommunistischen Widerstandsanspruch der "Aktionsgruppe Banat" und der neuen Nobelpreisträgerin, riskieren wir sogar, dass nun mit dem Finger auf uns gezeigt wird, wenn wir diesen Anspruch nicht akzeptieren, sondern ihn als peinlich empfinden!

Wir müssten wissen, dass die hohe „Währung öffentliche Aufmerksamkeit“ , auch wenn sie mit Täuschungen und Schein umgeht, nicht mehr korrigierbar ist. Es gibt dafür große Beispiele in der Geschichte. Nein, dieses festgefahrene Bild heute von der selbsternannten Anti-Ceauşescu-Liga, den Anti-Securitate-Kämpfern und „Helden“ in der Öffentlichkeit, können wir Älteren sicher nicht mehr ändern. Eine Tatsache, die nicht nur mich zur Verzweiflung treibt, doch durchaus mit der Einsicht einhergeht, dass auch Macht-Mangel eine Art moralische Schuld bedeutet, weil sie notwendige Wahrheiten nicht durchsetzen kann, zusehen muss, wie Halbwahrheiten oder gar Lüge und Betrug triumphieren!

Der folgende Aufsatz ist also wichtig, um Geschichtsfälschungen wenigstens zu offenbaren und als solche anzuprangern! Und ich habe vor, nach dem Dokumentar-Roman über den siebenbürgischen Auschwitzapotheker, der es zu einem weltweiten Erfolg gebracht hat, nun auch über die zwei Epochen der Securitate und über das Spiel, das auch heute noch mit ihr getrieben wird, ein ganzes Buch zu schreiben Und es wäre schön, wenn auch hier Aufklärung weltweit Erfolg hätte.

Der folgende Aufsatz kann nur ein stark verkürztes Bild von dieser Problematik geben.

DIE ZWEI EPOCHEN DER SECURITATE, IHRE FOLTERMETHODEN, IHRE DISSIDENTEN UND INFORMANTEN.

Persönliche Erfahrungen

1
„Der zu Verhörende wurde mit dem Kopf nach unten aufgehängt… Mit einer Sonderzange wurden ihm die Fingernägel ausgerissen … Seine Fußsohlen wurden mit einer Stichflamme gebrannt … die Hoden wurden mit einem dicken Bleistift oder einer dünnen Weidenrute so lange geschlagen, bis das Opfer unter fürchterlichen Schreien in Ohnmacht fiel, und in vielen Fällen verstarb. (Methode des Securitate-Folterers Franţ Ţandără, der auch nasse Sandsäckchen zu Schlägen auf Rückgrat und Nieren benützte. Sein Bekenntnis erschien am 21. März in der Zeitschrift „Singur“ in Bukarest) …Schreckensschreie oder Stöhnen von nahen Verwandten wurden dem Opfer zu Gehör gebracht… Schläge mit einem Prügel auf den Kopf des Opfers … Tritte mit dem Stiefelabsatz in den Mund, die Zähne des zu Verhörenden … Hetzen eines Wolfshundes auf das nackt an einem Pfahl festgebundene Opfer … Isolierung des Gefangenen über Wochen und Monate in engsten Zellen, wo er nur stehen konnte …“
Die Quellen sind inzwischen weitgehend zugänglich, vor allem durch den offiziellen „Raport Final“, eine Art Schwarzbuch des rumänischen GULAG, erschienen in Bukarest 2007 im Humanitas Verlag. Die Aufzählung der Foltermethoden stammt aus diesem Bericht. Der ehemalige politische Häftling Cezar Zugravu zählt in seinem Bericht „Die Foltermethoden der Securitate“ Einundvierzig „Methoden“ auf.

Es wird neuerdings zum Thema Securitate viel Unsinn geschrieben, noch mehr gequatscht und angegeben; man kann sich der vielen selbstgerechten Moralisten, Widerständler, Dissidenten und tapferen Autoren der späteren, der sanften Tauwetter - und Ceauṣescu-Zeit kaum erwehren. Vergessen aber wird die Folter- und Schreckenszeit vor 1965 mit über zwei Millionen Opfern. Man muss dabei nicht auf die vielen Memoiren, etwa von N. Steinhardt, Lena Constante, auf das Buch über das furchtbare, jede Vorstellung überschreitende Folter-Experiment in den Zellen des Gefängnisses von Piteṣti in Südrumänien (im „Raport Final, S. 598-614), die Gefängnis-Romane von Paul Goma oder auf das Dokumentar-Buch über das Folterregime der stalinistischen Hölle, das 1959 auch fünf deutsche Schriftsteller traf, zurückgreifen. (Es ist deutsch 1993 im Verlag IKGS der Münchner Uni unter dem Titel: „Worte als Gefahr und Gefährdung“ erschienen). Wie sehr es dem Terror-Regime darum ging, jeden Glauben, jede Identität zu zerstören, die menschliche Würde mit Füßen zu treten, das Gewissen umzukehren, um ein negatives glaubensloses Hasssubjekt in seinen Zwangsdienst nehmen zu können, zeigt im unerträglichen Extrem die „Reeducare“ (Umschulung, Umerziehung) im Vernichtungsgefängnis Piteṣti: „Die delierierende Phantasie von Eugen Ţurcanu – schreibt Virgil Ierunca, der das wohl wichtigste Buch zum „Phänomen Piteṣti“ 1991 in Bukarest veröffentlicht hat, „wurde vor allem dann entfesselt, wenn er es mit Studenten zu tun hatte, die an Gott glaubten und versuchten, ihren Glauben nicht zu widerrufen. So wurden diese jeden Morgen „getauft“, indem ihr Kopf in einen Kübel mit Fäkalien und Urin getaucht wurde, während die Umstehen die Taufformeln psalmodieren mussten.“
Ein Blick in den außerordentlich akribisch und mit einer Überfülle an Dokumentar-Material belegten offiziellen „Raport Final“ über die rote Diktatur, wo auch diese Details ausführlich zitiert werden, genügt, um zu erkennen, wie relativ harmlos die siebziger und achtziger Jahre im Verhältnis zur stalinistischen Zeit der fünfziger und sechziger Jahre waren. Unter den vielen Folterberichten und Fällen aus dem rumänischen Gulag, gibt es im „Raport Final“ nur wenige aus der Ceauṣescu-Zeit. Das gleiche gilt für die Untersuchungen der roten Verbrechen in Rumänien durch die Gedenkstätte Sighet (Memorial- Sighet), die von der bekanntesten rumänischen Lyrikerin Ana Blandiana und ihrem Ehemann Romulus Rusan begründet wurde, und dessen erschütternder Bericht, „Chronologie und Geografie der kommunistischen Unterdrückung in Rumänien,“ Fundaţia Academia Civică, 2008, kürzlich auch auf Deutsch erschienen ist.
Ich habe diese Quellen, ohne die ein Verständnis der Securitate und ihrer Spitzel- und Folterwelt unmöglich ist, in keiner der inzwischen massenhaft erschienenen Artikel zum Nobelpreis 2009 an Herta Müller oder zum IM-Fall Werner Söllner gefunden. Auch die beeindruckenden Augenzeugenberichte einer Zeitschrift des rumänischen Schriftstellerverbandes „Memoria“ nicht. Wichtig ist „Memoria“, vor allem Nr. 1/1990, weil sie Fakten aufklärt, die die Securitate-Verfolgung der Autoren in Rumänien betrifft. „Memoria“ zeichnet schlimmste Folterberichte auf. So auch jene aus der Folterkammer „camera 4-spital“ Piteṣti, jener einmaligen Erfindung der Securitate, wo Häftlinge sich Tag und Nacht gegenseitig foltern mussten, einmalig in der ganzen Gulag-Geschichte. All diese Berichtewurden gleich nach dem Fall der Diktatur von Betroffenen veröffentlicht!

In „Memoria“ wird auch der vielen Toten und Verschwundenen gedacht, sogar eine Suchliste wird veröffentlicht. Doch kein einziger Bericht oder Fakt stammt aus der Tauwetter-Zeit Ceauṣescus. Und die Aufarbeitungs-Moral heutzutage ist in den meisten Fällen nichts als ein Mäntelchen, das sich alle, auch jene, die keine Ahnung vom Stoff haben, umhängen. Und die sich ausschließlich mit der Ceauṣescu-Zeit beschäftigen, die im Verhältnis harmloser, aber sehr viel bunter und „mediengerechter“ ist.
Mit einer Ausnahme, der kurzen Analyse des Literaturkritikers Gerhardt Csejka, der objektiv und präzise die ganze kommunistische Epoche ins Blickfeld rückt und nicht nur den harmloseren Tauwetter-Ausschnitt, dabei auch dem Rufmord-Opfer Werner Söllner gerecht wird. Csejka schreibt über die „Zäsur“, die das „Tauwetter“ der Ceauṣescu-Zeit ab 1965 charakterisiert: „Zu den kulturpolitisch relevanten Folgen dieser Zäsur gehörte eine deutliche Reduktion der Angst, sich mit einem falschen Wort um Kopf und Kragen zu reden (oder zu schreiben). Auch der Gedanke an die ständige Präsenz der Securitate-Lauscher war in der Folgezeit weit weniger verhaltensbestimmend als in der Zeit davor.“ (Büßen für die Schurken. IM ja, Spitzel nein? Der Tagesspiegel, 12.12.2009.) Csejka, der selbst Mitglied der „Aktionsgruppe Banat“ war, ist Jahrgang 45, er hat die Zeit des fürchterlichen rumänischen Gulag noch am eigenen Leib miterlebt, die fast zehn Jahre Jüngeren der „Aktionsgruppe“ hatten keine Erinnerung daran. Nirgends sonst wird der Folterepoche der Stalinzeit vor Ceauṣescu und der wirklichen Opfer gedacht, jener in den Untersuchungs- und Foltergefängnissen Ermordeten, der in den Securitate-Kellern oder in den Lagern am „Kanal“ und im Donaudelta Umgekommenen.
Es gab freilich auch in der Ceauṣescu-Zeit Einzelfälle von Morden, doch beschränkte sich die Securitate auf diese, die massenhaften Verhaftungen, die oben beschriebenen Foltermethoden, und den physischen Genozid gab es nicht mehr, unter Ceauṣescu gab es wenige Prozesse; dazu gehört etwa der Prozess gegen Widerständler und ganzer Gruppen und „Rädelsführer“ von Arbeiteraufständen, etwa in Kronstadt, oder gegen die freie Gewerkschaft SLOMR mit etwa 2000 Mitgliedern. All das war auch ein Resultat der größeren Freiheitsmöglichkeiten, undenkbar in der Gulag-Zeit. Es gab also nicht nur den Literatenwiderstand der „Aktionsgruppe Banat“ (der als Randerscheinung in den Quellen kaum, meist keine Erwähnung findet!), da sie nur im Alleingang wirkte und keinerlei Verbindung oder gar Solidarität mit den realen sozialen Aktionen zeigte. Was heute zu heftigen Reaktionen und sogar Angriffen, etwa des Bürgerrechtlers Paul Goma oder des SLOMR-Mitbegründers Carl Gibson gegen die Aktionsgruppe geführt hat. Beide Kontrahenten, Goma und Gibson, saßen jahrelang im Gefängnis, Goma auch in der Gulag- und Folterzeit. Was man von den Banater Literaten nicht behaupten kann. Sie unterstützten diese Initiativen nicht, wussten vielleicht gar nicht von ihnen. Goma, der „rumänische Solschenitzyn“, hat sie in einem Artikel auf seiner Webseite (Fragment de jurnal, 9 octombrie 2009) heftig attackiert, und spricht etwa der neuen Nobelpreisträgerin jeden Anspruch auf Dissidenz ab. Die „Aktionsgruppe“ habe sich 1977, als Goma sich der tschechischen Charta zur Verteidigung der Menschenrechte anschloss, selbst eine Charta gründete, geschwiegen. Und Carl Gibson hat die Banater Literaten in seinem Buch „Symphonie der Freiheit“ (Dettelbach, 2008) ebenfalls heftig angegriffen.

Die Methoden des kommunistischen Königs Ceauṣescu waren andere als bisher, persönliche Rachakte einer les majestatis: er ließ auch Gegner der deutschen Minderheit einfach ermorden, so wurde Georg Horn 1987 von Securitate-Leuten vor der Deutschen Botschaft in Bukarest erschlagen, und Roland Kirsch wurde noch 1989 in seiner Temeswarer Wohnung ermordet.
Die Morde waren freilich auch zur allgemeinen Einschüchterung und als "Exempel" gedacht, wie andere Morde auch. Sie sollten weiter die Schreckenserinnerung an die Zeit vor 1965 aufrechterhalten, und diese Traumata lebten vor allem in den Älteren weiter, ließ sie weniger mutig sein als die Jüngeren, auch die jungen Literaten, die unbelastet davon waren und sich so freier und verwegener bewegen konnten! Und diese Verwegenheit war ein Produkt eben dieser neuen freieren Zeit.

2
In der gegenwärtigen Pressekampagne geht es jedoch nicht um Todesfälle, sondern vor allem um eine späte „Dissidenz“, um Verhöre und Verfolgungen, Drohungen und Erfindungen der Securitate, die auch diffamierte, ja, dazu, etwa im Falle von Herta Müller, diese möglicherweise zur IM stilisierte, um mit allen Mitteln einzuschüchtern und zu entwürdigen (Müller hat sich verteidigt und ausführlich in der ZEIT darüber berichtet). Es ging also um Traumata und um den Seelenschmerz von AutorInnen in einer Zeit, da es die wirklichen Schrecken gar nicht mehr gab. Es geht vor allem um diese literarische Dissidenz dieser jungen und weniger von Schreckenserinnerungen belasteten Autoren in der Tauwetterperiode des „dynastischen Kommunismus“ nach 1965, die nun die ganze Aufmerksamkeit und das Medienecho allein auf sich lenkt. Zu bedenken ist auch, dass die Alltagsangst im Ceauṣescu-Staat samt den drei F (foame, frig, frică, Hunger, Kälte, Angst) für die gesamte Bevölkerung, nicht nur für die Literaten galt; der oberste Bonze, der Herr der eigenen Eitelkeit mit Zepter und unsichtbarer Partei-Krone setzte Angst als Regimekitt ein, die ebenfalls alle täglich erfuhren. Die Securitate jener Zeit war so nur eine Angst- und keine Foltersecuritate, sie diente als Angstproduzent und Herrschafts-Instrument der Partei, und war kein Vernichtungsinstrument mehr. In dieser gewandelten Form freilich, war sie besonders wichtig. Es ging nach 1964/65 nicht um Gefängnis, Lager und Folter, die in einem geheimen Partei-Dokument von 1967 als Verhörmethode sogar kritisiert und als abgeschafft betrachtet wurden, sondern es ging nur noch um psychischen Terror (hinter dem aber kein fürchterlicher Gulag und kein mögliches Verschwinden stand wie in der Zeit vorher! Und das wusste jeder!). Es ging nur um Einschüchterung als „Prophylaxe“, um das Entstehen von Widerstand und politischer „Delinquenz“ von vorneherein zu verhindern! Außerdem musste ja in der lächerlichen Zepterwelt des kommunistischen Dynasten, die diplomatische Außenwelt (auch nach einigen internationalen Abkommen! Und Aufnahme des Landes in die UNO) eine gute Figur machen, um Gelder und Ehren zu ergattern; alles im Dienste der regierenden Familie. Die Dissidenz jener Jahre spiegelt dann auch diese clownartige, doch sinistre Theaterwelt der Macht wider, und war nicht die tödliche Dissidenz der endfünfziger Jahre, wo es sogar noch bewaffnete Partisanen in den Karpaten gab (bis 1961).

Doch zurück zum heutigen Echo im westdeutschen Medienbetrieb 2009 auf das Literaturecho der ehemals jungen rumäniendeutschen Autoren in jener finsteren Theaterwelt der Ceauṣescu-Zeit. Leider ist inzwischen auch der Fall des eigentlichen Opfers aus der „Aktionsgruppe“, William Totok unklar, seine Rolle widersprüchlich, er, der 1975 acht Monate Haft erleiden musste - einzig publizistische Entlarvung aus dem Westen, erzwangen seine Freilassung, ist nicht zweifelsfrei ein "Märtyrer".(Jene alte publizistische Aktion setzte damals mit Recht auf die Eitelkeit der Parteikönige („dynastischer Kommunismus“), auf deren Sorge um ihren Ruf und die Gelder aus dem Westen. Es gab damals in der Tauwetter- und Öffnungszeit diese schöne Macht der Westmedien, um gefährdete Kollegen zu schützen! Ich darf darauf hinweisen, dass ich selbst mit einem Artikel in der „Frankfurter Rundschau“ und einer Sendung im hr, beteiligt war.) Und der Autor Helmuth Frauendorfer, der auch bei der Securitate „unterschrieb“, aber dann unter Risiko, die Mitarbeit verweigerte, erhält als Opfer kaum Aufmerksamkeit. Wichtiger sind jetzt andere, eben die Literaturdissidenten, die dazu noch vom roten Regime gepäppelt wurden (Herta Müller nahm mit Dank den Preis des kommunistischen Jugendverbandes und andere zwei politische Preise im roten Rumänien an!) oder Parteimitglieder waren, sogar veröffentlichen und in den Westen reisen durften. Auch Müller durfte mehrfach für ihre Bücher in den Westen reisen. Was ist das für eine seltsame Dissidenz?
Ich gebe zu, dass auch ich, wie viele Kollegen, es andererseits und "schizophrenerweise,“ Herta Müller danke, dass sie die rumäniendeutsche Literatur aus ihrer provinziellen "Ecke" geholt und weltweit bekannt gemacht hat. Uwe Wittstock hat das in der "Welt" gut beschrieben. Die Nobelpreisträgerin will freilich von solch einer "Stellvertretung" nichts wissen, sondern reklamiert den Preis einsam für sich, nennt auch außer Oskar Pastior keinen einzigen anderen Kollegennamen.
Auch stimme ich keinesfalls in den Jubel ein, den die Kritik weltweit zur "Atemschaukel" angestimmt hat, sondern bin da eher mit Iris Radisch einer Meinung, die im Sommer 2009 in der "ZEIT" das Buch scharf kritisiert, ja, verrissehn hat. Nach dem Nobelpreis ist dann auch Iris Radisch "umgefallen" und kennt nur noch Lob. Jetzt haben die Leser das Wort, die zuerst hunderttausendfach das Buch gekauft haben, inzwischen liegt es, die Enttäuschung ist groß, und ich höre aus Italien, aus Deutschland, aus Rumänien nur vernichtende Kritik der Leser, die diesen Aufstieg nicht begreifen können, und sich betrogen fühlen!

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Im Dezember 2009 wird, ebenfalls mit bereitwilliger und naiver West-Medienhilfe, nicht nur der wirklichen Opfer nicht gedacht, sondern es werden neue Opfer produziert, die als Täter vorgestellt, - denn zum Guten gehört ja das Böse – jene Diktaturzeit anschaulich und fast greifbar machen. Vor allem diese mutige und hochmoralische Leid- und Widerstandsgröße ist es, die weltweit Bewunderung erweckt, bei mir Bewunderung auch für das taktische Geschick und die Art, wie man aus Wenigem Viel machen kann. All dieses verhilft dazu, dass man die Securitate neu auferstehen lassen kann, da sie ja als Werk- und Lebensthema weiter gebraucht wird. Vorzeigbare Täter sind willkommen. Dabei geht es, wohlgemerkt, nicht um die kriminellen Zuträger und Denunzianten aus der Folterzeit, die Menschenleben auf dem Gewissen haben, sondern es geht ausschließlich um Täter aus der Theaterwelt des kommunistischen Königs, um mehr oder weniger harmlose und schwach gewordene Opfer der Hauptideologie der Securitate jener Zeit: die Einschüchterung!

Ich spreche hier vor allem vom Fall Werner Söllner, der inzwischen – was er mit seinen Gedichten und seiner Dinescu-Übersetzung so nicht schaffen konnte – nun auch Literaturfremden als IM-Bösewicht präsentiert, medienbekannt wird wie ein bunter Hund.
Es mag sein, dass diese ganze emotionsgeladene Kampagne in Interviews und Beiträgen Material liefert, wo Augenzeugen im Lebens- und Erinnerungsvergleich beim Umgang mit ihren eigenen Securitate-Akten wertvolle eigene Erfahrungen beitragen; ja, all das kann die Grundlage und der Anstoß für spätere ernsthafte wissenschaftliche Untersuchungen sein, doch die Securitate-Akten dürfen niemals als Quelle von Tatsachen oder gar von Wahrheitsbehauptungen wie in den erwähnten Artikeln, eingesetzt werden! Zur Zeit aber ist alles vorbelastet und, wäre es ein Straf-Prozess, müssten die Zeugen wegen „Befangenheit“ abgelehnt werden.
Ich möchte auch darauf hinweisen, dass die wirklichen Täter, Folterknechte, deren Namen sogar bekannt sind, „Führungsoffiziere“, soweit noch am Leben, frei herumlaufen, ihre Pensionen als „Staatsbeamte“ genießen, während ihre durch Angstmethoden angeheuerten Opfer im „freien Europa“ nun zur Verantwortung gezogen, riskieren, dass ihre Karrieren und ihr Berufsleben, ja, ihr Leben zerstört wird; einige Selbstmorde wurden bekannt. Die eigentlich Schuldigen wurden nie bestraft.
Wir wissen, dass der Kollege Werner Söllner bei einer Tagung am 8. Dezember 2009 in München zum späten Thema „Securitate“, seine Zuträgertätigkeit und Mitarbeit offenbarte, sich dazu entschloss, eher entschließen musste! Und zerknirscht dann auch Interviews gab und in einem beeindruckenden Auftritt in 3sat bekannte, dass er zwar nach 30 Jahren nicht mehr genau wisse, was er wirklich getan habe, doch durch einen ungeheuren Angstdruck, dem er nicht lange widerstehen konnte, sondern – er bezichtigte sich selbst – Charakterschwäche gezeigt habe, im Dienste des Geheimdienstes Gedichte und andere Texte von Kollegen, darunter auch Texte von Richard Wagner, Herta Müller, Johann Lippet, Gerhart Ortinau, William Totok u.a., „interpretiert“ und nach „systemfeindlichen Inhalten“ ausgeforscht habe. Er sollte also dem berühmten „Versteckspiel in der Metapher“ auf der Spur sein, was fast ein Hohn für die rumäniendeutsche Literatur jener Zeit (1971-75, aber auch für meine Zeit nach 1959-1968) war, eine kleine Literatur, die damit groß geworden war, indem sie ihre Sprache unter solchen Gefahren geschärft hatte, und so Werte schaffen konnte, die sie dann bis zum Nobelpreis hinauf katapultierte. (Der Preis ist nicht nur für literarische Werte, die ja in hohem Maße da sind, wenn auch angezweifelt, so etwa von Iris Radisch in der ZEIT ("Kitsch oder Weltliteratur? 20. August 2009), sondern – leider- vor allem für einen „mutigen Widerstand“ gegen die Diktatur und nun stellvertretend für alle Dissidenten, in welchem Regime auch immer, verliehen worden!!!).

Das Gegenteil von der nun in den Himmel gehobenen Kollegin Müller ist Werner Söllner, kein schlechterer Autor, aber einer, der ins Inferno der Ächtung verstoßen wurde. Bittere und zerknirschte Bekenntnisse hat er, der sensible Lyriker und gewissenhafte Mensch, den ich als aufrichtigen, ausgewogenen und sehr leidensfähigen Schriftsteller kenne, selbst unter Schock geliefert. Denn seine Akte lag auf dem Tisch oder zumindest in den Köpfen der Teilnehmer, so dass er in Vorausverteidigung sozusagen gezwungen war, diese „mutige“ Tat zu begehen, seine „Jugendsünde“ (er war Student und 20 Jahre alt), seine geheimdienstphilologische Tätigkeit unter dem Decknamen „Walter“ zu gestehen. Es war eine gefährliche Offenbarung, deren Folgen ihm sicher klar waren. Vor allem ein negatives Image als Autor und Poet, der seinen Namen in die finsterste Ecke verbannt, sehen muss. Seine Fürsprecher, Eva Demski, Gerhard Mahlberg (im hr), Gerhardt Csejka, vor allem aber Michael Markel, der schon bei der Tagung sagte, dass Söllners „Interpretationen“ ihn vor Schlimmem bewahrt, ja, ihn gerettet haben, wurden jedoch sofort von Richard Wagner im Blog der „Achse des Guten“ attackiert und Söllner an den Pranger, ja an die Wand gestellt. (Vor allem auch in der FAZ vom 16.Dezember 2009).

Man darf freilich nicht vergessen, dass der Fall im Securitate-Schriftstellerbereich symptomatisch ist, dass solche geheimdienstlichen Text- „Deutungen“ auch im Falle der fünf deutschen Schriftsteller (Bergel, Scherg, Siegmund, von Aichelburg, Birkner) 1958-1959, also in der härtesten Zeit, eine große Rolle gespielt haben. Immer ging es um diese literaturversteckte interlineare „Tat“, die ein verstecktes “feindliches“, ja „regimefeindliches“ Denken offenbarte, bis hin zum angeblich „umstürzerischen“ Bewusstsein. Das vom Regime am meisten verfolgte, gefürchtete wilde Tier, war der Wahrheitsträger Sprache, und damit in erster Reihe Literatur und Witz! (Beim 1959 verurteilten rumäniendeutschen Autor Hans Bergel war es etwa schon das von „Geheimdienstphilologen“ aufgedeckte Gegensatzpaar „Fürst und Lautenschläger“, Dichter contra Diktatur, das ihm zum Verhängnis wurde!)

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Doch zurück zum unglücklichen Werner Söllner: Auch wenn alles wahr wäre, was gegen ihn vorgebracht wird, darunter „Tatsachen“, diese „Entlarvung“ hätte 1975 geschehen müssen, als sie noch geholfen hätte, das war damals aber unmöglich. So bleibt die Frage offen, wem hilft sie heute, und wozu das alles? Aufarbeitung? Wahrheit? Oder Rache, gekoppelt mit den Vorteilen des hellen Rampenlichts?
Allerdings, auch wenn wir vom wirklich wahrheitsmäßig Authentischen und der Substanz ausgehen, und diese „Aufarbeitung“ als wichtiges historisches Pensum ansehen, bleibt die Frage: Wer kann, wer darf da anklagen, und mit welchem Beweismaterial. Nun ergibt sich auch hier eine unangenehme Tatsache: Jene, die anklagen, haben möglicherweise kein Recht, kein Mandat dazu, denn einige haben selbst, zumindest als Parteimitglieder bis 1985 mit dem Regime kollaboriert. Und die Partei war es doch, die der Securitate die Aufträge gab (Die Securitate:Directia Generala a Securităţii), als Parteiinstrument wurde vom Sekretariat des Zentralkomitees der RAP (PMR ) am 10. Juli 1948 durch das „Dekret“ Nr. 221 gegründet, und ihre Terror- „Aufgaben“ festgelegt, die sich im Wesentlichen bis 1989 nicht verändert haben. Doch darf man nicht vergessen, dass die Beziehung Partei-Securitate sich veränderte. Und dass die Partei eher schwächer, die Securitate stärker wurde. Dass auch viele in die Partei eintraten, weil sie sonst einen führenden Posten gar nicht haben durften. Und viele sogar eintraten, um mehr Macht zu haben, positiv die Dinge zu verändern. Aber auch Gründe des sozialen Vorteils gab es freilich, so dass der Status des "einfachen" Parteimitglieds und überhaupt diese Mitgliedschaft sehr differenziert gesehen werden muss.

Aber wenn Söllner, sollte es wirklich stimmen, zur Zerschlagung der Aktionsgruppe so mit beigetragen hat, wäre das ein nun unvergessliches literaturhistorisches Phänomen in der Geschichte der Aktionsgruppe und damit in der rumäniendeutschen Literatur, die via Nobelpreis ja nun auch für die deutsche Literaturgeschichte eine viel größere Bedeutung hat als bisher! Und da ist noch etwas, was mich im „Fall“ Söllner besonders aufbringt: Vergleichbar wie er hat auch der Romancier Eginald Schlattner, aber in einer ganz anderen Zeit, gehandelt, dem Druck nachgegeben, unter ganz anderem lebensbedrohendem Druck, und er saß zwei Jahre im Gefängnis, wo er „bearbeitet“ wurde, so dass er als Kronzeuge der Anklage gegen fünf Kollegen auftreten musste, was freilich wenig bedeutet, da die Rollen im Schauprozess, sowie dessen Ausgang von der KP schon vorher festgelegt wurden. Oder ein anderer Fall: nach jahrzehntelangem Gefängnis wurde der rumänische Lyriker Ion Caraion, der 7 (11) Jahre gesessen hatte (wegen vier in den Westen geschickter Gedichte!), der initiativreichste Autoren-IM, der Secu-Portraits über viele Kollegen schrieb. Schlattner hat in seinem großen und sehr wichtigen Roman „Rote Handschuhe“ (Wien, 2000), vielleicht den besten Roman über diese Zeit geschrieben, wo er hautnah und aus dieser Gewissenslage heraus, diese Erfahrungen verarbeitet, als Grundargument für seinen erzwungenen "Verrat", auch Gewissensgründe vorbringt, dass er von der Zukunft des Kommunismus damals überzeugt gewesen sei (viele andere Autoren, auch in Ostdeutschland, waren damals 1960 „Überzeugte“, wie wir das nannten! Und ich nehme mich nicht aus!) Doch Söllner im Jahre 1974?! Er hatte weder im Gefängnis gesessen, noch drohte ihm Verhaftung, die einzige Drohung mit der ihn „Hertza“, sein "Führungsoffizier" dazu brachte, IM zu werden, war die Exmatrikulierung aus der Uni. Und man fragt sich heute: wäre diese Exmatrikulation nicht ein geringerer Preis gewesen als die jahrzehntelange Gewissensnot? Und ob dieser Preis damals 1971 auch wirklich zu zahlen gewesen wäre, steht sehr in Frage. Nicht nur Herta Müller verweigerte sich in jenen Jahren, sagt sie, sie habe aber der Verweigerung ihrer Mitarbeit wegen ihren Job als Übersetzerin verloren; Helmuth Frauendorfer, Mitglied der Gruppe, der nach eignem Bekenntnis (Interview mit Helmuth Frauendorfer: In den Fängen der rumänischen Securitate, Stern.de, 17.12.2009), zuerst sogar „unterschrieben“ hatte, dann aber jede Mitarbeit verweigerte und alles sogar „dekonspirierte“, Kollegen offenlegte, was einer strafwürdigen Tat gleichkam, hatte keine Folgen zu erleiden! Und mir ging es in den viel härteren Zeiten um 1960, als Redakteur der „Neuen Literatur“ in Bukarest, genau so, ich verlor ebenfalls - als ich die Mitarbeit verweigerte - meinen Posten nicht, sondern wurde nur weiter verfolgt und bedroht! Ich hatte seltsamerweise das gleiche Argument, die Mitarbeit zu verweigern, wie Herta Müller: ihr „Charakter“ mache sie zu solchen „Diensten“ ungeeignet. Ich hatte das gleiche Argument – 1960 als mir das drohte, was Schlattner geschah! Ich wurde nicht entlassen! Hatte ich es meinem guten Chef, Emmerich Stoffel, Mitglied des ZK, zu verdanken? Und ich war ja immerhin Redakteur der „Neuen Literatur“, einer Enklave im Regime, die besonders scharf beobachtet wurde! (Für Lyrik verantwortlich, der ähnliches, auch in jener viel gefährlicheren Zeit! schon damals betrieb: Versteckspiel in der Metapher! Und das gleiche „Versteckspiel“ auch meinen Kollegen, denen ich ihre Gedichte in der Zeitschrift veröffentlichte, empfahl! - Gab es denn keine Wanzen in meinem Redaktionszimmer? Ich war verrückt mutig damals. Dass mir nicht mehr geschah, war ein großes Wunder! Es waren wohl nicht nur die evangelischen Schutzengel aus Siebenbürgen, die mir geholfen haben, nachdem ich mich einigen meiner Kollegen offenbart hatte, also voller weiterer Angst auch Strafwürdiges tat, nämlich „dekonspirierte“. Doch weder Müller, Frauendorfer, noch ich sollten uns auf unsere Verweigerung etwas einbilden! Es gab einige, die es taten, ich kenne auch einige Fälle aus jener harten Zeit.
Unser aller Widerstand (mit einigen Ausnahmen, es gibt auch genug TMs und Schwächlinge zuhauf, die nur aus familiären und Karrieregründen schon mal in die Partei eintraten, ohne allgemeinen Nutzen, doch auch kaum allgemeinem, außer vielleicht persönlichem moralischem Schaden; doch gab es nicht nur eine Minderheit unter den Rumäniendeutschen, sondern es gab mehr Landsleute als bekannt, die versuchten, auf ihre Art leise und unbemerkt dem Regime zu trotzen, es gab sie in allen Bereichen, nicht nur in der Literatur, sogar die Kirche (und da bin ich mit der Haltung von Kollegin Herta Müller, die auch die Evangelische Kirche Siebenbürgens der Securitate-Mitarbeit verdächtigt, ganz und gar nicht einverstanden!), Lehrer, aber auch viele Leute in den Betrieben, Hochschullehrer, Journalisten, Kritiker, Bauern, Angestellte, Beamte, Autoren, Fernsehleute etc.etc. die mit Taktiken der Idiotie des Systems trotzten! Und es gab auch bei Zensur-Mitarbeitern „Interpretationen“, die Gedichte und Menschen retteten. Auch Söllner half dem Hochschullehrer Michael Markel durch seine Geheimdienstphilologie. In meinem Fall wurde von einer Kollegin durch „Interpretation“ politischer Gedichte in Interlinearversion, mein Gedichtband „Grenzstreifen“ ermöglicht, und ich vor Securitate-Folgen bewahrt, politische Gedichte wurden von ihr als Natur- oder Liebesgedichte interpretiert! Es war eine Studienkollegin bei der Zensur, die mich und meinen Band rettete, so dass mir nichts geschah, sondern der Gedichtband „Grenzstreifen“ mit regimekritischen Gedichten, 1968, erscheinen konnte! Ihr sei Dank. Wie viele andere Bücher und Menschen sie auf diese Weise gerettet hat, weiß niemand. Auch Parteieintritte, wie bei Wagner, Absprachen, zumindest mit der Zensur und der Partei, gar dem ZK, wie im Falle Stoffels oder des Redaktionskollegen und Romanciers Arnold Hauser, konnten auch als taktisches Manöver, als ein Sich-Einlassen mit dem Teufel eingesetzt werden. Auch bei den Rumänen wurde so gearbeitet, ich denke an den Fall des großen rumänischen Philosophen Constantin Noica, der viele Jahre in den Securitate-Kellern gesessen hatte, und der dann nur mit bis zum Verrat reichenden Kompromissen, sogar mit Securitate-Mitarbeit, seine „Akademie“, eine Gesprächrunde auf der Hohen Rinne“ bei Hermannstadt, zu der auch der spätere Außenminister Andrei Pleṣu gehörte, in den Bergen aufrechterhalten konnte! Alles Methoden, die es möglich machten, dass sowohl eine rumänische als auch eine deutsche Kultur überhaupt weiter bestehen konnte, die dann 1989 neu zum Vorschein kam!

Nachdem ich nun immer mehr Material zum Fall Söllner, auch „Report Final“ gelesen habe, zweifle ich immer mehr an dieser einseitigen, durch die deutsche Öffentlichkeit bekannt gewordene diffamierende Darstellung, wie auch bei den anderen Fällen, bei denen jene, die das „Gewissen der Nation“ und Moralapostel spielen und sich aufspielen, sich karrieregerecht zur Selbstprofilierung in der Öffentlichkeit zur Schau stellen!
Schon aus Fairness muss dieser Vernichtungsaktion gegen Werner Söllner entgegengetreten werden. Nicht Gerhard Mahlberg, nicht Eva Demski, sondern Gerhardt Csejka zitiere ich dazu (Büßen für die Schurken. IM ja, Spitzel nein? Der Tagesspiegel, 12.12.2009.) Csejka ist da völlig unverdächtig , da er selbst zur „Aktionsgruppe“ gehört hat, deren Texte Söllner im Auftrag der Securitate deuten musste, und dieses ist eigentlich sein einziges „Delikt“: „Ehe keine Kopie der (handschriftlichen?) Originalberichte von Werner Söllner vorliegt, lässt sich nicht darüber urteilen, ob er jemandem zum Schaden oder (wie offenbar im Fall des Klausenburger Germanisten Michael Markel) zu dessen Gunsten berichtet hat… Ich weigere mich allerdings zu glauben, dass er ein Spitzel war, also jemanden im Sinne der Securitate-Vorgaben ausgehorcht hat…Diese Sorte IMs ist in den Akten massiv vertreten, ja es lassen sich da noch einmal Abstufungen der Verwerflichkeit beobachten. Bei aller nötigen Deutlichkeit der Unterscheidung zwischen Tätern, Opfern und Nichttätern wäre es eine unerträgliche Verwischung des tatsächlichen moralischen Reliefs der beteiligten Menschenlandschaft und eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, wenn die übelsten Schurken unerkannt und ungeschoren davonkommen und einer, der sich mit seiner Schuld spät aber doch dem Urteil der Öffentlichkeit aussetzt, quasi auch für die größten Schweine büßen muss.“
Diese IMs, die wirklich dazu beigetragen haben, dass Menschen vernichtet wurden, oder etwa Söllners "Führungsoffiziere", genießen einen unverdienten Ruhestand im Osten oder Westen, und sie würden über all diese Auseinandersetzungen unter „verrückten Schriftstellern“ nur höhnisch lachen.

Gekürzt aus: Dieter Schlesak, „SECURITATE vor Gericht. Augenzeugenberichte, Dokumente und persönliche Erfahrungen“ in Vorbereitung als Parallelerscheinung zum Dokumentarroman „Capesius, der Auschwitzapotheker, 2006, 2.Aufl. 2009

Dieter Schlesak, geboren in Siebenbürgen, 12 Jahre Redakteur der „Neuen Literatur“ in Bukarest, Lebt in Stuttgart und in Camaiore/Lucca. Essayist, Romancier, Lyriker, über 30 Bücher. Mitglied des PEN.
Viele Preise und Auszeichnungen, zuletzt Dr.h.c. der Universität Bukarest, Preis der Kulturstiftung Baden-Württenberg 2007.

Freitag, 9. April 2010

Stefan George, der Geist-Päderast



Dieter Schlesak

Du schlank und rein wie eine flamme


Du schlank und rein wie eine flamme
Du wie der morgen zart und licht
Du blühend reis vom edlen stamme
Du wie ein quell geheim und schlicht

Begleitest mich auf sonnnigen matten
Umschauerst mich im abendrauch
Erleuchtest meinen weg im schatten
Du kühler wind du heisser hauch

Du bist mein wunsch und mein gedanke
Ich atme dich mit jeder luft
Ich schlürfe dich mit jedem tranke
Ich küsse dich mit jedem duft

Du blühend reis vom edlen stamme
Du wie ein quell geheim und schlicht
Du schlank und rein wie eine flamme
Du wie der morgen zart und licht.         (GA IX 138)


Es war am Anfang meines Lebens als Autor - unter Umständen, die meinem Zugang zu Stefan George eine besondere Note verleihen: in der Diktatur. Ich hatte gehört, dass er sich zum Preisen des Führertums erniedrigt habe. Ich hatte gehört von seinem Herren­menschentum und Herrschaftswillen, der auch seine Gedichte so oft störe, wo er sich einmische, anstatt der Inspiration freien Lauf zu lassen, um sie zur in sich selbst liegenden Form werden zu lassen, und doch überwog er als Legende und Gegenteil dessen, was uns gepredigt wurde.
Das Tauwetter kam bei uns etwas früher an. Eines meiner wichtigsten Erlebnisse der Öffnung - ein fast rauschhaftes Freiheitsgefühl erfüllte mich damals - war, als mir der Postbote, wohl im Jahre 1964, das erste 'Westbuch' überreichte, ein Akt, der einer atemberaubenden neuen Normalität angehörte, die wie eine unheimliche grenzüberschreitende Zauberei auf mich wirkte. Ich konnte es nicht fassen. Es war die Taschenbuchausgabe einer Anthologie von Curt Hohoff, im List Verlag erschienen, und als erstes schlug ich zufällig Georges Gedicht 'Du schlank und rein wie eine flamme' auf, das letzte Gedicht aus dem Neuen Reich. Ich werde diesen Augenblick nie vergessen. Ich las es ganz unkritisch, obwohl ich Lyrik-Redakteur bei einer Zeitschrift war, ja, unkritisch, denn die Worte, die kamen von ganz fern, die kamen aus einem erträumten Land, liessen mich beben, hatten einen ganz eigenen Freiheitsklang, als wäre der Widerschein einer Utopie angekommen, und dieses himmlisch Morgenjugendliche der Zartheit einer Mädchenerscheinung aus dem Gedicht 'Du schlank und rein wie eine flamme' vermischte sich mit allen meinen Hoffnungen; übertrieben und gefährlich war diese Vermischung von Traum und Realität, wo die Grenze in jenes bisher verbotene Gebiet nun wenigstens imaginär offen stand, ein ganz konkret existierendes Gebiet, das wir der 'Freiheit' zurechneten, ohne zu wissen, dass es Freiheit, existentielle Freiheit, Körper-, oder gar Todesfreiheit im Menschen­leben nicht geben kann!
Das Mädchenhafte dieser Aura aus dem Gedicht vermischte sich mit meiner Verliebtheit, mit jener Erscheinung einer engelhaft-zarten jungen Frau, der diese Verse so nah waren..
Der Leser schafft Gedichte neu, er zeugt sie neu. Er bringt sie zu einer explosiven Geburt in seinem Herzen.
Die Umstände in Diktaturzeiten waren völlig ungesund, und so war auch die Rezeption ungesund, unkritisch zumindest. Sie umgab das Gedicht, die Anthologie, George mit einer Art Heiligenschein, und schon der Gegenwille zum offiziellen Verbot machte aus jenem Leseaugenblick fast eine Sonnenwendfeier. Damals standen, was mir später als Anmassung von Würde erschien, die schon Rudolf Borchardt gestört hatten (wobei Konkurrenzneid nicht auszuschliessen ist!), standen die Posen in manchen Versen, die Authentisches dort erst aufscheinen lassen, wo es nicht 'durchzüchtet' und gewollt ist, nicht zur Debatte. Jene Posen fielen nicht auf, wäre da nicht "Du blühend reis vom edlen stamme", was manieriert ins Elitegläubige, verstaubt Retrograde und Mittelalterliche weist, sich aber stilistisch einfügt, stimmungsmässig harmoniert mit der schlanken Flamme. Auch bin ich geneigt, dieses Gedicht gegen Adornos Verdikt, er würde es in eine imaginäre George-Auswahl nicht aufnehmen, zu verteidigen, und, wenigstens in diesem Fall, auch Theodor Haeckers Verdikt, dass man bei George nur die Grossschreibung und Interpunktion einsetzen müsse, um zu erkennen, dass so manches Gedicht fatal Stammbuchversen ähnlich sei.
Nein, dieses Gedicht fällt ganz sicher nicht in die Albumkategorie. Auch da, wo es an schwülstige Barockliebesgedichte erinnert: 'Ich schlürfe dich mit jedem tranke', ist es eher ein zeittypisches 'Schlürfen', wie in andern Gedichten "die hinde" und andere von der Lyriksprache heute verpönten Ausdrücke, die man sich schnell wegdenken kann, sich vielleicht bei gelungenen Gedichten 'übersetzen' muss, um über dem Ausdruck nicht die wesentliche, dahinterstehende, wahrhafte Aussage zu vergessen, die auch heute noch, auch im Pop- und Chat-Zeitalter Verliebte berührt, mich berührt hatte, als mir das 'Schlürfen' nicht viel ausmachte, obwohl ich schon damals ein reizbares Sensorium für die falschen Töne, falschen Worte und den Pathos der Jugendstilzeit, ihre erfundene Ornamentik, vor allem aber für jene über die innere Leere getünchte Sentimentalität und pathetische Rhetorik der dreissiger Jahre hatte. Am anderen Ende standen doch Marschmusik und das Brimborium der Reichsparteitage. Gründgens Mephisto, die Enthüllungen von Klaus Mann zielen in diese Richtung und zeigen, woher das Desaster, der Erfolg des Gröfaz gekommen war.
Nein, dieses Gedicht gehört nicht dazu:

Du schlank und rein wie eine flamme
Du wie der morgen zart und licht
Du blühend reis vom edlen stamme
Du wie ein quell geheim und schlicht

Du blühend reis vom edlen stamme
Du wie ein quell geheim und schlicht
Du schlank und rein wie eine flamme
Du wie der morgen zart und licht.

Die Umkehrung der ersten Strophe ist nicht nur eine Wiederaufnahme, ein Refrain des 'ersten Eindrucks'. Die vier Strophen in den vier letzten Versen (jeder Vers vertritt eine Strophe) sind vielmehr so verschränkt, dass auf den Mittelteil (zwei Strophen), in dem das innere Liebesgeschehen zur 'reinen flamme', zum Bild wird, nun von den 'stellvertretenden' Versen aufgenommen und mit der ersten und sich selbst verschränkt werden: Inneres Geschehen und äussere Erscheinung kommen zu einer Einheit und schliessen nicht, sondern weisen mit einem Neubeginn ("morgen zart und licht") wieder mit Glücksgefühlen ins Offene!
Die Korrespondenzen stimmen: Erste Zeile der ersten und der letzten Strophe, zweite Zeile der ersten und der letzten Strophe.. Sie reimen sich, und man könnte diese Formkonsonanzen weiter untersuchen. Die selbstauferlegte Formstrenge, die für manches eine neue Gedichtform erfindet, ist nicht übertrieben, manieriert oder preziös, sondern ergibt den tieferen Sinn einer hinter der Erscheinung des Gedichtes aufscheinenden 'Hirnsyntax' formaler Erleuchtung, ähnlich wie ein Auflösen der verborgenen, aber genau festgelegten Strukturen der Kabbalah, die mit qualitativen Zahlen und Namen arbeitet.
Vielleicht hat das den Zwölftöner Schönberg auch dazu verführt, einen grossen Zyklus aus den Hängenden Gärten, sowie u.a. 'Litanei' und 'Entrückung' aus dem Siebenten Ring zu vertonen. Und hier hat Adorno wohl recht, wenn er in den Noten zur Literatur IV (Frankfurt/M 1974, S.527) sagt, dass dies Thema 'Vergänglichkeit' (vielleicht das wichtigste Thema der Poesie, das die tiefsten Gefühle der Trauer und des Nachdenkes mit sich bringt, aber auch eine Pause des Glücks ist, als wäre Zeit aufgehoben, etwa in der Liebe: Zeit, Zeitvergehen dem Tode zu) - auch bei George zum Gelingen beitrage, dort wo das Ephemere, zur Verssprache gebracht, anrührt, nicht loslässt, weil es wahrer ist als das nur Anschauen, weil es dem Sterben, das alles unsichtbar macht, nahe steht. Und dass mit Georges Gedicht von der Vergänglichkeit 'Sprich nicht immer' Schönberg eine ganze musikalische Gattung bis zur punktuellen Komposition der fünfziger Jahre geschaffen und beeinflusst hat.

Sprich nicht immer
Von dem laub.
Windes raub.
Vom zerschellen
Reifer quitten.
Von den tritten
Der vernichter
Spät im jahr.
Von dem zittern
Der libellen
In gewittern
Und der lichter
Deren flimmer
Wandelbar.         (GA III 111)

Ist es ein Gedicht über die Abschiedsfähigkeit? Und gegen das Nur-Sprechen? Das alles überdeckt, zumal das Ungeheure des Niemalsmehrwieder, des Verschwindens, des Vergehens als gnadenloses Gesetz, das niemanden ausnimmt? Wessen Gesetz sollte das sein? Gottes? Sagt uns dieses Gedicht, dass sogar auf das Licht kein Verlass ist, Dauer ein unerfüllbarer Wunsch und eine Chimäre bleibt, auf die wir doch eingestellt sind, dass wir den Schein lieben - und sonst wegsehn? Sagen uns diese Verse, dass wir die Endpunkte nicht sehen, den Absturz, und uns ins Fäustchen lügen, um die winzige, aber unwandelbar harte und grausame Faust dieser Punkte nicht sehen zu müssen? Wir lesen darüber schnell hinweg, anstatt zu stocken, da doch das endgültige Stocken grausam und unerbittlich unterwegs ist. Ein Punkt erwartet uns, nicht drei.
Wir lesen und leben so schnell, als würde der Zeitfluss gegen Ende offener, weil dieser Zeitfluss Hoffnung zu geben scheint, dabei ist er das Gegenteil! Im Alter wird die Zeit immer schneller, und gleichzeitig macht sie immer mehr Angst, so dass dies als das Lebensalter erscheint, in dem die Wahrheit der Todesnähe verschwiegen, aber von Angesicht zu Angesicht gelebt wird, angesichts des bitteren Zeitgefühls, das einer heimlichen, wachsenden Katastrophe gleichkommt und das Ich schon jetzt nicht mehr leben lässt!
George weiss viel davon: vom Grauen, vom Tod. Sein einziges Prosabuch besteht aus Alptraumprotokollen: Tage und Taten. Es beweist, wie sehr ihm das Grauen und der Tod zusetzte. Dieses reife Wissen, das Ephemere, macht paradoxerweise das 'Bleibende' seines Werks aus, wie viele seiner Übersetzungen; in diesem Sinne rechnet ihn Walter Benjamin dem Jugendstil, dem "erfundenen Ornament, einer Unmöglichkeit" zu, wo das Weltschmerzliche noch ungeschützt zutage tritt, das er in den späteren Werken, vor allem im Siebenten Ring zu verdecken sucht. Nur "wo George ohne Vorbehalt, ohne statuarische Veranstaltung sich, im Einklang mit dem Jugendstil, der Vergänglichkeit des eigenen und des geschichtlichen Augenblicks überlässt, war das Glück mit ihm" (Adorno, aaO, S.533). "Nun heb ich wieder meine leeren augen/Und in der leeren nacht die leeren hände" (GA IV 31).
Das Ephemere als Kernpunkt, das 'Fragile als das Stärkste', wie der Tropfen im Tao-te-King, der den Stein höhlt; das 'Nichts', das Unfassbare zwischen den Dingen, in den Zwischenräumen der Existenz, das Wirkliche, das im Kommen ist, zeitsteigend-zeitfallend, bestimmt dieses Werk; Zeit als Lebensenergie; glücklich, wer sie noch hat, ungewusst noch, selbstverständlich wie dieses Bild hier:

Es lacht in dem steigenden jahr dir
Der duft aus dem garten noch leis.
Flicht in dem flatternden haar dir
Eppich und ehrenpreis.      (GA IV 93)

Das "leis" deutet an, wie die Schwermut des Vergänglichen ins Bewusstsein tritt, wo das "flatternde haar" noch Zeithaben, Jungsein zeigt. Doch so schnell, fast übergangslos wird das anders, das "leis" hat mehr im Sinn als nur eine kleine Warnung, ebenso wie das stimmungsmässig so traurige "noch", das sich in der zweiten Strophe wiederholt, sich im "vielleicht" steigert und im "mehr" zurückblickt und vergleicht:

Die wehende saat ist wie gold noch,
Vielleicht nicht so hoch mehr und reich,
Rosen begrüssen dich hold noch,
Ward auch ihr glanz etwas bleich.

Zweimal das warnende zurückblickende "noch", wie retardierend, pausierend im verheerenden Zeitfluss, der keine Gnade, keine Rast kennt. Wenig Trost spendet das kleine "noch" gegen das fast ironische "etwas bleich", das tröstend abschwächen soll, aber eher ein Schreckbild des Totengesichts ist, zur dritten Strophe, die aus dem Spätsommer auf den Herbst, dann auf den Winter und zum Ende des Naturzyklus überleitet. Aber noch ist Spätsommer, mit dem man das vierte Lebensjahrzehnt im Menschenleben vergleicht. Nach C.G.Jung gilt das vierzigste Jahr als Wende, wo nicht mehr nur hoffnungsvoll nach vorn geblickt wird, sondern der Blick auf die Zukunft mit Schrecken vor der abnehmenden Zeit erfüllt ist. Eine Ahnung dessen, was uns erwartet, ohne dass wir es wahrhaben wollen, dämmert auf. Die Synthese in der dritten Strophe bringt diesen Schrecken, wenn auch nur verkehrt zur Sprache, versteckt ihn in der Umkehr: "Verschweigen wir was uns verwehrt ist" - also die Unsterblichkeit, das Todeswissen vielleicht, das uns die Angst nimmt, aber unheimlich bleibt, und uns auf Lebzeiten "verwehrt" ist?

Verschweigen wir was uns verwehrt ist,
Geloben wir glücklich zu sein
Wenn auch nicht mehr uns beschert ist
Als noch ein rundgang zu zwein.

"Geloben wir glücklich zu sein" ist von Adorno moniert und als Beispiel für Georges 'Gewalttätigkeit' als eine Art Befehlsvers zitiert worden. Es ist aber eher ein verzweifelt schlichtes Geloben, vom Wissen her, und tritt aus jedem L'art pour l'art und schicken Ästhetizismus heraus, ist vom Inhalt her, völlig unpoetisch zu lesen und übertrifft jede Art von Literatur als ein spätes Existential, das ja doch nicht zu schaffen ist. Denken wir nur an Jean Amérys Altersanalyse und sein Alterssyndrom, das er fast mit allen teilt, und das bei ihm zum Selbstmord führte. Wissend setzt auch George unheldisch und unpathetisch den kleinsten noch möglichen Nenner im Ephemeren, so dass er wahr und grossartig im tragischen Abnehmen jeder Zeitfülle und Hoffnung wird, genau so, wie es wirklich ist. Er setzt es geradezu dem "Geloben glücklich zu sein" entgegen, nimmt das Tapfere daran, das Aufbäumen als Unmöglichkeit zurück. Oder ist gar dies das letzte Glück?

Wenn auch nicht mehr uns beschert ist
Als ein rundgang zu zweien.

Der Bogen von "Du schlank und rein wie eine flamme/Du wie der morgen zart und licht..." bis zu diesem "rundgang zu zweien" ist schmerzlich und so wahr wie das Ungeheure, das der Mensch ist, wie der Gang des Menschenlebens, ein Bogen, der auch Georges Werk umschliesst.


Und fast absurd kommt mir jetzt „So schlank und rein wie eine flamme“ vor, wie konnte ich mich nur von solch einem „Geist“ so verführen lassen, auch ich.
Heute, 9.April 2010 lese ich in der FAZ:


Päderastie aus dem Geist Stefan Georges?

Er versuchte, das antike Modell der Meister-Schüler-Beziehung neu zu etablieren: Stefan George
Er versuchte, das antike Modell der Meister-Schüler-Beziehung neu zu etablieren: Stefan George
Was lief da eigentlich sexuell, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Dichter Stefan George junge, gutaussehende und für Poesie empfängliche Männer auf der Straße ansprach und sie in seinen Kreis aufnahm? Und was hat es zu bedeuten, wenn im Zusammenhang der jetzt bekannt gewordenen Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule als geistiger Übervater der Reformpädagogik immer wieder der Name Stefan George fällt? Gibt es eine historische Verbindung? Ist es zulässig, vom Missbrauch aus dem Geist Georges zu sprechen?
Thomas Karlauf, 55, der vor drei Jahren seine große George-Biographie veröffentlichte („Stefan George - Die Entdeckung des Charisma“, siehe auch: Zum Vorabdruck der Stefan-George-Biographie Thomas Karlaufs), hat uns auf diese Fragen Antworten gegeben. Karlauf ist nicht nur ein ausgezeichneter Kenner des Georgeschen Werks. Er hat nach dem Abitur selbst zehn Jahre lang in dem von Wolfgang Frommel betriebenen George-Kreis „Castrum Peregrini“ in Amsterdam gelebt.
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Hat eine große Biographie des Dichters Stefan George verfasst: Thomas Karlauf
Hat eine große Biographie des Dichters Stefan George verfasst: Thomas Karlauf

In Ihrer Biographie nennen Sie den Dichter Stefan George einen Homosexuellen, der im Laufe seines Lebens eine eigene Weltanschauung entwickelte, in der die „Überwindung des Sexus“ durch die „übergeschlechtliche Liebe“ als Sieg des „pädagogischen Eros“ gefeiert wurde. Das klingt sehr abstrakt und, wie ich finde, ein wenig verklärend. Georges Obsessionen waren ja sehr real. War es nicht Päderastie, die den Männerbund zusammenschweißte?

Ich würde daraus, dass das Männer waren, keinen Punkt machen. Nehmen Sie die Leidenschaft des alten Goethe für die 17-jährige Ulrike von Levetzow. Das ist die gleiche Eruption, das gleiche Wissen, dass das gesellschaftlich eigentlich nicht geht, und es ist der gleiche Erregungsgrad, der dann zu ungeheuren Gedichten führt.
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·                                 Zum Vorabdruck der Stefan-George-Biographie Thomas Karlaufs

Sie beschreiben die Rituale im George-Kreis: das Ansprechen der Jungs auf der Straße, Fototermine, Besuche bei den Eltern, die „Erweckungs“-Zeremonien, bei denen dem Meister im Gemach Tee serviert werden musste. Was genau da sexuell ablief, benennen Sie nicht. Warum nicht?

Weil ich den Begriff „pädagogischer Eros“ trotz aller Problematik ernst nehme. George ist kein Mann, der sich vergnügt und die Jungs dann wieder wegschickt. Einen solchen Fall gibt es in der Vita Georges nicht. Es gibt Hinweise, dass George seine Sexualität, jedenfalls eine Zeitlang, mit Strichjungen ausgelebt hat. Da sitzt ihm natürlich die katholische Herkunft im Nacken: Sex ist etwas ganz Schlimmes, Schmutziges. So wie die Madonna rein bleiben muss, muss auch der Knabe rein bleiben. Das ist ja nicht leicht, zumal die gleichgeschlechtliche Liebe unter einem ungeheuren gesellschaftlichen Stigma stand und auch gesetzlich verfolgt wurde.

Er hat die Jungen vielleicht nicht weggeschickt. Trotzdem gab es deutliche Zwänge, die zu den Gesetzen des Kreises gehörten: Berthold von Stauffenberg zum Beispiel durfte nicht heiraten. Das wurde verhindert.

Sicher. Aber das war von Fall zu Fall unterschiedlich. Gerade im Fall Berthold von Stauffenbergs können Sie das genau sehen: Berthold, also der ältere der Brüder, der sehr eng mit George war, über viele Jahre bis zu Georges Tod, der darf nicht heiraten, weil George ihn nicht teilen will. Der jüngere Bruder Claus heiratet 1933, das steht überhaupt nicht zur Debatte.

Sie meinen, man kann die Zwänge nicht pauschalisieren?

Nein, das kann man nicht. Bei Max Kommerell zum Beispiel sieht der Fall wieder ganz anders aus. Da erkennen Sie übrigens die Ambivalenz der Päderastie am deutlichsten.

Inwiefern?

Kommerell war eine Zeitlang der intimste Freund Georges, und 1930 sagte er von einem Tag auf den anderen: Ich kann nicht mehr. Das ist das Problem. Das Problem ist nicht, wie die Jungs hineingeraten, sondern dass die meisten da nicht mehr von allein rauskommen. George hat für das Ausscheren aus dem Kreis keine Lösung vorgesehen. Wer sich davonmachte, galt als Verräter, George sprach dann vom „kranken Blut“. Das ist der Zwang. In diese Jungs werden Ideale implantiert, die so ungeheuerlich sind, dass sie den Weg zurück in die bürgerliche Existenz gar nicht finden können. Mitte zwanzig entdecken sie dann, dass sie an der Universität Karriere machen wollen, Geld verdienen müssen, möglicherweise eine Familie gründen möchten. Und all das steht in so diametralem Gegensatz zu dem, was sie bei George gelernt und gelebt haben, dass sie mit diesem Problem nicht mehr zu Rande kommen.
Da kommt es zu ungeheuren menschlichen Katastrophen. Da gibt es Selbstmorde. Kommerell sagt: Was vor fünf oder sechs Jahren richtig war, ist heute nicht mehr richtig. Er macht aber, was die Sexualität angeht, George überhaupt keinen Vorwurf. Er hält noch zehn Jahre nach dem Bruch hoch, dass George das antike Ideal der Meister-Schüler-Beziehung wiederentdeckt und für das 20. Jahrhundert lebendig gemacht hat. Er sagt nicht: Ich bin ein Opfer der sexuellen Begierden dieses Mannes geworden. Das eigentliche Problem ist das Problem vieler Sekten: Wenn Sie da einmal drin sind, kommen Sie da nicht mehr raus.

In Ulrich Raulffs Buch „Kreis ohne Meister - Stefan Georges Nachleben“, das gerade mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden ist, gibt es, sehr versteckt, eine Fußnote, auf Seite 515, in der von „Fellatio“ im George-Kreis die Rede ist. Mein Eindruck ist, dass, wenn es um George geht, gerne auf das Schlüsselloch gezeigt wird, dann aber ein vornehmes Taschentuch davorgehängt wird. Wenn man fragt, was da wirklich lief, gilt man entweder als skandallüstern oder als spießig. Das finde ich merkwürdig.

Aber ist nicht auch eine gehörige Portion Voyeurismus dabei?

Trotzdem muss es doch erlaubt sein, zu fragen!

Mir würde es genügen, dass man auf die Frage, ob es zu sexuellen Kontakten zwischen George und einzelnen seiner jungen Freunde gekommen ist, mit einem ganz klaren Ja antwortet. Wie die sich da im Detail vergnügt haben und was dabei der Ältere und was der Jüngere an Lust empfunden haben mag: diese Frage halte ich für ähnlich überflüssig wie die Frage, welche Stellungen ein Liebespaar bevorzugt, wenn es Liebe macht. Die Abstufungen bei George waren sehr groß. Es gab sicher sehr intensive Beziehungen. In den späteren Jahren - da spielte auch die Krankheit Georges eine Rolle - genügte es ihm, in einer erotisch aufgeladenen Atmosphäre mit diesen Jungs zusammen zu sein. Es gibt also verschiedene Abstufungen wie überall in der Sexualität.

Die Quelle der „Fellatio“-Fußnote haben Sie gefunden, Sie haben sie aber nicht verwendet.

Sie wurde mir erst nach Erscheinen meiner George-Biographie zugänglich. Im Anschluss an eine Lesung in Bonn, im Frühjahr 2008, kam eine ältere Dame zu mir, eine Frau von Falkenhausen, überreichte mir in einem verschlossenen Umschlag einen Brief und sagte: Das gehört in Ihre Hände, das wird Sie sicher interessieren. Als ich später im Hotel war, habe ich den Umschlag geöffnet, und ich muss sagen, es hat mich im ersten Moment ziemlich umgehauen. Da ist von irgendwelchen „Süßenhemdchen“ die Rede, die die Jungs, bevor sie phallisch initiiert wurden, anziehen mussten. Aber ich habe große Probleme mit dem Quellenwert dieses Dokuments.
Der Brief stammt aus den sechziger Jahren aus Marokko, von einem bekennenden Homosexuellen, der dort einen der jüngeren Freunde Georges, Robert von Steiger, kennenlernt und sich die Geschichten erzählen lässt. Da muss man erst mal fragen: Kommen die Geschichten wirklich von Steiger selber? Oder ist das mehr die schwule Gerüchteküche? Marokko in den sechziger Jahren war das Eldorado für Schwule. Die saßen da und haben sich gegenseitig mit Anekdoten überboten. Und wenn es dann von einem hieß, der war mal bei George, stieg der Erregungsgrad natürlich gewaltig.

Was haben Sie mit dem Brief gemacht?

Ich habe ihn ins George-Archiv gegeben, und da hat ihn Ulrich Raulff offenbar drei Tage später in die Finger gekriegt.

Wie erklären Sie es sich, dass die Eltern der Jungen, die George ansprach, die Aufnahme ihrer Söhne in den Kreis gebilligt haben? Fühlten sie sich geschmeichelt, ihre Kinder einer Bildungselite anheimzugeben, und blendeten die Möglichkeit der sexuellen Verführung aus?

Die Reaktion war, in den Fällen, die belegt sind, erst mal: Um Gottes willen! Weil natürlich, ohne dass darüber gesprochen wurde, alle vermuteten, dass da was passiert. Und das ist für eine Mutter, die einen 16- oder 17-jährigen Sohn hat, natürlich ein Moment, wo alle Alarmglocken angehen.

Eben.

Im Fall der Stauffenbergs ist die Gräfin Stauffenberg, drei Wochen, nachdem die beiden Brüder, Berthold und Claus, George vorgestellt worden waren, zu George nach Heidelberg gefahren und hat lange mit ihm geredet. Das Ergebnis war, dass sie der Sache ihren Segen gab. George muss auf die Gräfin einen solchen Eindruck gemacht haben, dass sie sich sagte: Wenn meine Jungs mit diesem Mann Umgang haben, ist das eine gute Sache.

Sie selbst haben in einem Aufsatz für die Zeitschrift „Sinn und Form“ beschrieben, wie Sie 1970, da waren Sie 15, auf der Buchmesse, wo Sie den „Rheinischen Merkur“ verteilten, von Wolfgang Frommel angesprochen wurden, dem Gründer der George-Zeitschrift „Castrum Peregrini“. Nach dem Abitur haben Sie zehn Jahre in Amsterdam bei Frommel verbracht, der das George-Modell nachlebte. Ihre Mutter war zunächst in heller Aufregung. Würden Sie heute sagen, sie hat sich zu Recht Sorgen gemacht?

Wenn Sie Mutter eines Sohnes in diesem Alter wären und da zögen plötzlich am Horizont solche Wolken auf und Sie hätten jemanden, der Ihnen einen Rat geben könnte in diesen Dingen, weil er sich auskennt, würden Sie es ihm verbieten? Die von Frommel mobilisierten Hilfstruppen haben damals auf meine Eltern eingewirkt, haben angerufen und Briefe geschrieben. Das waren angesehene Leute, die meiner Mutter versicherten, es könne einem Jungen gar nichts Schöneres passieren, als von Wolfgang Frommel eingeladen zu werden. Wenn ich mich selber heute befragen würde, würde ich sagen, es war eine sehr ungewöhnliche Erziehung, die mich herausgehoben hat aus der Masse und die mir einen besonderen Blick auf das Leben geschenkt hat, der bis heute anhält.

Sie sprechen mit großer Distanz. War es schwer, diese Distanz zu gewinnen?

Da herauszukommen, war ein Prozess, den ich niemandem wünsche.

Waren die Strukturen in Amsterdam dem George-Kreis ähnlich?

Sie waren identisch. Es ging darum, das Erbe des Dichters weiterzugeben an junge Männer.

War der Ablösungsprozess wie das Aussteigen aus einer Sekte?

Ja, ich hatte zunächst ja niemanden, mit dem ich über meine Probleme reden konnte - zum Beispiel über den ungeheuren Druck, endlich selber einmal einen jungen Freund heranzuziehen. Dazu fehlte mir, sagen wir mal, die Begabung. Dann hatte ich aber das große Glück, im Freundeskreis einen älteren Leidensgefährten zu finden, der dreißig Jahre vor mir einen ähnlichen Prozess durchgemacht hatte und der mir immer mehr Einblicke in die tatsächlichen Verhältnisse gab. Allerdings gibt es sowohl im George-Kreis als auch bei „Castrum Peregrini“ viele, die mit dem Aussteigen nicht zu Rande gekommen sind.

Über die wird interessanterweise nicht geschrieben. Das wäre doch eigentlich auch mal wichtig.

Auf jeden Fall: die Verschollenen und Gescheiterten. Die Materialsuche wäre aber nicht leicht, weil Opfer in der Regel schweigen.

Verkehrte in Amsterdam auch Hellmut Becker, der 1937 in die NSDAP eingetreten war, beim Carl-Schmitt-Schüler Ernst Rudolf Huber Assistent war und Anfang der sechziger Jahre Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Mitglied des Deutschen Bildungsrates und der Denker der deutschen Bildungsreformen wurde?

Ich habe ihn nicht erlebt in meiner Zeit. Es gab Beziehungen Frommels zu Hellmut Becker, aber sie waren eher distanziert. Das hing vielleicht mit einer gewissen Rivalität zusammen, damit, dass Frommel nach dem Krieg selber versucht hatte, in Deutschland eine Reformschule zu gründen. Sehr viel intensiver waren Frommels Beziehungen zu Beckers Vater gewesen, mit dem er Anfang der dreißiger Jahre gut befreundet war. Als preußischer Kultusminister hat sich C. H. Becker damals sehr für die Ideale des George-Kreises interessiert und auch manches bewirkt, zum Beispiel bei der Besetzung von Lehrstühlen.

Hellmut Becker war ein begeisterter George-Leser und forderte die Wiederaufnahme von George-Gedichten in den Kanon der Schulen. Dabei müsse, so schrieb er 1985 in einem Beitrag für „Castrum Peregrini“, „die hermetische Form von Georges Dichtung durch eine gewisse Einführung, die auch ruhig ein Stück Verführung sein dürfe, aufgelöst werden“.

Das Wort „Verführung“ steht da im Text?

Ja. Wie verstehen Sie das?

Ich verstehe darunter die Suggestivwirkung, dass die Gedichte nicht nur rezipiert und interpretiert, sondern in einer bestimmten, nämlich in der Georgeschen Weise gelesen werden sollen, so wie Psalme. Lehrmeister bei dieser Übung ist der ältere Freund, der über ein Wissen verfügt, das der Jüngere, der in diese Dichtung eingeführt wird, noch nicht besitzt. Die beiden sitzen da nebeneinander auf dem Sofa und lesen diese Gedichte und lesen sie noch mal, um sie besser zu verstehen. Die Wirkung ist dann die, dass in dem Jüngeren plötzlich der Gedanke aufschießt, das „Du“ und das „Ich“ im Gedicht, das könnten jetzt eigentlich wir beide sein. Das ist mit Verführung gemeint.

Stimmen Sie mit der These von Ulrich Raulff überein und würden eine historische Linie vom George-Kreis bis zur Reformschulpädagogik der Bundesrepublik ziehen?

Der geistige Vater der Reformpädagogik, der Landschulheime, heißt Gustav Wyneken. Der hat den Anschluss an George gesucht, hat sich immer und überall zu George bekannt und in seinem 1906 veröffentlichten Programm der Freien Schulgemeinde - die erste gab es in Wickersdorf in Thüringen - George mehr oder weniger wörtlich zitiert. George hat sich sehr dagegen gewehrt und hat 1930 durch seinen Biographen Friedrich Wolters ausrichten lassen, was er von den Leuten hält: nämlich, dass sie den Jungs an die Wäsche gehen.

Was? Ausgerechnet George?

Wyneken wurde als Leiter von Wickersdorf dreimal entlassen, 1910, 1920 und 1931 - dreimal wegen Päderastie. Er hat versucht, das Georgesche Modell auf sein reformpädagogisches Konzept zu übertragen. George wollte davon nichts wissen. Offiziell sagte er, die Schüler würden durch diese Reformschulen zu intellektuell, zu früh kritisch - das war für George ja ein Horrorbegriff, „kritisch“. Gemeint hat er aber auch: Die benutzen meine Ideologie, um sich an den Jungs zu vergehen. Er hatte sie im Verdacht, wie es bei Wolters hieß, „das erotische Ideal der Jugenderziehung . . . zu persönlichen Reizungen zu missbrauchen“. Deutlicher konnte man das 1930 nicht sagen.

Hellmut Becker hat Gerold Becker, der jetzt der sexuellen Übergriffe auf seine Schüler beschuldigt wird, zur Anstellung an der Odenwaldschule empfohlen. Er erfuhr von dessen Neigungen, weil Gerold Becker sich nachts zu seinem Patensohn ins Bett legen wollte. Die Erziehung der Bildungsreformer war ein elitäres Projekt, in das ein Netzwerk von bildungsbürgerlichen und adligen Familien involviert war: die Weizsäckers, Hartmut von Hentig, die Beckers oder Gräfin Dönhoff. Muss man, angesichts dessen, was jetzt an Missbrauchsfällen bekannt geworden ist, nicht von eklatantem Versagen der Eliten sprechen?

Gewisse Erkenntnisse liegen nicht jederzeit auf der Straße. Die Tatsache, dass sexuelle Übergriffe 1999 von der „Frankfurter Rundschau“ öffentlich gemacht, aber nicht weiter verfolgt wurden, spricht dafür, dass das Bewusstsein noch vor zehn Jahren nicht da war.

In der aktuellen Diskussion wurde, etwa in der „Zeit“, allerdings der Verdacht artikuliert, dass Gerold Becker ein geachteter Veteran der Pädagogik nur bleiben konnte und sein Lebensgefährte, Hartmut von Hentig, der sich vor Becker stellt, nur geschont wurde, weil beide im Schutz einer Elite von Intellektuellen, mächtigen Politikern und Publizisten standen.

Das würde ja bedeuten, dass die Gräfin Dönhoff, Richard von Weizsäcker oder Hellmut Becker Gerold Becker gedeckt haben, weil er der Freund von Hartmut von Hentig ist. Das halte ich für eine Verschwörungstheorie. Eine Verschwörungstheorie übrigens gegen die protestantische Elite im Land. Die Aufregung ist vor allem deshalb groß, weil ausnahmsweise einmal nicht nur die katholische Kirche am Pranger steht.

Aber Sie würden schon sagen, dass der George-Geist in der Reformpädagogik weiterlebte?

Sie haben George adaptiert. Sie haben das, was sie aus George herauslasen, für ihre pädagogischen Ziele umgewidmet und in George eine Art geistigen Übervater gefunden. Man kann sich ja aus der Dichtung immer ein bisschen das herauslesen, was man will: Die Jugendbewegung, die Umweltbewegung, die Reformpädagogik, die Nationalsozialisten, alle haben das auf ihre Weise getan. Im Fall der Reformpädagogik bedurfte es sicher keiner allzu großen Vergewaltigung des Georgeschen Geistes.

Sieht man jetzt, wie das, was bei George angelegt ist, völlig entgleisen kann und zu Missbrauch führt - und zwar auch in einem linksliberalen Milieu, also in einem Umfeld von Leuten, die beansprucht haben, moralische Integrationsfiguren zu sein?

So würde ich das sagen. Aber ich würde umgekehrt nicht sagen, dass man die Georgeschen Gedichte dafür verantwortlich machen sollte, dass in der Odenwaldschule gemischt geduscht wurde.

Also kein Missbrauch aus dem Geist Georges?

Natürlich sucht man immer nach dem Urheber. Wenn Sie George als denjenigen identifizieren, der, wie Max Kommerell gesagt hat, das Urbild Meister-Schüler-Beziehung im 20. Jahrhundert neu etabliert hat, inklusive sexueller Handlungen, dann ist Ihre Vermutung richtig: Es handelt sich durchaus um eine Ableitung, die für die einzelnen Opfer schreckliche Folgen gehabt hat. Einem solchen Opfer sollte man heute keine George-Gedichte mehr vorlesen. Umgekehrt wird aber keine Beweisführung draus: Ohne George hätte es das genauso gegeben. Man hätte dann eben andere Heiligenbilder aufgestellt.
Interview von Julia Encke



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Christian Thiel, picture-alliance / dpa