Alles nur Humbug? In den siebziger Jahren dachten viele so über diese Erlebnisse. Heute hat sich das gewandelt, diese Themen sind sehr aktuell geworden auch in den „seriösen“ Medien wie „Die Zeit“, „Der Spiegel“ und den großen Verlagen.
Im Buch von Bernhard Jakoby, einem Verehrer und Schüler von Elisabeth Kübler-Ross, „Auch du lebst ewig. Ergebnisse der mo-dernen Sterbeforschung“, bei Rowohlt, 3. Auflage 2004, wird über Nahtoderfahrung und dann über Reinkarnation berichtet. Kein Tabu mehr also. An der Uni Koblenz wurde eine Untersuchung von Prof. Hubert Knoblauch zum Thema durchgeführt; allein in Deutschland sind es etwa 3,5 Millionen Menschen, die Nahtoderfahrungen ge-macht haben.
Die meisten Sterbeforscher halten den Tod für „das Schönste. Was uns auf Erden passieren kann“. (Kübler-Ross). Wir dürfen wie-der „nach Hause“. Und genau im gleichen Tenor wird die Geburt als etwas Furchtbares empfunden. Und auch bei einer Nahtoderfahrung gibt es nur den Schrecken der widerwilligen Rückkehr, das Indenleib-gestossenwerden, in diese Enge und dies Gefängnis, wie es schon Platon sah.
Jedenfalls verändert diese Erfahrungen den Menschen grund-legend, eine Persönlichkeitsveränderung, die positiv ist.
Das, was ich mir etwa durch Literatur zu erarbeiten versuche, mir die Angst und die Fadheit angesichts der Banalität und des Todes zu nehmen, erhalten die Menschen mit Nahtoderlebnissen sozusa-gen „geschenkt“. Auch sie erkennen die enorme Schöpferkraft der Gedanken. Das Leben ist davon bestimmt, wir merken es aber nicht, meinen es sei „Schicksal“ etc. Im OBE aber sind wir frei, dann kommt es direkt auf uns zu, Gedanken werden unmittelbar wirklich. In der feinstofflichen Welt erschaffen wir sofort die nächste Sekunde, unsere Wirklichkeit. Es ist plötzlich ein Wiedererinnern an die Geborgenheit im Grossen Ganzen, also „Gott“? Das Eine? Erleben und Gedanken sind Eins. So kehren die meisten völlig verändert in den Alltag zurück.
Auch Blinde werden sehend, sehen ganz normal. Dass es kei-ne Halluzination oder Träume sind, weiß die Traumforschung, die er-kannt hat, dass Blindgeborene in Träumen keine visuellen Erfahrun-gen haben können.
OBE wurde in Laborversuchen erforscht, gilt durch die Unter-suchungen des Monroe-Institues und von Osis als erwiesen. Wikipe-dia und das Monroe-Institute halten eine Riesenmenge von Informati-onen dazu bereit.
Am überraschendsten ist jene Erfahrung des Urlichts, von dem auch Mystiker, Yogis, etwa Gopi Krishna, berichten..
Eines Morgens, Weihnachten 1937 saß Gopi Krishna, wie Carl Friedrich von Weizsäcker in einem seiner Bücher über ihn berichtet, wie gewöhnlich mit gekreuzten Beinen und meditierte, seine Auf-merksamkeit fest auf eine imaginäre Lotusblüte gerichtet, die in hel-lem Licht erstrahlte. Er fühlte plötzlich einen Strom flüssigen Lichts, tosend wie ein Wasserfall, durch Gehirn und Wirbelsäule einfließen, „ich fühlte wie der Punkt meines Bewusstseins, der ich selber war, immer größer und größer wurde und von Wellen des Lichts umgeben war. Immer weiter breitete es sich nach außen hin aus... Ich war jetzt reines Bewusstsein , ohne Körperlichkeit, in ein Meer von Licht ge-taucht...“, so Gopi Krishna im gemeinsamen Buch mit C.F. von Weiz-säcker.
Ich erinnere mich immer wieder an eine Schwedin, Ruth Da-lehn, die aus einer Tanne Lichtsäulen hatte schießen sehen, die jene Wirklichkeit hatte plötzlich erkennen können, von der wir wie durch einen Schleier getrennt sind: Kreise, fünf Kreise sah sie, wie Schalen eines Atoms, der innerste aber war so etwas wie Liebe. „Alles ver-wandelte sich in blendendes Licht. Bald war die ganze Tanne eine einzige Feuersäule.“ Sekundenlang durchfuhr sie, wie sie bekannte: „ein lähmender Schrecken - war mein Gehirn irgendwie in Unordnung geraten? Bald war der ganze Wald ein Meer aus dem gleichen le-bendigen Licht... auch meine Hände,“ erzählte sie: „Die ganze Schöpfung vibrierte von diesen unerhört schnellen Lichtwellen... Ich sah den Kosmos funktionieren wie eine fünfdimensionale Geomet-rie...das innerste Mysterium des Universums, Liebe... Das ist ein schwacher Versuch, Worte für etwas zu finden, das ich wirklich mit meinen Augen sah, etwas absolut Reales und Greifbares... Mehr und mehr wurde ich zu Licht, bis ich mich selbst als Strahlungsphänomen funktionieren sah, auf derselben Wellenlänge vibrierend wie die `fünf-te Dimension`.“
Im Nahtoderlebnis soll es, wie der amerikanische Arzt und Forscher Kenneth Ring in seinem Buch „Im Angesicht des Lichts“ be-schreibt, eine Reise zu jener Quelle geben, woher wir kommen, wo-hin wir gehen, dem Urlicht. Einer seiner Patienten, die er befragt hat-te, Mellen-Thomas-Benedict, hat angeblich sogar Gespräche mit diesem Urlicht geführt.
Nun gut, eines ist sicher wahr: Der uns bekannte dichteste Ort des Alls ist der menschliche Kopf, Spiegel des „Schöpfers“?
Bei den Hebräern gibt es den sogenannten Urraum (Zimzum), der „achte Tag“, jenseits von Zeit und Geschichte.
SO VERSCHIEDEN KANN DER TOD IN UNS SEIN
Die meisten alten Religionen, auch die der Ägypter, glaubten nicht, dass der Mensch allein auf sich gestellt, die Erlösung schafft. Sie gaben sogar auf, mumifizierten, weil sie meinten, das materielle Verlangen nach der Rückkehr sei so groß, dass man es nicht über-winden könne, wenn die Seele zurück will. Die Griechen glaubten an ein trostloses Schattendasein und ewige Sehnsucht nach dem Erden Leben.
Dabei gibt es Todesvisionen einige Stunden oder Tage vor dem Tod, die das Schönste des bisher Erlebten sein sollen. Auch Begeg-nungen finden angeblich statt mit unseren Lieben und mit Engeln, mit. Lichtphänomenen, Musik. Oft gibt es anscheinend Verzückungserscheinungen bei Sterbenden. Die New Yorker Forscher Carlos Osis und Erlendur Haraldson haben über tausend Fälle interkultureller Er-fahrungen untersucht. War denn der Tod ein Helfer dir und Freund? / Die meisten reden lieber übers Wetter. / Und jetzt? Der Tod ist nicht diskret / und wettermäßig umgebogen / Als wär ein blauer Himmel al-les / der doch schwarz ist / Sonne trügt! / Jetzt kommt sie: scho-nungslos die Offenheit / ich bin jetzt nicht mehr Ich, ich bin der Ande-re.
Im „Tibetanischen Totenbuch“ wird der Zwischenzustand zwi-schen den Wiedergeburten auch als „Bardo“ bezeichnet. Es ist ein körperloser Zustand der Glückseligkeit und Freiheit. Das behauptet auch der kanadische Psychiater Dr. Joel Whitton. . Er nennt es „Ü-berbewusstsein“ und hat mit Versuchspersonen in der Hypnose ge-arbeitet. Mit verblüffenden Parallelen zum Nahtoderlebnis. Dabei wird von einem Zeitraum zwischen 10 Monaten und 800 Jahren gespro-chen.
Wichtig erscheint mir auch die Erfahrung des Berner Biologie-lehrers und Privatforschers Werner Zufluth, er stand im Briefwechsel und Erfahrungsaustausch mit Michael Ende und hat im Internet viele seiner Forschungen veröffentlicht. Zu OBE hat er etwa entdeckt, dass nämlich die Märchen eine Reihe von OBE-Erfahrungen beschreiben. Es lohnt sich, seine Charakterisierung zu lesen. Sie trifft auch auf meine Erfahrungen zu:
„Außerkörperlichkeit Charakterisierung
Außerkörperlichkeit meint einen Seinszustand, in dem das Ich das durch nichts zu erschütternde Gefühl und die Gewissheit hat, außerhalb des eigenen physischen Leibes zu sein. Dabei fühlt es sich in bezug auf seine Identität genau gleich wie innerhalb des physi-schen Körpers. - Das Ich bleibt also außerkörperlich als eine sich selbstbewusste Einheit kontinuierlich bestehen und verfügt über die normale Stabilität und Koordination - und über alle emotionalen und kognitiven Funktionen. Normalerweise bildet das Ich auch im au-ßerkörperlichen Zustand mit einem Körper, einem sogenannten Zweitkörper, der die unterschiedlichsten Bezeichnungen hat, eine Einheit. Dieser Zweitkörper hat jedoch andere Eigenschaften als der physisch-materielle Leib. Auch das Wahrnehmungsvermögen und andere kognitive Funktionen weichen unter Umständen stark vom in-nerkörperlichen Zustand ab. - Im außerkörperlichen Zustand ist das Ich als kontinuierliche Größe vorhanden und bleibt als jenes kontinu-ierliche Bewusstheits-Zentrum, das seit den Tagen der Kindheit exis-tiert, bestehen. Wegen des voll intakten Erinnerungsvermögens muß es von einem Traum-Ich, das keine Erinnerung an einen anderen Körperzustand hat, unterschieden werden.
Paul Tholey hat die Erfahrungsdimension "Außerkörperlich-keit" - wie er mir geschrieben hat - von der theoretischen Seite (Ges-talttheorie (Köhler)) her erschlossen. Hierzu vgl. z.B. Paul Tholey. Ich selber hingegen komme von der praktischen Seite her, d.h. von der spontan geschehenden Erfahrung. Tholey nennt den 'luziden Traum' Klartraum und hat einige kritische und bedenkenswerte Punkte in die Diskussion einzubringen. Mir geht es vor allem um die praktische Seite, bei der die Anpassung des Verhaltens an eine rela-tiv ungewohnte Erfahrungssituation im Mittelpunkt steht. Ferner frage ich mich, welcher Wandel in den theoretischen Denkmustern der Weltanschauung stattfinden muß, damit die Erfahrung des Klartraums und der Außerkörperlichkeit geschehen und andauern kann. Wahr-scheinlich gibt es zwischen Tholey's und meiner Auffassung viele Übereinstimmungen in praktischer Hinsicht, aber mindestens ebenso viele Divergenzen in theoretischer. Es scheint mir letzten Endes, dass eine Theorie zwar den Vorteil hat, gewisse Dinge erklären zu können. Aber eine Theorie beruht ihrerseits wieder auf Axiomen - dies lässt sich nie umgehen. Und diese können nicht hinterfragt werden, so dass immer ein nicht erklärbarer 'Rest' an der praktischen Verhal-tensweise hängen bleibt, und es von ihr abhängt, ob die Bewusstheit weiter besteht oder nicht.
Außerkörperlichkeit – Fähigkeiten
Im außerkörperlichen Zustand verfügt das Ich über Fähigkeiten, von denen vor allem die Märchen zu berichten wissen. In "Die sechs Die-ner" (einem Grimmschen Märchen) ist eine ganze Sammlung solcher Eigenschaften zusammengestellt, zu denen z.B. noch die Unsicht-barkeit mittels Tarnmantel und -kappe oder mit Hilfe eines Wunsch-ringes zu zählen wäre. Ferner kennen die Märchen verschiedene Ar-ten der hüpfenden und fliegenden Fortbewegung z.B. mittels Sie-benmeilenstiefeln, Teppichen und Tieren - und sogar den blitzartigen Orts- und Ebenenwechsel. Märchen sind also eine Fundgrube für al-le Belange, die mit der Außerkörperlichkeit in Verbindung stehen, und ganz besonders dafür geeignet, dem Ich Verhaltensweisen aufzuzei-gen, die in der außerkörperlichen Seinswirklichkeit von ausschlagge-bender Bedeutung sind.“
Gibt es aber wissenschaftliche Erklärungen für dieses seltsame Phänomen der OBE, die ja in der Nah-Todesforschung (NTE) wie-derkehrt?
Dazu las ich jetzt ein älteres, aber sehr informatives Buch von Van Eersel: „Sterben. Der Weg in ein neues Leben“, 1986 bei Gras-set in Paris erschienen.
Van Eersel beginnt mit einem alten Spiegelartikel von 1986 zur Todesforschung, Titel: „Mit einem Fuß im Jenseits“, wo Liz Taylor, Charles Aznavour und Ronald Siegel, ein amerikanischer Forscher zu Wort kommen. Natürlich brachte „Der Spiegel“ diese Geschichte nur, um die Todesforschung zu widerlegen, denn endlich hatte Siegel, ei-ne Erklärung für OBE gefunden. Um die Seriosität zu wahren, wurden im „Spiegel“ Beispiele auch von anderen Op- oder Unfallopfern ge-bracht, so von Professor Blanchot (Toulon), der aus dem Körper „schlüpfte“ „wie aus einem Overall.“ Und schlimm war da die Rück-kehr, weil der Körperoverall schwer, schmerzhaft und einige Num-mern zu klein gewesen war. Zu klein, wofür, für die Seele? Siegel al-so, übrigens Drogenexperte, erklärte OBE und auch deren Grundvor-aussetzungen auf diese simple Weise: Das Gehirn habe einige hun-dert Milliarden Neuronen, die durch tausend Stege miteinander ver-bunden sind, dass der elektrische Fluss in den Zellen durch chemi-sche Boten (Elektrizität übersetzt ins Chemische) hergestellt werde, das geschehe aber nicht über eine Brücke, sondern durch Spalten, einen Abgrund also, winzig, diese Synapsen genannten Spalten, die Boten aber werden Neurotransmitter genannt. Chemische Boten, die unsere Erinnerung, unseren Zustand, Lust, Lachen, Trauer etc. er-zeugen. Ganz schön einfach also. Rauschdrogen wirken auf die glei-che Weise, das „Gehirn“ sei also „der größte Dealer aller Zeiten“( S.9). Wichtigste dieser Drogen (es sind enorm viele) sei das Seroto-nin, wehe ein millionstel Gramm zu viel oder zu wenig und Wut an-statt Freude entsteht. So lässt sich die OBE, die gute Schamanenrei-se, ja, die Liebe, das Glücksgefühl beim Tod wunderbar erklären; es seien Endorphine, die das vermögen. Die Natur sei gnädig, vor allem am Ende unserer Tage!
Van Eersel war begeistert, der Tod also begleitet von schönen Täuschungen? Er fuhr im Auftrag der Zeitschrift, wo er arbeitete nach Los Angeles zu Dr. Siegel.
Doch die Begegnung war äußerst enttäuschend. Siegel bot nichts als Theorien und Vermutungen. Siegel hatte einen einzigen klinisch Toten befragt, keine Daten, keine Diagramme, Statistiken, nur Analogien. Enttäuscht wandte sich Van Eersel von diesem Pro-fessor und „Drogenexperten“ ab. Und auch der Artikel fiel ins Wasser, Van Eersel konnte Siegels „Entdeckung“ mit nichts belegen. Und er-kennte, dass der Professor nichts als ein Eiferer auf einem Kreuzzug gegen Mystizismus, LSD, Obskurantismus und Nahtoderlebnis war. Und nur ein Weltbild verteidigte, ein Ideologe, kein Wissenschaftler war. Und Van Eeersel fand auch heraus, dass die Pharmaindustrien aus Geschäftsinteresse kräftig die Hypothese mit den Neurotransmit-tern und den Endorphinen unterstützten, alles nichts als Chemie! Siegel war womöglich von ihnen gekauft. Der aber nannte Van Eersel einige der gefährlichen Kontrahenten und „Pseudowissenschaftler“, deren „schädlicher Unsinn“ zu bekämpfen sei!
Van Eersel besuchte diese gefährlichen Leute. Als erste Elisa-beth Kübler-Ross, Psychiatrin und Sterbehilfeexpertin, die eine große Gemeinde hatte, viele Vorträge und Seminarien abhielt. Das Interes-se war ungeheuer. Ihre Workshops hießen „Leben, Tod und Über-gang“. Doch ein Treffen kam nicht gleich zustande. So fand er zuerst zu Kenneth Ring, auch er Psychologieprofessor in Neuengland. Van Eersel besucht ihn und die Organisation IANDS. Ring sprach gleich von Karlis Osis und Erlendur Haraldson, die die ersten wissenschaft-lichen. Daten zu OBE gesammelt hatten, es waren Erkenntnisse aus Indien sowie Krankenhausberichte.
Ich hatte diese thanatologischen Erlebnisse schon von Anfang an verfolgt, mir die Bücher des amerikanischen Arztes Raymond Moody gekauft, auch die von Elisabeth Kübler-Ross, und dann Karlis Osis und Erlendur Haraldson in New York besucht. Sie erinnerten mich daran, dass schon 1926 der Klassiker von Barrett, „Deathbed Visions“ erschienen war. 1977 veröffentlichten Osis und Haraldsson „At the Hour of Death,“ eine Studie von etwa tausend Sterbevisionen, die in den USA und in Indien gesammelt worden waren. In diesem Buch sind auch zwei Kapitel enthalten, die sich mit den Berichten von Patienten, die reanimiert worden waren, befassen. Und zu diesen frühen Erforschern von NTE (Nahtoderlebnissen) gehört auch Eckart Wiesenhütter:
Moodys Buch „Life after Life“ liegen circa 150 Fälle zugrunde, die er in den späten Sechzigern/ siebziger Jahren gesammelt hatte. Als ein besonderes Merkmal dieser Erlebnisse wird genannt, dass sie nicht in der Form von Träumen, sondern als sehr lebensechte Erfah-rungen empfunden werden. Moody nennt fünfzehn Elemente, die in den Berichten häufig auftauchen und verbindet sie zu einem erzähle-rischen Modell einer typischen Nahtoderfahrung.
Auch Rings Organisation untersuchte keine chemischen For-meln, sondern Augenzeugenberichte.
Ring sagte Van Eersel, dass 99% der Leute mit Nahtoderfahrungen aus Angst, für verrückt gehalten zu werden, geschwie-gen hätten. Jetzt nimmt man sie ernst, also erzählen sie.
Zweitens: Die Reanimationstechniken waren noch nie so gut, so gibt es enorm viele Nahtod-Überlebende. Und es sollen etwa die Hälfte von ihnen über Nahtoderlebnisse berichten können. In Deutschland sollen es etwa acht Millionen sein.
Ring spricht von fünf Stadien der Nahtoderlebnisse: In einem fremden Raum schweben, schönster Augenblick ihres Lebens. Das zweite Stadium erfahren nur 37%. Sie nehmen ihren Körper aus der Ferne wahr, und sehen sich Ärzte und Krankenschwestern an, die mit dem „Leichnam“ des Unfallopfers beschäftigt sind. Drittes Stadium: Tunnelerfahrungen: Angezogen von einer Leere. Intensive Dunkel-heit. Extreme Geschwindigkeit: 23%. Viertes Stadium, 16%: Unge-heuer warmes Licht, weiß, golden. Aber unbeschreiblich hell und weich. Strahlen der Liebe.
Auch der Psychiater und NTE-Forscher R. Noyes war anfangs ein Skeptiker, er meinte, es entgingen angeblich die Betroffenen dem Todes-Schmerz, indem sie aus ihrem Körper flüchten. Und er griff die OBE-Forscher an. Dann wurde er durch Erzählungen der Opfer be-kehrt. Zuerst nennt er NTE „postakzidentelles Delirium“. Und weiter „Depersonalisierung“ oder Verdoppelung. Aber schließlich untersucht er mit seinen Studenten 200 Fälle. Und beschreibt sie in drei „Haupt-faktoren“ und 26 „Variablen“. Das alles wissenschaftlich genau in Prozenten und mit Statistiken:
1. Depersonalisierung mit elf Variablen: Keine Emotionen mehr. Das Bewusstsein vom Körper getrennt. Eine Mauer zwischen Ich und der Welt. Veränderte Zeitwahrnehmung. 2. Überwacher Zustand. Denken ungewöhnlich schnell. Geräusche, Farben., Formen schärfer und deutlicher. Reflexe von unvorstellbarer Schnelligkeit. 3. Der „mystische Faktor“. 9 Variablen. Wiederfinden eines ängstevergesse-nen vertrauten Zustandes. Panoramaschau des bisherigen Lebens. Voller Freude. Und der Eindruck einer Offenbarung.
„Und plötzlich habe ich das Gefühl, diese Momente, wie auch Momente der Wiedergeburt, Erinnerung an ein anderes Leben gehabt zu haben. Habe in jüngeren Jahren und als Kind diese Berührun-gen,. doch die Erinnerungen sind fahl, eher gar nicht da:“
Und der Psychiater Noyes entdeckt, dass eine ganze Reihe von Psychiatern mit dem Thema beschäftigt sind. Und dass schon eine ganze Literatur bis ins 19. Jahrhundert dazu vorhanden ist.
Zurück zu Ring, der die ägyptischen und griechischen Myste-rien zur NTE in Beziehung setzt, sie beschreibt, genau deren Pro-zess nachvollzieht. Erinnerung an schon vor Jahrtausenden Vorgefal-lenes. Ring versucht herauszubekommen, was Erinnerung ist. Er fin-det: Ihr Sitz ist nicht im Gehirn. Weder im Hypokampus noch im limbi-schen System, wie Penfield bis Ungar annahmen. Ring stößt auf Pribram und Denis Gabor, der das Hologramm entdeckte. Es geht al-so auch ohne Linse (die ja bisher alles veränderte seit der Renais-sance, Fernrohre, Foto etc.) Nur ein gegabelter Laserstrahl ist heute noch nötig. So kommt man noch viel näher ans Objekt, als mit der Linse? Keine Einstellung, Perspektive, Brennpunkt, Blende sind nötig, es geht „hautnah“ zu. Sind wir es selbst, die „zählen“? Das Nachin-nengehen, wie das Problem mit dem Beobachter in der Quantentheo-rie, der alles im Experiment verändert? Anstatt einer nur äußeren Perspektive? Lässt sich das Gedächtnis, so das dahinter sitzende Bewusstsein jetzt näher erkennen? Karl H. Pribram, US-Psychiatrieprofessor und Kognitionsforscher, meint: Unser Gedächt-nis funktioniere wie ein Hologramm. Und schon in den Sechzigern entdeckte der australische Forscher und Nobelpreisträger John C. Eccles winzige elektrische Ladungen im Innern der Neuronen auf der Höhe der Synapsen, mit ihnen interferieren die Wellengrenzen. Mit seiner Entdeckung der Reizweiterleitung von Nervenzellen trug er entscheidend dazu bei, die Vorgänge im menschlichen Gehirn aufzu-klären. Doch eben nicht im Sinne des heutigen materialistischen Hirn-totalitarismus der neuen Neurologie!
Der junge deutsche Forscher Lothar Ahrendes behauptet (mit vielen berühmten Kollegen, von Heisenberg, Planck bis Weizsäcker) zu Recht, dass das klassische Weltbild, an das noch fast alle Natur-wissenschaftler klammheimlich und mit aller Maßgabe der Wieder-holbarkeit und eines Beobachtbarkeitzwanges heute noch glauben, gefallen sei, eine andere, neue Physik die Welt bestimme, und doch sei noch lange nicht klar und bestimmbar, was Bewusstsein, was vita-le Prozesse, was das rätselhafte Gehirn in Wirklichkeit seien. Wobei so getan würde, als wüssten wir es, und so ein Überleben des Todes auszuschließen sei, weil angeblich noch nicht nachzuweisen ist, dass Geist, Seele, Denken, ja, Bioenergie etc. ohne Körper möglich seien. Nur die Grenzwissenschaften tun es, und haben zumindest Indizien in der Hand. Und diesen interdisziplinären Wissenschaften wird die Zukunft gehören, weil eben, wie Weizsäcker einmal formulierte, die Welt „Geist ist, die nicht als Geist erscheint“.
Auf diesen jüngeren Forscher, Lothar Arendes, der interdiszipli-när das Überleben des Todes untersucht und in biophysikalischer Chemie, Abt. Neurobiologie, promoviert hat, sich aber mit „wissen-schaftlicher Philosophie beschäftigt“ muss noch hingewiesen wer-den. Er hat eine Synthese nicht nur der NTE-Forschung, sondern auch von Sterbebettvisionen, OBE, Erscheinungen etc. erarbeitet (Oktober 2007), die einen guten Pro-und-Kontra-Überblick zum The-ma „Gibt es ein Überleben des Todes?“ ermöglicht. Vor allem geht er davon aus, dass bis zur Aufklärung eigentlich generell an ein Le-ben nach dem Tode geglaubt wurde. Dann kamen die als „Wissen-schaftler“ verkleideten Materialisten und behaupteten, dass dies un-möglich und „unwissenschaftlich“ sei. Was heute einer Dummheit gleichkommt. Arendes: „In der heutigen Naturwissenschaft gibt es weder eine befriedigende Theorie der biologischen Dynamik (anders formuliert, keine Theorie des Lebens) noch eine Bewusstseinstheorie, und trotzdem sind die meisten Naturwissenschaftler der festen Über-zeugung, dass der Mensch mit dem körperlichen Tod vollständig auf-höre zu existieren. Worauf beruht dieser Glaube? Der Glaube an den völligen Tod hat hauptsächlich zwei Gründe. Einerseits glauben man-che Naturwissenschaftler immer noch an das klassische physikali-sche Weltbild (was ihnen anscheinend oftmals gar nicht bewusst ist), wonach die Welt lediglich eine Zusammensetzung aus kleinsten Teil-chen und den zwischen ihnen wirkenden Kräften ist, andererseits konzentrieren sich Naturwissenschaftler aus methodologischen Gründen auf beobachtbare Dinge. Hätte das klassische wissenschaft-liche Weltbild Recht, so wäre der Mensch selbstverständlich tot, so-bald seine Materiekonstellation zerfallen ist. Aber wie kaum noch bestritten werden kann, hat spätestens die QM (Quantenmechanik) das klassische Weltbild widerlegt, und heute gibt es kein Weltbild, dass von allen Wissenschaftlern geteilt wird, so dass es derzeit keine alle überzeugenden weltanschaulichen Argumente gegen ein Leben nach dem körperlichen Tod geben kann.“
(Aus Dieter Schlesak, Zwischen Himmel und Erde. Gibt es ein Leben nach dem Tod. Bod Verlag, 2010. Bestellbar in jeder Buchhandlung. Mehr Infos: http://schlesak.blogspot.com und www.schlesak.de)
Posts mit dem Label Tod werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Tod werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Freitag, 26. Februar 2010
OBE UND NAHTDERLEBNISSE
Labels:
Esoterik,
Nahtoderlebnisse,
OBE,
Parapsychologie,
Tod,
Tonbandstimmen,
Totenstimmen,
Transkommunikation,
Überleben,
Wiedergeburt,
Wissen,
Wissenschaft
Donnerstag, 25. Februar 2010
LESEPROBE: Zwischen Himmel und Erde. Gibt es ein Leben nach dem Tod
Dieter Schlesak
ZWISCHEN HIMMEL
UND ERDE
Gibt es ein Leben nach dem Tod?
INHALT
Einleitung Die ernsteste Frage der Welt…… 9
ERSTER TEIL. Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt.
Gibt es ein Leben nach dem Tod? Der Philosoph Immanuel Kant und der Hellseher Emanuel Swedenborg ………… 15
Talkshow mit Tabuthemen und Totenstimmen 42
Das Unheimliche als das Heimische. Unglaubliches geschieht. Zur Geschichte und Erforschung des Übersinnlichen ……. ……………………. 43
Die Geister sind nicht fassbar. Das Rätsel entzieht sich uns. Zum Problem der „Elusivität“…………………………………………….. 67
Intermezzo. Die unzerschnittenen Dinge müssen aus ihrem Namen fallen ……………………. . 78
Die Zweite Aufklärung. Das Scheitern der Postmoderne und des Fortschrittsgedankens. Ein neues Paradigma, Ausgang an der Grenze unseres Wissens.......................................…….82
Liebe ist Leben für immer. Über die unheimliche Kommunikation zwischen Diesseits und Jenseits in der Literatur und Parapsychologie................90
ZWEITER TEIL. Nachtgedanken
Traumkunst, Patientenkunst, Patientenerfahrungen und Nahtoderlebnisse. Geisterfallen. Versuche im Unmöglichen. Parapsychologische Experimente und Kongresse ..............................114
So verschieden kann der Tod in uns sein…121
Nahtoderlebnisse II. Reisen ……………… 123
Seelenflug, ein Märchen oder eine Ahnung von Heimkehr: „Out of the body experiences“ (OBE). Der Doppelgänger. Das Tabu der Letzten Wirklichkeit. Mut zur Letzten Wirklichkeit und zum Selbst-Sein. Verdrängungen, Literatur- und Gesellschaftsllügen………………………….…128
Vergottung des Phantoms Körper. Zurück zu „Neodarwinismus“, „Erbbiologie“ und Lobotomie? Anstatt der Engel die Botenstoffe? Die Hirnforschung als Ideologie des „Neuen Zeitalters“...148
Nahtoderlebnisse III …………………………..153
Chronokratie, unsere Zeitkrankheit …………..187
Der Autor……………………………………… 225
EINLEITUNG.
Die ernsteste Frage der Welt. Und warum stellen wir sie heute anders als noch vor zwei Jahren
arum sind diese Fragen, zwar nie veraltet, aber besonders heute wieder ganz aktuell geworden. Und die Frage: Warum soll ich solch ein Buch wie dieses heute lesen? lässt sich leichter beantworten als noch vor einem Jahr.
Mein Sohn fragte mich: Vater, wie sollen wir jetzt weiterleben, alle Utopien, auch die des Geldes sind ja gefallen! Ich hab keine Orientierung mehr, woran kann man sich noch halten? Sogar meine Gegner und Feinde haben verloren!
Ich weiß es seit lange, antwortete ich, doch ich habe es immer wieder vergessen. Es klingt kompliziert, doch es ist ganz einfach: Das, was alle meinen, gering schätzen oder vergessen zu können, ist das Wichtigste. Es drückt sich in der Kunst und in der Religion aus Vom All-Einen, dem SEIN, wir gehören dazu: wir SIND DA, und das ist ein Wunder! Das ist gar nicht selbstverständlich und davon nämlich müssen wir ausgehen: Denn es ist das Rätsel, das uns leben lässt, alles bestimmt. Das in Anderer Sprache als in der des Alltags sich äußert; die Alltagssprache ist Seiendes, Daseinsdummheit; die Kunst, die Musik, die Poesie und die LIEBE allein berühren den Grund jenes „Seins“, das uns sein lässt, uns denkt, uns möglich macht. Und wehe, du mischt dich falsch und nur mit dem Verstand, gar der „Wissenschaft“ und der Technik und mit ihren Analysen da ein, lässt es und deine innere Stimme nicht zu, und mischt dich ein mit Begriffen in einen Bereich, wo Begriffe nichts zu suchen haben! Du störst und zerstörst, genau wie im Fluss eines Gedichtes, das sich auch selbst schreibt, wenn die Sprache es will und es auch tut, wir sind nur das klingende Instrument. Das Desaster dieser Welt war und ist die Folge solcher andauernden Einmischung! Alles, was IST, wird von dieser obersten Macht des “Seins“ bewegt und gestaltet. Die Menschheit aber hält sich für gescheiter, lebt und arbeitet gegen dieses Gesetz an, Tag für Tag, jeder Einzelne und alle zusammen!
„Wissenschaft“ ist durch Heisenberg und Planck auch nahe an dieses Urmuster des Seins oder des EINEN herangekommen; und so besteht die Hoffnung, dass auf diesem Umweg auch der „Alltag“, die Seinsdummheit, die Wand, die uns vom Grund trennt, verändert wird. Dass es dieses Neue gibt, dass es auf uns wartet, weil wir es sind und schon in uns tragen, „ebenbildlich“, auf das die Menschheit fast durch alle ihre Katastrophen zuhält, zusteuert.
Moral hilft nicht weiter, es ist etwas Größeres, Umfassenderes, was beachtet werden, ins Zentrum gestellt werden muss!
Carl Friedrich von Weizsäcker ist dafür der beste Wegweiser und Erbe dieser sich anbahnenden Traditionsernte, der in einem Aufsatz über den Tod schrieb: "Aber das Sittliche ohne das Heilige ist nicht lebensfähig; es ist die Forderung ohne ihre Ermöglichung. Die selbst verzehrende Anstrengung der bloßen Moral kann kaum umhin, wenn sie wahrhaftig bleibt, böse oder verzweifelt zu werden.".
Diese neue Ratlosigkeit schafft einen leeren Ort, wo alles neu beginnen könnte! Sie könnte eine Veränderung des modernen Zeitbewusstseins überhaupt anzeigen. Dass sich nämlich die „Struktur des Zeitgeistes und der Aggregatzustand der Politik“ radikal verändern, dass wie vor 200 Jahren „die Paradieseshoffnungen mit der Verzeitlichung der Utopien ins Diesseits eingewandert sind“, so würden heute „die utopischen Erwartungen ihren säkularen Charakter verlieren“ und möglicherweise wieder transzendenten, grenzüberschreitenden Charakter annehmen, dies schrieb ein Nachfolger der linken „Frankfurter Schule“ Adornos und Horkheimers Jürgen Habermas noch kurz nach dem millenaren Zeitbruch von 1989.
Wird hier ein Irrlauf wieder gut gemacht, dieses ruinöse postneoliberale Projekt wenigstens im Denken zurückgenommen? Inzwischen hat es sich sogar ökonomisch zurückgenommen, ist eindeutig gescheitert! Aber mit welchen Kräften, die nicht nur vom Menschen gemacht sind, die er aber provoziert hat, müssen wir rechnen? Es sind die alten Kräfte, de vergessen wurden, von denen man meinte, man könne sie einfach nur belachen und ausklammern! Es geht um eine neue Haltung heute zum Problem Leben und Tod, um ein Verschieben der Grenze zwischen ihnen! Und was stellt diese Verschiebung in Frage? Unser angemaßtes Wissen, als wüssten wir „alles“ schon, und darauf ist die moderne Zivilisation gegründet, auf eine Lüge also!
Der Alltagsverstand jedenfalls und unsere gewohnte Erfahrung ist ungeeignet dazu, um mit der Frage nach dem Tod umzugehen.
Und dieses Buch möchte nach möglichst plausiblen Antworten auf diese quälende Frage suchen. Ich beginne mit dem glaubwürdigsten Denker, dem „Vater der Aufklärung“, Immanuel Kant.
ERSTER TEIL
Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als sich
unsere Schulweisheit träumen lässt?
GIBT ES EIN LEBEN NACH DEM TOD?
Der Philosoph Immanuel Kant
und der Hellseher Emanuel Swedenborg
"Trat man als Gast in Kants Haus, so herrschte eine friedliche Stille ... Durch eine ganz einfache, ja, armselige Tür, kommt der Gast in das eben so ärmliche Sans-Souci, zu dessen Betretung man beim Anpochen durch ein frohes Herein eingeladen wurde. Das ganze Zimmer atmete Einfachheit und stille Abgeschiedenheit vom Geräusche der Stadt und Welt. Hier saß der Denker auf seinem ganz hölzernen Halbcirkelstuhle, wie auf einem Dreifuß... Im Studierzimmer sind die Wände weißgetüncht. Und auf dem weißen Papier ging seine zügige Schrift voran mit dem Federkiel, der Kopf etwas geneigt."
Es war der 10. August 1763. Kant hatte über glaubwürdige Zeugen von Visionen und Totengesprächen des "Geistersehers" Emanuel Swedenborg aus Stockholm erfahren. Und "um nun das Vorurtheil von Erscheinungen und Gesichtern nicht durch ein neues Vorurtheil blindlings zu verwerfen, fand ich es vernünftig, mich nach dieser Geschichte näher zu erkundigen (...)", heißt es in einem später berühmt gewordenen Brief an ein Fräulein von Knobloch. Kant war geneigt, diesen paranormalen Erscheinungen Glauben zu schenken. So berichtet er in seinem Schreiben zustimmend über eine gewisse Madame Hartville, "die Witwe des Holländischen Envoyer in Stockholm“, diese sei "einige Zeit nach dem Tode Ihres Mannes von dem Goldschmidt Croon um die Bezahlung des Silberservices ... welches ihr Gemahl bei ihm hatte machen lassen“, gemahnt worden: "Und die Witwe war zwar überzeugt“, so Kant, „dass ihr verstorbener Gemahl viel zu genau und ordentlich gewesen war, als dass er diese Schuld nicht sollte bezahlt haben, allein sie konnte keine Quittung aufweisen ..."
Madame Hartville bat Swedenborg um Hilfe. Er sagte zu, und drei Tage später behauptete er, "dass er ihren Mann gesprochen“, so Kant in seinem Brief: Die Schuld sei sieben Monate vor seinem Tode bezahlt worden, die Quittung aber könne in einem Schrank, der sich im oberen Zimmer befände, gefunden werden. Der Tote habe es genau beschrieben; wenn man an der linken Seite des Schrankes eine Schublade öffne, und ein Brett beiseite schiebe, dann in einer anderen verborgenen Schublade unter der geheim gehaltenen holländischen Korrespondenz des Verstorbenen suche, wäre dort auch die Quittung zu finden. Und die Quittung wurde zur Verblüffung der Hofgesellschaft tatsächlich am beschriebenen Ort gefunden. Kant schildert auch die hellseherischen Fähigkeiten Swedenborgs, der den Brand Stockholms aus hundert Kilometer Entfernung genau wahrgenommen und beschrieben hatte: "Die folgende Begebenheit aber scheint mir unter allen die größte Beweiskraft zu haben und benimmt wirklich allem erdenklichen Zweifel die Ausflucht (...) Des Abends um sechs Uhr war Herr von Swedenborg herausgegangen und kam entfärbt und bestürzt ins Gesellschaftszimmer zurück. Er sagte, es sey eben jetzt ein gefährlicher Brand in Stockholm am Südermalm (...) und das Feuer griffe sehr um sich. Er sagte, dass das Haus eines seiner Freunde, den er nannte, schon in der Asche läge und sein eigenes Haus in Gefahr sei. Um acht Uhr (...) sagte er freudig: Gottlob der Brand ist gelöscht (...)" Auch diese Angaben des Hellsehers wurden bis ins Detail durh die späteren Berichte und offiziellen Dokumente bestätigt.
Kant kam schon am Beginn der Ausarbeitung seiner apriorischen Philosophie die absolute Offenheit Swedenborgs auch methodologisch entgegen. Swedenborg vertrat die Ansicht, dass es "nun erlaubt sei", "mit Hilfe des Verstandes in alle Geheimnisse des Glaubens einzudringen", aber es wäre "gefährlich ... mit einem Verstand in solche Glaubenslehren einzudringen…, die das Ergebnis einer bloß menschlichen Einsicht und mithin aus Falschheiten zusammengesetzt sind." Wer sich immer nur an das halte, was er alltäglich vor Augen hat, sei mit Blindheit geschlagen.
Kant hatte Swedenborg geschrieben, ihm Fragen gestellt. Der Gelehrte ließ Kant sagen, er bereite ein Buch vor, und darin wolle er auf Kants Fragen antworten. Es handelte sich um Swedenborgs Werk "Arcana Coelestia", zu Deutsch "Himmlische Geheimnisse", in acht Bänden. Es heißt, es seien nur vier Exemplare verkauft worden, eines davon habe Kant erworben. Er las es - mit wachsendem Unbehagen, ja, mit wachsender Enttäuschung. Swedenborg behauptete nämlich: "(... ) durch meine Augen durften sie (die Geister und Engel) die in der Welt befindlichen Dinge sehen ( ...) und dann auch die Menschen mit mir reden hören (...) sie sahen auch ihre Gatten und Kinder (...) Durch die Gassen einer Stadt, und durch ihr Gefilde wandelnd, und zugleich auch im Gespräch mit Geistern... "
Zur Erklärung dieser Entrückung zitiert Swedenborg die Bibel, von der er in seinen "Himmlischen Geheimnissen" auch ausgeht: "...wenn man im Wort liest, ´sie seien dem Körper entrückt worden (abducti a corpore), und sie seien vom Geist an einen anderen Ort weggeführt worden.´(...) Alle Sinne sind dann so wach wie im höchsten Wachsein des Körpers (...), sowohl das Gesicht, als das Gehör, und merkwürdigerweise auch der Tastsinn, welcher alsdann schärfer ist, als er es je sein kann beim Wachen. (...)"
Kants Enttäuschung über die "Arcana coelestia" äußerte sich in seiner Streitschrift "Träume eines Geistersehers erläutert durch die Träume der Metaphysik", die 1766 anonym erschien. Er nannte Swedenborgs "Himmlische Geheimnisse" "acht Quartbände voller Unsinn" und ließ sich zu Invektiven hinreißen: " ... wenn ein hypochondrischer Wind in den Eingeweiden tobet, so kommt es darauf an, welche Richtung er nimmt, geht er abwärts, so wird daraus ein F -, steigt er aber aufwärts, so ist es eine Erscheinung oder eine heilige Eingebung."
Er nannte den international anerkannten Gelehrten plötzlich "einen gewissen Herrn Schwedenberg ohne Amt und Bedienung", "Erzphantasten unter allen Phantasten" "unbekannten Narren" und gar Betrüger. Dabei war Swedenborg königlich schwedischer Assessor beim Bergwerkscollegium, ein anerkannter Verfasser wissenschaftlicher Arbeiten,. Mitglied der Academien zu Stockholm und Petersburg. Swedenborg hatte allerdings nach einem Bekehrungserlebnis in London alle seine Ämter niedergelegt und widmete sich nur noch seiner "Berufung".
Irritierten Kant die so naiven "Tatsachen" des Unbegreiflichen, oder gar die Trivialisierung der tiefsten Geheimnisse? Schon der Philosoph Moses Mendelssohn hatte in einem Brief an Kant über die "Träume eines Geistersehers" entsetzt nach der Ursache dieser Beschimpfungen gefragt. Und Kant antwortete ihm am 8. April 1766, dass es ihm "also am rathsamsten" schien, "andren dadurch zuvorzukommen, dass ich über mich selbst zuerst spottete wobey ich auch ganz aufrichtig verfahren bin indem wirklich der Zustand meines Gemüths hiebey wiedersinnlich ist..." "Widersinnlich" war also sein Gemüth, gespalten, denn er habe zwar gespottet, doch, "was die Erzehlung anlangt" hat er sich "nicht entbrechen" können, "eine kleine Anhänglichkeit an die Geschichte von dieser Art als auch was die Vernunftgründe betrifft einige Vermuthung von ihrer Richtigkeit zu nähren ungeachtet der Ungereimtheiten..." sich zu bewahren.
Eine solche Bewusstseinsspaltung in Sachen übersinnliche Unheimlichkeiten nannte Freud später einen "Urteilsstreit". Natürlich spielte die Angst des angehenden Professors, sich lächerlich zu machen, eine große Rolle. In der veröffentlichten "Streitschrift", greift Kant Swedenborg heftig an, als Privatperson aber schreibt er einen begeisterten Brief über den Hellseher. Wie ist das möglich?
Kants Herz hing an der "Geisterwelt". Erfahrung und Vernunft aber waren die Grundlagen seines Berufes. Diese Spaltung ist der Antrieb seines Denkens. Und er erarbeitet in der Streitschrift schon 1766 die beiden Gegenpole: 1. die Grundmethode seiner kritischen Philosophie, Grenzen setzend, und 2. in seiner Morallehre: Grenzen öffnend. Er verdammt nicht nur Swedenborg, sondern auch die erfahrungslosen Spekulationen der Metaphysik seiner Zeit als "Hirngespinst": "Leben und Tod werden wir nie durch Vernunft einsehen können. Das ist die Grenze."
Ganz streng urteilt er, ohne freilich etwas anderes als die Vernunft als Erkenntnisorgan zuzulassen. Wer sich auf "Träume" verlasse, der falle der "Krankheit des Kopfes" und der Spinnerei zum Opfer: a. beim "Phantasten" Swedenborg durch die Empfindung, b. bei den Metaphysikern durch die Vernunft. Immer wieder zitieren Kommentatoren genüsslich Kants Äußerung: "(...) dass man die anschauende Erkenntnis der anderen Welt nur erlangen kann, indem man etwas von demjenigen Verstande einbüßt, welchen man für die gegenwärtige nötig hat.“
Unterschlagen wird freilich der darauf folgende Satz Kants: "(...) Wollte ich wirklich ein Ungläubiger sein, wäre ich doch genau wie der Denkpöbel, mit einer wetterwendischen und auf den Schein angelegten Gemütsart, um so vor der herrschenden Meinung und Mode den Rücken zu beugen, nur um zu avancieren."
Aufklärung, deren "Vater" Kant genannt wird, ist innere Revolte, Denken mit dem eigenen Kopf denken! Widerstand leisten gegen versteinerte Gedanken und versteinerte Verhältnisse und Autoritäten! Die Radikalität des jungen Kant wird (auch heute noch) missdeutet! Philosophie war für Kant die Wissenschaft von den Grenzen der Vernunft, doch das Übersinnliche wird nicht geleugnet, nur der Zugang dazu mit unseren theoretischen Denk-Mitteln für unmöglich gehalten. Weil sowohl Vorstellungen von "drüben", als auch "begleitende Ideen" fehlen, um das postmortale Leben überhaupt denken zu können... Swedenborg dagegen geht vom Glauben aus, einen "vom Herren erleuchteten Verstand" zu besitzen. Enge, vorurteilsvolle Kritik, die sich dem Unbekannten verschloss, lehnte er als "Vernünfteln" ab.
Kant, dem Handwerkersohn, war jede Frömmelei zuwider, und er konnte spöttisch und auch drastisch werden; er mochte im Denken das Solide und im Leben das Handfeste. Und er war ein Weltmann, begierig auch nach Welt und Geselligkeit, er schwebte nicht über den Wolken, saß in keinem Elfenbeinturm. Kaufleute, Offiziere, Juristen waren seine Freunde, kaum Kollegen. Kriminalrat Jensch stopfte seine Pfeifen, die Frau Professor Pörschkes besorgte das Trocknen der Schotenerbsen und Schwertbohnen, der Engländer Motherbey, Schwager von Kants bestem Freund, dem Kaufmann Green, schaffte Käse und Kabeljau herbei, der Kaufmann Jacobi den Rheinwein, Regierungsrat Vigilantius erledigte die Gehaltsquittungen. Kant hatte ein gutes Gespür für Leute und Realitäten, ließ sich in seinem täglichen berühmt gewordenen Mittagstisch von seinen Gästen aus allen Bereichen der Wirklichkeit berichten. Es wurde nie theoretisiert!
Wie bei Swedenborg ist für Kant die praktische irdische und sinnlich-körperliche Existenz auch für die Seele absolut notwendig, um Erfahrungen machen zu können. Nicht nur um die Persönlichkeit auszuformen, ihr Stoff und Kontur zu geben, sondern weil "sich alle ... Fähigkeiten erst durch den Körper entwickelt haben": "... und … sie alle Kenntnisse, die sie von der Welt hat, erst durch den Körper erlangt, und sich also durch den Körper zu der künftigen Fortdauer hat vorbereiten müssen."
Hier übernimmt Kant sogar die Auffassung Swedenborgs, bei dem "das Leben, welches sich der Mensch in der Welt verschafft hat“, ihm nach dem Tode "folgt". Ja, dass der Sinn des körperlichen Lebens sehr ernst zu nehmen sei, da er dem Bau eines "geistigen Leibes" dient, und so alles, was hier erworben wurde, samt liebgewordenen Gewohnheiten, aber auch alle Vergehen mitgenommen werden müssten! Freilich mit dem Ziel, hier Erfahrung für ein unendliches Wachstum zu erwerben, um nach dem Tode die notwendigen Verbindung zwischen Seele und Körper zu lösen, endlich frei zu sein, ihr "wahres Leben" im Unermesslichen zu führen. Beim reifen Kant heißt es: "Also ist der Tod nicht die absolute Aufhebung des Lebens, sondern eine Befreiung der Hindernisse eines vollständigen Lebens."
"Die" Aufklärung ist bei ihrem tiefsten Denker Kant nicht, wie Adorno es sah, nur "Entzauberung der Welt", Sturz der Einbildung durch Wissen, "Triumph des Tatsachensinns", ein Wissen, dessen Wesen Technik sei, das nicht auf das "Glück der Einsicht, sondern auf Methode, Ausnutzung der Arbeit anderer" ziele. Für Kant trifft das nicht zu. Kant hat selbst gesagt, er habe das Denken als eine Art "Räumungsarbeit" angesehen, es nur eingeschränkt, um Platz für das Transzendentale zu schaffen. Er hatte Swedenborg als eine Art "Reibungsfläche" benützt, um seine eigene kritische Philosophie aufzubauen, die ihn dann berühmt machte. Schon in der Streitschrift "Träume eines Geistersehers", heißt es: "...wie er in dieser Welt gegenwärtig sei, die wie eine immaterielle Natur in einem Körper und durch denselben wirksam sein könne; alles um einer sehr gültigen Ursache willen, welche diese ist, dass ich hievon insgesamt nichts verstehe, und folglich mich wohl hätte bescheiden können, eben so unwissend in Ansehung eines künftigen Zustandes zu sein ... Und eben die Unwissenheit macht es, dass ich mich nicht unterstehe, so gänzlich die Wahrheit so mancher Geistererzählung abzuleugnen."
Gegen Swedenborg ist Kant ungerecht und böswillig, als wüte er gegen sich selbst! Es ist erstaunlich, dass der handschriftliche Urtext der "Träume eines Geistersehers" voller Freudscher Verschreiber ist, und zwar immer an jenen Stellen, wo sich Kant offensichtlich mit sich selbst im innern Streit befindet, bewusst oder unbewusst die Unwahrheit schreibt.
Die Kieler Dissertation von Gottlieb Florschütz, die unter dem Titel "Swedenborgs verborgene Wirkung auf Kant" 1992 erschienen ist, weist ausführlich nach, dass Swedenborg vieles von Kants Philosophie vorweggenommen hat, ja, dass Kant ohne Swedenborg kaum denkbar wäre.
Schon Balzac hatte in seinem "Buch der Mystik" darauf hingewiesen. Wer ein wenig in den Autorenbiographien blättert und Einflüssen nachgeht, kann in Wut geraten über die Literaturgelehrten und Historiker, über den Skandal ihrer Unterschlagungen und Verdrängungen; dieses gilt freilich für alle Disziplinen bis hin zur Theologie; und möglicherweise wurde auf diese Weise die gesamte Kulturgeschichte durch rationalistische Ideologie verfälscht, ja, gefälscht. Und eine gut dokumentierte Gegengeschichte, die diesen Skandal einmal untersucht und beschreibt, steht leider noch aus! Auch das Märchen von der Aufklärung ist falsch. Das schlagende Beispiel dafür ist der große Kant.
Schon Kant war, wie Swedenborg davon überzeugt, dass die materielle Welt nur Erscheinung, Schein ist, was inzwischen die Mikrophysik auch experimentell bestätigt. Schon für Kant waren sinnliche und "übersinnliche" Welt nicht getrennt, sondern die sichtbare Welt war nichts weiter als die Erscheinung der geistigen (oder der Geisterwelt), die unsichtbare Welt aber die wahre Ordnung der Dinge.
Kein Wunder, dass sich der "Vater der Aufklärung" nie vom "Geisterseher" befreien konnte und Hass-Liebe empfand! Doch die Einflüsse des "Sehers" sind auch auf die deutsche Klassik und Romantik unübersehbar, und sie werden von der Forschung unterschlagen.
Zur Zeit der Kant-Swedenborg-Kontroverse (1765/66) wurde das Weltbild der Aufklärung erarbeitet und Denken zugunsten einer im Praktischen abgesicherten Erfahrungswelt eingeschränkt. Doch Kant wendet sich schon anderthalb Jahrzehnte später, nämlich ab 1783 in den "Vorlesungen über Metaphysik", vor allem aber 1790 in den "Vorlesungen über die rationale Psychologie" dem verdrängten Übersinnlichen wieder zu. In dieser dritten Periode seines Lebens steht das "Ding an sich" im Mittelpunkt, dieses ominöse und berühmte "Ding an sich" ist theoretisch und den Sinnen unzugänglich, es ist aber nach Kant die unbezweifelbar der Erscheinung zugrunde liegende tiefere Wirklichkeit, die Sinne und Verstand bewegt, ihnen erst den "Stoff" liefert, damit überhaupt Welt entstehe! In dieser Zeit rehabilitiert Kant Swedenborg wieder, nennt ihn sogar "erhaben", übernimmt dessen Grundgedanken vom geistigen, ja "jenseitigen" Grund der Welt.
Kant war aber auch im Spätwerk niemals "Spiritist". Nicht der "Geisterkontakt" interessierte ihn, sondern die Kontinuität der menschlichen Seele, und damit die Gründe für eine moralische Handlungsweise, Gründe, die in der andern Welt zu suchen seien. Das Geheimnis des sittlichen Antriebs, der gegen die körperlich-tierische Natur und ihr Interesse gerichtet ist! Kants "Postulate" zur Vervollkommnung des "höchsten Gutes", der berühmte Kategorische Imperativ gehört dazu.
Kant definiert diesen geistigen Grund der Welt sogar schon im Basiswerk der Aufklärung, der "Kritik der reinen Vernunft", so: "Gott also, und ein künftiges Leben, sind zwei von der Verbindlichkeit, die uns reine Vernunft auferlegt, nach Prinzipien eben derselben Vernunft nicht zu trennende Voraussetzungen."
Noch strenger heißt es in den "Vorlesungen über Metaphysik": "Gott und die andere Welt ist das einzige Ziel aller unserer philosophischen Untersuchungen, und wenn die Begriffe von Gott und von der anderen Welt nicht mit der Moralität zusammenhingen, so wären sie zu nichts nütze."
Schon Moral also wäre eine übersinnliche, ja, "okkulte" Einwirkung vom Welt-Grund in unsere Erscheinungswelt. Dieses führt Kant in seinen späten "Vorlesungen zur rationalen Psychologie" (1790) aus, nämlich die Verbindung zum Übersinnlichen, das sogenannte "Commercium von Leib und Seele, den Wechsel der Anschauungsart durch den Tod und eine Geistergemeinschaft schon zu Lebzeiten." Dies 1790. Zur Zeit der Streitschrift 1766 geht Kant noch als junger Aufklärer davon aus, dass wir nur das wissen können, was uns unsere Sinne und der Verstand vorgeben, dass die Welt so ist, wie sie uns Auge und theoriegelenktes Denken vorgaukeln. Dies, obwohl er schon damals schwankte, gespalten war, den transzendentalen Gedanken in sich selbst bekämpfte. Kant wird heute missverstanden, für ein reduziertes rationalistisches Weltbild in Anspruch genommen. Dabei ist dieses einschränkende Denken nur die Antwort auf die erste der drei Fragen, die Kant stellt, und die seinen drei Hauptwerken entspricht: Was können wir wissen - in der "Kritik der reinen Vernunft" (1781), was sollen wir tun, in der "Kritik der praktischen Vernunft" (1787), und was dürfen wir hoffen, in der "Kritik der Urteilskraft" (1790).
In der ersten Kritik, ist das Fazit ein Skandal, dass wir mit Sinnen und Verstand nur das wissen können, was wir nach den Bedingungen, in denen wir gefangen sind, selbst hineingelegt haben, also über die Dinge, wie sie an sich sind, nichts wissen können. Dazu kommt die Unmöglichkeit, mit unseren rationalen Mitteln, etwas über Gott, Freiheit und Unsterblichkeit zu erfahren. Doch gebe es, so Kant, noch Vernunft und Urteilskraft, sie seien der Weg, aus dem Gefängnis zu entkommen: Mit Intuition, Gefühl, vor allem mit dem Gewissen. Sie führen uns zu höheren Realitäten, an die weder Theorie noch Wissenschaft heranreichen können. Sie sind erst im Handeln zu erfahren, im Bereich der Entscheidung. Erst sie geben uns Würde und Selbstbewusstsein, Selbstgewissheit und Verantwortung, die einer anderen Welt angehören. Gesellschaftliche Rücksichten dürfen sie nicht einschränken! Nach Herder, Kants Schüler, galt für Kant keine Kabale, keine Sekte, kein Vorteil, nur die Vernunft. Vernunft, nicht zu verwechseln mit dem "Verstand", - sie allein ist Garant der Freiheit, steht vor jeder Erfahrung. Schon der Verstand ist "übersinnlich", die Vernunft aber hat ihre eigene Ursache. "Für die Freiheit“, so Kant, "ist das Bewusstwerden des Übersinnlichen", fundamental, und mit dem "bestimmten Denken des Übersinnlichen" sind die Postulate der praktischen Vernunft gemeint: die Postulate der Unsterblichkeit und eines Gottes zum Zwecke der Vervollkommnung des "höchsten Gutes" als Gegenstand des Moralgesetzes; das "Übersinnliche" also ist im Menschen fundamental, es gibt uns und der Natur die höheren Gesetze aus einer allumfassenden Ur-Sache und allgemeinen Zweckmäßigkeit; Die Vernunft aber ist höchste Autonomie. Autonomie, diese Grundforderung der Aufklärung, entspringt weder der Politik, der Wissenschaft, noch gar der Wirtschaft, sondern dem eigenen Gewissen, und dem Wissen, dass wir Bürger zweier Welten sind! Genau dies meint auch die berühmte Antwort Kants, was Aufklärung sei: " ... Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit..."
Unmündigkeit aber ist Unfähigkeit, sich seiner eigenen Vernunft zu bedienen. Dazu gehören Einsicht und Mut. Abhängigkeiten, Vorurteile, als eigenen Fehler zu erkennen, nämlich, nicht Widerstand zu leisten gegen das übliche Denken, das dem gerade herrschenden Gesellschaftssystem dient, Angst davor zu haben, dem eigenen Gewissen entsprechend zu erkennen und zu handeln. Von nichts und niemandem abhängig zu sein, auch vom Körper nicht, von der Uhrzeit nicht, war Kants Devise. Er überlistete etwa die Tyrannei der Uhr-Zeit durch extreme Pünktlichkeit, und die Königsberger stellten ihre Uhren nach der immer gleichen Uhrzeit seines Spaziergangs ein. Jede freie Selbstbestimmung gab Kant ein Glücksgefühl ein, denn er war alles andere als ein angepasster Spießer. Herder schreibt über ihn: "Seine offene, zum Denken gebaute Stirn war ein Sitz unzerstörbarer Heiterkeit und Freude; die gedankenreichste Rede floss von seinen Lippen; Scherz und Witz und Laune standen ihm zu Gebot ..."
Kant bestimmte die feste Ordnung seines alltäglichen Lebenskreises bis ins Kleinste, um für seine geistige Arbeit frei zu sein, eben weil sein Körper und seine Psyche äußerst sensibel und irritierbar waren. Feste Gewohnheiten garantierten eine Art inneres Schutzgehäuse. Manches freilich wirkte, besonders im Alter des Junggesellen Kant, schrullenhaft. In der Jugend hatte seine Angst, sich selbst und die Ruhe für seine Arbeit und seinen Professoren-Beruf zu verlieren, mit zur Aggressivität gegen den Hellseher Swedenborg beigetragen, der behauptete, mit Toten reden zu können. Doch auch den eigenen schwächlichen Körper, der ihn bedingte und bestimmte, fürchtete Kant. So hatte er eine höchst drastische Ausdrucksweise, wenn er über seine Physis sprach:
"Dieser gänzliche Mangel an Hintern... Und wenn er keinen Hintern hat, wie mag der Edle sitzen? Gar denken? " Nur, weil sein Sessel sehr hoch und sehr konvex gepolstert war ... Haarbeutel verrutscht, die Schulter ganz schief... Er habe eine zarte Constitution. Und der kleine Leib werfe einen geringen Schatten nach außen. Und er wundere sich jeden Morgen vor dem Spiegel über diesen muskelarmen Corpus. Da sei die flache Brust, die Beschwerden daher, diese Brust fast eingebogen, und stehe vorgeneigt. Und das rechte Schultergelenk sei hinterwärts etwas verrenkt.
Das Gefängnis des Körpers also, und das der gegebenen Zeit. "Zeit" stand auch philosophisch im Zentrum seines Denkens. Paradox, dass schon im Alltag sogar Objekte, die doch nebeneinander stehen, verzeitlicht werden, in einer Abfolge erscheinen. Und dem Gespenstischen, Irrealen der Erscheinung, ja, der eigenen Körperexistenz, zwingt Kant ein Diktat des Geistes, des Plans, der Selbstbeherrschung auf. Der Zerstreuung des Bewusstseins setzt er sogar in der Zeit selbst etwas Unwandelbares entgegen: nämlich das außerhalb der Zeit, des Körpers und jeder Erfahrung gegebene "moralische Gesetz". Dieses könne jeder unmittelbar in sich selbst empfinden, so Kant: Nur jener Mensch ist frei und unabhängig, auch von Zeit und Körper, der sich nicht seiner physischen Existenz, Schwächen, Trieben und egoistischen Interessen überlässt, sondern dem Gesetz seiner Vernunft, dem Gewissen, das einer anderen Welt angehört, folgt. Der Sklaverei unserer Sinne, der engen Ratio, der Vorurteile, sowie sozialer Hörigkeit entgehen wir erst, wenn wir diesem Ruf folgen. Dazu gehört ein starker, aber auch ein "guter Wille" zur Selbstüberwindung. Und sein "reales Objekt" ist der "unendliche Progressus".
Kant aber war kein Asket und Weltverächter. Im Gegenteil. Er mochte Gesellschaft, war witzig und tolerant, mochte die Natur; das einzige Bild, das in seinem Arbeitszimmer hing, war ein Porträt von Rousseau, den er verehrte, einer seiner Freunde war der Förster Wobster von Moditten, bei dem er oft im Forsthaus zu Gast war. Kant hatte eine gute Beziehung auch zu Frauen, und sie mochten ihn, er konnte mit ihnen angenehm und gut informiert auch über Kochkunst plaudern, hatte sogar vor, ein Kochbuch zu schreiben. Wie ist das möglich? Die Seele ist, laut Kant, unbeschrieben, sie braucht den Körper, die Welt, um sich zu entwickeln. Freilich: Da wir uns über den Tod hinaus weiterentwickeln, also das, was wir hier getan und erworben haben, "mitnehmen", so Kant, sollten wir uns nicht nur auf die 8o Jahre hier auf der Erde einstellen, unser Leben also nicht um die Ewigkeit verkürzen, denn als Körperwesen wird der Mensch schließlich vernichtet, als Vernunftwesen, das allerdings vom Leben geformt wird, ist jeder dem Tode entzogen. Freiheit hat nur Sinn, wenn es diesen "Fortschritt" gibt, der zum "höchsten Gut" gehört! Wir sehen, Freiheit und Fortschrittsbegriff der Aufklärung wurden völlig verkehrt verwendet. Bei Kant hieß es noch: "Dieser unendliche Progressus ist aber nur unter Voraussetzung einer ins Unendliche fortdauernden Existenz und Persönlichkeit desselben vernünftigen Wesens (welche man die Unsterblichkeit der Seele nennt) möglich. Also ist das höchste Gut praktisch nur unter der Voraussetzung der Unsterblichkeit der Seele möglich; mithin diese, als unzertrennlich mit dem moralischen Gesetz verbunden."
Kant ging zwar von den Sinnen und dem Verstand aus. Doch diese und den Leib sah er nur als vergängliches Instrument an. Und er musste mit diesem schwächlichen Körper haushalten, um sein Riesenwerk zu vollenden. Bis zur Pedanterie und Selbstdisziplin kasteit er den Körper. Zum Frühstück nur zwei Tassen Tee und eine Pfeife Tabak, das Abendbrot lässt er ausfallen; Kaffee, den er sehr mochte, dessen Geruch ihn reizte, vermied er gänzlich. Und nicht mehr als zwei Pillen pro Tag, auch wenn er krank war, verschrieb er sich, dazu seltsame Gesundheitsregeln. Der Wohnraum seines eigenen großen Hauses im Schlossgraben, das er wie ein Gast bewohnte, und die Dinge wie geliehen in dieser flüchtigen, täuschenden Existenz auf Zeit, galt ihm Besitz nichts, alles war äußerst karg, aber zweckmäßig: Im Esszimmer nur ein Spiegel, im Studierzimmer, Schreibtisch, Kommode zwei Tische mit Büchern und Schriften, die Wände weiß, keine Tapeten. Überall störten Körper, der Raum, die Uhr-Zeit deuteten auf die niederste Stufe der Existenz hin, die sich am schlimmsten als täuschend vergehende Zeit äußerte. Dagegen setzte Kant äußere peinliche Ordnung, er wirkt daher wie ein Sonderling: Schere oder Federmesser durften auf dem Schreibtisch nicht verschoben sein, sonst geriet er in Unruhe und Verzweiflung, auch wenn der Stuhl nicht an gewohnter Stelle im Zimmer stand. Mit Regeln und selbst auferlegten Tageseinteilungen versuchte er, Zeit und Raum zu beherrschen. So stand er morgens um fünf Uhr auf. Bis sieben arbeitete er und dachte seinen Vortrag durch; von sieben bis neun hielt er Vorlesungen als Professor, von neun bis Viertel vor ein Uhr widmete er sich der kreativen Arbeit im Studierzimmer, ein Uhr empfing er seine Tischgäste, bis vier Uhr war Mittagstafel, wenn er große Gesellschaft hatte bis sechs Uhr. Punkt sieben Uhr ging er etwa eine Stunde spazieren. Dann noch Lektüre von Zeitschriften, neuen Büchern oder der Zeitung, pünktlich um 10 Uhr ging er schlafen.
Alles war fast zeremoniell geregelt. Denn die Zeit als Phänomen hatte für Kant etwas Beunruhigendes, Gespenstisches, da er seinen Geist von einem anderen Reich her, aber als Gefangener, bestimmt sah. Er sah sich fremd hinter einer Wand der Sinne steht, und der Art, wie er und alle Menschen gezwungenermaßen sehen müssen, ausgesetzt. Er war einerseits ein Kind seiner Zeit, so dass er an die "Kontinuität", also auch an den Zwang der Uhrzeit glaubte, andererseits aber gab es für ihn viel Wichtigeres, so: "die Bestimmung seines Daseins nur in der Form des inneren Sinnes": "Das Bewusstsein seiner selbst und die Identität der Person beruht auf dem innern Sinn. Der innere Sinn aber bleibt doch auch noch ohne den Körper, weil der Körper kein Princip des Lebens ist, also auch die Persönlichkeit."
Fremd, weil der Mensch nach Kant eine Art Ebenbild des "höchsten Gutes", des "Einen" sei. Dieser "innere Sinn" aber gehe über die Alltagswelt der Sinne weit hinaus, da schon wegen des Voranrückens von Zeit in den Außeneindrücken eine Erfahrung überhaupt nur möglich sei, wenn "Zusammenhang" oder "Einheit" unseres Bewusstseins als "Gewusste" und zugleich Wissende, also Verstehen da ist. "Einheit der Apperzeption (oder des Bewusstseins)." "Einheit der Synthesis in der Mannigfaltigkeit" nannte Kant diesen Kernpunkt seiner Philosophie. Wir sind sozusagen "Gewusste" und zugleich Wissende. Diese "Selbstunterscheidung" ist nach Kant aber "schlechterdings unmöglich zu erklären, obwohl ... ein unbezweifelbares Faktum ... (sie) zeigt ... ein über alle Sinnenanschauung ... weit erhabenes Vermögen an ... den Grund der Möglichkeit eines Verstandes." Das Zauberwort dieses Vermögens heißt "synthetische Urteile" oder die berühmte "Einheit der Synthesis in der Mannigfaltigkeit", was am besten die Mathematik, die Zahl leiste, aber auch ein Begriff. Nun ist die Zahl das Substrat oder Subjekt der nicht wahrnehmbaren Zeit, die zur Unendlichkeit gehört, also zu einer undurchschaubaren Einheit eben jenes Einen und höchsten Gutes, dessen Spiegel auch der Mensch ist. Es geht eigentlich nur um die erwähnte Teil-Habe am "Einen", um das Gottesebenbildliche in uns, das jedoch nicht zum Zuge kommen kann, weil wir uns selbst fremd sind, genau wie die Dinge uns fremd bleiben, als in den Körper Gefallene unbekannt bleiben müssen, solange wir nur getrennte Körper sehen, eine Art Sündenfall, weil wir im Körper und unseren Sinnen gefangen sind. Carl Friedrich von Weizsäcker hat das sehr schön am Beispiel der heutigen Theorie der Physik, der Quantentheorie gedeutet, die von Kants Denken gelernt hat: Die von uns sinnlich wahrgenommene Vielheit der Dinge - so Carl Friedrich von Weizsäcker - sei "letztlich nicht wahr." Isolierte Objekte bedeuten nur "mangelnde Kenntnis der Kohärenz ...der Wirklichkeit. Wenn es überhaupt eine letzte Wirklichkeit gibt, so ist sie Einheit. Vom Standpunkt dieser Einheit aus gesehen ... sind die Objekte nur Objekte für endliche Subjekte (d.h. für Subjekte, denen gewisses mögliches Wissen fehlt)... (d.h. sie sind individuelle Seelen unter den Bedingungen der Körperlichkeit)."
Kant Situation als vorausschauender Geist im 18. Jahrhundert ist tragisch: Er ist 200 Jahre zu früh gekommen. Seine Intuitionen im höheren Bereich der Vernunft und der Einheit der Zeit sind genial, im Bereich des Verstandes aber eingeengt, abhängig vom Wissensstand seiner Zeit, ihrer mechanischen Raum und Zeitvorstellungen. Wie außerordentlich wichtig aber dieser "innere Sinn" der Einheit ist, und auch als Subjekt und Substrat der Zeit gilt, die das Ich aus der Ewigkeit erzeugt, körperliches Dasein erst ermöglicht, zeigt die Rückübersetzung dieses Sinnes in den späten Vorlesungen Kants über "Rationale Psychologie" ins Zeitlose, nämlich als Garant des "persönlichen Überlebens des Todes": "Das Bewußtseyn seiner selbst und die Identität der Person beruht auf dem inneren Sinn. Der innere Sinn bleibt doch auch noch ohne den Körper ... also auch die Persönlichkeit."
Doch dieser "innere Sinn" und sein Wechselspiel mit der "reinen Vernunft" spiegelt schon das, was nach dem Tode geschieht: Geist, der nach dem Moralgesetz in unsere Handlungen unmittelbar hineinwirken kann via Gewissen, dieses aber geht dem "inneren Sinn" voraus, der die Zeit und die Gegenstände im Leben erzeugt. Es scheint bei Kant so, als wäre Leben ein Widerschein der andern Welt, und Selbstverwirklichung erst möglich, nachdem wir im Tode zu ihr, also zu uns gekommen sind. So heißt es bei ihm: " ... der Tod (ist) nicht die absolute Aufhebung des Lebens, sondern eine Befreiung der Hindernisse vollständigen Lebens." Bei Swedenborg und bei Kant wird etwas Unheimliches angenommen: dass das "Jenseits" immer da und greifbar da ist, nur eine dünne Wand trennt uns von ihm und den "Toten", die bei Erleuchtungen, manchmal in Träumen durchbrochen wird, im Tod aber endlich wegfällt.
"Die Trennung der Seele vom Körper", heißt es bei Kant, "ist nicht in eine Veränderung des Ortes zu setzen, (es ist die) Veränderung der sinnlichen Anschauung in die geistige (...) und das ist die andere Welt..." Mit den Sinnen und unseren irdischen Gewohnheiten aber ist jene andere Welt unvorstellbar, denn die "Vorstellungen von der Geisterwelt" mögen noch so "klar und anschauend sein, wie man will, so ist dieses doch nicht hinlänglich, um mich deren als Mensch bewusst zu werden (...) Er ist frei, wenn dann endlich durch den Tod die Gemeinschaft der Seele mit der Körperwelt aufgehoben worden ..." Die nackte Wahrheit wird erst jenseits der Sinne erkennbar, und schon in der "Kritik der reinen Vernunft" heißt es: " (Im Tod) ... wird vielmehr klar gezeigt: dass wenn ich das denkende Subjekt wegnehme, die ganze Körperwelt wegfallen muß (...) die Erscheinung in der Sinnlichkeit (...) und eine Art Vorstellung desselben." Und später in den Vorlesungen heißt es sogar: "Wir sind uns itzt durch die Vernunft schon als in einem intelligiblen Reiche befindlich bewusst; nach dem Tode werden wir das anschauen und erkennen und dann sind wir in einer ganz anderen Welt, die aber nur der Form nach verändert ist, wo wir nemlich die Dinge erkennen, wie sie an sich selbst sind."
"Der Gedanke des Swedenborg ist hierin sehr erhaben (...) Er sagt: Alle geistigen Naturen stehen mit einander in Verbindung (...)"
Kant und Swedenborg waren sich in ihrer Grundhaltung nahe. Auch Swedenborg hat sich Gedanken gemacht über die Schwierigkeiten, seine übersinnlichen Erfahrungen in Worte zu kleiden. So sagt er, dass die Geisterwelt, nicht "anders reden" könnte, "als der Mensch es fasst, nemlich nach dem Schein und Betrug der Sinne." Und auch die Sprache "der Engel" wird als eine Art himmlische Wärme und Nähe "gefühlt", die der Mensch zwar auch in sich habe, sie aber in seine Wortsprache nicht übersetzen könne. Sogar die Geister benützten, um von uns gehört zu werden: Gedanken und Worte des Menschen ... "In Wirklichkeit redeten nicht sie, sondern ich..." Zu Swedenborg schrieb schon der junge Kant in den "Träumen" zustimmend, und der alte Kant wiederholt dass es "... so gut als demonstriert, und ich weiß nicht wo oder wann, noch bewiesen werden (wird), dass die menschliche Seele auch in diesem Leben in einer unauflöslichen Gemeinschaft mit allen immateriellen Naturen der Geisterwelt stehe, dass sie wechselweise in diese wirke und von ihnen Eindrücke empfange, deren sie sich aber als Mensch nicht bewusst ist, solange alles wohl steht.(...) und daher, was ich als Geist denke, von mir als Mensch nicht erinnert wird, und umgekehrt (...)" Der Tod aber ist bei Kant immer Übergang, Steigerung, Hoffnung, es gibt kein Grauen, keine Skelette, Leichen, sondern Licht, Wachstum, Fortsetzung geistiger Entwicklung. Und die Erde ist pädagogische Provinz, Erfahrungsbereicherung, die nach dem Tode "hinüber" genommen wird.
Aus einer unerträglichen Kluft zwischen dem so kurzen Leben und unseren unendlich reichen Anlagen, die in dieser Lebenskürze nicht entfaltet werden können, schließt Kant sogar mit apodiktischer "Gewissheit" auf eine seelische Tätigkeit nach dem Tode: "Also lässt sich von der Seele vermuthen, dass sie für eine künftige Welt aufbehalten sein muss, wo sie alle diese Kräfte anwenden und gebrauchen kann." Für Kant ist die Seele durch die Geburt (wie schon für Platon) in einem Kerker gefangen, der sie an ihrem geistigen Leben hindert: "Der Tod ist also eine Beförderung des Lebens, und ihr künftiges Leben wird erst ihr wahres Leben sein."
Kant rieb sich an Swedenborg, um die kritische Philosophie der Aufklärung zu begründen und kurz danach auch zu überwinden! Woran müsste sich Denken heute reiben, um zu seinen Gründen zu kommen? Es wären nicht nur die Atom- und Quantenphysik, die, wie Heidegger, später Weizsäcker formulierten, nicht in der Lage sind, sich selbst zu denken, und es wäre die Parapsychologie, dann die "Transkommunikation" mit Tausenden von "Stimmen" und Nachrichten aus der anderen Welt. Die Grenze zwischen Leben und Tod ist heute offener denn je, was zu einer Mutation der Menschheit beitragen könnte. Kant ist aktueller denn je, doch eine Aufklärung in seinem Sinne steht noch aus.
"Also lässt sich von der Seele vermuthen, dass sie für eine künftige Welt aufbehalten sein muss, wo sie alle diese Kräfte anwenden und gebrauchen kann."
Kant glaubt ja an das "Commercium von Leib und Seele, den Wechsel der Anschauungsart durch den Tod und eine Geistergemeinschaft schon zu Lebzeiten" wobei er sich ausdrücklich auf Swedenborg bezieht.
LITERATUR
Immanuel Kant. Sein Leben in Darstellungen von Zeitgenossen. Die Biographien von L.W.Borowski, R.B. Jachmann und A.Ch.Wasianski. Hrsg. von Felix Groß. Berlin 1912.
Immanuel Kant: Träume eines Geistersehers erläutert durch Träume der Metaphysik. Textkritisch herausgegeben und mit Beilagen versehen von Rudolf Malter, Stuttgart 1976.
Immanuel Kant. Werke in 6 Bänden. Hrsg. von Wilhelm Weischedel, Frankfurt/Main 1956 – 1964.
(1783), Vorlesungen über rationale Psychologie, in: Immanuel Kant: Vorlesungen über Metaphysik, AA (Ausgabe der preußischen Akademie der Wissenschaften) XXIX, 1. Hälfte, 2.Teil, Berlin 1983.
(1790), Vorlesungen über rationale Psychologie, in: Immanuel Kant: Vorlesungen über Metaphysik (1790), nach Pölitz, AA XXVIII, 5. Band, 1. Hälfte, Berlin 1968.
Wilhelm Lütgerts: Die Religion des deutschen Idealismus und ihr Ende, 1923.
Carl du Prels (Hrsg.): Immanuel Kants Vorlesungen zur Psychologie, 1964.
Emanuel Swedenborg: Himmel und Hölle nach Gehörtem und Gesehenem. Aus dem Lateinischen von Friedemann Horn, Zürich 1977.
(1748), Arcana coelestia, Tom. 1-8, Deutsch: Himmlische Geheimnisse im Worte Gottes, 16 Bände, Swedenborg-Verlag, Zürich.
Ernst Benz: Vision und Offenbarung, Ebda, Zürich 1979.
Emanuel Swedenborg. Begleitbuch zu einer Ausstellung und Vortragsreihe in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. Bearbeitet von Horst Bergmann und Eberhard Zwink, Stuttgart 1988.
Gottlieb Florschütz: Swedenborgs verborgene Wirkung auf Kant. Swedenborg und die okkulten Phänomene aus der Sicht von Kant und Schopenhauer, Würzburg 1992.
Wilhelm Weischedel: Die philosophische Hintertreppe, München 1975.
Uwe Schultz: Kant, Reinbek 1965.
ZWISCHEN HIMMEL
UND ERDE
Gibt es ein Leben nach dem Tod?
INHALT
Einleitung Die ernsteste Frage der Welt…… 9
ERSTER TEIL. Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt.
Gibt es ein Leben nach dem Tod? Der Philosoph Immanuel Kant und der Hellseher Emanuel Swedenborg ………… 15
Talkshow mit Tabuthemen und Totenstimmen 42
Das Unheimliche als das Heimische. Unglaubliches geschieht. Zur Geschichte und Erforschung des Übersinnlichen ……. ……………………. 43
Die Geister sind nicht fassbar. Das Rätsel entzieht sich uns. Zum Problem der „Elusivität“…………………………………………….. 67
Intermezzo. Die unzerschnittenen Dinge müssen aus ihrem Namen fallen ……………………. . 78
Die Zweite Aufklärung. Das Scheitern der Postmoderne und des Fortschrittsgedankens. Ein neues Paradigma, Ausgang an der Grenze unseres Wissens.......................................…….82
Liebe ist Leben für immer. Über die unheimliche Kommunikation zwischen Diesseits und Jenseits in der Literatur und Parapsychologie................90
ZWEITER TEIL. Nachtgedanken
Traumkunst, Patientenkunst, Patientenerfahrungen und Nahtoderlebnisse. Geisterfallen. Versuche im Unmöglichen. Parapsychologische Experimente und Kongresse ..............................114
So verschieden kann der Tod in uns sein…121
Nahtoderlebnisse II. Reisen ……………… 123
Seelenflug, ein Märchen oder eine Ahnung von Heimkehr: „Out of the body experiences“ (OBE). Der Doppelgänger. Das Tabu der Letzten Wirklichkeit. Mut zur Letzten Wirklichkeit und zum Selbst-Sein. Verdrängungen, Literatur- und Gesellschaftsllügen………………………….…128
Vergottung des Phantoms Körper. Zurück zu „Neodarwinismus“, „Erbbiologie“ und Lobotomie? Anstatt der Engel die Botenstoffe? Die Hirnforschung als Ideologie des „Neuen Zeitalters“...148
Nahtoderlebnisse III …………………………..153
Chronokratie, unsere Zeitkrankheit …………..187
Der Autor……………………………………… 225
EINLEITUNG.
Die ernsteste Frage der Welt. Und warum stellen wir sie heute anders als noch vor zwei Jahren
arum sind diese Fragen, zwar nie veraltet, aber besonders heute wieder ganz aktuell geworden. Und die Frage: Warum soll ich solch ein Buch wie dieses heute lesen? lässt sich leichter beantworten als noch vor einem Jahr.
Mein Sohn fragte mich: Vater, wie sollen wir jetzt weiterleben, alle Utopien, auch die des Geldes sind ja gefallen! Ich hab keine Orientierung mehr, woran kann man sich noch halten? Sogar meine Gegner und Feinde haben verloren!
Ich weiß es seit lange, antwortete ich, doch ich habe es immer wieder vergessen. Es klingt kompliziert, doch es ist ganz einfach: Das, was alle meinen, gering schätzen oder vergessen zu können, ist das Wichtigste. Es drückt sich in der Kunst und in der Religion aus Vom All-Einen, dem SEIN, wir gehören dazu: wir SIND DA, und das ist ein Wunder! Das ist gar nicht selbstverständlich und davon nämlich müssen wir ausgehen: Denn es ist das Rätsel, das uns leben lässt, alles bestimmt. Das in Anderer Sprache als in der des Alltags sich äußert; die Alltagssprache ist Seiendes, Daseinsdummheit; die Kunst, die Musik, die Poesie und die LIEBE allein berühren den Grund jenes „Seins“, das uns sein lässt, uns denkt, uns möglich macht. Und wehe, du mischt dich falsch und nur mit dem Verstand, gar der „Wissenschaft“ und der Technik und mit ihren Analysen da ein, lässt es und deine innere Stimme nicht zu, und mischt dich ein mit Begriffen in einen Bereich, wo Begriffe nichts zu suchen haben! Du störst und zerstörst, genau wie im Fluss eines Gedichtes, das sich auch selbst schreibt, wenn die Sprache es will und es auch tut, wir sind nur das klingende Instrument. Das Desaster dieser Welt war und ist die Folge solcher andauernden Einmischung! Alles, was IST, wird von dieser obersten Macht des “Seins“ bewegt und gestaltet. Die Menschheit aber hält sich für gescheiter, lebt und arbeitet gegen dieses Gesetz an, Tag für Tag, jeder Einzelne und alle zusammen!
„Wissenschaft“ ist durch Heisenberg und Planck auch nahe an dieses Urmuster des Seins oder des EINEN herangekommen; und so besteht die Hoffnung, dass auf diesem Umweg auch der „Alltag“, die Seinsdummheit, die Wand, die uns vom Grund trennt, verändert wird. Dass es dieses Neue gibt, dass es auf uns wartet, weil wir es sind und schon in uns tragen, „ebenbildlich“, auf das die Menschheit fast durch alle ihre Katastrophen zuhält, zusteuert.
Moral hilft nicht weiter, es ist etwas Größeres, Umfassenderes, was beachtet werden, ins Zentrum gestellt werden muss!
Carl Friedrich von Weizsäcker ist dafür der beste Wegweiser und Erbe dieser sich anbahnenden Traditionsernte, der in einem Aufsatz über den Tod schrieb: "Aber das Sittliche ohne das Heilige ist nicht lebensfähig; es ist die Forderung ohne ihre Ermöglichung. Die selbst verzehrende Anstrengung der bloßen Moral kann kaum umhin, wenn sie wahrhaftig bleibt, böse oder verzweifelt zu werden.".
Diese neue Ratlosigkeit schafft einen leeren Ort, wo alles neu beginnen könnte! Sie könnte eine Veränderung des modernen Zeitbewusstseins überhaupt anzeigen. Dass sich nämlich die „Struktur des Zeitgeistes und der Aggregatzustand der Politik“ radikal verändern, dass wie vor 200 Jahren „die Paradieseshoffnungen mit der Verzeitlichung der Utopien ins Diesseits eingewandert sind“, so würden heute „die utopischen Erwartungen ihren säkularen Charakter verlieren“ und möglicherweise wieder transzendenten, grenzüberschreitenden Charakter annehmen, dies schrieb ein Nachfolger der linken „Frankfurter Schule“ Adornos und Horkheimers Jürgen Habermas noch kurz nach dem millenaren Zeitbruch von 1989.
Wird hier ein Irrlauf wieder gut gemacht, dieses ruinöse postneoliberale Projekt wenigstens im Denken zurückgenommen? Inzwischen hat es sich sogar ökonomisch zurückgenommen, ist eindeutig gescheitert! Aber mit welchen Kräften, die nicht nur vom Menschen gemacht sind, die er aber provoziert hat, müssen wir rechnen? Es sind die alten Kräfte, de vergessen wurden, von denen man meinte, man könne sie einfach nur belachen und ausklammern! Es geht um eine neue Haltung heute zum Problem Leben und Tod, um ein Verschieben der Grenze zwischen ihnen! Und was stellt diese Verschiebung in Frage? Unser angemaßtes Wissen, als wüssten wir „alles“ schon, und darauf ist die moderne Zivilisation gegründet, auf eine Lüge also!
Der Alltagsverstand jedenfalls und unsere gewohnte Erfahrung ist ungeeignet dazu, um mit der Frage nach dem Tod umzugehen.
Und dieses Buch möchte nach möglichst plausiblen Antworten auf diese quälende Frage suchen. Ich beginne mit dem glaubwürdigsten Denker, dem „Vater der Aufklärung“, Immanuel Kant.
ERSTER TEIL
Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als sich
unsere Schulweisheit träumen lässt?
GIBT ES EIN LEBEN NACH DEM TOD?
Der Philosoph Immanuel Kant
und der Hellseher Emanuel Swedenborg
"Trat man als Gast in Kants Haus, so herrschte eine friedliche Stille ... Durch eine ganz einfache, ja, armselige Tür, kommt der Gast in das eben so ärmliche Sans-Souci, zu dessen Betretung man beim Anpochen durch ein frohes Herein eingeladen wurde. Das ganze Zimmer atmete Einfachheit und stille Abgeschiedenheit vom Geräusche der Stadt und Welt. Hier saß der Denker auf seinem ganz hölzernen Halbcirkelstuhle, wie auf einem Dreifuß... Im Studierzimmer sind die Wände weißgetüncht. Und auf dem weißen Papier ging seine zügige Schrift voran mit dem Federkiel, der Kopf etwas geneigt."
Es war der 10. August 1763. Kant hatte über glaubwürdige Zeugen von Visionen und Totengesprächen des "Geistersehers" Emanuel Swedenborg aus Stockholm erfahren. Und "um nun das Vorurtheil von Erscheinungen und Gesichtern nicht durch ein neues Vorurtheil blindlings zu verwerfen, fand ich es vernünftig, mich nach dieser Geschichte näher zu erkundigen (...)", heißt es in einem später berühmt gewordenen Brief an ein Fräulein von Knobloch. Kant war geneigt, diesen paranormalen Erscheinungen Glauben zu schenken. So berichtet er in seinem Schreiben zustimmend über eine gewisse Madame Hartville, "die Witwe des Holländischen Envoyer in Stockholm“, diese sei "einige Zeit nach dem Tode Ihres Mannes von dem Goldschmidt Croon um die Bezahlung des Silberservices ... welches ihr Gemahl bei ihm hatte machen lassen“, gemahnt worden: "Und die Witwe war zwar überzeugt“, so Kant, „dass ihr verstorbener Gemahl viel zu genau und ordentlich gewesen war, als dass er diese Schuld nicht sollte bezahlt haben, allein sie konnte keine Quittung aufweisen ..."
Madame Hartville bat Swedenborg um Hilfe. Er sagte zu, und drei Tage später behauptete er, "dass er ihren Mann gesprochen“, so Kant in seinem Brief: Die Schuld sei sieben Monate vor seinem Tode bezahlt worden, die Quittung aber könne in einem Schrank, der sich im oberen Zimmer befände, gefunden werden. Der Tote habe es genau beschrieben; wenn man an der linken Seite des Schrankes eine Schublade öffne, und ein Brett beiseite schiebe, dann in einer anderen verborgenen Schublade unter der geheim gehaltenen holländischen Korrespondenz des Verstorbenen suche, wäre dort auch die Quittung zu finden. Und die Quittung wurde zur Verblüffung der Hofgesellschaft tatsächlich am beschriebenen Ort gefunden. Kant schildert auch die hellseherischen Fähigkeiten Swedenborgs, der den Brand Stockholms aus hundert Kilometer Entfernung genau wahrgenommen und beschrieben hatte: "Die folgende Begebenheit aber scheint mir unter allen die größte Beweiskraft zu haben und benimmt wirklich allem erdenklichen Zweifel die Ausflucht (...) Des Abends um sechs Uhr war Herr von Swedenborg herausgegangen und kam entfärbt und bestürzt ins Gesellschaftszimmer zurück. Er sagte, es sey eben jetzt ein gefährlicher Brand in Stockholm am Südermalm (...) und das Feuer griffe sehr um sich. Er sagte, dass das Haus eines seiner Freunde, den er nannte, schon in der Asche läge und sein eigenes Haus in Gefahr sei. Um acht Uhr (...) sagte er freudig: Gottlob der Brand ist gelöscht (...)" Auch diese Angaben des Hellsehers wurden bis ins Detail durh die späteren Berichte und offiziellen Dokumente bestätigt.
Kant kam schon am Beginn der Ausarbeitung seiner apriorischen Philosophie die absolute Offenheit Swedenborgs auch methodologisch entgegen. Swedenborg vertrat die Ansicht, dass es "nun erlaubt sei", "mit Hilfe des Verstandes in alle Geheimnisse des Glaubens einzudringen", aber es wäre "gefährlich ... mit einem Verstand in solche Glaubenslehren einzudringen…, die das Ergebnis einer bloß menschlichen Einsicht und mithin aus Falschheiten zusammengesetzt sind." Wer sich immer nur an das halte, was er alltäglich vor Augen hat, sei mit Blindheit geschlagen.
Kant hatte Swedenborg geschrieben, ihm Fragen gestellt. Der Gelehrte ließ Kant sagen, er bereite ein Buch vor, und darin wolle er auf Kants Fragen antworten. Es handelte sich um Swedenborgs Werk "Arcana Coelestia", zu Deutsch "Himmlische Geheimnisse", in acht Bänden. Es heißt, es seien nur vier Exemplare verkauft worden, eines davon habe Kant erworben. Er las es - mit wachsendem Unbehagen, ja, mit wachsender Enttäuschung. Swedenborg behauptete nämlich: "(... ) durch meine Augen durften sie (die Geister und Engel) die in der Welt befindlichen Dinge sehen ( ...) und dann auch die Menschen mit mir reden hören (...) sie sahen auch ihre Gatten und Kinder (...) Durch die Gassen einer Stadt, und durch ihr Gefilde wandelnd, und zugleich auch im Gespräch mit Geistern... "
Zur Erklärung dieser Entrückung zitiert Swedenborg die Bibel, von der er in seinen "Himmlischen Geheimnissen" auch ausgeht: "...wenn man im Wort liest, ´sie seien dem Körper entrückt worden (abducti a corpore), und sie seien vom Geist an einen anderen Ort weggeführt worden.´(...) Alle Sinne sind dann so wach wie im höchsten Wachsein des Körpers (...), sowohl das Gesicht, als das Gehör, und merkwürdigerweise auch der Tastsinn, welcher alsdann schärfer ist, als er es je sein kann beim Wachen. (...)"
Kants Enttäuschung über die "Arcana coelestia" äußerte sich in seiner Streitschrift "Träume eines Geistersehers erläutert durch die Träume der Metaphysik", die 1766 anonym erschien. Er nannte Swedenborgs "Himmlische Geheimnisse" "acht Quartbände voller Unsinn" und ließ sich zu Invektiven hinreißen: " ... wenn ein hypochondrischer Wind in den Eingeweiden tobet, so kommt es darauf an, welche Richtung er nimmt, geht er abwärts, so wird daraus ein F -, steigt er aber aufwärts, so ist es eine Erscheinung oder eine heilige Eingebung."
Er nannte den international anerkannten Gelehrten plötzlich "einen gewissen Herrn Schwedenberg ohne Amt und Bedienung", "Erzphantasten unter allen Phantasten" "unbekannten Narren" und gar Betrüger. Dabei war Swedenborg königlich schwedischer Assessor beim Bergwerkscollegium, ein anerkannter Verfasser wissenschaftlicher Arbeiten,. Mitglied der Academien zu Stockholm und Petersburg. Swedenborg hatte allerdings nach einem Bekehrungserlebnis in London alle seine Ämter niedergelegt und widmete sich nur noch seiner "Berufung".
Irritierten Kant die so naiven "Tatsachen" des Unbegreiflichen, oder gar die Trivialisierung der tiefsten Geheimnisse? Schon der Philosoph Moses Mendelssohn hatte in einem Brief an Kant über die "Träume eines Geistersehers" entsetzt nach der Ursache dieser Beschimpfungen gefragt. Und Kant antwortete ihm am 8. April 1766, dass es ihm "also am rathsamsten" schien, "andren dadurch zuvorzukommen, dass ich über mich selbst zuerst spottete wobey ich auch ganz aufrichtig verfahren bin indem wirklich der Zustand meines Gemüths hiebey wiedersinnlich ist..." "Widersinnlich" war also sein Gemüth, gespalten, denn er habe zwar gespottet, doch, "was die Erzehlung anlangt" hat er sich "nicht entbrechen" können, "eine kleine Anhänglichkeit an die Geschichte von dieser Art als auch was die Vernunftgründe betrifft einige Vermuthung von ihrer Richtigkeit zu nähren ungeachtet der Ungereimtheiten..." sich zu bewahren.
Eine solche Bewusstseinsspaltung in Sachen übersinnliche Unheimlichkeiten nannte Freud später einen "Urteilsstreit". Natürlich spielte die Angst des angehenden Professors, sich lächerlich zu machen, eine große Rolle. In der veröffentlichten "Streitschrift", greift Kant Swedenborg heftig an, als Privatperson aber schreibt er einen begeisterten Brief über den Hellseher. Wie ist das möglich?
Kants Herz hing an der "Geisterwelt". Erfahrung und Vernunft aber waren die Grundlagen seines Berufes. Diese Spaltung ist der Antrieb seines Denkens. Und er erarbeitet in der Streitschrift schon 1766 die beiden Gegenpole: 1. die Grundmethode seiner kritischen Philosophie, Grenzen setzend, und 2. in seiner Morallehre: Grenzen öffnend. Er verdammt nicht nur Swedenborg, sondern auch die erfahrungslosen Spekulationen der Metaphysik seiner Zeit als "Hirngespinst": "Leben und Tod werden wir nie durch Vernunft einsehen können. Das ist die Grenze."
Ganz streng urteilt er, ohne freilich etwas anderes als die Vernunft als Erkenntnisorgan zuzulassen. Wer sich auf "Träume" verlasse, der falle der "Krankheit des Kopfes" und der Spinnerei zum Opfer: a. beim "Phantasten" Swedenborg durch die Empfindung, b. bei den Metaphysikern durch die Vernunft. Immer wieder zitieren Kommentatoren genüsslich Kants Äußerung: "(...) dass man die anschauende Erkenntnis der anderen Welt nur erlangen kann, indem man etwas von demjenigen Verstande einbüßt, welchen man für die gegenwärtige nötig hat.“
Unterschlagen wird freilich der darauf folgende Satz Kants: "(...) Wollte ich wirklich ein Ungläubiger sein, wäre ich doch genau wie der Denkpöbel, mit einer wetterwendischen und auf den Schein angelegten Gemütsart, um so vor der herrschenden Meinung und Mode den Rücken zu beugen, nur um zu avancieren."
Aufklärung, deren "Vater" Kant genannt wird, ist innere Revolte, Denken mit dem eigenen Kopf denken! Widerstand leisten gegen versteinerte Gedanken und versteinerte Verhältnisse und Autoritäten! Die Radikalität des jungen Kant wird (auch heute noch) missdeutet! Philosophie war für Kant die Wissenschaft von den Grenzen der Vernunft, doch das Übersinnliche wird nicht geleugnet, nur der Zugang dazu mit unseren theoretischen Denk-Mitteln für unmöglich gehalten. Weil sowohl Vorstellungen von "drüben", als auch "begleitende Ideen" fehlen, um das postmortale Leben überhaupt denken zu können... Swedenborg dagegen geht vom Glauben aus, einen "vom Herren erleuchteten Verstand" zu besitzen. Enge, vorurteilsvolle Kritik, die sich dem Unbekannten verschloss, lehnte er als "Vernünfteln" ab.
Kant, dem Handwerkersohn, war jede Frömmelei zuwider, und er konnte spöttisch und auch drastisch werden; er mochte im Denken das Solide und im Leben das Handfeste. Und er war ein Weltmann, begierig auch nach Welt und Geselligkeit, er schwebte nicht über den Wolken, saß in keinem Elfenbeinturm. Kaufleute, Offiziere, Juristen waren seine Freunde, kaum Kollegen. Kriminalrat Jensch stopfte seine Pfeifen, die Frau Professor Pörschkes besorgte das Trocknen der Schotenerbsen und Schwertbohnen, der Engländer Motherbey, Schwager von Kants bestem Freund, dem Kaufmann Green, schaffte Käse und Kabeljau herbei, der Kaufmann Jacobi den Rheinwein, Regierungsrat Vigilantius erledigte die Gehaltsquittungen. Kant hatte ein gutes Gespür für Leute und Realitäten, ließ sich in seinem täglichen berühmt gewordenen Mittagstisch von seinen Gästen aus allen Bereichen der Wirklichkeit berichten. Es wurde nie theoretisiert!
Wie bei Swedenborg ist für Kant die praktische irdische und sinnlich-körperliche Existenz auch für die Seele absolut notwendig, um Erfahrungen machen zu können. Nicht nur um die Persönlichkeit auszuformen, ihr Stoff und Kontur zu geben, sondern weil "sich alle ... Fähigkeiten erst durch den Körper entwickelt haben": "... und … sie alle Kenntnisse, die sie von der Welt hat, erst durch den Körper erlangt, und sich also durch den Körper zu der künftigen Fortdauer hat vorbereiten müssen."
Hier übernimmt Kant sogar die Auffassung Swedenborgs, bei dem "das Leben, welches sich der Mensch in der Welt verschafft hat“, ihm nach dem Tode "folgt". Ja, dass der Sinn des körperlichen Lebens sehr ernst zu nehmen sei, da er dem Bau eines "geistigen Leibes" dient, und so alles, was hier erworben wurde, samt liebgewordenen Gewohnheiten, aber auch alle Vergehen mitgenommen werden müssten! Freilich mit dem Ziel, hier Erfahrung für ein unendliches Wachstum zu erwerben, um nach dem Tode die notwendigen Verbindung zwischen Seele und Körper zu lösen, endlich frei zu sein, ihr "wahres Leben" im Unermesslichen zu führen. Beim reifen Kant heißt es: "Also ist der Tod nicht die absolute Aufhebung des Lebens, sondern eine Befreiung der Hindernisse eines vollständigen Lebens."
"Die" Aufklärung ist bei ihrem tiefsten Denker Kant nicht, wie Adorno es sah, nur "Entzauberung der Welt", Sturz der Einbildung durch Wissen, "Triumph des Tatsachensinns", ein Wissen, dessen Wesen Technik sei, das nicht auf das "Glück der Einsicht, sondern auf Methode, Ausnutzung der Arbeit anderer" ziele. Für Kant trifft das nicht zu. Kant hat selbst gesagt, er habe das Denken als eine Art "Räumungsarbeit" angesehen, es nur eingeschränkt, um Platz für das Transzendentale zu schaffen. Er hatte Swedenborg als eine Art "Reibungsfläche" benützt, um seine eigene kritische Philosophie aufzubauen, die ihn dann berühmt machte. Schon in der Streitschrift "Träume eines Geistersehers", heißt es: "...wie er in dieser Welt gegenwärtig sei, die wie eine immaterielle Natur in einem Körper und durch denselben wirksam sein könne; alles um einer sehr gültigen Ursache willen, welche diese ist, dass ich hievon insgesamt nichts verstehe, und folglich mich wohl hätte bescheiden können, eben so unwissend in Ansehung eines künftigen Zustandes zu sein ... Und eben die Unwissenheit macht es, dass ich mich nicht unterstehe, so gänzlich die Wahrheit so mancher Geistererzählung abzuleugnen."
Gegen Swedenborg ist Kant ungerecht und böswillig, als wüte er gegen sich selbst! Es ist erstaunlich, dass der handschriftliche Urtext der "Träume eines Geistersehers" voller Freudscher Verschreiber ist, und zwar immer an jenen Stellen, wo sich Kant offensichtlich mit sich selbst im innern Streit befindet, bewusst oder unbewusst die Unwahrheit schreibt.
Die Kieler Dissertation von Gottlieb Florschütz, die unter dem Titel "Swedenborgs verborgene Wirkung auf Kant" 1992 erschienen ist, weist ausführlich nach, dass Swedenborg vieles von Kants Philosophie vorweggenommen hat, ja, dass Kant ohne Swedenborg kaum denkbar wäre.
Schon Balzac hatte in seinem "Buch der Mystik" darauf hingewiesen. Wer ein wenig in den Autorenbiographien blättert und Einflüssen nachgeht, kann in Wut geraten über die Literaturgelehrten und Historiker, über den Skandal ihrer Unterschlagungen und Verdrängungen; dieses gilt freilich für alle Disziplinen bis hin zur Theologie; und möglicherweise wurde auf diese Weise die gesamte Kulturgeschichte durch rationalistische Ideologie verfälscht, ja, gefälscht. Und eine gut dokumentierte Gegengeschichte, die diesen Skandal einmal untersucht und beschreibt, steht leider noch aus! Auch das Märchen von der Aufklärung ist falsch. Das schlagende Beispiel dafür ist der große Kant.
Schon Kant war, wie Swedenborg davon überzeugt, dass die materielle Welt nur Erscheinung, Schein ist, was inzwischen die Mikrophysik auch experimentell bestätigt. Schon für Kant waren sinnliche und "übersinnliche" Welt nicht getrennt, sondern die sichtbare Welt war nichts weiter als die Erscheinung der geistigen (oder der Geisterwelt), die unsichtbare Welt aber die wahre Ordnung der Dinge.
Kein Wunder, dass sich der "Vater der Aufklärung" nie vom "Geisterseher" befreien konnte und Hass-Liebe empfand! Doch die Einflüsse des "Sehers" sind auch auf die deutsche Klassik und Romantik unübersehbar, und sie werden von der Forschung unterschlagen.
Zur Zeit der Kant-Swedenborg-Kontroverse (1765/66) wurde das Weltbild der Aufklärung erarbeitet und Denken zugunsten einer im Praktischen abgesicherten Erfahrungswelt eingeschränkt. Doch Kant wendet sich schon anderthalb Jahrzehnte später, nämlich ab 1783 in den "Vorlesungen über Metaphysik", vor allem aber 1790 in den "Vorlesungen über die rationale Psychologie" dem verdrängten Übersinnlichen wieder zu. In dieser dritten Periode seines Lebens steht das "Ding an sich" im Mittelpunkt, dieses ominöse und berühmte "Ding an sich" ist theoretisch und den Sinnen unzugänglich, es ist aber nach Kant die unbezweifelbar der Erscheinung zugrunde liegende tiefere Wirklichkeit, die Sinne und Verstand bewegt, ihnen erst den "Stoff" liefert, damit überhaupt Welt entstehe! In dieser Zeit rehabilitiert Kant Swedenborg wieder, nennt ihn sogar "erhaben", übernimmt dessen Grundgedanken vom geistigen, ja "jenseitigen" Grund der Welt.
Kant war aber auch im Spätwerk niemals "Spiritist". Nicht der "Geisterkontakt" interessierte ihn, sondern die Kontinuität der menschlichen Seele, und damit die Gründe für eine moralische Handlungsweise, Gründe, die in der andern Welt zu suchen seien. Das Geheimnis des sittlichen Antriebs, der gegen die körperlich-tierische Natur und ihr Interesse gerichtet ist! Kants "Postulate" zur Vervollkommnung des "höchsten Gutes", der berühmte Kategorische Imperativ gehört dazu.
Kant definiert diesen geistigen Grund der Welt sogar schon im Basiswerk der Aufklärung, der "Kritik der reinen Vernunft", so: "Gott also, und ein künftiges Leben, sind zwei von der Verbindlichkeit, die uns reine Vernunft auferlegt, nach Prinzipien eben derselben Vernunft nicht zu trennende Voraussetzungen."
Noch strenger heißt es in den "Vorlesungen über Metaphysik": "Gott und die andere Welt ist das einzige Ziel aller unserer philosophischen Untersuchungen, und wenn die Begriffe von Gott und von der anderen Welt nicht mit der Moralität zusammenhingen, so wären sie zu nichts nütze."
Schon Moral also wäre eine übersinnliche, ja, "okkulte" Einwirkung vom Welt-Grund in unsere Erscheinungswelt. Dieses führt Kant in seinen späten "Vorlesungen zur rationalen Psychologie" (1790) aus, nämlich die Verbindung zum Übersinnlichen, das sogenannte "Commercium von Leib und Seele, den Wechsel der Anschauungsart durch den Tod und eine Geistergemeinschaft schon zu Lebzeiten." Dies 1790. Zur Zeit der Streitschrift 1766 geht Kant noch als junger Aufklärer davon aus, dass wir nur das wissen können, was uns unsere Sinne und der Verstand vorgeben, dass die Welt so ist, wie sie uns Auge und theoriegelenktes Denken vorgaukeln. Dies, obwohl er schon damals schwankte, gespalten war, den transzendentalen Gedanken in sich selbst bekämpfte. Kant wird heute missverstanden, für ein reduziertes rationalistisches Weltbild in Anspruch genommen. Dabei ist dieses einschränkende Denken nur die Antwort auf die erste der drei Fragen, die Kant stellt, und die seinen drei Hauptwerken entspricht: Was können wir wissen - in der "Kritik der reinen Vernunft" (1781), was sollen wir tun, in der "Kritik der praktischen Vernunft" (1787), und was dürfen wir hoffen, in der "Kritik der Urteilskraft" (1790).
In der ersten Kritik, ist das Fazit ein Skandal, dass wir mit Sinnen und Verstand nur das wissen können, was wir nach den Bedingungen, in denen wir gefangen sind, selbst hineingelegt haben, also über die Dinge, wie sie an sich sind, nichts wissen können. Dazu kommt die Unmöglichkeit, mit unseren rationalen Mitteln, etwas über Gott, Freiheit und Unsterblichkeit zu erfahren. Doch gebe es, so Kant, noch Vernunft und Urteilskraft, sie seien der Weg, aus dem Gefängnis zu entkommen: Mit Intuition, Gefühl, vor allem mit dem Gewissen. Sie führen uns zu höheren Realitäten, an die weder Theorie noch Wissenschaft heranreichen können. Sie sind erst im Handeln zu erfahren, im Bereich der Entscheidung. Erst sie geben uns Würde und Selbstbewusstsein, Selbstgewissheit und Verantwortung, die einer anderen Welt angehören. Gesellschaftliche Rücksichten dürfen sie nicht einschränken! Nach Herder, Kants Schüler, galt für Kant keine Kabale, keine Sekte, kein Vorteil, nur die Vernunft. Vernunft, nicht zu verwechseln mit dem "Verstand", - sie allein ist Garant der Freiheit, steht vor jeder Erfahrung. Schon der Verstand ist "übersinnlich", die Vernunft aber hat ihre eigene Ursache. "Für die Freiheit“, so Kant, "ist das Bewusstwerden des Übersinnlichen", fundamental, und mit dem "bestimmten Denken des Übersinnlichen" sind die Postulate der praktischen Vernunft gemeint: die Postulate der Unsterblichkeit und eines Gottes zum Zwecke der Vervollkommnung des "höchsten Gutes" als Gegenstand des Moralgesetzes; das "Übersinnliche" also ist im Menschen fundamental, es gibt uns und der Natur die höheren Gesetze aus einer allumfassenden Ur-Sache und allgemeinen Zweckmäßigkeit; Die Vernunft aber ist höchste Autonomie. Autonomie, diese Grundforderung der Aufklärung, entspringt weder der Politik, der Wissenschaft, noch gar der Wirtschaft, sondern dem eigenen Gewissen, und dem Wissen, dass wir Bürger zweier Welten sind! Genau dies meint auch die berühmte Antwort Kants, was Aufklärung sei: " ... Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit..."
Unmündigkeit aber ist Unfähigkeit, sich seiner eigenen Vernunft zu bedienen. Dazu gehören Einsicht und Mut. Abhängigkeiten, Vorurteile, als eigenen Fehler zu erkennen, nämlich, nicht Widerstand zu leisten gegen das übliche Denken, das dem gerade herrschenden Gesellschaftssystem dient, Angst davor zu haben, dem eigenen Gewissen entsprechend zu erkennen und zu handeln. Von nichts und niemandem abhängig zu sein, auch vom Körper nicht, von der Uhrzeit nicht, war Kants Devise. Er überlistete etwa die Tyrannei der Uhr-Zeit durch extreme Pünktlichkeit, und die Königsberger stellten ihre Uhren nach der immer gleichen Uhrzeit seines Spaziergangs ein. Jede freie Selbstbestimmung gab Kant ein Glücksgefühl ein, denn er war alles andere als ein angepasster Spießer. Herder schreibt über ihn: "Seine offene, zum Denken gebaute Stirn war ein Sitz unzerstörbarer Heiterkeit und Freude; die gedankenreichste Rede floss von seinen Lippen; Scherz und Witz und Laune standen ihm zu Gebot ..."
Kant bestimmte die feste Ordnung seines alltäglichen Lebenskreises bis ins Kleinste, um für seine geistige Arbeit frei zu sein, eben weil sein Körper und seine Psyche äußerst sensibel und irritierbar waren. Feste Gewohnheiten garantierten eine Art inneres Schutzgehäuse. Manches freilich wirkte, besonders im Alter des Junggesellen Kant, schrullenhaft. In der Jugend hatte seine Angst, sich selbst und die Ruhe für seine Arbeit und seinen Professoren-Beruf zu verlieren, mit zur Aggressivität gegen den Hellseher Swedenborg beigetragen, der behauptete, mit Toten reden zu können. Doch auch den eigenen schwächlichen Körper, der ihn bedingte und bestimmte, fürchtete Kant. So hatte er eine höchst drastische Ausdrucksweise, wenn er über seine Physis sprach:
"Dieser gänzliche Mangel an Hintern... Und wenn er keinen Hintern hat, wie mag der Edle sitzen? Gar denken? " Nur, weil sein Sessel sehr hoch und sehr konvex gepolstert war ... Haarbeutel verrutscht, die Schulter ganz schief... Er habe eine zarte Constitution. Und der kleine Leib werfe einen geringen Schatten nach außen. Und er wundere sich jeden Morgen vor dem Spiegel über diesen muskelarmen Corpus. Da sei die flache Brust, die Beschwerden daher, diese Brust fast eingebogen, und stehe vorgeneigt. Und das rechte Schultergelenk sei hinterwärts etwas verrenkt.
Das Gefängnis des Körpers also, und das der gegebenen Zeit. "Zeit" stand auch philosophisch im Zentrum seines Denkens. Paradox, dass schon im Alltag sogar Objekte, die doch nebeneinander stehen, verzeitlicht werden, in einer Abfolge erscheinen. Und dem Gespenstischen, Irrealen der Erscheinung, ja, der eigenen Körperexistenz, zwingt Kant ein Diktat des Geistes, des Plans, der Selbstbeherrschung auf. Der Zerstreuung des Bewusstseins setzt er sogar in der Zeit selbst etwas Unwandelbares entgegen: nämlich das außerhalb der Zeit, des Körpers und jeder Erfahrung gegebene "moralische Gesetz". Dieses könne jeder unmittelbar in sich selbst empfinden, so Kant: Nur jener Mensch ist frei und unabhängig, auch von Zeit und Körper, der sich nicht seiner physischen Existenz, Schwächen, Trieben und egoistischen Interessen überlässt, sondern dem Gesetz seiner Vernunft, dem Gewissen, das einer anderen Welt angehört, folgt. Der Sklaverei unserer Sinne, der engen Ratio, der Vorurteile, sowie sozialer Hörigkeit entgehen wir erst, wenn wir diesem Ruf folgen. Dazu gehört ein starker, aber auch ein "guter Wille" zur Selbstüberwindung. Und sein "reales Objekt" ist der "unendliche Progressus".
Kant aber war kein Asket und Weltverächter. Im Gegenteil. Er mochte Gesellschaft, war witzig und tolerant, mochte die Natur; das einzige Bild, das in seinem Arbeitszimmer hing, war ein Porträt von Rousseau, den er verehrte, einer seiner Freunde war der Förster Wobster von Moditten, bei dem er oft im Forsthaus zu Gast war. Kant hatte eine gute Beziehung auch zu Frauen, und sie mochten ihn, er konnte mit ihnen angenehm und gut informiert auch über Kochkunst plaudern, hatte sogar vor, ein Kochbuch zu schreiben. Wie ist das möglich? Die Seele ist, laut Kant, unbeschrieben, sie braucht den Körper, die Welt, um sich zu entwickeln. Freilich: Da wir uns über den Tod hinaus weiterentwickeln, also das, was wir hier getan und erworben haben, "mitnehmen", so Kant, sollten wir uns nicht nur auf die 8o Jahre hier auf der Erde einstellen, unser Leben also nicht um die Ewigkeit verkürzen, denn als Körperwesen wird der Mensch schließlich vernichtet, als Vernunftwesen, das allerdings vom Leben geformt wird, ist jeder dem Tode entzogen. Freiheit hat nur Sinn, wenn es diesen "Fortschritt" gibt, der zum "höchsten Gut" gehört! Wir sehen, Freiheit und Fortschrittsbegriff der Aufklärung wurden völlig verkehrt verwendet. Bei Kant hieß es noch: "Dieser unendliche Progressus ist aber nur unter Voraussetzung einer ins Unendliche fortdauernden Existenz und Persönlichkeit desselben vernünftigen Wesens (welche man die Unsterblichkeit der Seele nennt) möglich. Also ist das höchste Gut praktisch nur unter der Voraussetzung der Unsterblichkeit der Seele möglich; mithin diese, als unzertrennlich mit dem moralischen Gesetz verbunden."
Kant ging zwar von den Sinnen und dem Verstand aus. Doch diese und den Leib sah er nur als vergängliches Instrument an. Und er musste mit diesem schwächlichen Körper haushalten, um sein Riesenwerk zu vollenden. Bis zur Pedanterie und Selbstdisziplin kasteit er den Körper. Zum Frühstück nur zwei Tassen Tee und eine Pfeife Tabak, das Abendbrot lässt er ausfallen; Kaffee, den er sehr mochte, dessen Geruch ihn reizte, vermied er gänzlich. Und nicht mehr als zwei Pillen pro Tag, auch wenn er krank war, verschrieb er sich, dazu seltsame Gesundheitsregeln. Der Wohnraum seines eigenen großen Hauses im Schlossgraben, das er wie ein Gast bewohnte, und die Dinge wie geliehen in dieser flüchtigen, täuschenden Existenz auf Zeit, galt ihm Besitz nichts, alles war äußerst karg, aber zweckmäßig: Im Esszimmer nur ein Spiegel, im Studierzimmer, Schreibtisch, Kommode zwei Tische mit Büchern und Schriften, die Wände weiß, keine Tapeten. Überall störten Körper, der Raum, die Uhr-Zeit deuteten auf die niederste Stufe der Existenz hin, die sich am schlimmsten als täuschend vergehende Zeit äußerte. Dagegen setzte Kant äußere peinliche Ordnung, er wirkt daher wie ein Sonderling: Schere oder Federmesser durften auf dem Schreibtisch nicht verschoben sein, sonst geriet er in Unruhe und Verzweiflung, auch wenn der Stuhl nicht an gewohnter Stelle im Zimmer stand. Mit Regeln und selbst auferlegten Tageseinteilungen versuchte er, Zeit und Raum zu beherrschen. So stand er morgens um fünf Uhr auf. Bis sieben arbeitete er und dachte seinen Vortrag durch; von sieben bis neun hielt er Vorlesungen als Professor, von neun bis Viertel vor ein Uhr widmete er sich der kreativen Arbeit im Studierzimmer, ein Uhr empfing er seine Tischgäste, bis vier Uhr war Mittagstafel, wenn er große Gesellschaft hatte bis sechs Uhr. Punkt sieben Uhr ging er etwa eine Stunde spazieren. Dann noch Lektüre von Zeitschriften, neuen Büchern oder der Zeitung, pünktlich um 10 Uhr ging er schlafen.
Alles war fast zeremoniell geregelt. Denn die Zeit als Phänomen hatte für Kant etwas Beunruhigendes, Gespenstisches, da er seinen Geist von einem anderen Reich her, aber als Gefangener, bestimmt sah. Er sah sich fremd hinter einer Wand der Sinne steht, und der Art, wie er und alle Menschen gezwungenermaßen sehen müssen, ausgesetzt. Er war einerseits ein Kind seiner Zeit, so dass er an die "Kontinuität", also auch an den Zwang der Uhrzeit glaubte, andererseits aber gab es für ihn viel Wichtigeres, so: "die Bestimmung seines Daseins nur in der Form des inneren Sinnes": "Das Bewusstsein seiner selbst und die Identität der Person beruht auf dem innern Sinn. Der innere Sinn aber bleibt doch auch noch ohne den Körper, weil der Körper kein Princip des Lebens ist, also auch die Persönlichkeit."
Fremd, weil der Mensch nach Kant eine Art Ebenbild des "höchsten Gutes", des "Einen" sei. Dieser "innere Sinn" aber gehe über die Alltagswelt der Sinne weit hinaus, da schon wegen des Voranrückens von Zeit in den Außeneindrücken eine Erfahrung überhaupt nur möglich sei, wenn "Zusammenhang" oder "Einheit" unseres Bewusstseins als "Gewusste" und zugleich Wissende, also Verstehen da ist. "Einheit der Apperzeption (oder des Bewusstseins)." "Einheit der Synthesis in der Mannigfaltigkeit" nannte Kant diesen Kernpunkt seiner Philosophie. Wir sind sozusagen "Gewusste" und zugleich Wissende. Diese "Selbstunterscheidung" ist nach Kant aber "schlechterdings unmöglich zu erklären, obwohl ... ein unbezweifelbares Faktum ... (sie) zeigt ... ein über alle Sinnenanschauung ... weit erhabenes Vermögen an ... den Grund der Möglichkeit eines Verstandes." Das Zauberwort dieses Vermögens heißt "synthetische Urteile" oder die berühmte "Einheit der Synthesis in der Mannigfaltigkeit", was am besten die Mathematik, die Zahl leiste, aber auch ein Begriff. Nun ist die Zahl das Substrat oder Subjekt der nicht wahrnehmbaren Zeit, die zur Unendlichkeit gehört, also zu einer undurchschaubaren Einheit eben jenes Einen und höchsten Gutes, dessen Spiegel auch der Mensch ist. Es geht eigentlich nur um die erwähnte Teil-Habe am "Einen", um das Gottesebenbildliche in uns, das jedoch nicht zum Zuge kommen kann, weil wir uns selbst fremd sind, genau wie die Dinge uns fremd bleiben, als in den Körper Gefallene unbekannt bleiben müssen, solange wir nur getrennte Körper sehen, eine Art Sündenfall, weil wir im Körper und unseren Sinnen gefangen sind. Carl Friedrich von Weizsäcker hat das sehr schön am Beispiel der heutigen Theorie der Physik, der Quantentheorie gedeutet, die von Kants Denken gelernt hat: Die von uns sinnlich wahrgenommene Vielheit der Dinge - so Carl Friedrich von Weizsäcker - sei "letztlich nicht wahr." Isolierte Objekte bedeuten nur "mangelnde Kenntnis der Kohärenz ...der Wirklichkeit. Wenn es überhaupt eine letzte Wirklichkeit gibt, so ist sie Einheit. Vom Standpunkt dieser Einheit aus gesehen ... sind die Objekte nur Objekte für endliche Subjekte (d.h. für Subjekte, denen gewisses mögliches Wissen fehlt)... (d.h. sie sind individuelle Seelen unter den Bedingungen der Körperlichkeit)."
Kant Situation als vorausschauender Geist im 18. Jahrhundert ist tragisch: Er ist 200 Jahre zu früh gekommen. Seine Intuitionen im höheren Bereich der Vernunft und der Einheit der Zeit sind genial, im Bereich des Verstandes aber eingeengt, abhängig vom Wissensstand seiner Zeit, ihrer mechanischen Raum und Zeitvorstellungen. Wie außerordentlich wichtig aber dieser "innere Sinn" der Einheit ist, und auch als Subjekt und Substrat der Zeit gilt, die das Ich aus der Ewigkeit erzeugt, körperliches Dasein erst ermöglicht, zeigt die Rückübersetzung dieses Sinnes in den späten Vorlesungen Kants über "Rationale Psychologie" ins Zeitlose, nämlich als Garant des "persönlichen Überlebens des Todes": "Das Bewußtseyn seiner selbst und die Identität der Person beruht auf dem inneren Sinn. Der innere Sinn bleibt doch auch noch ohne den Körper ... also auch die Persönlichkeit."
Doch dieser "innere Sinn" und sein Wechselspiel mit der "reinen Vernunft" spiegelt schon das, was nach dem Tode geschieht: Geist, der nach dem Moralgesetz in unsere Handlungen unmittelbar hineinwirken kann via Gewissen, dieses aber geht dem "inneren Sinn" voraus, der die Zeit und die Gegenstände im Leben erzeugt. Es scheint bei Kant so, als wäre Leben ein Widerschein der andern Welt, und Selbstverwirklichung erst möglich, nachdem wir im Tode zu ihr, also zu uns gekommen sind. So heißt es bei ihm: " ... der Tod (ist) nicht die absolute Aufhebung des Lebens, sondern eine Befreiung der Hindernisse vollständigen Lebens." Bei Swedenborg und bei Kant wird etwas Unheimliches angenommen: dass das "Jenseits" immer da und greifbar da ist, nur eine dünne Wand trennt uns von ihm und den "Toten", die bei Erleuchtungen, manchmal in Träumen durchbrochen wird, im Tod aber endlich wegfällt.
"Die Trennung der Seele vom Körper", heißt es bei Kant, "ist nicht in eine Veränderung des Ortes zu setzen, (es ist die) Veränderung der sinnlichen Anschauung in die geistige (...) und das ist die andere Welt..." Mit den Sinnen und unseren irdischen Gewohnheiten aber ist jene andere Welt unvorstellbar, denn die "Vorstellungen von der Geisterwelt" mögen noch so "klar und anschauend sein, wie man will, so ist dieses doch nicht hinlänglich, um mich deren als Mensch bewusst zu werden (...) Er ist frei, wenn dann endlich durch den Tod die Gemeinschaft der Seele mit der Körperwelt aufgehoben worden ..." Die nackte Wahrheit wird erst jenseits der Sinne erkennbar, und schon in der "Kritik der reinen Vernunft" heißt es: " (Im Tod) ... wird vielmehr klar gezeigt: dass wenn ich das denkende Subjekt wegnehme, die ganze Körperwelt wegfallen muß (...) die Erscheinung in der Sinnlichkeit (...) und eine Art Vorstellung desselben." Und später in den Vorlesungen heißt es sogar: "Wir sind uns itzt durch die Vernunft schon als in einem intelligiblen Reiche befindlich bewusst; nach dem Tode werden wir das anschauen und erkennen und dann sind wir in einer ganz anderen Welt, die aber nur der Form nach verändert ist, wo wir nemlich die Dinge erkennen, wie sie an sich selbst sind."
"Der Gedanke des Swedenborg ist hierin sehr erhaben (...) Er sagt: Alle geistigen Naturen stehen mit einander in Verbindung (...)"
Kant und Swedenborg waren sich in ihrer Grundhaltung nahe. Auch Swedenborg hat sich Gedanken gemacht über die Schwierigkeiten, seine übersinnlichen Erfahrungen in Worte zu kleiden. So sagt er, dass die Geisterwelt, nicht "anders reden" könnte, "als der Mensch es fasst, nemlich nach dem Schein und Betrug der Sinne." Und auch die Sprache "der Engel" wird als eine Art himmlische Wärme und Nähe "gefühlt", die der Mensch zwar auch in sich habe, sie aber in seine Wortsprache nicht übersetzen könne. Sogar die Geister benützten, um von uns gehört zu werden: Gedanken und Worte des Menschen ... "In Wirklichkeit redeten nicht sie, sondern ich..." Zu Swedenborg schrieb schon der junge Kant in den "Träumen" zustimmend, und der alte Kant wiederholt dass es "... so gut als demonstriert, und ich weiß nicht wo oder wann, noch bewiesen werden (wird), dass die menschliche Seele auch in diesem Leben in einer unauflöslichen Gemeinschaft mit allen immateriellen Naturen der Geisterwelt stehe, dass sie wechselweise in diese wirke und von ihnen Eindrücke empfange, deren sie sich aber als Mensch nicht bewusst ist, solange alles wohl steht.(...) und daher, was ich als Geist denke, von mir als Mensch nicht erinnert wird, und umgekehrt (...)" Der Tod aber ist bei Kant immer Übergang, Steigerung, Hoffnung, es gibt kein Grauen, keine Skelette, Leichen, sondern Licht, Wachstum, Fortsetzung geistiger Entwicklung. Und die Erde ist pädagogische Provinz, Erfahrungsbereicherung, die nach dem Tode "hinüber" genommen wird.
Aus einer unerträglichen Kluft zwischen dem so kurzen Leben und unseren unendlich reichen Anlagen, die in dieser Lebenskürze nicht entfaltet werden können, schließt Kant sogar mit apodiktischer "Gewissheit" auf eine seelische Tätigkeit nach dem Tode: "Also lässt sich von der Seele vermuthen, dass sie für eine künftige Welt aufbehalten sein muss, wo sie alle diese Kräfte anwenden und gebrauchen kann." Für Kant ist die Seele durch die Geburt (wie schon für Platon) in einem Kerker gefangen, der sie an ihrem geistigen Leben hindert: "Der Tod ist also eine Beförderung des Lebens, und ihr künftiges Leben wird erst ihr wahres Leben sein."
Kant rieb sich an Swedenborg, um die kritische Philosophie der Aufklärung zu begründen und kurz danach auch zu überwinden! Woran müsste sich Denken heute reiben, um zu seinen Gründen zu kommen? Es wären nicht nur die Atom- und Quantenphysik, die, wie Heidegger, später Weizsäcker formulierten, nicht in der Lage sind, sich selbst zu denken, und es wäre die Parapsychologie, dann die "Transkommunikation" mit Tausenden von "Stimmen" und Nachrichten aus der anderen Welt. Die Grenze zwischen Leben und Tod ist heute offener denn je, was zu einer Mutation der Menschheit beitragen könnte. Kant ist aktueller denn je, doch eine Aufklärung in seinem Sinne steht noch aus.
"Also lässt sich von der Seele vermuthen, dass sie für eine künftige Welt aufbehalten sein muss, wo sie alle diese Kräfte anwenden und gebrauchen kann."
Kant glaubt ja an das "Commercium von Leib und Seele, den Wechsel der Anschauungsart durch den Tod und eine Geistergemeinschaft schon zu Lebzeiten" wobei er sich ausdrücklich auf Swedenborg bezieht.
LITERATUR
Immanuel Kant. Sein Leben in Darstellungen von Zeitgenossen. Die Biographien von L.W.Borowski, R.B. Jachmann und A.Ch.Wasianski. Hrsg. von Felix Groß. Berlin 1912.
Immanuel Kant: Träume eines Geistersehers erläutert durch Träume der Metaphysik. Textkritisch herausgegeben und mit Beilagen versehen von Rudolf Malter, Stuttgart 1976.
Immanuel Kant. Werke in 6 Bänden. Hrsg. von Wilhelm Weischedel, Frankfurt/Main 1956 – 1964.
(1783), Vorlesungen über rationale Psychologie, in: Immanuel Kant: Vorlesungen über Metaphysik, AA (Ausgabe der preußischen Akademie der Wissenschaften) XXIX, 1. Hälfte, 2.Teil, Berlin 1983.
(1790), Vorlesungen über rationale Psychologie, in: Immanuel Kant: Vorlesungen über Metaphysik (1790), nach Pölitz, AA XXVIII, 5. Band, 1. Hälfte, Berlin 1968.
Wilhelm Lütgerts: Die Religion des deutschen Idealismus und ihr Ende, 1923.
Carl du Prels (Hrsg.): Immanuel Kants Vorlesungen zur Psychologie, 1964.
Emanuel Swedenborg: Himmel und Hölle nach Gehörtem und Gesehenem. Aus dem Lateinischen von Friedemann Horn, Zürich 1977.
(1748), Arcana coelestia, Tom. 1-8, Deutsch: Himmlische Geheimnisse im Worte Gottes, 16 Bände, Swedenborg-Verlag, Zürich.
Ernst Benz: Vision und Offenbarung, Ebda, Zürich 1979.
Emanuel Swedenborg. Begleitbuch zu einer Ausstellung und Vortragsreihe in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. Bearbeitet von Horst Bergmann und Eberhard Zwink, Stuttgart 1988.
Gottlieb Florschütz: Swedenborgs verborgene Wirkung auf Kant. Swedenborg und die okkulten Phänomene aus der Sicht von Kant und Schopenhauer, Würzburg 1992.
Wilhelm Weischedel: Die philosophische Hintertreppe, München 1975.
Uwe Schultz: Kant, Reinbek 1965.
Donnerstag, 11. Februar 2010
Zwischen Himmel und Erde. Gibt es ein Leben nach dem Tod
Liebe Freunde, liebe Leser, gehen Sie auch mit der Frage um, ob es ein Leben nach dem Tode geben kann? Ich habe mich ein Leben lang damit beschäftigt, und die vielen (generationsbedingten) Todesfälle unter Freunden, Bekannten, auch der Tod meiner Mutter, als Ufassbarkeit erlebt, die vielen Epitaphe für jeden und die Unvorstellbarkeit dieses Abschieds, Epitaphe, die ich geschrieben habe, zeugen dafür und lassen die Frage akuter und brennender werden; dieses auch im altneuen Sinn einer notwendigen Vorbereitung darauf. Denn die alten Weisheiten haben recht, ein richtig gelebtes und erfülltes Leben ergibt auch einen eigenen und erfüllten Tod.
Inzwischen aber gibt es auch viele Indizien der Wissenschaft, dass nach dem körperlichen Tod nicht alles "aus" ist!
Mein neues Buch "Zwischen Himmel und Erde. Gibt es ein Leben nach dem Tod?" ist nun nach seiner Veröffentlichung als e-book, nun auch als Buch (beim Bod Verlag) greifbar und kann in jeder Buchhandlung bestellt werden. vorerst bei buch.de. Doch ab dem 17. Februar ist es auch bei www.Amazon.de online bestellbar.
Auch hier bei bücher.de ist es abrufbar: http://www.buecher.de/shop/buecher/zwischen-himmel-und-erde/schlesak-dieter/products_products/detail/prod_id/28141580/lfa/quicksearch-product-10/
Hier als LESEPROBE Inhaltsverzeichnis und Einleitung:
Dieter Schlesak
ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE
Gibt es ein Leben nach dem Tod?
Es gibt mehr Ding´ im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt…
There are more things in heaven and earth … than are dreamt of in your philosophie.
Shakespeare, Hamlet, 1. Akt, 5. Szene
INHALT
Einleitung Die ernsteste Frage der Welt……………………
ERSTER TEIL. Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt.
Gibt es ein Leben nach dem Tod? Der Philosoph Immanuel Kant und der Hellseher Emanuel Swedenborg ………………………
Talkshow mit Tabuthemen und Totenstimmen ……………
Das Unheimliche als das Heimische. Unglaubliches geschieht. Zur Geschichte und Erforschung des Übersinnlichen …………
Gott, der Solipsist. Leben, mein göttlicher Traum?
Liebe ist Leben für immer. Über die unheimliche Kommunikation zwischen Diesseits und Jenseits in der Literatur und Parapsychologie ...........................................
Lichtgeschwinde Geräte an der Grenze zwischen Leben und Tod. Hoffnung auf die große Metamorphose der Erde. Eine Notwende? Sind die Totenstimmen, dieser Durchbruch durch die Wand der Dimensionen, nur geträumt. Doch ist die Welt nicht mein göttlicher Traum? .............................................................
ZWEITER TEIL. Nachtgedanken
So verschieden kann der Tod in uns sein …………………….
Nahtoderlebnisse II. Reisen ……………………………………
Seelenflug, ein Märchen oder eine Ahnung von Heimkehr: „Out of the body experiences“ (OBE). Der Doppelgänger. Das Tabu der Letzten Wirklichkeit. Mut zur Letzten Wirklichkeit und zum Selbst-Sein. Verdrängungen, Literatur- und Gesellschaftslügen…………………
Normal und unnormal
Psychiatrie, die Seelenpolizei. Ein Blick in die Heilanstalten
Vergottung des Phantoms Körper. Zurück zu „Neodarwinismus“, „Erbbiologie“ und Lobotomie? Anstatt der Engel die Botenstoffe? Die Hirnforschung als Ideologie des „Neuen Zeitalters“............
Nahtoderlebnisse III …………………………………………
Chronokratie, unsere Zeitkrankheit ………………………
DRITTER TEIL. Kontakt mit der andern Seite der Welt?
Weine nicht mehr, hoffe nur. Eine Wand des Schreckens fällt
Was ist das, die Instrumentelle Transkommunikation? …………
Vom Glück des Nicht-Seins. ………………………
Das „Tibetanische Totenbuch“ und das helle Licht. Phasen des vorweggenommenen Todesprozesses. Kann man die große Reise üben und Sterben lernen? ……………………
Die Zweite Aufklärung. Boykott der Geschichte und der bisherigen Erkenntnis. In welcher Zukunft leben wir? …………
Der Autor ……………………………………………
EINLEITUNG.
Die ernsteste Frage der Welt. Und warum stellen wir sie heute anders als noch vor zwei Jahren
Warum sind diese Fragen, zwar nie veraltet, aber besonders heute wieder ganz aktuell geworden. Und die Frage: Warum soll ich solch ein Buch wie dieses heute lesen? lässt sich leichter beantworten als noch vor einem Jahr.
Mein Sohn fragte mich: Vater, wie sollen wir jetzt weiterleben, alle Utopien, auch die des Geldes sind ja gefallen! Ich hab keine Orientierung mehr, woran kann man sich noch halten? Sogar meine Gegner und Feinde haben verloren!
Ich weiß es seit lange, antwortete ich, doch ich habe es immer wieder vergessen. Es klingt kompliziert, doch es ist ganz einfach: Das, was alle meinen, gering schätzen oder vergessen zu können, ist das Wichtigste. Es drückt sich in der Kunst und in der Religion aus Vom All-Einen, dem SEIN, wir gehören dazu: wir SIND DA, und das ist ein Wunder! Das ist gar nicht selbstverständlich und davon nämlich müssen wir ausgehen: Denn es ist das Rätsel, das uns leben lässt, alles bestimmt. Das in Anderer Sprache als in der des Alltags sich äußert; die Alltagssprache ist Seiendes, Daseinsdummheit; die Kunst, die Musik, die Poesie und die LIEBE allein berühren den Grund jenes „Seins“, das uns sein lässt, uns denkt, uns möglich macht. Und wehe, du mischt dich falsch und nur mit dem Verstand, gar der „Wissenschaft“ und der Technik und mit ihren Analysen da ein, lässt es und deine innere Stimme nicht zu, und mischt dich ein mit Begriffen in einen Bereich, wo Begriffe nichts zu suchen haben! Du störst und zerstörst, genau wie im Fluss eines Gedichtes, das sich auch selbst schreibt, wenn die Sprache es will und es auch tut, wir sind nur das klingende Instrument. Das Desaster dieser Welt war und ist die Folge solcher andauernden Einmischung! Alles, was IST, wird von dieser obersten Macht des “Seins“ bewegt und gestaltet. Die Menschheit aber hält sich für gescheiter, lebt und arbeitet gegen dieses Gesetz an, Tag für Tag, jeder Einzelne und alle zusammen!
„Wissenschaft“ ist durch Heisenberg und Planck auch nahe an dieses Urmuster des Seins oder des EINEN herangekommen; und so besteht die Hoffnung, dass auf diesem Umweg auch der „Alltag“, die Seinsdummheit, die Wand, die uns vom Grund trennt, verändert wird. Dass es dieses Neue gibt, dass es auf uns wartet, weil wir es sind und schon in uns tragen, „ebenbildlich“, auf das die Menschheit fast durch alle ihre Katastrophen zuhält, zusteuert.
Moral hilft nicht weiter, es ist etwas Größeres, Umfassenderes, was beachtet werden, ins Zentrum gestellt werden muss! Tod und Sterben sind die Erkenntnisquelle, und sie sind es in allen Zeiten in der „ars moriendi“ immer gewesen. So hat kürzlich Ulla Unseld-Berkéwicz in ihrem Todes-Erlebnis und Grenz-Buch „Überlebnis“ (2008), ihre Erfahrungen beim Tode ihres Mannes beschrieben, und in einem Interview mit der FAZ nochmals zur Sprache gebracht : Und sie hat ihre Erfahrungen und Sprachlosigkeiten auch reflektiert, darüber nachgedacht, was wir vom Tode und vom „Überlebnis“ wissen können, und auch die Erkenntnisse der Naturwissenschaft an dieser Grenze mit einbezogen. So diese erstaunliche Möglichkeitsbegründung des Überlebens: „Und da habe ich bei den Physikern was Interessantes gefunden: Elektronen zum Beispiel sind unzerstörbar und existieren von Anbeginn. Wolfgang Pauli fand in den zwanziger Jahren heraus, dass diese winzigen Teile Wissensspeicherchen haben, die wissen, ob sie einander schon mal begegnet sind. Und das lässt dann zum Beispiel den Schluss zu, dass die Elektronen eines Körpers nach dessen Auflösung wieder zusammenfinden könnten durch irgendein Signal vielleicht (…) Auferstehung heißt, das Muster dessen, was da tot liegt und vergangen in der Materie, wiederherzustellen und es in seine Schwingung zu versetzen. Auch die großen Kybernetiker Norbert Wiener und John von Neumann gingen seinerzeit von der Annahme aus, dass alle Lebewesen Muster seien, übertragbare Botschaften, die sich für immer selbst erhielten.“
Carl Friedrich von Weizsäcker ist dafür der beste Wegweiser und Erbe dieser sich anbahnenden Traditionsernte, der in einem Aufsatz über den Tod schrieb: "Aber das Sittliche ohne das Heilige ist nicht lebensfähig; es ist die Forderung ohne ihre Ermöglichung. Die selbst verzehrende Anstrengung der bloßen Moral kann kaum umhin, wenn sie wahrhaftig bleibt, böse oder verzweifelt zu werden."
Diese neue Ratlosigkeit schafft einen leeren Ort, wo alles neu beginnen könnte! Sie könnte eine Veränderung des modernen Zeitbewusstseins überhaupt anzeigen. Dass sich nämlich die „Struktur des Zeitgeistes und der Aggregatzustand der Politik“ radikal verändern, dass wie vor 200 Jahren „die Paradieseshoffnungen mit der Verzeitlichung der Utopien ins Diesseits eingewandert sind“, so würden heute „die utopischen Erwartungen ihren säkularen Charakter verlieren“ und möglicherweise wieder transzendenten, grenzüberschreitenden Charakter annehmen, dies schrieb ein Nachfolger der linken „Frankfurter Schule“ Adornos und Horkheimers Jürgen Habermas noch kurz nach dem millenaren Zeitbruch von 1989.vermutet.
Wird hier ein Irrlauf wieder gut gemacht, dieses ruinöse postneoliberale Projekt wenigstens im Denken zurückgenommen? Inzwischen hat es sich sogar ökonomisch zurückgenommen, ist eindeutig gescheitert! Aber mit welchen Kräften, die nicht nur vom Menschen gemacht sind, die er aber provoziert hat, müssen wir rechnen? Es sind die alten Kräfte, de vergessen wurden, von denen man meinte, man könne sie einfach nur belachen und ausklammern! Es geht u eine neue Haltung heute zum Problem Leben und Tod, um ein Verschieben der Grenze zwischen ihnen! Und was stellt diese Verschiebung in Frage? Unser angemaßtes Wissen, als wüssten wir „alles“ schon, und darauf ist die moderne Zivilisation gegründet, auf eine Lüge also!
Friederike Mayröcker, die über achtzigjährige österreichische Lyrikerin, sagte in einem Interview, der tote Ernst Jandl, ihr Lebensgefährte, habe ihr beim Schreiben geholfen, so, als wäre er noch da, aber wo denn sonst sollte er sein, nur in ihrem Innern? Jedenfalls habe er ihr schreiben geholfen, er war ja selbst Lyriker. Doch dann zweifelte Friederike Mayröcker wieder, und befragte ein Medium. Das Medium habe mitgeteilt, Jandl sei gut aufgehoben! Dann aber habe Jandl angeblich „Friederike“ zu ihr gesagt. „Er hat aber nie Friederike zu mir gesagt… Die Wahrheit ist, er ist weg, ganz weg (…) Ich hasse den Tod. Ich weiß, dass ich knapp vor diesem Tor stehe. Mit achtzig muss man immer damit rechnen. Das ist eine furchtbare Vorstellung. Ich kann es mit nichts vergleichen, eine strangulierende Vorstellung. Bald wird man nicht alles erfahren können, was man noch gerne erfahren möchte. Wohin kommt das alles, was man gedacht hat? Was man empfunden und gemacht hat?“
Und die Welt gehe weiter, auch ohne uns, sagt Friederike Mayröcker: „Das ist eine Unbegreiflichkeit“. „Es ist einfach aus.“
Stimmt das? Frage ich mich. Ich frage es mich schon seit sehr langer Zeit, eigentlich seit ich mir meiner selbst bewusst bin. Aber seit das Alter droht, nimmt die Zeit rasant ab.
Und Ulla Unseld-Berkéwicz, die lebendig erlebten Schmerz-und Todesgedanken beim Todes ihres Mannes, ganz eingenommen ist (»Die Liebe ist des Menschen Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Um Unsterblichkeit zu erleben, müssen Liebe und Tod erlitten sein.«). Sie weiß, dass wir über den Tod nicht reden können, dass wir ihn erfahren müssen: „ ... es geht darum, dass am Ende das Staunen steht genauso wie am Anfang, dass der Todesmoment alle Vorstellung übertrifft und dass bei uns, die wir das miterleben, überleben, ein großes Staunen einsetzt, das nie wieder aussetzt. Es geht darum, dass wir anders leben müssen, um zu verstehen, was der Tod ist, was mit den Toten geschieht. Religion und Naturwissenschaft geben uns die Hinweise.“
Und dass nur hier auch der Beginn von Kultur sein kann: „Ohne Metaphysik gibt es keine Kultur. Und die Kultur ist da am stärksten, wo es um die Idee der Unsterblichkeit der Seele geht.“
Man sehe und staune, dieses ist auch die Grundidee des späten Immanuel Kant.
Zeit? Sichtbarkeit? Darf uns diese schrecken? Was ist sie überhaupt, gibt es sie? Die heute mögliche Antwort ist: Nein. Oder besser: Ohne uns gäbe es sie gar nicht. Eine frappierende Einsicht sagt uns doch: Die Lichtwelt entsteht dadurch, dass Photonen, Lichtteilchen, die keine Materie sind, sondern reine Information, also eigentlich reiner Geist, auf „Dinge“ treffen, die erst in unserem Auge „sichtbar“ werden; also ohne uns bliebe alles reine Finsternis. Nur weil Lichtteilchen auf anderes, in sich rasend schnell kreisendes, aber „gefrorenes“ Licht, das wir „Materie“ nennen, trifft, absorbiert, von uns aufgenommen und so gedeutet wird, gibt es überhaupt Helligkeit. Die sichtbare, feste Welt ist also Geist, die nicht als Geist erscheint, wir inmitten zugehörig zu dem Unsichtbaren also, die alles „sichtbar“ machen? Warum sollten wir uns also dann fürchten?
Der Alltagsverstand jedenfalls und unsere gewohnte Erfahrung ist ungeeignet dazu, um mit der Frage nach dem Tod umzugehen.
Und dieses Buch möchte nach möglichst plausiblen Antworten auf diese quälende Frage suchen.
Das ganze Buch ist abrufbar unter: http://www.ciando.com/shop/book/bib/index.cfm/fuseaction/bib/bok_id/21446/cat_id/255/cat_nav/255/Titel/Zwischen-Himmel-und-Erde-Gibt-es-ein-Leben-nach-dem-Tod-/ISBN10/3939845892/ISBN13/9783939845898
Auch über HTTP.//www.dieterschlesak.de
Oder Band 1 als print vorbestellen:
http://www.buecher.de/shop/buecher/zwischen-himmel-undf-erde/schlesak-dieter/products_products/detail/prod_id/28141580/lfa/quicksearch-product-10/
Ich möchte Euch darauf hinweisen, dass mein Interesse und meine Aufarbeitung der roten und der braunen Diktatur nicht nur auf schmerzvollen Traumta beruht, sonder dass ich auch einen Zusammenhang sehe zu einer historischen Veränderung des Bewusstseins durch schockartige Erlebnisse in diesen Diktaturen. Auschwitz etwa hat nicht nur das Leben, das Denken, die Geschichte verändert, ebenso wie der GULAG, sondern auh der Tod wurde verändert.
Da ich bei der Autorin Ulla Unseld-Berkéwicz in ihrem tiefsinnig-schmerzvollen Buch "Überlebnis" (2008)über den Tod ihres Mannes, so viel Wahlverwandtschaftliches fand, schrieb ich ihr, nachdem sie auch mein Manuskript haben wollte: "Sie sehen, wie "doppelgleisig" ich fahre, denn meine Diktatur-Schockerleblebnisse führen zur "Transzendenz und Besinnung auf die Grenzen und Grenzräume, ähnlich wie es auch Celan, Walter Benjamin oder Gersholm Scholem gedacht und beschrieben haben. Bei Hölderlin heisst dieser Vorgang sogar "Vaterlandstage: "Vaterlandstage ist die Umkehr aller Vorstellungen und Formen". Ich habe es als Motto meines ersten Romans der Trilogie "Vaterlandstage und die Kunst des Verschwindens" (Benziger, 1986)gewählt.
Und ich schrieb ihr, der Kollegin und wunschverlegerin:
Liebe Frau Ulla Unseld-Berkéwicz, liebe Frau Karduk,
nun freue ich mich, dass Sie das Manuskript auch in Berlin haben möchten; ich weiss ja von Ihren "Umzugswirren", wir haben das alles, so weit über die Presse zugänglich, in Gedanken begleitet. Berlin war ja der Ursprung, und weil wir diese "alte" Geschichte samt den "Trennungen" damals nach dem Krieg aus erster Hand hier erfahren konnten, wir waren befreundet mit Gottfried Bermann-Fischer, der nur 200 Meter von uns entfernt in Camaiore/Pieve wohnte, und uns viel über jene Berliner Zeit erzählt hat, es gibt einen Haufen Kassetten davon, wußten wir einiges auch aus der Geschichte des Suhrkamp Verlages.
Freilich auch die ganze Nazi-und Emigrationsgeschichte.
Immer habe ich im Leben, auch in Bukarest die Bukowina-Kollegen und Celan, das Glück solcher Freuhndschaften gehabt und war so sehr motiviert, darüber zu schreiben. Auch wenn ich ja, was meine Herkunft betrifft (vielleicht gerade deshalb darüber schreiben musste!), da ich leider von der "anderen Seite", der "Täterseite" her komme. Und sogar der Auschwitzapotheker aus meinem Herkunfts-Nest stammt, mit meinen Eltern befreunde war, mich bis in meine Kindheit verfolgt. Enzensberger und Norman Manea rieten mir, darüber zu schreiben. Das hatte ich ja schon, seit über 30 Jahren - an diesem Trauma gearbeitet. Verarbeitet. So ist auch mein "Auschwitzapotheker", ja, meine ganze "Transsylvanische Trilogie" entstanden. Jetzt der dritte Roman "Transylwahnien" (Wahnien also).
"Capesius, der Auschwitzapotheker" ist 2006 bei Dietz in Bonn erschienen.Und hat seine "Weltreise" angetreten,er wird jetzt von den größten Verlagen in New York und London (Farrar Straus, Faber) Barcelona (Seix Barral) (Paris Denoel) Portugiesisch in Brasilien, dann Prag, Amsterdam, Jerusalem u.a. übersetzt. In Bukarest, Budapest,Krakau, Mailand ist es schon erschienen.
Sie sehen, wie "doppelgleisig" ich fahre, denn meine historischen Schocks führen zur "Transzendenz und Besinnung auf die Grenzen und Grenzräume, ähnlich wie es auch Celan, Walter Benjamin oder Gersholm Scholem gedacht und beschrieben haben. Bei Hölderlin heisst dieser Vorgang sogar "Vaterlandstage: "Vaterlandstage ist die Umkehr aller Vorstellungen und Formen". Ich habe es als Motto meines ersten Romans der Trilogie "Vaterlandstage und die Kunst des Verschwindens" (Benziger, 1986)gewählt.
Daher hat mich auch ihr "Überlebnis" so fasziniert, Liebe und Tod, dieser Schmerz auch als Geschenk, das Mitgenommensein, aber auch Mitgenommenwerden über alle denkbaren Grenzen hinaus... Und ich konnte gar nicht anders, ich habe viel daraus in "Zwischen Himmel und Erde" zitiert.
Ich lege Ihnen auch das letzte Buch der Trilogie: "Transsylwahnien" (2009) bei, (obwohl Sie dieses möglicherweise schon haben?!), es ist ein Buch zum Tode meiner Mutter...
Denn Tod und Liebe, das Dazwischen, auch der „Spalt“ sind auch mein Lebensthema. Ich habe viele Lyrikbände dazu (Lippe Lust, Herbst Zeit Lose, Tunneleffekt, Heimleuchten (2009), Der Tod ist nicht bei Trost (2010). Und das letzte Buch vorerst zu unserem Thema „Mein Krebsgang“, ein Überlebenstagebuch (2010, in Vorbereitung). Die Todeserfahrung durch Krebs, den ich überwinden konnte mit Meditation und alternativer Therapie (im Geistigen, auf das Informationsmuster meines Körpers zurückgreifend!)
So lege ich Ihnen wunschgemäß "Zwischen Himmel und Erde", an dem mein Herz besonders hängt (Ich konnte nicht anders, in die neueste Fassung ist nun auch "Überlebnis" und Ihr Interview eingegangen). Da ist ein langes Leben auch von Vorteil. Ich kannte noch Prof. Bender, habe mit ihm diskutiert, ihn interviewt, in seiner Zeitschrift vom Freiburger Lehrstuhl veröffentlicht, vor allem die Studie: "Die historischen Grundlagen der Grenzwissenschaft" (1978). Schon früh haben mich diese Themen fasziniert.
Und ich glaube, da gibt es eine Wahlverwandtschaft, die mich sehr freut. Und ich schätze die wissende und intuitiv-ahnungsvolle Tiefe Ihres Buches als Vorwegnahme einer neuen Zeit!
»Die Liebe ist des Menschen Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Um Unsterblichkeit zu erleben, müssen Liebe und Tod erlitten sein.«
Mit herzlichen Grüßen aus Camaiore/Lucca nach Berlin
Ihr Dieter Schlesak
Auch hier abrufbar: http://www.buecher.de/shop/buecher/zwischen-himmel-und-erde/schlesak-dieter/products_products/detail/prod_id/28141580/lfa/quicksearch-product-10/
Inzwischen aber gibt es auch viele Indizien der Wissenschaft, dass nach dem körperlichen Tod nicht alles "aus" ist!
Mein neues Buch "Zwischen Himmel und Erde. Gibt es ein Leben nach dem Tod?" ist nun nach seiner Veröffentlichung als e-book, nun auch als Buch (beim Bod Verlag) greifbar und kann in jeder Buchhandlung bestellt werden. vorerst bei buch.de. Doch ab dem 17. Februar ist es auch bei www.Amazon.de online bestellbar.
Auch hier bei bücher.de ist es abrufbar: http://www.buecher.de/shop/buecher/zwischen-himmel-und-erde/schlesak-dieter/products_products/detail/prod_id/28141580/lfa/quicksearch-product-10/
Hier als LESEPROBE Inhaltsverzeichnis und Einleitung:
Dieter Schlesak
ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE
Gibt es ein Leben nach dem Tod?
Es gibt mehr Ding´ im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt…
There are more things in heaven and earth … than are dreamt of in your philosophie.
Shakespeare, Hamlet, 1. Akt, 5. Szene
INHALT
Einleitung Die ernsteste Frage der Welt……………………
ERSTER TEIL. Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt.
Gibt es ein Leben nach dem Tod? Der Philosoph Immanuel Kant und der Hellseher Emanuel Swedenborg ………………………
Talkshow mit Tabuthemen und Totenstimmen ……………
Das Unheimliche als das Heimische. Unglaubliches geschieht. Zur Geschichte und Erforschung des Übersinnlichen …………
Gott, der Solipsist. Leben, mein göttlicher Traum?
Liebe ist Leben für immer. Über die unheimliche Kommunikation zwischen Diesseits und Jenseits in der Literatur und Parapsychologie ...........................................
Lichtgeschwinde Geräte an der Grenze zwischen Leben und Tod. Hoffnung auf die große Metamorphose der Erde. Eine Notwende? Sind die Totenstimmen, dieser Durchbruch durch die Wand der Dimensionen, nur geträumt. Doch ist die Welt nicht mein göttlicher Traum? .............................................................
ZWEITER TEIL. Nachtgedanken
So verschieden kann der Tod in uns sein …………………….
Nahtoderlebnisse II. Reisen ……………………………………
Seelenflug, ein Märchen oder eine Ahnung von Heimkehr: „Out of the body experiences“ (OBE). Der Doppelgänger. Das Tabu der Letzten Wirklichkeit. Mut zur Letzten Wirklichkeit und zum Selbst-Sein. Verdrängungen, Literatur- und Gesellschaftslügen…………………
Normal und unnormal
Psychiatrie, die Seelenpolizei. Ein Blick in die Heilanstalten
Vergottung des Phantoms Körper. Zurück zu „Neodarwinismus“, „Erbbiologie“ und Lobotomie? Anstatt der Engel die Botenstoffe? Die Hirnforschung als Ideologie des „Neuen Zeitalters“............
Nahtoderlebnisse III …………………………………………
Chronokratie, unsere Zeitkrankheit ………………………
DRITTER TEIL. Kontakt mit der andern Seite der Welt?
Weine nicht mehr, hoffe nur. Eine Wand des Schreckens fällt
Was ist das, die Instrumentelle Transkommunikation? …………
Vom Glück des Nicht-Seins. ………………………
Das „Tibetanische Totenbuch“ und das helle Licht. Phasen des vorweggenommenen Todesprozesses. Kann man die große Reise üben und Sterben lernen? ……………………
Die Zweite Aufklärung. Boykott der Geschichte und der bisherigen Erkenntnis. In welcher Zukunft leben wir? …………
Der Autor ……………………………………………
EINLEITUNG.
Die ernsteste Frage der Welt. Und warum stellen wir sie heute anders als noch vor zwei Jahren
Warum sind diese Fragen, zwar nie veraltet, aber besonders heute wieder ganz aktuell geworden. Und die Frage: Warum soll ich solch ein Buch wie dieses heute lesen? lässt sich leichter beantworten als noch vor einem Jahr.
Mein Sohn fragte mich: Vater, wie sollen wir jetzt weiterleben, alle Utopien, auch die des Geldes sind ja gefallen! Ich hab keine Orientierung mehr, woran kann man sich noch halten? Sogar meine Gegner und Feinde haben verloren!
Ich weiß es seit lange, antwortete ich, doch ich habe es immer wieder vergessen. Es klingt kompliziert, doch es ist ganz einfach: Das, was alle meinen, gering schätzen oder vergessen zu können, ist das Wichtigste. Es drückt sich in der Kunst und in der Religion aus Vom All-Einen, dem SEIN, wir gehören dazu: wir SIND DA, und das ist ein Wunder! Das ist gar nicht selbstverständlich und davon nämlich müssen wir ausgehen: Denn es ist das Rätsel, das uns leben lässt, alles bestimmt. Das in Anderer Sprache als in der des Alltags sich äußert; die Alltagssprache ist Seiendes, Daseinsdummheit; die Kunst, die Musik, die Poesie und die LIEBE allein berühren den Grund jenes „Seins“, das uns sein lässt, uns denkt, uns möglich macht. Und wehe, du mischt dich falsch und nur mit dem Verstand, gar der „Wissenschaft“ und der Technik und mit ihren Analysen da ein, lässt es und deine innere Stimme nicht zu, und mischt dich ein mit Begriffen in einen Bereich, wo Begriffe nichts zu suchen haben! Du störst und zerstörst, genau wie im Fluss eines Gedichtes, das sich auch selbst schreibt, wenn die Sprache es will und es auch tut, wir sind nur das klingende Instrument. Das Desaster dieser Welt war und ist die Folge solcher andauernden Einmischung! Alles, was IST, wird von dieser obersten Macht des “Seins“ bewegt und gestaltet. Die Menschheit aber hält sich für gescheiter, lebt und arbeitet gegen dieses Gesetz an, Tag für Tag, jeder Einzelne und alle zusammen!
„Wissenschaft“ ist durch Heisenberg und Planck auch nahe an dieses Urmuster des Seins oder des EINEN herangekommen; und so besteht die Hoffnung, dass auf diesem Umweg auch der „Alltag“, die Seinsdummheit, die Wand, die uns vom Grund trennt, verändert wird. Dass es dieses Neue gibt, dass es auf uns wartet, weil wir es sind und schon in uns tragen, „ebenbildlich“, auf das die Menschheit fast durch alle ihre Katastrophen zuhält, zusteuert.
Moral hilft nicht weiter, es ist etwas Größeres, Umfassenderes, was beachtet werden, ins Zentrum gestellt werden muss! Tod und Sterben sind die Erkenntnisquelle, und sie sind es in allen Zeiten in der „ars moriendi“ immer gewesen. So hat kürzlich Ulla Unseld-Berkéwicz in ihrem Todes-Erlebnis und Grenz-Buch „Überlebnis“ (2008), ihre Erfahrungen beim Tode ihres Mannes beschrieben, und in einem Interview mit der FAZ nochmals zur Sprache gebracht : Und sie hat ihre Erfahrungen und Sprachlosigkeiten auch reflektiert, darüber nachgedacht, was wir vom Tode und vom „Überlebnis“ wissen können, und auch die Erkenntnisse der Naturwissenschaft an dieser Grenze mit einbezogen. So diese erstaunliche Möglichkeitsbegründung des Überlebens: „Und da habe ich bei den Physikern was Interessantes gefunden: Elektronen zum Beispiel sind unzerstörbar und existieren von Anbeginn. Wolfgang Pauli fand in den zwanziger Jahren heraus, dass diese winzigen Teile Wissensspeicherchen haben, die wissen, ob sie einander schon mal begegnet sind. Und das lässt dann zum Beispiel den Schluss zu, dass die Elektronen eines Körpers nach dessen Auflösung wieder zusammenfinden könnten durch irgendein Signal vielleicht (…) Auferstehung heißt, das Muster dessen, was da tot liegt und vergangen in der Materie, wiederherzustellen und es in seine Schwingung zu versetzen. Auch die großen Kybernetiker Norbert Wiener und John von Neumann gingen seinerzeit von der Annahme aus, dass alle Lebewesen Muster seien, übertragbare Botschaften, die sich für immer selbst erhielten.“
Carl Friedrich von Weizsäcker ist dafür der beste Wegweiser und Erbe dieser sich anbahnenden Traditionsernte, der in einem Aufsatz über den Tod schrieb: "Aber das Sittliche ohne das Heilige ist nicht lebensfähig; es ist die Forderung ohne ihre Ermöglichung. Die selbst verzehrende Anstrengung der bloßen Moral kann kaum umhin, wenn sie wahrhaftig bleibt, böse oder verzweifelt zu werden."
Diese neue Ratlosigkeit schafft einen leeren Ort, wo alles neu beginnen könnte! Sie könnte eine Veränderung des modernen Zeitbewusstseins überhaupt anzeigen. Dass sich nämlich die „Struktur des Zeitgeistes und der Aggregatzustand der Politik“ radikal verändern, dass wie vor 200 Jahren „die Paradieseshoffnungen mit der Verzeitlichung der Utopien ins Diesseits eingewandert sind“, so würden heute „die utopischen Erwartungen ihren säkularen Charakter verlieren“ und möglicherweise wieder transzendenten, grenzüberschreitenden Charakter annehmen, dies schrieb ein Nachfolger der linken „Frankfurter Schule“ Adornos und Horkheimers Jürgen Habermas noch kurz nach dem millenaren Zeitbruch von 1989.vermutet.
Wird hier ein Irrlauf wieder gut gemacht, dieses ruinöse postneoliberale Projekt wenigstens im Denken zurückgenommen? Inzwischen hat es sich sogar ökonomisch zurückgenommen, ist eindeutig gescheitert! Aber mit welchen Kräften, die nicht nur vom Menschen gemacht sind, die er aber provoziert hat, müssen wir rechnen? Es sind die alten Kräfte, de vergessen wurden, von denen man meinte, man könne sie einfach nur belachen und ausklammern! Es geht u eine neue Haltung heute zum Problem Leben und Tod, um ein Verschieben der Grenze zwischen ihnen! Und was stellt diese Verschiebung in Frage? Unser angemaßtes Wissen, als wüssten wir „alles“ schon, und darauf ist die moderne Zivilisation gegründet, auf eine Lüge also!
Friederike Mayröcker, die über achtzigjährige österreichische Lyrikerin, sagte in einem Interview, der tote Ernst Jandl, ihr Lebensgefährte, habe ihr beim Schreiben geholfen, so, als wäre er noch da, aber wo denn sonst sollte er sein, nur in ihrem Innern? Jedenfalls habe er ihr schreiben geholfen, er war ja selbst Lyriker. Doch dann zweifelte Friederike Mayröcker wieder, und befragte ein Medium. Das Medium habe mitgeteilt, Jandl sei gut aufgehoben! Dann aber habe Jandl angeblich „Friederike“ zu ihr gesagt. „Er hat aber nie Friederike zu mir gesagt… Die Wahrheit ist, er ist weg, ganz weg (…) Ich hasse den Tod. Ich weiß, dass ich knapp vor diesem Tor stehe. Mit achtzig muss man immer damit rechnen. Das ist eine furchtbare Vorstellung. Ich kann es mit nichts vergleichen, eine strangulierende Vorstellung. Bald wird man nicht alles erfahren können, was man noch gerne erfahren möchte. Wohin kommt das alles, was man gedacht hat? Was man empfunden und gemacht hat?“
Und die Welt gehe weiter, auch ohne uns, sagt Friederike Mayröcker: „Das ist eine Unbegreiflichkeit“. „Es ist einfach aus.“
Stimmt das? Frage ich mich. Ich frage es mich schon seit sehr langer Zeit, eigentlich seit ich mir meiner selbst bewusst bin. Aber seit das Alter droht, nimmt die Zeit rasant ab.
Und Ulla Unseld-Berkéwicz, die lebendig erlebten Schmerz-und Todesgedanken beim Todes ihres Mannes, ganz eingenommen ist (»Die Liebe ist des Menschen Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Um Unsterblichkeit zu erleben, müssen Liebe und Tod erlitten sein.«). Sie weiß, dass wir über den Tod nicht reden können, dass wir ihn erfahren müssen: „ ... es geht darum, dass am Ende das Staunen steht genauso wie am Anfang, dass der Todesmoment alle Vorstellung übertrifft und dass bei uns, die wir das miterleben, überleben, ein großes Staunen einsetzt, das nie wieder aussetzt. Es geht darum, dass wir anders leben müssen, um zu verstehen, was der Tod ist, was mit den Toten geschieht. Religion und Naturwissenschaft geben uns die Hinweise.“
Und dass nur hier auch der Beginn von Kultur sein kann: „Ohne Metaphysik gibt es keine Kultur. Und die Kultur ist da am stärksten, wo es um die Idee der Unsterblichkeit der Seele geht.“
Man sehe und staune, dieses ist auch die Grundidee des späten Immanuel Kant.
Zeit? Sichtbarkeit? Darf uns diese schrecken? Was ist sie überhaupt, gibt es sie? Die heute mögliche Antwort ist: Nein. Oder besser: Ohne uns gäbe es sie gar nicht. Eine frappierende Einsicht sagt uns doch: Die Lichtwelt entsteht dadurch, dass Photonen, Lichtteilchen, die keine Materie sind, sondern reine Information, also eigentlich reiner Geist, auf „Dinge“ treffen, die erst in unserem Auge „sichtbar“ werden; also ohne uns bliebe alles reine Finsternis. Nur weil Lichtteilchen auf anderes, in sich rasend schnell kreisendes, aber „gefrorenes“ Licht, das wir „Materie“ nennen, trifft, absorbiert, von uns aufgenommen und so gedeutet wird, gibt es überhaupt Helligkeit. Die sichtbare, feste Welt ist also Geist, die nicht als Geist erscheint, wir inmitten zugehörig zu dem Unsichtbaren also, die alles „sichtbar“ machen? Warum sollten wir uns also dann fürchten?
Der Alltagsverstand jedenfalls und unsere gewohnte Erfahrung ist ungeeignet dazu, um mit der Frage nach dem Tod umzugehen.
Und dieses Buch möchte nach möglichst plausiblen Antworten auf diese quälende Frage suchen.
Das ganze Buch ist abrufbar unter: http://www.ciando.com/shop/book/bib/index.cfm/fuseaction/bib/bok_id/21446/cat_id/255/cat_nav/255/Titel/Zwischen-Himmel-und-Erde-Gibt-es-ein-Leben-nach-dem-Tod-/ISBN10/3939845892/ISBN13/9783939845898
Auch über HTTP.//www.dieterschlesak.de
Oder Band 1 als print vorbestellen:
http://www.buecher.de/shop/buecher/zwischen-himmel-undf-erde/schlesak-dieter/products_products/detail/prod_id/28141580/lfa/quicksearch-product-10/
Ich möchte Euch darauf hinweisen, dass mein Interesse und meine Aufarbeitung der roten und der braunen Diktatur nicht nur auf schmerzvollen Traumta beruht, sonder dass ich auch einen Zusammenhang sehe zu einer historischen Veränderung des Bewusstseins durch schockartige Erlebnisse in diesen Diktaturen. Auschwitz etwa hat nicht nur das Leben, das Denken, die Geschichte verändert, ebenso wie der GULAG, sondern auh der Tod wurde verändert.
Da ich bei der Autorin Ulla Unseld-Berkéwicz in ihrem tiefsinnig-schmerzvollen Buch "Überlebnis" (2008)über den Tod ihres Mannes, so viel Wahlverwandtschaftliches fand, schrieb ich ihr, nachdem sie auch mein Manuskript haben wollte: "Sie sehen, wie "doppelgleisig" ich fahre, denn meine Diktatur-Schockerleblebnisse führen zur "Transzendenz und Besinnung auf die Grenzen und Grenzräume, ähnlich wie es auch Celan, Walter Benjamin oder Gersholm Scholem gedacht und beschrieben haben. Bei Hölderlin heisst dieser Vorgang sogar "Vaterlandstage: "Vaterlandstage ist die Umkehr aller Vorstellungen und Formen". Ich habe es als Motto meines ersten Romans der Trilogie "Vaterlandstage und die Kunst des Verschwindens" (Benziger, 1986)gewählt.
Und ich schrieb ihr, der Kollegin und wunschverlegerin:
Liebe Frau Ulla Unseld-Berkéwicz, liebe Frau Karduk,
nun freue ich mich, dass Sie das Manuskript auch in Berlin haben möchten; ich weiss ja von Ihren "Umzugswirren", wir haben das alles, so weit über die Presse zugänglich, in Gedanken begleitet. Berlin war ja der Ursprung, und weil wir diese "alte" Geschichte samt den "Trennungen" damals nach dem Krieg aus erster Hand hier erfahren konnten, wir waren befreundet mit Gottfried Bermann-Fischer, der nur 200 Meter von uns entfernt in Camaiore/Pieve wohnte, und uns viel über jene Berliner Zeit erzählt hat, es gibt einen Haufen Kassetten davon, wußten wir einiges auch aus der Geschichte des Suhrkamp Verlages.
Freilich auch die ganze Nazi-und Emigrationsgeschichte.
Immer habe ich im Leben, auch in Bukarest die Bukowina-Kollegen und Celan, das Glück solcher Freuhndschaften gehabt und war so sehr motiviert, darüber zu schreiben. Auch wenn ich ja, was meine Herkunft betrifft (vielleicht gerade deshalb darüber schreiben musste!), da ich leider von der "anderen Seite", der "Täterseite" her komme. Und sogar der Auschwitzapotheker aus meinem Herkunfts-Nest stammt, mit meinen Eltern befreunde war, mich bis in meine Kindheit verfolgt. Enzensberger und Norman Manea rieten mir, darüber zu schreiben. Das hatte ich ja schon, seit über 30 Jahren - an diesem Trauma gearbeitet. Verarbeitet. So ist auch mein "Auschwitzapotheker", ja, meine ganze "Transsylvanische Trilogie" entstanden. Jetzt der dritte Roman "Transylwahnien" (Wahnien also).
"Capesius, der Auschwitzapotheker" ist 2006 bei Dietz in Bonn erschienen.Und hat seine "Weltreise" angetreten,er wird jetzt von den größten Verlagen in New York und London (Farrar Straus, Faber) Barcelona (Seix Barral) (Paris Denoel) Portugiesisch in Brasilien, dann Prag, Amsterdam, Jerusalem u.a. übersetzt. In Bukarest, Budapest,Krakau, Mailand ist es schon erschienen.
Sie sehen, wie "doppelgleisig" ich fahre, denn meine historischen Schocks führen zur "Transzendenz und Besinnung auf die Grenzen und Grenzräume, ähnlich wie es auch Celan, Walter Benjamin oder Gersholm Scholem gedacht und beschrieben haben. Bei Hölderlin heisst dieser Vorgang sogar "Vaterlandstage: "Vaterlandstage ist die Umkehr aller Vorstellungen und Formen". Ich habe es als Motto meines ersten Romans der Trilogie "Vaterlandstage und die Kunst des Verschwindens" (Benziger, 1986)gewählt.
Daher hat mich auch ihr "Überlebnis" so fasziniert, Liebe und Tod, dieser Schmerz auch als Geschenk, das Mitgenommensein, aber auch Mitgenommenwerden über alle denkbaren Grenzen hinaus... Und ich konnte gar nicht anders, ich habe viel daraus in "Zwischen Himmel und Erde" zitiert.
Ich lege Ihnen auch das letzte Buch der Trilogie: "Transsylwahnien" (2009) bei, (obwohl Sie dieses möglicherweise schon haben?!), es ist ein Buch zum Tode meiner Mutter...
Denn Tod und Liebe, das Dazwischen, auch der „Spalt“ sind auch mein Lebensthema. Ich habe viele Lyrikbände dazu (Lippe Lust, Herbst Zeit Lose, Tunneleffekt, Heimleuchten (2009), Der Tod ist nicht bei Trost (2010). Und das letzte Buch vorerst zu unserem Thema „Mein Krebsgang“, ein Überlebenstagebuch (2010, in Vorbereitung). Die Todeserfahrung durch Krebs, den ich überwinden konnte mit Meditation und alternativer Therapie (im Geistigen, auf das Informationsmuster meines Körpers zurückgreifend!)
So lege ich Ihnen wunschgemäß "Zwischen Himmel und Erde", an dem mein Herz besonders hängt (Ich konnte nicht anders, in die neueste Fassung ist nun auch "Überlebnis" und Ihr Interview eingegangen). Da ist ein langes Leben auch von Vorteil. Ich kannte noch Prof. Bender, habe mit ihm diskutiert, ihn interviewt, in seiner Zeitschrift vom Freiburger Lehrstuhl veröffentlicht, vor allem die Studie: "Die historischen Grundlagen der Grenzwissenschaft" (1978). Schon früh haben mich diese Themen fasziniert.
Und ich glaube, da gibt es eine Wahlverwandtschaft, die mich sehr freut. Und ich schätze die wissende und intuitiv-ahnungsvolle Tiefe Ihres Buches als Vorwegnahme einer neuen Zeit!
»Die Liebe ist des Menschen Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Um Unsterblichkeit zu erleben, müssen Liebe und Tod erlitten sein.«
Mit herzlichen Grüßen aus Camaiore/Lucca nach Berlin
Ihr Dieter Schlesak
Auch hier abrufbar: http://www.buecher.de/shop/buecher/zwischen-himmel-und-erde/schlesak-dieter/products_products/detail/prod_id/28141580/lfa/quicksearch-product-10/
Sonntag, 17. Januar 2010
Dieter Schlesak, IN WELCHER ZUKUNFT LEBEN WIR? Die "ontologische Zensur".Über die Notwendigkeit einer zweiten Aufklärung
1
„Ontologische Zensur“? Ja, so würde ich die Zensur in unserem „Lebenssystem“ nennen; sie ist viel subtiler und tiefer reichend als die platte politische Zensur, sie reicht tief in die Psyche, und gehört in den Bereich der „Seelenpolizei“ und der Alltagsintoleranz („Spinner“). Oder auch in die Angst der Medien, dass sich jemand an die Stirn tippen könnte bei einer Veröffentlichung.
Noch zu Kants Zeiten gab es eine Brücke zwischen Weltzeit und Lebenszeit durch die Selbstverständlichkeit, mit der von einer wirklich existierenden Transzendenz und einem Überleben des Todes ausgegangen wurde; es gab diese Selbstverständlichkeit in allen Geschichtsepochen. Erst seit dem Zeitalter der Moderne gibt es den radikalen Bruch zwischen Lebens- und Weltzeit. Gott ist tot, oder Gott ist der Tod (Hegel), und damit auch Kants „Höchstes Gut“ gestorben?
Nicht nur der französische Philosoph Louis Althusser, die besten Köpfe im Westen, wie Foucault oder Derrida, George Steiner, Paul Virilio oder am genauesten vielleicht Jürgen Habermas in seiner schon 1984 erschienenen Untersuchung „Die Krise des Wohlfahrtsstaates und die Erschöpfung der utopischen Energien“, haben auf das Scheitern der Moderne und ihres Fortschrittsgedankens seit 1789 hingewiesen; und diese Skepsis gab es schon in der „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno. Was neu ist und bei Althusser bis in den Wahnsinn hinein durchlebt wird, spricht auch Habermas aus, dass nämlich „die Erschöpfung utopischer Energien nicht nur eine der vorübergehenden kulturpessimistischen Stimmungslagen anzeigt, sondern tiefer greift. Sie könnte eine Veränderung des modernen Zeitbewusstseins überhaupt anzeigen.“ Dass sich nämlich die „Struktur des Zeitgeistes und der Aggregatzustand der Politik“ radikal verändern, dass wie vor 200 Jahren „die Paradieseshoffnungen mit der Verzeitlichung der Utopien ins Diesseits eingewandert sind“, so würden heute „die utopischen Erwartungen ihren säkularen Charakter verlieren“ und möglicherweise wieder transzendenten, grenzüberschreitenden Charakter annehmen, wie Habermas vermutet, um diese These dann sogleich zurückzunehmen, als habe er Selbstverrat geübt.
Wird hier ein Irrlauf wieder gut gemacht, dieses ruinöse postneoliberale Projekt wenigstens im Denken zurückgenommen? Inzwischen hat es sich sogar ökonomisch zurückgenommen, es ist eindeutig gescheitert! Aber mit welchen Kräften, die nicht nur vom Menschen gemacht sind, die er aber provoziert hat, müssen wir rechnen? Ein neues, sehr aufschlussreiches Buch dazu vom deutschen Soziologen Hartmut Rosa liefert dazu viel Material und tiefe Analysen, be-schreibt, wie die Irritation des ganz persönlichen Zeitempfindens in Stress und Zeitnot anzeigt, dass dieser Irrlauf sich umkehrt, die Unmöglichkeit, dass unser Biotop diese tödliche Beschleunigungsdynamik aushalten kann, macht eine radikale Veränderung notwendig.
Rosa zeigt, wie diese neue Chronokratie mit dem Tod zusammenhängt, da seit der Neuzeit, aus der der Überlebensglaube des Todes langsam und einmalig in der Geschichte total verschwand, Weltzeit und Lebenszeit enorm auseinanderklaffen, es angeblich nachgewiesener Weise, kein Überleben des Todes mehr gibt. Nur noch Ersatz dafür: Hetze, Zeitnot durch Zeitbeschleunigung eintritt, weil die kurze Lebenszeit „ausgefüllt“ werden muss, und als einzige Chance, tausend parallele, verdichtete, reisende, fernsehende, erotische, seinsbesitzende, geldgierige, genussintensive quantitative Leben geführt und bewältigt werden müssen, anstatt eines ruhigen, das seine angelegte Wachstumsmöglichkeit und Entelechie reifen lässt. Nein, gelebtes Leben wird verdeckt durch das Chaos der schnellen Angebote, in einem kollektiven Wahnsinnsdynamismus durch technische Möglichkeiten und kapitalistische hochrhythmisierte, weltzerstörerisch wach-sende und sich potenzierende Wirtschaft, die nicht die Ursache, sondern das Instrument des beschleunigten Glücksversprechens der Menschheit ist, technische Möglichkeiten, die die verlorene „Ewigkeit“ kompensieren und ersetzen sollen. Nun schon als Masseninfektion bis zu den Milliarden-Weltpopulationen von China und Indien. So wird das kurze Leben nicht genützt, sondern mit Oberflächen vertan! Denn Hyperbeschleunigung und angebliches „Auskosten“ der kurzen Lebenszeit überwinden den Tod nicht, sondern führen ihn eigentlich schon als ungelebtes Leben in jeden Augenblick als Hast und Hetze eines Sklaven- und Scheinlebens ein! Es ist der reine Betrug mit verheerenden seelischen und Lebens-Konsequenzen für den Einzelnen!
Und man könnte sich vorstellen, dass dieses hyperbeschleunigte Lebenssystem, das uns das Leben frisst, in dem Moment fallen müsste, wo klar wird, dass seine Basis, der Glaube ans totale Diesseitsparadies, vor allem, dass ein Überleben des Todes nicht zur Natur und zu unserer Natur gehört, zusammenbrechen müsste. Aber wie nach einem vertrackten Gesetz des Gegenteils wird genau durch diese Beschleunigung das Ende und der Sprung in eine neue (oder die alte) Qualität der Transzendenz wieder hervorgezaubert, durch natürliche Umkehr befördert. Rosa nennt dieses im Tempodrom ausgelöschte Leben ein „Sisyphusunternehmen“, das auch scheitern muss, weil durch Erfindungen, Techniken, Methoden, die die gesteigerten Lebens-Optionen und Weltmöglichkeiten erzeugen, auch deren Optionen ins Ungemessene, also durch menschliche Möglichkeiten ins Unerfüllbare wach-sen; wer kann sie noch „ausleben“ und „benützen“, schon die beschleunigende Konsumgewohnheit des TV-“Zappings“ zeigt´s im Banalen an, zeigt den Wahnsinn, überall im Schnellen dabei sein zu wollen. Die Brücke, also Lebenszeit und Weltzeit zu synchronisieren scheitert immer deutlicher, und der Wettlauf hat erst so richtig begonnen.
Doch damit nicht genug: Ein noch viel wichtigerer Aspekt der Beschleunigungs-Technik zwingt diesen nur fürs Kapital profitablen Versuch, den Tod mit irdischer Beschleunigung zu überwinden, dass mit dieser Supertechnik eine Welt hergestellt wird, die sich selber aufhebt und die Wahrheit an den Tag bringt, die Realität der Transzendenz immer näher bringt.
Wird also gerade mit diesen Instrumenten nun aufgedeckt, dass es zwischen Weltzeit und Lebenszeit doch eine Brücke gibt, ja, diese zusammengehören, wenn Welt Geist (Information) ist, der nicht als Geist erscheint, materielle Dinge, denen alle nachrennen, um angeblich ein „erfülltes Leben“ zu haben, diese Dinge wie schon längst in den traditionellen Gesellschaften bekannt, nur die Oberfläche sind!?
Denn es zeigt sich ja gerade durch diese Beschleunigung ins Unmessbare und Überlichtgeschwinde, des mit den erfundenen Techniken herbeigeführte An-eine-Grenze-Gekommen-Seins nun in anderen Tiefen und immer deutlicheren Gewissheiten, dass wir an einer Zeitgrenze angekommen sind, die Zeit auslöscht, wie es auch bei Steiner oder Virilio anklingt, und wie es vor allem die moderne Quantenphysik und ihre längst im Hintergrund der Geschichte wirkende im-materielle Licht-Realität anzeigt. Es lässt sich nicht mehr leugnen, dass jetzt schon dieses heute geführte Konsumdasein, aber auch alte Theorie, Alltagsdenken und Politik hinterherhinken, dass das Unsichtbare heute mehr denn je die neue Hirnsyntax der Geschichte ist. Nicht nur die Tatsache der Vernichtung ist da, sondern damit verbunden ein radikaler Bruch mit der Körperwelt. Der Kern der Welt kommt zum Vorschein, seine Immaterialisierung ist in vollem Gang. Wenn nicht alles täuscht, steht eben gerade durch die enorme Bescheunigung seit einiger Zeit schon ein Paradigmenwechsel an. Unser Weltentwurf scheint gerade durch enorme technische Möglichkeiten Zeit und Raum und das Sichtbare aufzuheben, an eine Grenze gekommen zu sein, wo es auf gewohnte begriffliche oder anschauliche und sinnliche Weise der Welt, die auch das Kapital reproduziert und Grundlage seiner Produktion ist, es so nicht mehr weiter geht. „Die Wissenschaft führt an eine Schwelle von Erfahrung, die sich der Meditation, aber nicht der Reflexion erschließt“, heißt es schon bei Carl Friedrich von Weizsäcker, „dies ist vernünftig. Das begriffliche Denken kann einsehen, dass es den Grund seiner Möglichkeit nicht begrifflich bezeichnen kann.“ Wenn hier also die Grenze unseres bisherigen Weltentwurfs ist, wie soll es dann weitergehen? Auf die gleiche Weise, wie Quantentheorie, Elementarteilchenphysik und Relativitätstheorie das vorherige, das Newtonsche Weltbild, damit das Kausalitätsgesetz, die bisherige Vorstellung von Raum und Zeit in Frage gestellt haben, müssten nun heute geltende „Naturkonstanten“, die wichtigsten sind die „Lichtgeschwindigkeit“ und die Heisenbergsche „Unschärferelation“, die die Möglichkeit des Forschers einschränken, überschritten werden. Dieses wäre - auch nach Ansicht von Experten der Ansatz für den nächsten Weltentwurf: „Die Verbote der Überlichtgeschwindigkeit und der überreinen Fälle (Heisenbergs Formeln) fordern aber... den Forscher geradezu auf, nach den verbotenen Vor-gängen zu suchen“. Tatsächlich ist schon jetzt der Wissenschaftsentwurf bei der Überlichtgeschwindigkeit angekommen, denn die Überschreitung der Lichtgeschwindigkeit ist in dem uns bekannten Bereich der Welt nur mentalen Prozessen möglich. Und diese Prozesse sind es heute, die mit einer durchschlagenden Evidenz Geschichte machen: Denken wird objektiv, lernt sich als mathematische Struktur selbst denken, erfährt sich als Ort, wo Naturgesetze offenbar werden, wird praktisch und beherrscht im Gerät die Natur und die Gesellschaft. Die Tatsache, dass es gelingt, durch mathematische Strukturen so weit vorzudringen, z.B. „Materie“ als „integrale Differentialrechnung in einem vierdimensionalen Raum“ zu fassen (nach Planck), in geistige Prozesse aufzulösen, zeigt deutlich, dass der Mensch und sein Wissen in eine andere, als in die Körperwelt gehören.
Doch diese Selbstverständlichkeit auch eines Überlebens und einer Rückkehr in jene im Denken schon von Platon entdeckte Geister- und Geisteswelt, aus der der Mensch gekommen ist, wie sich Geburt und Tod in einem Zirkel schließen, dass eben Zeit zyklisch, nicht linear ist, wie es alle traditionellen Gesellschaften wussten und auch lebten, konnte die Moderne und das Geldsystem aus dem Bewusstsein vieler Menschen nicht löschen; ähnlich wie auch in der roten oder der braunen Zeit hat das „Alte“ in besonderen Nischen überlebt.
Und seltsamerweise ist es der weniger „angekränkelte“ Teil der Menschheit, der durch Naturnähe und Nähe zu den Quellen des Lebens findet. Sogar bei Jünger finde ich: Es gehe um „jenen Glauben, dessen wir im Innersten bedürfen - nämlich mit der Welt verschworen zu sein.“ Dass wir der Unsicherheit und dem Chaos der „Zeit“ Herr werden, also uns bewusst sind, dass die „Zeit“ Verwirrung in der Täuschung ist, eine Falle. Wie Negativität und Misstrauen auch. Die zur Hetze und zum Nichtleben führt und uns zu Untoten macht, zu lebenden (vor allem männlichen) Leichen!
2
Es ist schwierig, diesen Widerspruch in ein paar Worten zu beschreiben, nämlich den Abgrund zwischen dem, was das Denken und das Handeln - bis hin zu den Politikern, Managern und Universitäten - heute bestimmt, eine sichtbare, körperliche Welt, und den Dimensionen, auf die unsere gesamte Umwelt aufgebaut ist, nämlich eine Welt aus Geist, die nicht als Geist erscheint, zu analysieren, auch nur eine Sprache, Begriffe für etwas begrifflich letztlich nicht Fassbares zu finden; etwas, das etwa die Quanten-Logik vorgedacht hatte, etwas, das auch im historischen Bereich durch Gulag, KZ, Hiroshima und heute als ökologische, dann als Krankheits- und Hunger- Katastrophe, als Schock ins Leben der Menschheit getreten ist, zu begreifen schwierig, weil heute, im Gegensatz zu den Diktaturen, wo die Scheinwelt „klar“ und deutlich und einsehbar war, heute verhüllt und unerkennbar und völlig undeutlich verwischt in einem pseudodemokratischen Nebel liegt, wo Information vor allem Desinformation ist, und das Verschweigen und Verheimlichen von Tatsachen zum alltäglichen Grundgeschäft des Systems gehört!
Vielleicht gilt heute keine politische, sondern eine generelle, eine „ontologische Zensur“ und ein ganz anderer, kaum fassbarer Grenzgang, an dem freilich die Politik und die vielleicht schrecklich „naiven“ und unwissenden Machtstrukturen verheerend und tödlich schmarotzen. Möglicherweise ist es das erdvernichtende tödliche Nichtwissen von geistig-informativen (und bis zur Informatik und Genforschung reichenden Wissensmöglichkeiten, ja, das naive Arbeiten mit diesen Zaubermitteln der Zivilisation zu Sozial- und Kriegstechnik und Desinformation, die jedes Konzept von Politik und Widerstand auch auflöst und eine Lähmung im Wohlleben erzeugt, anstatt dass zumindest die Wissenden und Intellektuellen wie im Katze-Schlange-Verhältnis entsetzt in den Abgrund entsetzt in den Abgrund starren! Überlegen wir mal die Tatsachen: Das, was uns heute umgibt, ist ja eine völlig andere, immaterielle Welt an einer unvorstellbaren Grenze (wieder die „Grenze!“) zu einem neuen Weltmuster und Paradigma. Denken wir nur an unsere "elektronischen Haustiere“, Computer, Radio, Fernsehen usw. Sie beruhen auf Formeln, die einmal "Einfälle", Intuitionen von genialen Menschen waren, es sind ähnliche "Gedankenblitze" wie in der Kunst, aus einem großen kosmischen Informationssystem, das alles bestimmt. Das Nicht-Materielle, das "Geistige" bestimmt heute mehr denn je alles, was geschieht, mentale Prozesse machen mit einer durchschlagenden Evidenz Geschichte, Denken wird "objektiv", lernt sich als mathematische Struktur selbst denken, erfährt sich als Ort, wo Naturgesetze offenbar werden, wird praktisch, beherrscht im Gerät die Natur und Gesellschaft. Völlig im Gegensatz dazu beherrscht der krasseste Materialismus die Köpfe und das Handeln. Die Menschen der Gegenwart bewegen sich und handeln in dieser neuen immateriellen Umgebung weiter so, als wäre es immer noch die alte Körperwelt.
Schlimmer noch, wenn wir zum Thema zurückkehren, und also konkret werden: Im Historischen zeigte es sich als Katastrophe und Untergangsgefahr der alten Körperwelt: Und im Prinzip gehe ich davon aus, bin auch davon überzeugt, dass sich schon 1901 eine radikale Wende angekündigt hat, der Beginn der neuen Wissenschaft, die Quantentheorie, 1905 dann Einsteins grundlegende Theorie. Es war die Zeit als meine Grosseltern heirateten; dann kam bald Verdun -, ohne Technik, also Wissenschaft völlig ausgeschlossen! Alles weitere eben auch nur durch Technik möglich: Im Gefolge des Krieges und seiner Kombination mit Armut: Stalin, dann Hitler (der die Armut besser aufzuheben verstand durch Krieg! Und Rüstung! Also „besser“ als Stalin war!), schließlich die zweite große Katastrophe mit Stalingrad, und dem Höhepunkt der Zivilisations- und Geschichtszerstörung: Auschwitz, Hiroshima (Atombombe als der Höhepunkt des eben Geschilderten!), die im Historischen einen radikalen Bruch auch in die Geschichte brachten, das im Undenkbaren und Unvorstellbaren sichtbar gewordene Jahr 1901 und 1905, die auch im menschlichen Erfahrungsraum Grenzgang waren: jede bisherige Erfahrung bis hin zum Grundlegendsten: Zeit, Raum und Kausalität auflösten, nichts mehr konnte so sein, wie es einmal jahrtausendelang gewesen war!
Was bleibt? Nach der totalen Demontage des Aussen, des Sichtbaren, der Faktizität, nur noch die Instanz der Erkenntnis, des Gewissens und der Kunst, der einzelne integre Mensch? Schon Kafka wußte, in einer Umkehrung des schlechten Künstlergewissens, dass nach all dem, was an Grauen und Schrecken in der „Realität“ geschehen ist, sich die Realität vor der Kunst und dem Geist zu rechtfertigen habe, und nicht diese vor ihren gefährlichen Wahn-Oberflächen, dass der Einzelne eine "ungeheure Welt im Kopfe" habe, dass auch das "Nichts" der Literatur, ihr unmögliches Unternehmen, ein "Ansturm gegen die letzte irdische Grenze" sei.
3
WER ABER VERTEIDIGT DIESE IRDISCHE GRENZE? WAS IST “NORMAL”, WAS IST “UNNORMAL”, gar geistig krank, wer bestimmt das, wer legt es fest? Die jeweilige Gesellschaft? Und steht dabei die Psychiatrie im Dienst als „Seelenpolizei“? Zu diesem Schluss musste ich nach dem Leben in einer Diktatur, der roten, ihrer „politischen Heilanstalten“, durch mein Wissen um die Psychiatrie der Nazis, der Ermordung „lebensunwerten Lebens“, die Ausgrenzung, Zwangseinweisungen, geschlossene Anstalten auch in der De-mokratie kommen. Grenzprobleme. Zensur, Ideologien, begleiteten mein Leben, im Osten die politische Zensur, im Westen die „ontologische Zensur“ und die Kunst und Literatur als „Narrenfreiheit“, die im kommerzialiserten Alltag, vor allem im Arbeitsleben nicht gilt. Ja, nicht einmal in der offiziellen Wissenschaft, wo Angst umgeht, vom Wissenschaftsbetrieb und der Universität als „Spinner“ oder auch nur als „Abweichler“ gebranntmarkt zu werden. Ja diese „Zensur“ gilt sogar in noch tieferen Bereichen, in Erkenntnis- und Seelenbereichen einer bestimmten historischen Zeit menschheitlicher Entwicklung, die der deutsche Physikerphilosoph Carl Friedrich von Weizsäcker als „kulturbedingte Blickbeschränkung“ benannte. Diese Zensur gilt zwar subtiler, doch wie eh und je auch heute. Zwar werden keine Ketzer mehr verbrannt, doch „Unnormale“ ausgegrenzt, zumindest diffamiert, notfalls in Heilanstalten „verwahrt“, auch wenn sie nicht wirklich krank sind.
Doch freilich, krank kann man in diesen Grenzbereichen schon werden, wenn Verdrängungen und durch Sozialisierung eingebaute „Filter“, die die Psyche auch schützen, durchbrochen werden. Und die jenem, der sie unter Schock überschreitet, unkontrolliert und unvorbereitet, tatsächlich gefährlich werden kann, Wie etwa in exzessiven meditativen Praktiken oder auch ihn großen Gefahrenmomenten und unter Leidensdruck wie es auch zwei der Gugginger Künstler der art brut-Patientenkunst in Stalingrad geschehen ist. Der sie aber gerade unter diesem öffnenden Schock krank und zugleich zu Künstlern gemacht hat, wie es ja bei sehr vielen auch „normalen“ oder sagen wir lieber: nicht psychiatrisierten Künstlern und Dichtern geschehen ist. Nennen wir nur Hölderlin, der freilich auch sein halbes Leben als Patient verbrachte.
Dass jetzt alle Beteiligten dieser Kriegsgeneration verstorben sind, dass auch die durch den Zweiten Weltkrieg (hier speziell: Stalingrad!) traumatisierte Generation nicht mehr da ist, stellt sich die Frage, ob diese mangelnde historische Schock-Erfahrung heute nicht dazu geführt hat, dass sich die Korrelation zwischen der Schwere des Traumas und der Stärke der Ausdruckskraft in den Gedichten / Bildern sehr verschoben hat. Nicht nur in der Patientenkunst! Und allgemein muss von einer Kunstabschaffung oder zu einer Kommerzialisierung der Kunst und Kultur und von einer Verarmung geredet werden.
Mich hat in jener anderen Zeit (es war 1974-1984) ein außerordentliches Buch in meinen kunstpsychiatrischen und auch parapsychologischen Recherchen, die die menschlichen Erfahrungs- und Erkenntnisgrenzen erforschten, begleitet. Das Buch „Psychiatrische Aspekte des Schöpferischen und schöpferische Aspekte der Psychiatrie“ (1975) stammt von Gaetano Benedetti, worin klar wird, dass jene „Blickbeschränkung“ überschritten werden muss, um durch Öffnung in gefähr-liche Berührungssphären des „Unnormalen“ „Utopischen“ „Abgründigen“ eben „gesundheitsgefährdend“ Kunst oder Dichtung entsteht. Schon Rilkes „Brief an einen jungen Dichter“ spricht vom Mut, sich diesen Sphären zu nähern: „Das ist im Grund genommen der einzige Mut, den man von uns verlangt: mutig zu sein zu dem Seltsamsten, Wunderlichsten und Unaufgeklärtesten, das uns begegnen kann. Dass die Menschen in diesem Sinne feige waren, hat dem Leben unendli-chen Schaden getan: die Erlebnisse, die man ´Erscheinungen` nennt, die ganze so genannte `Geisterwelt`, der Tod, alle diese uns so anverwandten Dinge, sind durch die tägliche Abwehr aus dem Leben so sehr hinausgedrängt worden, dass die Sinne, mit denen wir sie fassen können, verkümmert sind. Von Gott gar nicht zu reden“.
Für den Umgang mit dieser gefährlichen Grenze hat die Literaturwissenschaft, ähnlich wie die Psychiatrie, besondere Methoden und Techniken entwickelt, um etwa das „Übernatürliche“, das wesentlich für weite Teile der Weltliteratur ist, abzuschieben.
So gehört eigentlich meine Beschäftigung mit Künstler-Patienten zur Erforschung der eignen Schaffensbedingungen als Autor und Dichter, etwa die Frage: Welche Unfähigkeit machte heute die Ideologie der Gesundheit möglich? Und welches ist eigentlich die Krankheit der Gesunden? Und so auch die Begegnung mit schreibenden und malenden Patienten etwa im österreichischen Landeskrankenaus für Psychiatrie, die heute mit ihrer „zustandsbestimmten Kunst“ inzwischen zur „Art Brut“ gehört. Damals, es war das Jahr 1976, begegnete ich den Patientenkünstlern in offener und neugieriger Solidarität als Kollege. Und so wurde ich vom Dichter Alexander (Ernst Herbeck) auch gefragt:
R: Waren Sie schon einmal Patient?
D. Nein, noch nicht. Noch nicht…
R. Waren Sie schon einmal Patient?
D. Ja, eine Zeitlang, fürchtete ich, es zu sein…
In den Jahren 1974 und bis etwa 1984, zehn Jahre also, hatte ich mich Problemen des Grenzbewusstsein zugewandt. Am schmerzhaftesten und zu einer unerträglichen Nähe, die zu Albträumen führte, war die Beschäftigung mit der Seelenpolizei Psychiatrie, und mit den eingesperrten Patienten, den langen Besuchen in den Heilanstalten von Gugging/ Klosterneuburg, Lausanne, Florenz, Überlingen. Ich versuchte damals über das Radio, über Stunden und Anderthalbstunden-Sendungen mit meinen Recherchen zu wirken. Im Süddeutschen Rundfunk Stuttgart erschienen mehrere Sendungen, so „Reise zum Wahnsinn“ (1977), „Corboror Iscrix., Kunst der Wahnsinnigen und die Gesellschaft,“ SFB/WDR/ NDR, 1977, im Westdeutschen Rundfunk dann „Der Umstand selbst ist dieses Lied“ (1980), wo die Patienten selbst zu Wort kamen, vor allem aber in einem groß angelegten Hörspiel „Königin, die Welt ist narr“ im dreidimensionalen Hörraum, das von drei großen Sendeanstalten ausgestrahlt wurde und eine intensive Diskussion auslöste.
Und dann auch: „Weit zu gehen, nie mehr wiederzukehren. Zeit und Wahnsinn im Leben des italienischen Dichters Dino Campana (1885-1932)“, Hessischer Rundfunk 6.12.1983.
Doch die Grundlage für alle diese Untersuchungen hatte ich durch ein Buch gelegt, dem lange Aufenthalte in der geöffneten Heilanstalt von Arezzo vorangegangen waren („Sozialisation der Ausgeschlossenen. Praxis einer neuen Psychiatrie “ zusammen mit Agostino Pirella, Rowohlt 1975), das in Deutschland damals eine Pionierrolle gespielt hat, und zur Veränderung der Zustände in den Heilanstalten und bei der Entwicklung einer „Gemeindepsychiatrie“ mit beigetragen hat. Es war damals eine fruchtbare, bewusstseinsverändernde und hoffnungs-volle Zeit auch für Utopien, ein Nachlang von 1968, wo in Italien die „ Psichiatria Democratica“ , initiert von Franco Basaglia in Görz, zu einem Gesetz (dem berühmten „lege 180“) geführt hatte, die Heilanstalten geöffnet wurden. Die „Psichiatria Democratica“ gibt es heute noch, und sie hält jährlich Kongresse ab, gibt eine Zeitschrift heraus, wirkt durch ambulante Dienste, Patientenhäuser etc. Allerdings hat das Öffnen der Heilanstalten, die Tendenz, Patienten nicht mehr zu isolieren, sie auch in den Krankenhäusern und in den Familien mit den Gesunden zusammenleben zu lassen, sich nicht durchsetzen können.
Doch es ist nicht nur die Unmöglichkeit dieser Forderung oder das generelle Scheitern der Antipsychiatrie und jeder Achtundsechziger Initiative, es gibt generell eine Gegenbewegung seit 1991, seit dem Ende der der Weltteilung, und einer einzigen, ungehemmt wirkenden Kapitalwelt, die jede „Utopie“, jede Dissidenz gegen das Bestehende leugnet.
Und was unser Thema betrifft: ist eine Umkehr ins Reaktionäre einer statischen, rein biologieorientierten Psychiatrie heute eingetreten, die nicht weit von den finsteren Zeiten des Elektroschocks (er wird wieder angewandt!) und Lobotomie denken lässt. Wie in allen Kulturbereichen ist auch die Anstaltspsychiatrie einer gesellschaftlich und geistig entwicklungs- und substanzbestimmten, menschlicher Autonomie und Freiheit abgeneigt, betreibt Anpassungsstrategie. an eine angeblich „von Natur“ gegebene hirn- oder erbbedingte Krankheit. Auch in Gugging gibt es jetzt nur noch eine „Sozialhilfeeinrichtung „Haus der Künstler“, die soll ausschließlich „Therapiezwecken“ dienen. Und es wird betont, dass es heute kein "kunstpsychiatrischer" Ansatz mehr sei, sondern nur noch eine Form der Sozialtherapie. Soll nun etwa al-les rückgängig gemacht werden, was die Patienten eben durch Grenzüberschreitung des Gewohnten, auch im Verhalten, im Denken und der Phantasie an KUNST, der Art Brut, geleistet haben? Die Beschäf-tigung mit dem bildnerischen Ausdruck psychiatrisierter Patienten, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich mit Marcel Réja (L'Art chez les fous, 1907) begann, in der Schweiz von Walter Morgenthaler (Ein Geisteskranker als Künstler (Adolf Wölfli), 1921), dann von Hans Prinzhorn (Bildnerei der Geisteskranken, 1922) fortgeführt wurde, haben zur Anerkennung der „Zustandsgebundenen Kunst“ und ihrer Künstler beigetragen. Nach dem Zweiten Weltkrieg dann der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler und der österreichische Psychiater Leo Navratil. Navratil. Dieser hat mit den zur Art Brut zählenden Künstlern Alexander, Johann Hauser, Oswald Tschirtner, August Walla und anderen Künstler aus Gugging die Patientenkunst wieder bekannt gemacht, die die europäische Kunststile außerordentlich bereichert.
Diese Abwertung heute der Patientenkunst ist auch eine Zurücknahme der Antipsychitrie-Erfolge von 68 und bis in die achtziger Jahre.
Eines muss man freilich sehen: Es mag sein, dass auch die Psichiatria Democratica übers Ziel hinausgeschossen ist, indem sie nur auf „Rückführung“ aus der Isolation in die Familie und Gesellschaft setzte, Nosologie und Pharmakatherapie ganz negierte, so wie jetzt eine totale Gegenbewegung hinein in den von den Linken geläugneten Bereich passiert. Doch wir konnten mit eignen Augen sehen, wie eine große Zahl der bisher gefangen gehaltenen Patienten, frei in die Gesellschaft zurückgekommen, nach kurzer Zeit gesund wurde. Und be-eindruckend etwa war das Schicksal und die Heilung einer dreiund-neunzigjährigen Patientin, Adalgisa Conti, über die wir ein Buch herausgegeben haben („Im Irrenhaus“, Neue Kritik, 1979), die seit 1914 in der Heilanstalt dahinvegetiert hatte, alle Furchtbarkeiten mitmachen musste, zum Teil jahrelang an einen Tisch gefesselt, für „immer“ bei den sogenannten „Chronischen“ stumm im eignen Kot hockte, und dann wie Adalgisa durch ihre Freiheit wieder „nomal“ wurde. Ihr Ehemann hatte sie 1914 einweisen lassen, um ungestört mit seiner Geliebten zu leben. „Fünf Jahre Ehe – 65 Jahre Heilanstalt“ hieß meine Sendung über Adalgisa Conti im Süddeutschen Rundfunk 1979. Nicht nur die „Psichiatria Democratica“, sondern die gesamte Anti-psychiatrie“ (David Cooper ,Ronald D. Laing, Thomas Szasz ,Franco Basaglia, Erving Goffman Félix Guattari, Gilles Deleuze) hat darauf eingewirkt, dass heute das Bewusstsein für die Stigmatisierung psychisch kranker Menschen geschärft worden ist., es einen kritischeren Umgang mit Nosologie und Terminologie gibt, eine. starke Verkür-zung der Verweildauer und genauere Kontrolle der so genannten Zwangseinweisungen und Zwangsanhaltungen erreicht wurde. Die 1991 von der UN-Generalversammlung angenommenen Prinzipien für den Schutz von Patienten, ist ebenfalls ein Erfolg der radikalen Antipsychiatrie-Bewegung.
„Ontologische Zensur“? Ja, so würde ich die Zensur in unserem „Lebenssystem“ nennen; sie ist viel subtiler und tiefer reichend als die platte politische Zensur, sie reicht tief in die Psyche, und gehört in den Bereich der „Seelenpolizei“ und der Alltagsintoleranz („Spinner“). Oder auch in die Angst der Medien, dass sich jemand an die Stirn tippen könnte bei einer Veröffentlichung.
Noch zu Kants Zeiten gab es eine Brücke zwischen Weltzeit und Lebenszeit durch die Selbstverständlichkeit, mit der von einer wirklich existierenden Transzendenz und einem Überleben des Todes ausgegangen wurde; es gab diese Selbstverständlichkeit in allen Geschichtsepochen. Erst seit dem Zeitalter der Moderne gibt es den radikalen Bruch zwischen Lebens- und Weltzeit. Gott ist tot, oder Gott ist der Tod (Hegel), und damit auch Kants „Höchstes Gut“ gestorben?
Nicht nur der französische Philosoph Louis Althusser, die besten Köpfe im Westen, wie Foucault oder Derrida, George Steiner, Paul Virilio oder am genauesten vielleicht Jürgen Habermas in seiner schon 1984 erschienenen Untersuchung „Die Krise des Wohlfahrtsstaates und die Erschöpfung der utopischen Energien“, haben auf das Scheitern der Moderne und ihres Fortschrittsgedankens seit 1789 hingewiesen; und diese Skepsis gab es schon in der „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno. Was neu ist und bei Althusser bis in den Wahnsinn hinein durchlebt wird, spricht auch Habermas aus, dass nämlich „die Erschöpfung utopischer Energien nicht nur eine der vorübergehenden kulturpessimistischen Stimmungslagen anzeigt, sondern tiefer greift. Sie könnte eine Veränderung des modernen Zeitbewusstseins überhaupt anzeigen.“ Dass sich nämlich die „Struktur des Zeitgeistes und der Aggregatzustand der Politik“ radikal verändern, dass wie vor 200 Jahren „die Paradieseshoffnungen mit der Verzeitlichung der Utopien ins Diesseits eingewandert sind“, so würden heute „die utopischen Erwartungen ihren säkularen Charakter verlieren“ und möglicherweise wieder transzendenten, grenzüberschreitenden Charakter annehmen, wie Habermas vermutet, um diese These dann sogleich zurückzunehmen, als habe er Selbstverrat geübt.
Wird hier ein Irrlauf wieder gut gemacht, dieses ruinöse postneoliberale Projekt wenigstens im Denken zurückgenommen? Inzwischen hat es sich sogar ökonomisch zurückgenommen, es ist eindeutig gescheitert! Aber mit welchen Kräften, die nicht nur vom Menschen gemacht sind, die er aber provoziert hat, müssen wir rechnen? Ein neues, sehr aufschlussreiches Buch dazu vom deutschen Soziologen Hartmut Rosa liefert dazu viel Material und tiefe Analysen, be-schreibt, wie die Irritation des ganz persönlichen Zeitempfindens in Stress und Zeitnot anzeigt, dass dieser Irrlauf sich umkehrt, die Unmöglichkeit, dass unser Biotop diese tödliche Beschleunigungsdynamik aushalten kann, macht eine radikale Veränderung notwendig.
Rosa zeigt, wie diese neue Chronokratie mit dem Tod zusammenhängt, da seit der Neuzeit, aus der der Überlebensglaube des Todes langsam und einmalig in der Geschichte total verschwand, Weltzeit und Lebenszeit enorm auseinanderklaffen, es angeblich nachgewiesener Weise, kein Überleben des Todes mehr gibt. Nur noch Ersatz dafür: Hetze, Zeitnot durch Zeitbeschleunigung eintritt, weil die kurze Lebenszeit „ausgefüllt“ werden muss, und als einzige Chance, tausend parallele, verdichtete, reisende, fernsehende, erotische, seinsbesitzende, geldgierige, genussintensive quantitative Leben geführt und bewältigt werden müssen, anstatt eines ruhigen, das seine angelegte Wachstumsmöglichkeit und Entelechie reifen lässt. Nein, gelebtes Leben wird verdeckt durch das Chaos der schnellen Angebote, in einem kollektiven Wahnsinnsdynamismus durch technische Möglichkeiten und kapitalistische hochrhythmisierte, weltzerstörerisch wach-sende und sich potenzierende Wirtschaft, die nicht die Ursache, sondern das Instrument des beschleunigten Glücksversprechens der Menschheit ist, technische Möglichkeiten, die die verlorene „Ewigkeit“ kompensieren und ersetzen sollen. Nun schon als Masseninfektion bis zu den Milliarden-Weltpopulationen von China und Indien. So wird das kurze Leben nicht genützt, sondern mit Oberflächen vertan! Denn Hyperbeschleunigung und angebliches „Auskosten“ der kurzen Lebenszeit überwinden den Tod nicht, sondern führen ihn eigentlich schon als ungelebtes Leben in jeden Augenblick als Hast und Hetze eines Sklaven- und Scheinlebens ein! Es ist der reine Betrug mit verheerenden seelischen und Lebens-Konsequenzen für den Einzelnen!
Und man könnte sich vorstellen, dass dieses hyperbeschleunigte Lebenssystem, das uns das Leben frisst, in dem Moment fallen müsste, wo klar wird, dass seine Basis, der Glaube ans totale Diesseitsparadies, vor allem, dass ein Überleben des Todes nicht zur Natur und zu unserer Natur gehört, zusammenbrechen müsste. Aber wie nach einem vertrackten Gesetz des Gegenteils wird genau durch diese Beschleunigung das Ende und der Sprung in eine neue (oder die alte) Qualität der Transzendenz wieder hervorgezaubert, durch natürliche Umkehr befördert. Rosa nennt dieses im Tempodrom ausgelöschte Leben ein „Sisyphusunternehmen“, das auch scheitern muss, weil durch Erfindungen, Techniken, Methoden, die die gesteigerten Lebens-Optionen und Weltmöglichkeiten erzeugen, auch deren Optionen ins Ungemessene, also durch menschliche Möglichkeiten ins Unerfüllbare wach-sen; wer kann sie noch „ausleben“ und „benützen“, schon die beschleunigende Konsumgewohnheit des TV-“Zappings“ zeigt´s im Banalen an, zeigt den Wahnsinn, überall im Schnellen dabei sein zu wollen. Die Brücke, also Lebenszeit und Weltzeit zu synchronisieren scheitert immer deutlicher, und der Wettlauf hat erst so richtig begonnen.
Doch damit nicht genug: Ein noch viel wichtigerer Aspekt der Beschleunigungs-Technik zwingt diesen nur fürs Kapital profitablen Versuch, den Tod mit irdischer Beschleunigung zu überwinden, dass mit dieser Supertechnik eine Welt hergestellt wird, die sich selber aufhebt und die Wahrheit an den Tag bringt, die Realität der Transzendenz immer näher bringt.
Wird also gerade mit diesen Instrumenten nun aufgedeckt, dass es zwischen Weltzeit und Lebenszeit doch eine Brücke gibt, ja, diese zusammengehören, wenn Welt Geist (Information) ist, der nicht als Geist erscheint, materielle Dinge, denen alle nachrennen, um angeblich ein „erfülltes Leben“ zu haben, diese Dinge wie schon längst in den traditionellen Gesellschaften bekannt, nur die Oberfläche sind!?
Denn es zeigt sich ja gerade durch diese Beschleunigung ins Unmessbare und Überlichtgeschwinde, des mit den erfundenen Techniken herbeigeführte An-eine-Grenze-Gekommen-Seins nun in anderen Tiefen und immer deutlicheren Gewissheiten, dass wir an einer Zeitgrenze angekommen sind, die Zeit auslöscht, wie es auch bei Steiner oder Virilio anklingt, und wie es vor allem die moderne Quantenphysik und ihre längst im Hintergrund der Geschichte wirkende im-materielle Licht-Realität anzeigt. Es lässt sich nicht mehr leugnen, dass jetzt schon dieses heute geführte Konsumdasein, aber auch alte Theorie, Alltagsdenken und Politik hinterherhinken, dass das Unsichtbare heute mehr denn je die neue Hirnsyntax der Geschichte ist. Nicht nur die Tatsache der Vernichtung ist da, sondern damit verbunden ein radikaler Bruch mit der Körperwelt. Der Kern der Welt kommt zum Vorschein, seine Immaterialisierung ist in vollem Gang. Wenn nicht alles täuscht, steht eben gerade durch die enorme Bescheunigung seit einiger Zeit schon ein Paradigmenwechsel an. Unser Weltentwurf scheint gerade durch enorme technische Möglichkeiten Zeit und Raum und das Sichtbare aufzuheben, an eine Grenze gekommen zu sein, wo es auf gewohnte begriffliche oder anschauliche und sinnliche Weise der Welt, die auch das Kapital reproduziert und Grundlage seiner Produktion ist, es so nicht mehr weiter geht. „Die Wissenschaft führt an eine Schwelle von Erfahrung, die sich der Meditation, aber nicht der Reflexion erschließt“, heißt es schon bei Carl Friedrich von Weizsäcker, „dies ist vernünftig. Das begriffliche Denken kann einsehen, dass es den Grund seiner Möglichkeit nicht begrifflich bezeichnen kann.“ Wenn hier also die Grenze unseres bisherigen Weltentwurfs ist, wie soll es dann weitergehen? Auf die gleiche Weise, wie Quantentheorie, Elementarteilchenphysik und Relativitätstheorie das vorherige, das Newtonsche Weltbild, damit das Kausalitätsgesetz, die bisherige Vorstellung von Raum und Zeit in Frage gestellt haben, müssten nun heute geltende „Naturkonstanten“, die wichtigsten sind die „Lichtgeschwindigkeit“ und die Heisenbergsche „Unschärferelation“, die die Möglichkeit des Forschers einschränken, überschritten werden. Dieses wäre - auch nach Ansicht von Experten der Ansatz für den nächsten Weltentwurf: „Die Verbote der Überlichtgeschwindigkeit und der überreinen Fälle (Heisenbergs Formeln) fordern aber... den Forscher geradezu auf, nach den verbotenen Vor-gängen zu suchen“. Tatsächlich ist schon jetzt der Wissenschaftsentwurf bei der Überlichtgeschwindigkeit angekommen, denn die Überschreitung der Lichtgeschwindigkeit ist in dem uns bekannten Bereich der Welt nur mentalen Prozessen möglich. Und diese Prozesse sind es heute, die mit einer durchschlagenden Evidenz Geschichte machen: Denken wird objektiv, lernt sich als mathematische Struktur selbst denken, erfährt sich als Ort, wo Naturgesetze offenbar werden, wird praktisch und beherrscht im Gerät die Natur und die Gesellschaft. Die Tatsache, dass es gelingt, durch mathematische Strukturen so weit vorzudringen, z.B. „Materie“ als „integrale Differentialrechnung in einem vierdimensionalen Raum“ zu fassen (nach Planck), in geistige Prozesse aufzulösen, zeigt deutlich, dass der Mensch und sein Wissen in eine andere, als in die Körperwelt gehören.
Doch diese Selbstverständlichkeit auch eines Überlebens und einer Rückkehr in jene im Denken schon von Platon entdeckte Geister- und Geisteswelt, aus der der Mensch gekommen ist, wie sich Geburt und Tod in einem Zirkel schließen, dass eben Zeit zyklisch, nicht linear ist, wie es alle traditionellen Gesellschaften wussten und auch lebten, konnte die Moderne und das Geldsystem aus dem Bewusstsein vieler Menschen nicht löschen; ähnlich wie auch in der roten oder der braunen Zeit hat das „Alte“ in besonderen Nischen überlebt.
Und seltsamerweise ist es der weniger „angekränkelte“ Teil der Menschheit, der durch Naturnähe und Nähe zu den Quellen des Lebens findet. Sogar bei Jünger finde ich: Es gehe um „jenen Glauben, dessen wir im Innersten bedürfen - nämlich mit der Welt verschworen zu sein.“ Dass wir der Unsicherheit und dem Chaos der „Zeit“ Herr werden, also uns bewusst sind, dass die „Zeit“ Verwirrung in der Täuschung ist, eine Falle. Wie Negativität und Misstrauen auch. Die zur Hetze und zum Nichtleben führt und uns zu Untoten macht, zu lebenden (vor allem männlichen) Leichen!
2
Es ist schwierig, diesen Widerspruch in ein paar Worten zu beschreiben, nämlich den Abgrund zwischen dem, was das Denken und das Handeln - bis hin zu den Politikern, Managern und Universitäten - heute bestimmt, eine sichtbare, körperliche Welt, und den Dimensionen, auf die unsere gesamte Umwelt aufgebaut ist, nämlich eine Welt aus Geist, die nicht als Geist erscheint, zu analysieren, auch nur eine Sprache, Begriffe für etwas begrifflich letztlich nicht Fassbares zu finden; etwas, das etwa die Quanten-Logik vorgedacht hatte, etwas, das auch im historischen Bereich durch Gulag, KZ, Hiroshima und heute als ökologische, dann als Krankheits- und Hunger- Katastrophe, als Schock ins Leben der Menschheit getreten ist, zu begreifen schwierig, weil heute, im Gegensatz zu den Diktaturen, wo die Scheinwelt „klar“ und deutlich und einsehbar war, heute verhüllt und unerkennbar und völlig undeutlich verwischt in einem pseudodemokratischen Nebel liegt, wo Information vor allem Desinformation ist, und das Verschweigen und Verheimlichen von Tatsachen zum alltäglichen Grundgeschäft des Systems gehört!
Vielleicht gilt heute keine politische, sondern eine generelle, eine „ontologische Zensur“ und ein ganz anderer, kaum fassbarer Grenzgang, an dem freilich die Politik und die vielleicht schrecklich „naiven“ und unwissenden Machtstrukturen verheerend und tödlich schmarotzen. Möglicherweise ist es das erdvernichtende tödliche Nichtwissen von geistig-informativen (und bis zur Informatik und Genforschung reichenden Wissensmöglichkeiten, ja, das naive Arbeiten mit diesen Zaubermitteln der Zivilisation zu Sozial- und Kriegstechnik und Desinformation, die jedes Konzept von Politik und Widerstand auch auflöst und eine Lähmung im Wohlleben erzeugt, anstatt dass zumindest die Wissenden und Intellektuellen wie im Katze-Schlange-Verhältnis entsetzt in den Abgrund entsetzt in den Abgrund starren! Überlegen wir mal die Tatsachen: Das, was uns heute umgibt, ist ja eine völlig andere, immaterielle Welt an einer unvorstellbaren Grenze (wieder die „Grenze!“) zu einem neuen Weltmuster und Paradigma. Denken wir nur an unsere "elektronischen Haustiere“, Computer, Radio, Fernsehen usw. Sie beruhen auf Formeln, die einmal "Einfälle", Intuitionen von genialen Menschen waren, es sind ähnliche "Gedankenblitze" wie in der Kunst, aus einem großen kosmischen Informationssystem, das alles bestimmt. Das Nicht-Materielle, das "Geistige" bestimmt heute mehr denn je alles, was geschieht, mentale Prozesse machen mit einer durchschlagenden Evidenz Geschichte, Denken wird "objektiv", lernt sich als mathematische Struktur selbst denken, erfährt sich als Ort, wo Naturgesetze offenbar werden, wird praktisch, beherrscht im Gerät die Natur und Gesellschaft. Völlig im Gegensatz dazu beherrscht der krasseste Materialismus die Köpfe und das Handeln. Die Menschen der Gegenwart bewegen sich und handeln in dieser neuen immateriellen Umgebung weiter so, als wäre es immer noch die alte Körperwelt.
Schlimmer noch, wenn wir zum Thema zurückkehren, und also konkret werden: Im Historischen zeigte es sich als Katastrophe und Untergangsgefahr der alten Körperwelt: Und im Prinzip gehe ich davon aus, bin auch davon überzeugt, dass sich schon 1901 eine radikale Wende angekündigt hat, der Beginn der neuen Wissenschaft, die Quantentheorie, 1905 dann Einsteins grundlegende Theorie. Es war die Zeit als meine Grosseltern heirateten; dann kam bald Verdun -, ohne Technik, also Wissenschaft völlig ausgeschlossen! Alles weitere eben auch nur durch Technik möglich: Im Gefolge des Krieges und seiner Kombination mit Armut: Stalin, dann Hitler (der die Armut besser aufzuheben verstand durch Krieg! Und Rüstung! Also „besser“ als Stalin war!), schließlich die zweite große Katastrophe mit Stalingrad, und dem Höhepunkt der Zivilisations- und Geschichtszerstörung: Auschwitz, Hiroshima (Atombombe als der Höhepunkt des eben Geschilderten!), die im Historischen einen radikalen Bruch auch in die Geschichte brachten, das im Undenkbaren und Unvorstellbaren sichtbar gewordene Jahr 1901 und 1905, die auch im menschlichen Erfahrungsraum Grenzgang waren: jede bisherige Erfahrung bis hin zum Grundlegendsten: Zeit, Raum und Kausalität auflösten, nichts mehr konnte so sein, wie es einmal jahrtausendelang gewesen war!
Was bleibt? Nach der totalen Demontage des Aussen, des Sichtbaren, der Faktizität, nur noch die Instanz der Erkenntnis, des Gewissens und der Kunst, der einzelne integre Mensch? Schon Kafka wußte, in einer Umkehrung des schlechten Künstlergewissens, dass nach all dem, was an Grauen und Schrecken in der „Realität“ geschehen ist, sich die Realität vor der Kunst und dem Geist zu rechtfertigen habe, und nicht diese vor ihren gefährlichen Wahn-Oberflächen, dass der Einzelne eine "ungeheure Welt im Kopfe" habe, dass auch das "Nichts" der Literatur, ihr unmögliches Unternehmen, ein "Ansturm gegen die letzte irdische Grenze" sei.
3
WER ABER VERTEIDIGT DIESE IRDISCHE GRENZE? WAS IST “NORMAL”, WAS IST “UNNORMAL”, gar geistig krank, wer bestimmt das, wer legt es fest? Die jeweilige Gesellschaft? Und steht dabei die Psychiatrie im Dienst als „Seelenpolizei“? Zu diesem Schluss musste ich nach dem Leben in einer Diktatur, der roten, ihrer „politischen Heilanstalten“, durch mein Wissen um die Psychiatrie der Nazis, der Ermordung „lebensunwerten Lebens“, die Ausgrenzung, Zwangseinweisungen, geschlossene Anstalten auch in der De-mokratie kommen. Grenzprobleme. Zensur, Ideologien, begleiteten mein Leben, im Osten die politische Zensur, im Westen die „ontologische Zensur“ und die Kunst und Literatur als „Narrenfreiheit“, die im kommerzialiserten Alltag, vor allem im Arbeitsleben nicht gilt. Ja, nicht einmal in der offiziellen Wissenschaft, wo Angst umgeht, vom Wissenschaftsbetrieb und der Universität als „Spinner“ oder auch nur als „Abweichler“ gebranntmarkt zu werden. Ja diese „Zensur“ gilt sogar in noch tieferen Bereichen, in Erkenntnis- und Seelenbereichen einer bestimmten historischen Zeit menschheitlicher Entwicklung, die der deutsche Physikerphilosoph Carl Friedrich von Weizsäcker als „kulturbedingte Blickbeschränkung“ benannte. Diese Zensur gilt zwar subtiler, doch wie eh und je auch heute. Zwar werden keine Ketzer mehr verbrannt, doch „Unnormale“ ausgegrenzt, zumindest diffamiert, notfalls in Heilanstalten „verwahrt“, auch wenn sie nicht wirklich krank sind.
Doch freilich, krank kann man in diesen Grenzbereichen schon werden, wenn Verdrängungen und durch Sozialisierung eingebaute „Filter“, die die Psyche auch schützen, durchbrochen werden. Und die jenem, der sie unter Schock überschreitet, unkontrolliert und unvorbereitet, tatsächlich gefährlich werden kann, Wie etwa in exzessiven meditativen Praktiken oder auch ihn großen Gefahrenmomenten und unter Leidensdruck wie es auch zwei der Gugginger Künstler der art brut-Patientenkunst in Stalingrad geschehen ist. Der sie aber gerade unter diesem öffnenden Schock krank und zugleich zu Künstlern gemacht hat, wie es ja bei sehr vielen auch „normalen“ oder sagen wir lieber: nicht psychiatrisierten Künstlern und Dichtern geschehen ist. Nennen wir nur Hölderlin, der freilich auch sein halbes Leben als Patient verbrachte.
Dass jetzt alle Beteiligten dieser Kriegsgeneration verstorben sind, dass auch die durch den Zweiten Weltkrieg (hier speziell: Stalingrad!) traumatisierte Generation nicht mehr da ist, stellt sich die Frage, ob diese mangelnde historische Schock-Erfahrung heute nicht dazu geführt hat, dass sich die Korrelation zwischen der Schwere des Traumas und der Stärke der Ausdruckskraft in den Gedichten / Bildern sehr verschoben hat. Nicht nur in der Patientenkunst! Und allgemein muss von einer Kunstabschaffung oder zu einer Kommerzialisierung der Kunst und Kultur und von einer Verarmung geredet werden.
Mich hat in jener anderen Zeit (es war 1974-1984) ein außerordentliches Buch in meinen kunstpsychiatrischen und auch parapsychologischen Recherchen, die die menschlichen Erfahrungs- und Erkenntnisgrenzen erforschten, begleitet. Das Buch „Psychiatrische Aspekte des Schöpferischen und schöpferische Aspekte der Psychiatrie“ (1975) stammt von Gaetano Benedetti, worin klar wird, dass jene „Blickbeschränkung“ überschritten werden muss, um durch Öffnung in gefähr-liche Berührungssphären des „Unnormalen“ „Utopischen“ „Abgründigen“ eben „gesundheitsgefährdend“ Kunst oder Dichtung entsteht. Schon Rilkes „Brief an einen jungen Dichter“ spricht vom Mut, sich diesen Sphären zu nähern: „Das ist im Grund genommen der einzige Mut, den man von uns verlangt: mutig zu sein zu dem Seltsamsten, Wunderlichsten und Unaufgeklärtesten, das uns begegnen kann. Dass die Menschen in diesem Sinne feige waren, hat dem Leben unendli-chen Schaden getan: die Erlebnisse, die man ´Erscheinungen` nennt, die ganze so genannte `Geisterwelt`, der Tod, alle diese uns so anverwandten Dinge, sind durch die tägliche Abwehr aus dem Leben so sehr hinausgedrängt worden, dass die Sinne, mit denen wir sie fassen können, verkümmert sind. Von Gott gar nicht zu reden“.
Für den Umgang mit dieser gefährlichen Grenze hat die Literaturwissenschaft, ähnlich wie die Psychiatrie, besondere Methoden und Techniken entwickelt, um etwa das „Übernatürliche“, das wesentlich für weite Teile der Weltliteratur ist, abzuschieben.
So gehört eigentlich meine Beschäftigung mit Künstler-Patienten zur Erforschung der eignen Schaffensbedingungen als Autor und Dichter, etwa die Frage: Welche Unfähigkeit machte heute die Ideologie der Gesundheit möglich? Und welches ist eigentlich die Krankheit der Gesunden? Und so auch die Begegnung mit schreibenden und malenden Patienten etwa im österreichischen Landeskrankenaus für Psychiatrie, die heute mit ihrer „zustandsbestimmten Kunst“ inzwischen zur „Art Brut“ gehört. Damals, es war das Jahr 1976, begegnete ich den Patientenkünstlern in offener und neugieriger Solidarität als Kollege. Und so wurde ich vom Dichter Alexander (Ernst Herbeck) auch gefragt:
R: Waren Sie schon einmal Patient?
D. Nein, noch nicht. Noch nicht…
R. Waren Sie schon einmal Patient?
D. Ja, eine Zeitlang, fürchtete ich, es zu sein…
In den Jahren 1974 und bis etwa 1984, zehn Jahre also, hatte ich mich Problemen des Grenzbewusstsein zugewandt. Am schmerzhaftesten und zu einer unerträglichen Nähe, die zu Albträumen führte, war die Beschäftigung mit der Seelenpolizei Psychiatrie, und mit den eingesperrten Patienten, den langen Besuchen in den Heilanstalten von Gugging/ Klosterneuburg, Lausanne, Florenz, Überlingen. Ich versuchte damals über das Radio, über Stunden und Anderthalbstunden-Sendungen mit meinen Recherchen zu wirken. Im Süddeutschen Rundfunk Stuttgart erschienen mehrere Sendungen, so „Reise zum Wahnsinn“ (1977), „Corboror Iscrix., Kunst der Wahnsinnigen und die Gesellschaft,“ SFB/WDR/ NDR, 1977, im Westdeutschen Rundfunk dann „Der Umstand selbst ist dieses Lied“ (1980), wo die Patienten selbst zu Wort kamen, vor allem aber in einem groß angelegten Hörspiel „Königin, die Welt ist narr“ im dreidimensionalen Hörraum, das von drei großen Sendeanstalten ausgestrahlt wurde und eine intensive Diskussion auslöste.
Und dann auch: „Weit zu gehen, nie mehr wiederzukehren. Zeit und Wahnsinn im Leben des italienischen Dichters Dino Campana (1885-1932)“, Hessischer Rundfunk 6.12.1983.
Doch die Grundlage für alle diese Untersuchungen hatte ich durch ein Buch gelegt, dem lange Aufenthalte in der geöffneten Heilanstalt von Arezzo vorangegangen waren („Sozialisation der Ausgeschlossenen. Praxis einer neuen Psychiatrie “ zusammen mit Agostino Pirella, Rowohlt 1975), das in Deutschland damals eine Pionierrolle gespielt hat, und zur Veränderung der Zustände in den Heilanstalten und bei der Entwicklung einer „Gemeindepsychiatrie“ mit beigetragen hat. Es war damals eine fruchtbare, bewusstseinsverändernde und hoffnungs-volle Zeit auch für Utopien, ein Nachlang von 1968, wo in Italien die „ Psichiatria Democratica“ , initiert von Franco Basaglia in Görz, zu einem Gesetz (dem berühmten „lege 180“) geführt hatte, die Heilanstalten geöffnet wurden. Die „Psichiatria Democratica“ gibt es heute noch, und sie hält jährlich Kongresse ab, gibt eine Zeitschrift heraus, wirkt durch ambulante Dienste, Patientenhäuser etc. Allerdings hat das Öffnen der Heilanstalten, die Tendenz, Patienten nicht mehr zu isolieren, sie auch in den Krankenhäusern und in den Familien mit den Gesunden zusammenleben zu lassen, sich nicht durchsetzen können.
Doch es ist nicht nur die Unmöglichkeit dieser Forderung oder das generelle Scheitern der Antipsychiatrie und jeder Achtundsechziger Initiative, es gibt generell eine Gegenbewegung seit 1991, seit dem Ende der der Weltteilung, und einer einzigen, ungehemmt wirkenden Kapitalwelt, die jede „Utopie“, jede Dissidenz gegen das Bestehende leugnet.
Und was unser Thema betrifft: ist eine Umkehr ins Reaktionäre einer statischen, rein biologieorientierten Psychiatrie heute eingetreten, die nicht weit von den finsteren Zeiten des Elektroschocks (er wird wieder angewandt!) und Lobotomie denken lässt. Wie in allen Kulturbereichen ist auch die Anstaltspsychiatrie einer gesellschaftlich und geistig entwicklungs- und substanzbestimmten, menschlicher Autonomie und Freiheit abgeneigt, betreibt Anpassungsstrategie. an eine angeblich „von Natur“ gegebene hirn- oder erbbedingte Krankheit. Auch in Gugging gibt es jetzt nur noch eine „Sozialhilfeeinrichtung „Haus der Künstler“, die soll ausschließlich „Therapiezwecken“ dienen. Und es wird betont, dass es heute kein "kunstpsychiatrischer" Ansatz mehr sei, sondern nur noch eine Form der Sozialtherapie. Soll nun etwa al-les rückgängig gemacht werden, was die Patienten eben durch Grenzüberschreitung des Gewohnten, auch im Verhalten, im Denken und der Phantasie an KUNST, der Art Brut, geleistet haben? Die Beschäf-tigung mit dem bildnerischen Ausdruck psychiatrisierter Patienten, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich mit Marcel Réja (L'Art chez les fous, 1907) begann, in der Schweiz von Walter Morgenthaler (Ein Geisteskranker als Künstler (Adolf Wölfli), 1921), dann von Hans Prinzhorn (Bildnerei der Geisteskranken, 1922) fortgeführt wurde, haben zur Anerkennung der „Zustandsgebundenen Kunst“ und ihrer Künstler beigetragen. Nach dem Zweiten Weltkrieg dann der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler und der österreichische Psychiater Leo Navratil. Navratil. Dieser hat mit den zur Art Brut zählenden Künstlern Alexander, Johann Hauser, Oswald Tschirtner, August Walla und anderen Künstler aus Gugging die Patientenkunst wieder bekannt gemacht, die die europäische Kunststile außerordentlich bereichert.
Diese Abwertung heute der Patientenkunst ist auch eine Zurücknahme der Antipsychitrie-Erfolge von 68 und bis in die achtziger Jahre.
Eines muss man freilich sehen: Es mag sein, dass auch die Psichiatria Democratica übers Ziel hinausgeschossen ist, indem sie nur auf „Rückführung“ aus der Isolation in die Familie und Gesellschaft setzte, Nosologie und Pharmakatherapie ganz negierte, so wie jetzt eine totale Gegenbewegung hinein in den von den Linken geläugneten Bereich passiert. Doch wir konnten mit eignen Augen sehen, wie eine große Zahl der bisher gefangen gehaltenen Patienten, frei in die Gesellschaft zurückgekommen, nach kurzer Zeit gesund wurde. Und be-eindruckend etwa war das Schicksal und die Heilung einer dreiund-neunzigjährigen Patientin, Adalgisa Conti, über die wir ein Buch herausgegeben haben („Im Irrenhaus“, Neue Kritik, 1979), die seit 1914 in der Heilanstalt dahinvegetiert hatte, alle Furchtbarkeiten mitmachen musste, zum Teil jahrelang an einen Tisch gefesselt, für „immer“ bei den sogenannten „Chronischen“ stumm im eignen Kot hockte, und dann wie Adalgisa durch ihre Freiheit wieder „nomal“ wurde. Ihr Ehemann hatte sie 1914 einweisen lassen, um ungestört mit seiner Geliebten zu leben. „Fünf Jahre Ehe – 65 Jahre Heilanstalt“ hieß meine Sendung über Adalgisa Conti im Süddeutschen Rundfunk 1979. Nicht nur die „Psichiatria Democratica“, sondern die gesamte Anti-psychiatrie“ (David Cooper ,Ronald D. Laing, Thomas Szasz ,Franco Basaglia, Erving Goffman Félix Guattari, Gilles Deleuze) hat darauf eingewirkt, dass heute das Bewusstsein für die Stigmatisierung psychisch kranker Menschen geschärft worden ist., es einen kritischeren Umgang mit Nosologie und Terminologie gibt, eine. starke Verkür-zung der Verweildauer und genauere Kontrolle der so genannten Zwangseinweisungen und Zwangsanhaltungen erreicht wurde. Die 1991 von der UN-Generalversammlung angenommenen Prinzipien für den Schutz von Patienten, ist ebenfalls ein Erfolg der radikalen Antipsychiatrie-Bewegung.
Abonnieren
Posts (Atom)
